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Die Orkney Inseln. Faszinierendes Archipel in der Nordsee vor Schottland

Wer Schottland bereist, muss den Orkney Inseln einen Besuch abstatten. Das archetypisch Wilde der Inselgruppe ist auf den ersten Blick schwer zuzuordnen. Bezaubernd rau und verwittert scheint hier vieles aus der Zeit gefallen. Weitere Requisiten der Kulisse: Öl-Förder-Bohrinseln und neue Destillerien…

Die Uhren ticken anders auf den Orkneys. Den Eindruck bekomme ich erstmals, als ich die Website der Regierung aufrufe. Der Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein, setzt sich auf der Inselgruppe fort. Auf die Orkneys geht es am besten mit der Fähre. Wir fahren auf unserer Rundreise von Wick und John O’Groats aus auf das Nordsee-Archipel nord-östlich des schottischen Festlandes zu und setzen von mit den Pentland Ferries von Gills Bay nach St. Margaret’s Hope über.

Ein Entfernungsmesser, über und über mit Aufklebern beklebt.

Von John O’Groats aus nehmen wir die Orkney Inseln schon einmal in den Blick. Der Fährhafen von Gills Bay liegt gleich hinter der nächsten Landzunge.

An einer engen Hafeneinfahrt liegen zwei Schiffe. Ein Fischerboot und eins Passagierfähre.

Die Pentland Ferries sind rot, die John O’Groats Fähren sind blau. Die Häfen sind unscheinbar und grau-rau, die Abfertigung ist super modern und hoch professionell. Lieber so als umgekehrt!

Willkommen auf St. Margarets Hope

Nur eine Stunde dauert die Überfahrt mit der Autofähre. Zur Not ginge es auch ohne Auto, auf den Orkneys fahren viele Linienbusse stoisch ihre Touren für Einheimische und Reisende. Unsere Herberge für die nächsten Tage löst beim Betreten ein Wechselbad der Gefühle aus. Nicht nur bei uns, wenn man sich die Rezensionen im Netz anschaut… Ist es ein Hotel mit Hostel-Flair, eine räudige Wanderer-Herberge, ein Hostel mit einigen Doppelzimmern, die entfernt an Hotelräume erinnern?

Man weiß nicht genau – und bei dem günstigen Preis fragen wir auch lieber nicht nach. Direkt am Fährhafen gelegen ist die Lage in jedem Fall ungemein praktisch. Schöne Aussicht inklusive. Wir haben beschlossen, das gesparte Geld postwendend in eine unflätig große Seafood Platte und einen Surf & Turf Traum von einem Steak zu investieren. Das geht auf am besten im Murray Arms Hotel and Seafood Restaurant in der Back Road von St. Margarets Hope.

Die Orkneys sind ein Fest für Autofahrer im Cruising-Modus. Schon bei unserer ersten Tour über die Inseln profitieren wir vom spaßig-sportlichen Nebeneffekt: Die Straßen sind ein guter Einstieg in den kurvigsten Teil der North Coast 500, kurz:NC500. Warum? Na, weil man hier im Reisetempo schottischer Schnecken erstmals so richtig lernt, die Entfernungen nicht in seinem herkömmlichen Verständnis von Meilen (oder Kilometern) pro Stunde zu messen, sondern einfach in Stunden. Dass die Einheimischen mindestens doppelt so schnell fahren wie die Inselbesucher muss ich nicht extra erwähnen, oder? Das ist glaube ich an allen Orten der Welt so, wo mit der Gegend Vertraute auf sich vorsichtig Vortastende treffen.

Auf einem Morgenspaziergang in St. Margarets Hope finde ich Ruhe – und Zwiebeln.

Ein Archipel macht sich -ay nen Namen

Der Archipel, das tatsächlich auf der geografischen Höhe von Sankt Petersburg und Südgrönland liegt, verteilt sich großzügig über 50 Kilometer ost-westlicher und 85 Kilometer nord-südlicher Ausdehnung. Dass ungefähr die Hälfte der gesamten Fläche auf die Hauptinsel The Mainland fällt, merken wir erst gar nicht. Statt mit Brücken sind viele der kleinen Inseln mit Dämmen verbunden, über die wir einfach drüber fahren. In meinem Lieblingswort Eiland steckt das -ay schon drin. Das Suffix leitet sich aus dem altnordischen Wort für „Insel“ ab und ist in allen wichtigen Inselnamen enthalten – außer der „Mainland“ genannten größten Orkney Insel.

Kirkwall hat um die 7.000 Einwohner und dient als Verwaltungsort und Drehscheibe des gesamten Verkehrs. Außer dem Supermarkt, in dem wir uns mit Leckereien für improvisierte Hostelmahlzeiten und Stullenpakete eindecken, sehen wir bewusst nichts von der Stadt. Wir wollen die Nase möglichst viel in den Wind halten, der hier beständig von allen Seiten kommt. Die zweite große Stadt auf Mainland, Stromness, dient als weitere Fährverbindung zum Festland und ist mit etwa 2.000 Einwohnern äußerst schnuckelig und charmant.

Eine schmale Gasse, die leicht bergauf führt, gesäumt von schottischen Steinhäusern.

Bei einem Spaziergang durch Stromness bekommen wir ein guten Eindruck, wie sich die Häuser an der Bucht und dem Hafen ausrichten, gleichzeitig aber auch so schlau ineinander verschachtelt sind, dass sie vor dem Wind geschützt sind.

Eine blumenbewachsene Hecke verdeckt ein Steinhaus mit einem schottischen Schornstein fast vollständig.

Nicht nur in Stromness ist der Pflanzenbewuchs so üppig. Grün ist es ja überall in Schottland. Aber in den windgeschützten Seitengassen der Küstenstädte können sich blühende Hecken prachtvoll entfalten.

Von Stromness, Orkney Islands, aus fährt regelmäßig eine Fähre nach Scapster auf dem Festland. Für uns wäre diese Verbindung teurer gewesen und die Fahrt entsprechend länger. Aber hübsch ist es hier auch – und deutlich belebter als in St. Margarets Hope.

Die Orkney Inseln – Raum für Kurioses

Die kleine Kirche auf Lambholm, Orkney, ist als Italian Chapel berühmt geworden. Sie ist das einzige Überbleibsel des historischen Camp 60, das in den späteren Jahren des Zweiten Weltkrieges Hunderte italienische Kriegsgefangene beherbergte. In Nordafrika festgenommen, sollten die Männer nun auf Orkney an Beton Befestigungsanlagen arbeiten. Wozu die Sehnsucht nach der Heimat gepaart mit einem starken katholischen Glauben die Männer beflügelte, kann man in der Italian Chapel heute wie damals eindrücklich erleben.

Zum Glück für die Gefangenen, allen voran Domenico Chioccetti, unterstützte der neue Kommandant, Major (später Colonel) T.P. Buckland, das Vorhaben, eine Kapelle zu bauen. Mit Improvisationstalent und Kreativität schufen die Gefangenen und ihre Unterstützer aus dem Nichts – und mit fast Nichts – einen Ort, der  die Menschen bis heute berührt. Dank der Arbeit eines Restaurierungs-Kommittees, das sich in den späten 1950ern um den Fortbestand dieses symbolträchtigen Ortes kümmert, ist die aus einem landwirtschaftlichen Speicher aus Eisen erbaute runde Kapelle auch heute noch ein Wahrzeichen für die Orkadier. Auf einem Foto vom 10. April 1960, das während des Umwidmungs-Gottesdienstes entstanden ist, sitzen tatsächlich über 200 Personen in der kleinen Kapelle.

 

Eine kleine Kapelle liegt inmitten grüner Küstenlandschaft.

Von der Italian Chapel hören wir erstmals am Eingang der Highlands, im Balsporran Bed and Breakfast. Jeoff, der Besitzer des BnB ist passionierter Tischler und äußert sich uns gegenüber begeistert darüber, was die Gefangenen hier einst mit Improvisation und Hingabe geschaffen haben.

Das Innere der Italian Chapel. Die Form der Wände ist auf die Hülle der Kapelle zurückzuführen: ein runder Lagerraum aus Eisen („iron hut“ genannt), wie sie Landwirte für Heuballen oder Geräte nutz(t)en.

Single Malt und Öl. Das Gold der Orkney Inseln

Wie geschützt die Bucht liegt. Scapa Flow ist von den Inseln Mainland, Burray, South Ronaldsay, Flotta und Hoy umgeben ist. Mit einer Ausdehnung von zehn mal fünfzehn Kilometern bildet die Fläche fast ein geschlossenes Binnengewässer mit Ein- und Ausgängen für die Fährfahrt. Meine Blick scannt die sanften Schwünge der Inseln der südlichen Orkneys ab. Bleibt an den Öl-Tankschiffen hängen und erahnt in der Ferne das Logo der Scapa Destillerie, wo der Mann gerade eine Verkostung genießt.

Tja, die Schätze der heutigen schottischen Wirtschaft, Öl und Whisky. Die versunkenen Schiffe am Boden des Scapa Flow fallen mir erst wieder ein, als ich einige Taucher erspähe, die wohl unterwegs sind zu den Wracks. Die Geschichte um die Vernichtung von 74 Kriegsschiffen ist einfach zu irre: Weil der der Konteradmiral Ludwig von Reuter trotz anhaltendem Waffenstillstand nicht daran glaubte, dass der Friedensvertrag von Versailles angenommen würde und der Krieg vorbei sei, gab er am 21. Juni 1919 den Befehl zur Selbstversenkung der gesamten Flotte. Auf keinen Fall sollte die deutsche Flotte den Briten in die Hände fallen.

Ein Grasweg schlängelt sich vom Bildvordergrund in den Hintergrund. An den Seiten des Weges wachsen Gras und Sträucher wild in die Höhe.

In Hobbister, unweit der Scapa Distillery an der Scapa Bay, locken endlose grasgrüne Wege zu ausgedehnten Spaziergängen. Das blühende Heidekraut zaubert im September kleine Farbtupfen dazu.

Ein Blick aufs Wasser, hier den Scapa Flow. In der Ferne erkennbar: Öl-Bohrinseln

Mitten in der malerischen Landschaft der Scapa Bay liegen Öltankschiffe und Bohrinseln im Scapa Flow. Ein irritierender Anblick.

Zurück in die Steinzeit. Das Pompeji Schottlands

Die jungsteinzeitliche Siedlung Skara Brae ist ein Magnet für Besucher der Inseln. Wir sprechen beim Abendessen mit einer Reisebekanntschaft, die netterweise anbietet, Tickets für den nächsten Tag zu besorgen.  Zur besseren Lenkung der Besucherströme sind wir auf einen festen Slot gebucht. Gespannt nähern wir uns am nächsten Tag auf gewundenen, schmalen Wegen dem Gelände unmittelbar an der Westküste der Hauptinsel Mainland. So viel ist hier Mitte September zum Glück nicht mehr los. Im Hochsommer muss es allerdings heftig voll sein.

Vor der Siedlung, die in die Zeit zwischen 3.100 und 2.500 v. Chr. datiert wird, verortet uns ein großer Parkplatz und ein modernes Besucherzentrum fest in einer touristisch erschlossenen Gegenwart. Von außen sehen wir nichts von den prähistorischen Wundern. Im Inneren des Gebäudes stimmt einen eine Ausstellung auf die Zeit von Skara Brae ein, die mit der Glockenbecherkultur endete. Was auch immer das heißt. Skara Brae gilt als die am besten erhaltene Jungsteinzeitsiedlung in Europa. Nun verstehe ich die Bezeichnung „Pompeji Schottlands“.

Ein archäologisches Setting in Skara Brae. Beschriftete Ausgrabungen vor wolkigem weitem Himmel.

Das Besucherzentrum spuckt einen aus auf einen Pfad, der wiederum zu den Überresten der jungsteinzeitlichen Siedlung führt.

Ein offenes Steinregal vor einer Steinwand. Ein jungsteinzeitliches Wohnhaus. Auf dem Regal liegen Gegenstände wie Schinken und Werkzeuge.

Auch in der Jungsteinzeit haben Menschen ihre Habseligkeiten schon gern in offenen Regalen gelagert.

Die Ausgrabungsstätte ist wirklich beindruckend gut erhalten. Es wird aber auch viel dafür getan, dass das so bleibt. Immerhin ist der Ort, der nach einer schweren Flut 1850 eher zufällig entdeckt wurde, um 1930 erschlossen und in den 1970ern mithilfe moderner Messtechniken datiert wurde, seit 1999 UNESCO Weltkulturerbe und „Herz des neolithischen Orkney“. Neben Skara Brae gibt es nämlich noch weitere Überbleibsel und Artefakte aus jener Zeit, wie Steinkreise im Stile von Stonehenge.

Ein steinernes Herrenhaus liegt auf einem Hügel in einer weiten schottischen Landschaft mit tief hängendem Himmel.

Das Herrenhaus Skaill House lässt sich in Kombination mit Skara Brae besichtigen. Sogar übernachten kann man hier.

Service für die Orkneys

Das Ticket für die Überfahrt auf die Orkneys Pentland Ferries bucht man sich in der Saison am besten vorab online. Wenn ihr eine schlechte Internetverbindung habt, was durchaus vorkommen kann, geht es auch telefonisch.

Da wir unsere Übernachtung nur ganz hartgesottenen Reisenden zumuten möchten, verweisen wir an dieser Stelle auf das etwas kostspielige, aber auch sehr einladende Murray Arms Hotel mit Seafood Restaurant. Den Winter über ist es geschlossen, ab April wieder geöffnet.

Auch Tickets für die jungsteinzeitliche Siedlung Skara Brae und das Skaill House können Reisende vorab online buchen.

Und wenn ihr mal ne richtig heiße, topp-moderne Internetseite sehen wollt, voilà, die Seite der Verwaltung der Orkneys.