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Overtourism in Lissabon: Ist Kultur die Rettung?

Overtourism in Lissabon: Ist Kultur die Rettung?

Massentourismus ist eine Industrie, die mittlerweile ganze Städte „verpestet“. Auch Lissabon gehört dazu. Die Diagnose lautet „Overtourism“ – eine Überdosis Reisende. Doch es gibt eine Medizin dagegen, behauptet eine neue Studie: kluges Kulturmanagement. Wenn das stimmt: Ist Lissabon noch zu retten?

Eine Umfrage des Hotelbuchungsportal Hotels.com unter nordamerikanischen Millenials bringt Erstaunliches zutage: 42 Prozent der Befragten gaben an, dass die Reiserecherche im Netz zu den größten Stressfaktoren in ihrem Leben zählt. „Net Lag“ heißt das Phänomen, eine Art Erschöpfungszustand, der die befällt, die mehr als 40 Minuten lang auf verschiedenen Websites herumscrollen. Manche suchen auf diese Weise 15 Stunden und mehr nach dem perfekten Trip, und trotzdem bucht jeder Dritte am Ende den falschen Urlaub oder vertut sich mit den Urlaubsdaten. Genauso viele würden, wenn sie könnten, die lästige Aufgabe für durchschnittlich 134 Dollar an jemand anderen delegieren.

Sind wir jetzt komplett verrückt geworden? Was läuft auf der Welt schief, dass wir uns mit solchen Luxusproblemen herumschlagen? Overtourism gehört, oberflächlich gesehen, ebenfalls in diese Kategorie, aber die Auswirkungen sind ungleich komplexer und für viele Menschen sogar existenziell. Mittlerweile hat der Massentourismus gerade in Hotspots wie Venedig, Barcelona oder Lissabon derartige Ausmaße angenommen, dass es selbst den Touristen zu bunt wird. Auch unter ihnen gibt es manche, die für ihren Urlaub bis zu 300 Euro mehr zahlen würden, um überfüllte Reiseziele zu meiden.

Wunsch und Wirklichkeit – für Reisende ein vertracktes Dilemma

Mit Geld allein ist dem Phänomen Overtourism jedoch nicht beizukommen. Das gilt auch für die vielen anderen Probleme, die der Tourismus verursacht. Die meisten von uns haben das begriffen, jedenfalls gemessen an den guten Vorsätzen: „Mein Urlaub soll möglichst sozial verträglich, ressourcenschonend und/oder umweltfreundlich sein“, sagen laut Aussage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) satte 57 Prozent der Deutschen.

Leider bleibt es häufig bei dem frommen Wunsch, denn den Ausschlag gibt am Ende oft der Reisepreis. Das Jäger- und Sammlergen ist einfach zu tief in uns verwurzelt – was früher Mammuts waren, sind heute Reiseschnäppchen. Gelingt es uns, eines zu ergattern, fängt der Urlaub schon mal gut an. Dass sich in Lissabon oder andernorts die Touristen nur so knubbeln, nehmen wir dafür in Kauf.

Overtourism im Alltag: Schlange an der Straßenbahnhaltestelle Martim Moniz

Warten auf die 28: Weil die Fahrt mit der Straßenbahnlinie 28 ein Must-see ist, bilden sich an den Haltestellen lange Schlangen. Für Lissabonner bleibt da oft kein Platz.

„In Lissabon unerwünscht“ – Website gegen Overtourism

Sozial verträglich ist das nicht. Entsprechend haben die Einheimischen eine etwas andere Sicht der Dinge. Das kann ihnen niemand übelnehmen. Steigende Mieten und Lebenshaltungskosten, überfüllte Verkehrsmittel, die „feindliche Übernahme“ der historischen Stadtzentren und lärmende Party-Touristen sind nicht gerade das, was den eigenen Wohnort lebenswert macht.

Die Lissaboner gehen damit (noch) sehr zurückhaltend um. Statt Reifen von Reisebussen aufzuschlitzen oder auf Anti-Touristen-Demos zu gehen wie etwa in Barcelona und Mallorca, setzen sie eine vergleichsweise harmlose Website auf. lisboa-does-not-love.com gibt es auf Portugiesisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Polnisch und Italienisch. Die Seite besteht in Wesentlichen aus einer Liste von touristischen Ärgernissen, darunter knatternde und stinkende Tuk-Tuks, große Gruppen von Besuchern, die die Gehwege verstopfen, die „schwimmenden Kolosse“ der Kreuzfahrtschiffe, Touristenlokale, die „so gar nichts typisch Portugiesisches an sich haben“, oder Segways, über die es lapidar heißt: „Unter allen Fortbewegungsmitteln sieht man auf diesem wohl am dämlichsten aus“. Besucher der Website erhalten Tipps, wie sie sich angemessen verhalten, und werden eingeladen, sich gegen Overtourism in Lissabon einsetzen, indem sie Symbolbilder ausdrucken und verteilen.

Auch eine Folge des Overtourism: Tuk-Tuks am Miradouro de São Pedro de Alcântara, einem der größten Aussichtspunkte der Stadt

Längst ein gewohntes Bild in Lissabon: Tuk-Tuks, hier am Miradouro de São Pedro de Alcântara, einem der größten Aussichtspunkte der Stadt

Lissabons Altstadtviertel ächzen unter dem Besucherandrang

Jetzt kommt eine Studie zum Thema daher und sagt: Nicht der Tourist ist schuld, sondern seine Stigmatisierung als „der Fremde“. Was es braucht, ist demnach ein Perspektivwechsel, der aus Reisenden „Stadtbürger auf Zeit“ macht. Die wären dann nicht mehr ein Fall für das Tourismusmarketing, sondern eine Zielgruppe des städtischen Kulturmanagements.

Klingt nach einem kreativen Ansatz, aber löst der wirklich die Probleme? Die verhehlt die Studie nicht. Beispielsweise, so heißt es dort, kommen in Lissabon auf einen Einwohner des historischen Stadtzentrums 243 Touristenübernachtungen im Jahr. Das bedeutet, dass diese Stadtviertel in acht von zwölf Monaten die doppelte Einwohnerzahl verkraften müssen. Die wachsende Beliebtheit der Stadt spiegelt sich auch in den Hotelzimmerpreisen, die zwischen 2014 und 2017 um durchschnittlich 50 Prozent gestiegen sind. Dazu kommen die privaten Vermietungen: Allein Airbnb listet für Juli 2018 knapp 20.500 Ferienunterkünfte auf – mehr als in Barcelona und Amsterdam.

Die Folge: Die historischen Viertel um Alfama und Bairro Alto, wo die Mieten mittlerweile die Höhe des durchschnittlichen Bruttolohns erreicht haben, verlieren massenhaft Einwohner. Dafür konzentrieren sich dort 45 Prozent der privat vermieteten Wohnungen, und das Straßenbild beherrschen ortsfremde Besucher. Das ist Overtourism in Reinkultur.

Die Wirtschaftskrise als Boom-Faktor

Dabei ist die touristische Karriere von Lissabon noch jung – erst die schwere Rezession 2008 macht die Stadt zum Lieblingsreiseziel. Den Weg ebnen ausländische Investoren, die den darniederliegenden Immobilienmarkt aufrollen. Heute verdient ein großer Teil der Lissabonner sein Geld direkt oder indirekt im Tourismus. 2017 haben Reisende der Hauptstadtregion einen Umsatz von 13,7 Millionen Euro beschert – gut fünf Millionen mehr als 2015.

Die rasant wachsende Reisebranche hat entscheidenden Anteil daran, dass Portugal die Krise abschütteln konnte. Das ist vielen Menschen noch sehr präsent. „Aber“, zitiert die genannte Studie João Seixas, Professor für Geografie, „Lissabon war nicht auf diesen Erfolg vorbereitet. Wir haben den Tourismus erfolgreich in die Stadt geholt, ohne an die Konsequenzen zu denken.“

Empfangstresen im Ausbildungszentrum für Hotellerie und Tourismus in Estoril/Metropolregion Lissabon. Der Tourismus sorgt für Arbeitsplätze, doch Overtourism gefährdet den wirtschaftlichen Erfolg.

Der Tourismus sorgt für Arbeitsplätze: Empfangstresen im Ausbildungszentrum für Hotellerie und Tourismus in Estoril/Metropolregion Lissabon

Stadtkultur erzeugt „Wir-Gefühl“

Wir und die, Einwohner und Touristen: Die Überwindung dieses Gegensatzes, sagt die Studie, sei die vielversprechendste Medizin gegen die Krankheit Overtourism. Als Brücke, die beide Welten verbindet, identifizieren die Autoren eine dynamische Kulturszene aus „Prosumenten“, in der die Grenzen zwischen Konsumenten und Produzenten verschwimmen. Denn, so heißt es weiter, mit einem Smartphone könne praktisch jeder zum Kulturschaffenden werden. Auf diese Weise stehe Einheimischen die Bühne der Stadt ebenso offen wie Ex-Pats, Migranten, Erasmus-Studenten und anderen „Stadtbürgern auf Zeit“.

In diesem Szenario wird die Stadt zum Koordinator, der vorhandene Mittel aufteilt zwischen Kulturinstitutionen wie Museen und Theatern einerseits und Kultur-Events und -projekten andererseits. Demnach besteht die Aufgabe städtischer Kulturpolitik vor allem darin, die Besucherströme zu lenken, indem sie jeweils den passenden Veranstaltungsort zur Verfügung zu stellt. Und zwar so, dass sich das Kulturgeschehen möglichst nicht im Zentrum ballt, sondern über die Stadt verteilt, damit alle etwas davon haben und die zentralen Viertel entlastet werden.

Kampf gegen Overtourism: Die Marschroute heißt Kulturförderung

Lissabon hat dafür das städtische Kulturunternehmen EGEAC gegründet (Empresa de Gestão de Equipamentos e Animação Cultural), das sich unter anderem aus den Einnahmen der Burg São Jorge finanziert und mit der Tourismusbehörde zusammenarbeitet. Allerdings sind die Kulturangebote für Einheimische und Besucher noch weitgehend getrennt. Ausnahmen gibt es dennoch, etwa das brandneue Architekturmuseum MAAT – Museum of Art, Architecture and Technology – im Stadtteil Belém, das Ortsansässige und internationale Touristen gleichermaßen anzieht.

 Die geschwungene Fassade des Architekturmuseums MAAT direkt am Tejo-Ufer

Die geschwungene Fassade des Architekturmuseums MAAT ist der neue Hingucker am Tejo-Ufer.

Das besondere Augenmerk der städtischen Kulturpolitik gilt der Förderung der Lokalkultur aus Mitteln der Tourismussteuer. Das Förderprojekt „Lojas Com História“ zum Beispiel will verhindern, dass das Stadtzentrum zum Museum degeneriert, indem es die Mieten traditioneller Ladenlokale subventioniert – vom alteingesessenen Restaurant über den Kaffee- und Kerzenspezialisten bis zur Konditorei. EGEAC organisiert überdies das Festival „Lisboa na Rua“, das in wechselnden Randgebieten der Stadt gastiert und sich in erster Linie an Einheimische richtet, Migranten eingeschlossen. In diesem Kontext führte etwa der Gulbenkian-Chor 2017 die szenische Orff-Kantate „Carmina Burana“ im Parque do Vale do Silêncio im Stadtteil Olivais unter freiem Himmel auf. Die Veranstalter rechneten mit 5.000 Besuchern, tatsächlich kamen 17.000, darunter viele Anwohner.

Trotz Overtourism: Ist Lissabon noch zu retten?

Jedes Mal, wenn wir nach Lissabon kommen, sind wir entsetzt über die Besuchermassen. Der Andrang der Touristen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und nimmt der Stadt mehr und mehr ihren Charme. Aber vielleicht hat die Studie Recht. Vielleicht schafft es ein intelligentes Kulturmanagement, den Charakter der Stadt zu erhalten – zusätzlich zu Maßnahmen wie der Deckelung von Lizenzen für private Ferienwohnungen und Neubaustopps für Hotels in den Stadtvierteln des Zentrums. Zumindest wäre das mal ein positiver und proaktiver Ansatz, der dem scheinbar ausweglosen Overtourism etwas Konstruktives entgegensetzt.

Ich möchte gern daran glauben. Das erfordert allerdings die Offenheit aller Beteiligten, und da sind gerade die Besucher gefragt. Wie sagt die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg? „Keiner ist zu klein, um ein Teil des Wandels zu sein“.

Leerstehendes traditionelles Ladenlokal in Lissabons Altstadt

Erhalten Fördergelder, bevor sie ganz aussterben: traditionelle Ladenlokale und Geschäfte in Lissabons Altstadtvierteln

Infos

Die hier behandelte Studie heißt Creating Synergies between cultural policy and tourism for permanent and temporary citizens. Die Autoren: Greg Richards ist Professor und hat zwei Lehrstühle mit Tourismusbezug in Breda und Tilburg in den Niederlanden. Lénia Marques, derzeit ebenfalls in den Niederlanden tätig, ist Dozentin für Kulturmanagement an der Erasmus-Universität Rotterdam. Ihre Herangehensweise an das polarisierende Thema Overtourism ist erstaunlich unaufgeregt. Der Versuch, unabhängig von regulatorischen Maßnahmen – darunter die Beschränkung der Bettenzahlen, eine Erhöhung der Tourismusabgaben oder die Einführung von „Eintrittsgeldern“ für ganze Städte – konstruktive Ansätze in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Besucherschwemme zu verfolgen, ist in der aktuellen Diskussion eine Ausnahme.