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Pellworm. Auf der Nordseeinsel ins Frühjahr starten

Die kleine Insel Pellworm liegt westlich von Husum im nordfriesischen Wattenmeer. Pellworm hat seinen Reiz in der Abgeschiedenheit und in der stillen Schönheit des Alltäglichen. Sie empfiehlt sich für Menschen, die Natur und Stille lieben und vom Herben fasziniert sind.

Ein Gastbeitrag von Martin Erdmann.

„Pellworm? Wo liegt das denn?“ Diese Frage habe ich schon oft gehört, wenn ich meinen bevorzugten Urlaubsort erwähne. Die kleine Insel erreicht man nur über eine Fährverbindung von Nordstrand aus. Pellworm ist kein Touristenmagnet, sondern hat seinen Reiz in der Abgeschiedenheit, in der stillen Schönheit des Alltäglichen. Und so empfiehlt sich die Insel für Menschen, die Natur und Stille lieben und vom Herben fasziniert sind.

In Etappen zum Ziel

Ein wenig Zeit und Mühe braucht man, um Pellworm zu erreichen. Für mich beginnt die Erholung bereits mit der Anreise, denn sie besteht aus einzelnen Etappen, die eine immer stärkere Entschleunigung bewirken. Ich wähle gezielt eine Zugverbindung, die mir in Husum volle zwei Stunden Aufenthalt ermöglicht. Diese Zeit, in der ich auf den Bus warte, verbringe ich gemütlich im nie überfüllten Bahnhofscafe mit Bockwurst, Kartoffelsalat, Bier und Zeitung.

Ich reise für gewöhnlich Anfang März, wenn alles noch beinahe im Winterschlaf ist, und diese Bahnhofspause fällt in den späten Nachmittag. Mit dem Bus geht es schließlich kreuz und quer über die Halbinsel Nordstrand. Unterwegs steigt kaum jemand zu, und schließlich kommt man in der Dämmerung am Fähranleger an. Nun geht es dort in Strucklahnungshörn auf die zweckmäßig ausgestattete Fähre, die bei fast jedem Wetter und Seegang in 35 Minuten zur Insel übersetzt.

Auf der Fähre noch einen letzten Imbiß, und schon ist das Ziel erreicht, der Ausleger, 2 Kilometer vor der Insel in der Nordsee. Dort weht es immer sehr kräftig, und von dort werde ich abgeholt. Unterwegs erfahre ich, was es Neues gibt seit dem letzten Urlaub. Das sind meist nur Kleinigkeiten; alles in allem bleibt Pellworm sich gleich, und das verbreitet dann in mir das wohlige Gefühl, auf Pellworm gar nichts zu verpassen.


Pellworm. Sonnenreich hinter dem Deich

Es hat etwas Wohltuendes, am Abend anzukommen und zu wissen, daß es nichts mehr zu tun oder zu erleben gibt, sondern der Tag in Ruhe ausläuft. Da ist der nächste Morgen umso schöner und frischer, und meist habe ich Glück mit dem Sonnenschein. Pellworm ist ja einer der sonnenreichsten, freilich auch windreichsten Orte Deutschlands. Als erstes mache ich nach einem guten Frühstück einen Erkundungsgang hinter den Deich, der nur hundert Meter von meinem Quartier im Norden der Insel entfernt ist. Wenn etwas auffällig ist auf Pellworm, dann ist es der Eindruck, den man von jedem Punkt der Insel aus hat:

Immer ist der Horizont begrenzt vom grünen Deich. Der Lebensraum ist also klar umrissen, aber nicht eindeutig. Denn die Insel ist zwar klein mit ihren sechs Kilometern Durchmesser, wirkt sogar umso kleiner durch die Deichlinie, und doch scheinen die Wege auf ihr unendlich zu sein, sobald man mit Fahrrad oder zu Fuß loszieht. Je nach Wetter und Wind ist das zwar mehr oder weniger anstrengend, aber nie langweilig. Hinter dem Deich ist je nach Tide die Nordsee da oder nicht.

Dieses Kommen und Gehen macht wohl die Einzigartigkeit der Nordsee aus. Sie ist wie eine Wüste, die sich ständig wandelt, und auch die Landschaft rundum wird davon erfasst. Gerade noch sonnig und klar, kann in Minutenschnelle Nebel die Sicht eintrüben. Gerade noch windstill, kommt von irgendwoher eine Brise auf, die stärker und stärker wird. „Klarer Morgen, trüber Tag“, sagen die Einheimischen, und das ist auf Pellworm eine unumstößliche Wetterregel. Immer wieder verblüffend ist zudem der deutliche Klimaunterschied zwischen dem milden Süden und dem wesentlich rauheren Norden.

Ein Warfthaus auf Pellworm, erbaut 1868.

Am Südende der Insel. Das Wattenmeer der Nordsee umglitzert die sonnen- und windreiche Insel Pellworm.

Über Stock und Stein auf Pellworm

Pellworm ist also weitläufig und deshalb nicht autofrei. Ein Großteil der Bewohner betreibt Landwirtschaft. Dennoch wäre es schade, die Insel mit dem Auto zu erkunden, denn das wiederum geht viel zu schnell. Pellworm ist grün. Wiesen und Weiden wechseln sich ab mit Ackerstücken. Hier und da weiden Kühe. Schafe bevölkern die Deiche. Nicht zu vergessen die vielen Vögel, die zum Teil auf der Insel brüten oder nur durchziehen, nicht immer zur Freude der Bauern. Der Untergrund ist nass, und Gräben sind allgegenwärtig. Früher sprang man über diese Gräben mit einem Stock, den man unterwegs mitführte.

Doch solche alten Sitten kann man heute nicht mehr beobachten. Die meisten Wege sind geteert oder gepflastert und befinden sich oftmals etwas erhöht auf den alten Deichlinien. Entlang der Deiche oder hier und da verstreut stehen Häuser und Höfe. Das ist eine weitere Besonderheit von Pellworm: Das Fehlen eines wirklichen Ortes. Zwar gibt es rund um den Hafen eine Ansiedlung – Tammensiel genannt – doch geht es auch dort äußerst geruhsam und minimalistisch zu. Ein paar Geschäfte, Arzt, Apotheke, Kurzentrum, Schwimmbad, Museum und eben der kleine malerische Hafen. Fertig.

Ich finde, die Insel hat Glück, daß es kaum besondere touristische Einrichtungen gibt. Ganz still wird es in Tammensiel, sobald es zwölf Uhr mittags ist. Die Mittagsstunde ist heilig auf Pellworm. Alles ruht, und die wenigen Straßen liegen wie ausgestorben. Das ist ein guter Moment, sich quer über die Insel auf den Rückweg zu machen. Hinter der Kurverwaltung kann man in einen Fußweg einbiegen, der schmal und einsam ist. Einige Kilometer geht es inmitten der Felder, entlang der Gräben in Richtung Westen. Hier ist der Wind meist schwächer, die Sonne scheint warm herab, man kommt ins Schwitzen. Eine gute Gelegenheit für eine kleine Meditation mit dem Ziel: neue Kirche.

Salzwiesenanwachs auf Pellworm.

Gut befestigte Deiche helfen, die Angriffsfläche für den Blanken Hans zu mindern.

Es ist nicht alles blau, grün, und grau auf Pellworm. Die wilde Natur leuchtet im Vorfrühling in den schönsten Farben.

Alte und Neue Kirche

So klein Pellworm auch ist, findet man doch drei Kirchen auf der Insel. Die neue Kirche heißt nur in Relation zur alten so und ist auch schon einige hundert Jahre alt. Sie liegt auf einer kleinen Warft, umgeben von einem Friedhof. Dort kann man im März bei Sonnenschein schon wunderbar im Windschatten sitzen und den Bienen zuschauen, die die Krokusse besuchen. Überhaupt ist es erstaunlich, daß die beiden Kirchen zu den wärmsten Orten auf der Insel zählen. Die andere, die alte Kirche, liegt kurz hinter dem Deich an der Westküste, auch wiederum auf einer Warft, fast wie auf einer kleinen Hallig. Sie geht ins Mittelalter zurück und hat romanische Grundmauern.

Berühmt ist ihre backsteinerne Turmruine, die grotesk und weithin sichtbar, heute mit dem Kirchenschiff unverbunden in den Himmel ragt. Für mich ist das der schönste Platz der Insel, ein wenig mühsam zu erreichen, und doch mit dem Zauber geistlicher Stille und harmonischer Architektur. Und was ist mit der dritten Kirche? Ja, richtig, die wenigen Katholiken auf Pellworm haben auch eine Kirche, die in einem alten Bauernhaus eingerichtet wurde. Sehr sehenswert sind die Glasfenster, die Szenen aus Geschichte Nordfrieslands zeigen und christlich interpretieren. Alle drei Kirchen sind immer geöffnet. Auf Pellworm muss man keine Einbrecher fürchten, und auch das Fahrrad kommt ohne Schloß aus.

Pellworm, ein Ort der Geheimnisse

Noch manches lässt sich entdecken auf Pellworm, wo es natürlich im Sommer lebhafter zugeht, auch Strandkörbe auf dem Deich stehen und die Nordsee zum Baden einlädt. Freilich, auf Sandstrand muss man verzichten, denn der überall gegenwärtige Deich muss mit Steinen, Teer und Beton gegen das andringende Meer gesichert werden. Das mag weniger romantisch aussehen, aber es ist doch auch ein Hinweis auf die Naturgewalten, inmitten derer die kleine Insel seit Jahrhunderten überlebt.

Ich bin jedenfalls froh, daß der Plan, einen Damm vom Festland aus zu bauen, niemals verwirklicht wurde. Das hätte Pellworm seinen Inselcharakter genommen. Und besonders viel davon spürt man tatsächlich außerhalb der Saison. Auf sich gestellt und mit reduziertem Programm drängt nichts darauf, ein Tagesprogramm festzulegen. Das größte Geheimnis bleibt wohl immer der Name der Insel selbst. Viele Theorien sind über seine Bedeutung schon aufgestellt worden. Für mich erinnert er an ein Fabelwesen, einen Sinneseindruck, wie er in Einsamkeit und Abgeschiedenheit früherer Jahrhunderte schon mal vorkommen konnte. In der Kunst irischer und schottischer Mönche findet man solche phantastischen Tiere, Lindwürmer oder Greife. Warum nicht auch einen Pellworm? Man muß nicht alles ergründen.

Martin Erdmann (Text und Fotografie)