Illusionsmalerei in den Diokletians Thermen

Piazza dei Cinquecento – Rom 3/3

Die Piazza dei Cinquecento, der riesige Platz vor der Stazione Termini in Rom, ist immer in Bewegung. Menschen kommen an und hasten sofort weiter. Eigentlich schade! Denn auf der Piazza gibt’s viel zu entdecken: die Geschichte von den 3 Roms.

Unwirtlich. Ohne Maßstab. Ungestaltet. Diese Begriffe passen zur Piazza dei Cinquecento wie die Faust aufs Auge. Der Vorplatz der Stazione Termini, dem Hauptbahnhof von Rom, ist kein einladender Ort. Typisch Bahnhofsgegend eben.

Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Unzählige Busse nach allen Richtungen der großen Stadt. Billige Hotels. Unter Bogenarkaden zweifelhafte Speiselokale und Garküchen. Unendlich viel Verkehr. Immerhin 2 Metro-Linien. Ein fremdelndes Denkmal für Johannes Paul den II. Die Piazza dei Cinquecento ist mitten in Europa und erstaunlicher Weise irgendwie auch Nordafrika. Hier ist Rom so richtig Weltstadt!

Die Piazza dei Cinquecento ist ein Ort der Passage. Eine winzige Koordinate irgendwo zwischen Aufbruch und Ziel. Menschen kommen an um weiterzuhasten. Kein Verweilen. Nur Bewegung. Im Winter lassen sich die Stare nieder und fliegen in großen traubenartigen, magnetisch ausschwingenden Schwärmen über den Platz.

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Ein üppig und aufwändig gestaltetes Gesimsfragment aus den Thermen des Diokletian

Stazione Termini, nicht Endstation, sondern Bahnhof an den Thermen. Genauer an den Thermen des Diokletian, Ende 3. Jahrhundert unserer Zeit. Auch hier also antikes Rom. Es geht sogar noch älter. Hinter einer deprimierenden Sichtbarriere aus Bäumen und parkenden Autos Reste der ältesten Stadtmauer Roms. 6. Jahrhundert vor unserer Zeit, aus der legendärem Epoche der etruskischen Könige. Anderenorts wären Spotlights auf die Servianische Stadtmauer gerichtet, in Rom ist diese Mauer einfach da.

Das 3. Rom

Die Piazza dei Cinquecento ist ein rotierendes Kugelgelenk direkt in die Vergangenheit. Am Rande des alten Roms fand die moderne Stadt des 19. Jahrhunderts, die neue Hauptstadt des entstehenden Nationalstaats Italiens, jenes 3. königliche Rom nach dem 2. päpstlichen und dem 1. kaiserlichen viel Platz sich auszubreiten.

Jenes 3. Rom, das sind gigantische Bauprojekte, die die ewige Stadt nachhaltig verändern. Der Vaterlandsaltar an der Piazza Venezia, die zwingenden Kaimauern am Tiber und der Justizpalast zum Beispiel. Im Norden rund um den neuen Bahnhof entsteht Infrastruktur. Für die Stazione Termini und die Piazza dei Cinquecento verschwinden Hügel und Parks.

Lineale schlagen zwei schnurgerade Straßen durch Gärten und Altstadt von der Peripherie ins Zentrum hinein: die Via Cavour und die Via Nazionale. Die halbrunde Piazza della Republica motzt sich mit üppigen Palästen auf zum pompösen Entree in die ewige Stadt. Heute ist die Piazza della Republica zu einem chaotischen Kreisverkehr mit illegaler Parkmöglichkeit mutiert. Auf der Via Nazionale atrophiert das Kopfsteinpflaster, das so schnell zur Prüfung für Stoßdämpfer und Bandscheibe wird.

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3 mal Rom auf einen Blick! Das 1. kaiserliche Rom, ein großer Bogen der Diokletians-Thermen. Im Vordergrund das 2. päpstliche Rom, ein Portal aus dem 16. Jahrhundert. Ganz im Hintergrund das 3., köngliche Rom – ein Gesims aus dem 19. Jahrhundert

Die Thermen des Diokletian

Unbeeindruckt von diesen Entwicklungen die grandiosen Thermen des Diokletian. Was für ein Koloss! Von allen Seiten schiebt sich die moderne Stadt an die antike Badeanstalt heran. Die gibt sich dennoch distanziert und würdevoll. Die Jahrhunderte haben die äußerliche, marmorne Pracht dieser Thermen bis auf die roten Backsteinmauern abgeschminkt. Geblieben sind riesige Gewölbe, mächtige Pfeiler, gewaltige Mauern umtost von einer Gegenwart, die so richtig keine Verwendung für dieses Gebäude finden kann. Wer sich schon alles in die Thermen eingemietet hat: eine Reitschule, ein Kloster, ein Planetarium, eine Universität, ein Museum.

Die gigantische Präsenz der Thermen mitten im moderne Rom beweist, dass christliche Legenden tatsächlich Wunder wirken können. Denn als die Caracalla- und die Titus-Thermen unter den ignoranten Hämmern der Steinräuber des 16. Jahrhunderts zu traurigen Gerippen vergehen und in den Petersdom eingemauert werden, überstehen die Diokletians-Thermen diese rohe Zerstörung zwar schwer verletzt, doch überlebensfähig. Kurz bevor der Bagger kommt, wird nämlich eine alte Erzählung ausgegraben.

Diokletians Thermen, Rom eine Ziegelmauer

Steil: Die Wand zwischen Kaltbad und Schwimmbad in den Diokletians-Thermen

40.000 Zwangsarbeiter

40.000 Christen habe der Bauherr, der fiese Kaiser Diokletian, wegen ihres Glaubens versklavt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Auf der Baustelle der Thermen sollen sie sich zu Tode geschunden haben. Eine wirklich makabre Geschichte. Wäre sie wahr, denke ich, dann wäre jeder Backstein mit Leid und Blut getränkt und jede Mörtelfuge ein Beweis für Glaubensstärke und Martyrium. Das ganze Thermengebäude selber verklärte sich zu einem wundersamen Reliquiar.

Genau so betrachtete das 16. Jahrhundert diese Thermen, als Denkmal für die Standhaftigkeit der frühen Christen, die für ihren Glauben alles gaben. Am Ende hieß das Baustopp. Die Thermen blieben. Warum fallen heutigen Denkmalschützern nicht solche tollen Stories ein, wenn es darum geht, etwas wirklich Wichtiges vor dem Erneuerungswahn unserer Zeit zu schützen?

Der Legende ist auch eine Kirche zu verdanken: Santa Maria degli Angeli e dei Martiri. Der Meister Michelangelo hat sie im Warm- und Kaltbad der Thermen eingerichtet. Was für ein Innenraum! Ein bisschen viel Mamor, ein bisschen viel Stuck. Aber diese Weite, diese Höhe, dieses erhabene Gewölbe. Santa Maria degli Angeli ist der einzige antike Innenraum, in dem die imposante Größe römischer Kaiserthermen erlebbar und erfahrbar wird. Einfach gigantisch. Hingehen! Ein richtig lohnender Besuch.

Innenraum der Kirche Santa Maria degli Angeli

Gigantisch: Das Kaltbad, Frigidarium, der Thermen des Diokletian. Heute die Kirche Santa Maria degli Angeli. Auch in der Antike war das Gewölbe schmucklos

Ein Klostergarten in den Thermen

Hinter der Kirche wurde ein Karthäuserkloster in die Thermen eingepasst. Es gab in den antiken Ruinen so viel Platz, dass jeder Mönch sein kleines Andachts-Gärtchen bekam, der zentrale Kreuzgang ist einer der größten Italiens. Dieses Kloster bestätigt jedes Vorurteil über dekadentes Mönchstum. Der Kreuzgang ist mit spaßigen Monstern dekoriert. In einen Wandschrank hat ein Maler ein ironisches Vexierbild mönchischer Tugend gezaubert.

Kreuzgang des Kathäuserklosters inmitten der Diokletians Thermen

Wandmalerei aus dem Karthäuserklöster in den Diokletians Thermen in Rom

Ein echter Spaß und eine perfekte Illusion. Ein Mönch tritt durch eine Scheintür in einen echten Wandschrank.

Aus einer perspektivisch spektakulär gedoppelten Scheintür tritt mir ein wohlgenährter Mönch würdig entgegen. Auf dem geöffneten Türflügel sind Objekte der Vergänglichkeit des irdischen Lebens angemalt. Ein Totenkopf vor einem Kreuz erinnert an die Passion Christi. Die Sanduhr gemahnt an die Begrenztheit der menschlichen Existenz. Die mehrschwänzige Peitsche ruft die Kasteiungen des mönchischen Lebens ins Gedächtnis. Aber fromm kommt dieses Bild so ganz und gar nicht rüber. Das hängt mit der virtuosen Illusionsmalerei zusammen, die abgebildeten Objekte des mönchischen Lebens verblassen zu schönstem Schein und ebenso die Haltung, die sie illustrieren.

Selbsterkenntnis und Liebeszauber

Heute ist im Kloster das Museo Nazionale Romano untergebracht. Eintritt von der Piazza dei Cinquecento. Das Museum ist ein verwunschener Ort mitten in einer sehr lebendigen Stadt. Wieder mal so eine wohltuende Oase der Ruhe. Nur von Ferne brummt die Metropole. Ein bisschen vergessen sieht es allerdings auch aus. Es fehlt halt die ganz große Kunst. Dabei gibt es so tolle Dinge zu entdecken, die den Alltag der alten Römer prägten und bestimmten.

Diokletians Thermen: Austtelungsraum im Museo Nazionale Romano

Saal in den Diokletians Thermen mit Ausstellung des Museo Nazionale Romano

Erkenne dich selbst! Mosaik im Museo Nazionale Romano, Rom

Erkenne dich selbst! Mosaik im Museo Nazionale Romano, Rom

In großen, fast roh anmutenden Thermen-Sälen geht es um Vergänglichkeit und Tod. Große Sarkophage, ganze Grabkammern und Monumente sind hier aufgestellt. Ein einfaches, schwarzweißes Mosaik, das einen verwesenden Mann darstellt, gibt den Ton vor. Er zeigt auf eine griechische Inschrift: “Erkenne Dich selbst”. Das ist ein Auftrag, bei dem ein Museum natürlich sehr gut unterstützen kann. Besonders, wenn es so viele Denkmale der antiken Schriftkultur gesammelt hat wie das Museo Nazionale Romano.

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Ein geheimnisvolles Gefäß aus dem 4. Jahrhundert. Gefunden in dem Brunnen der Anna Perenna. Museo Nazionale Romano, Rom

Mich beeindrucken besonders kleine magische Objekte, die Liebe zaubern sollen. In Gefäße aus Metall sind kleine Figürchen eingeschlossen, die das menschliche Opfer des Zaubers personifizierten, vielleicht sogar Spuren des Opfers enthalten. Eingewickelt sind diese Püppchen in Fluchtäfelchen aus Blei. Der Fluch hier bezieht sich auf “den, welchen ich mit allen meinen Gedanken liebe”. Der arme Kerl ist auf dem Täfelchen gefesselt, zwei Schlagen bewachen ihn. Es gibt kein Entkommen. Ob die beiden ein glückliches Paar geworden sind?

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Ein römisches Zauberpüppchen. Museo Nazionale Romano, Rom

Fluchtafel

Liebeszauber. Auf dem Fluchtäfelchen belauern zwei Schlagen einen gefesselten Mann. “Den, den ich liebe …“ Museo Nazionale Romano, Rom

Noch mehr Wunder an der Piazza dei Cinquecento

Jetzt will ich die echten Meisterwerke sehen. Dazu gehe ich einmal quer über die Piazza dei Cinquecento zum Palazzo Massimo. Es sind alte Bekannte, die ich dort treffe. Da sind zum Beispiel der Thermenherrscher und der Boxer, die ich immer wieder gerne besuche. Ein Wunder hat die beiden Bronzeskulpturen in die Gegenwart gerettet.

Glühende Verehrer haben sie am Ende des 5. Jahrhunderts unserer Zeit sorgfältig versteckt. Tief in Erdlöchern verbuddelt haben sie den christlichen Hunger auf Bronze überlebt, ansonsten wären auch diese antiken Meisterwerke in Schmelzöfen zu Glocken umgeformt worden. Bei Schachtarbeiten für das 3. Rom wurden sie entdeckt. Beide eine Sensation!

Thermenherrscher Museo Nazionale Romano

Thermenherrscher im Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo, Rom

Der sogenannte Thermenherrscher ist eigentlich ein unbekannter römischer Feldherr, der sich siegreich, heroisch und nackt wie ein hellenistischer König darstellen lässt. Ziemlich gewagt für einen Römer, sich so ganz unbekleidet vor die Bevölkerung Roms zu stellen. So was tat man damals einfach nicht.

Doch dieser Feldherr wollte ganz besonders auffallen und seine Mitbürger mit perfekter Frisur, klassischem Profil und kräftigen Muskeln für sich einnehmen. “Triumphale Körperlichkeit” nennen die Archäologen dieses erfolgreiche Selbstvermarktungs-Konzept. Das besitzt ja bis heute seine Gültigkeit und treibt den Muckibuden die Kunden zu. Aber dieser scharfe Hüftschwung und Militär, wie geht das bloß zusammen?

Prächtig: Thermenherrscher

Prächtig: Triumphale Körperlichkeit des Thermenherrschers

Antike Bronzestatute eines Boxers

Erschöpft: Der Boxer nach einem Kampf. Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo, Rom

Aus ganz anderem Holz ist der Boxer geschnitzt. Die Nase zerschlagen, das Gesicht durch Platzwunden entstellt, die Ohren von Faustschlägen geschwollen. Ein erschöpfter Sieger nach einem anstrengenden Kampf. Er hockt auf einem Stein, dreht den Kopf nach oben und schaut von unten dem Betrachter ins Gesicht. So entsteht spontan ein lebendiger Dialog zwischen dem Boxer aus Metall und dem Betrachter aus Fleisch und Blut.

Wie anwesend und gegenwärtig das müde Gesicht des Boxers ist, wie forschend der Blick aus den schwarzen Augenhöhlen! Mir ist als tauschten der Boxer und ich existenzielle Gedanken aus über die Anstrengung und die Mühsal, an einen gebrechlichen und vergänglichen Körper gebunden zu sein. Der Boxer kommt aus einer Zeit fast 2400 Jahre entfernt und dennoch ist er so nah, dass er meine Gedanken beflügelt.

Hand Detail der Boxer Statue aus dem Museo Nazionale mit Boxhandschuhen

Gefährlich: Scharfe Riemen, die Boxhandschuhe der Antike

Diskuswerfer von MyronPorträt

Verführerisch: Der Diskuswerfer nach Myron. Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo, Rom

Anstrengung und die Erschöpfung kenn ich gut, damit kann ich mich völlig identifizieren. Deswegen überlege ich, ob es diese körperlichen Aggregatzustände des Boxers sind, die mich so berühren und die Skulptur so modern erscheinen lassen. Da schaue ich schon dem Diskobol, dem Diskuswerfer von Myron ins Gesicht. Makellos schön, ruhig und entspannt. Von Anstrengung und Ermüdung kein Spur. Dennoch bin ich von diesem Antlitz sofort gebannt. Der harte Marmor scheint zu atmen. Die sinnlichen, sich wölbenden Lippen, der fordernde Blick und das Ebenmaß der Wangen verführen mich dazu, mir den athletischen Körper genauer anzuschauen.

Der Diskuswerfer von Myron

Der Diskuswerfer nach Myron. Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo, Rom

Die Zeit ist schockgefrostet. Der Diskuswerfer hält mitten in einer explosiven Bewegung inne. Die Spannung des Körpers ist so groß, gleich müsste sie sich doch entladen. Jedoch die ausgeglichenste Ruhe. Stillstand! Die Dynamik der Bewegung ist in den kraftvoll angespannten Muskelfasern des Athletenkörpers statisch abgespeichert. Der Diskuswerfer ein beherrschter, ein klassischer Statuenkörper, gestählt im dauernden Training und Wettkampf. Aber viel schöner, als es die Natur erlaubt.

Schlafende Nymphe Rückenansicht

Eine schlafende Nymphe. Museo Nazionale Romano, Palazzo Massimo, Rom

Ein bisschen weiter, blicke ich auf das prächtige Hinterteil einer schlafenden Nymphe. Einladend hat sie sich im Schlaf das Gewand von den Schultern und den Hüften gestrampelt. Die Schenkel nur etwas weiter gespreizt und diese Skulptur wäre keine erotische Kunst, sondern saftige Pornografie. Und jetzt verstehe ich auch, was mich an verstaubten antiken Statuen und Skulpturen immer wieder begeistert: sie überraschen mich! Wie? das findest Du am besten selbst heraus.

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Die schlafende Nymphe entpuppt sich als Hermaphrodit

Service

Die Piazza dei Cinquecento ist ganz bequem mit den öffentlichern Verkehrsmitteln zu erreichen. Die beiden Metro-Linien und viele Busverbindungen bringen Dich zur Stazione Termini und damit direkt auf die Piazza dei Cinquecento.

Die Kirche Santa Maria degli Angeli e dei Matiri ist täglich von 7:30 bis 19:00 Uhr geöffnet.

Das Museo Nazionale Romano ist auf verschiedene Gebäude in Rom verteilt, an der Piazza dei Cinquecento findest Du den Palazzo Massimo und die Ausstellung in den Thermen des Diokletian.

Das Museum ist von 9:00 – 19:30 Uhr geöffnet. Die Kasse schließt 1 Stunde vor Museumschließung. Das Ticket kostet 7 Euro und ist an vier Tagen für alle Standorte des Museums gültig.

Karte der Piazza dei Cinquecento