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Pozzuoli – Leben mit dem Supervulkan

In Pozzuoli leben Menschen seit Jahrtausenden auf einem explosiven Supervulkan. Mitten in den Campi Flegrei, den brennenden Feldern. Beunruhigt sind sie darüber aber nicht. Obwohl sich die Erde unter ihren Füßen ständig bewegt. Zugfahrt durch eine geheimnisvolle und mystische Landschaft.

WAS IST WAS? Die Buchreihe aus dem Tessloff-Verlag öffnete mir als kleiner Junge Tore zu unbekannten Welten. Unvergessen die illustrierten Bände: Die Römer, Die Tiefsee, Das Weltall. Und dann besonders Vulkane. Vulkane war geradezu erschütternd. Die ganze Erde in kontinuierlicher Bewegung. Kontinente schwimmen auf glühend heißer Magma hin und her. Feuer speiende Berge bedrohen Menschen und Kultur mit ihrer unvorstellbaren Zerstörungskraft. Oh Boy!

Besonders faszinierte mich ein winziges Detail. Die unglaubliche Geschichte eines prächtigen Gebäudes aus römischer Zeit. Es steht am Hafen von Pozzuoli, einer kleines Stadt in Kampanien, im Süden Italiens. Ganz kurz zusammengefaßt geht diese erstaunliche Geschichte so: Ein Marcellum, also eine antike, römische Markthalle, wird von einem Vulkan zerstört und zugeschüttet. Es versinkt in den Tiefen des Meers. Steinfressende Bohrmuscheln der Familie Lithophaga nagen die Säulen an. Das Marcellum taucht aus den Untiefen wieder auf. Es wird ausgegraben. Die Muschellöcher in den Säulen geben den Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts quasi unlösbare Fragen auf. Sie rätseln, wie konnten steinfressende Muscheln ihre Löcher so hoch oben und so weit vom Meer entfernt in römische Säulen bohren?

Eine Säule aus dem Marcellum von Pozzuoli. Mit Bohrlöchern von Muscheln

Eine Säule aus dem Marcellum von Pozzuoli. Mit Bohrlöchern von Muscheln

Pozzuoli – Vulkanismus und die Brennenden Felder

Heute kann jedes Kleinkind in Pozzuoli dieses wundersame Phänomen erklären, die das Versinken und Auftauchen des Marcellums verursacht haben. Das Zauberwort heißt Bradyseismus. Eine kontinuierliche Folge von kleinsten Erdbeben, verursacht durch die Aktivität eines Supervulkans unterhalb der Stadt.

Diese Erdbeben führen dazu, dass die Erde in Pozzuoli ständig in die Tiefe sinkt oder in die Höhe steigt. Seit Anfang der 1970er Jahre hob sich der Erdboden in Pozzuoli um gewaltige eineinhalb Meter. Die Folge? Eine einsturzgefährdete Altstadt. Räumung der Häuser. Sperrung der Rione Terra für über 40 Jahre. Erst seit wenigen Monaten ist diese Altstadt rund um den Dom wieder für Besucher geöffnet.

Pozzuoli liegt mitten in den Campi Flegrei, den Brennenden Feldern. Über 50 vulkanische Eruptionskrater gibt es hier. In einen ist sogar ein Golfclub eingezogen. Ein Vulkan am Rande der Stadt, die Solfatara, ist noch aktiv. Der ebenso aktive Vesuv grummelt nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt am Golf von Neapel. In Pozzuoli leben die Menschen mitten auf dem Vulkan. Und Entwarnung vor einer möglichen Katastrophe können die Vulkanologen nicht geben. Die einen rechnen mit einem unkontrollierten Ausbruch des Supervulkans unter der Stadt in der Peripherie des Millionen-Mollochs Neapel. Die anderen nehmen an, dass sich der Supervulkan in einer Phase der Abkühlung befindet. Er also immer ungefährlicher wird. Nur wissen tut das eben niemand so genau.

Blick in den Krater des Solfatara Vulkans in Pozzuoli. Der Boden des Kraters ist mit weißer Erde bedeckt. Die Kraterwände sind mit üppiger Vegetation begrünt

Sieht nicht so gefährlich aus, aber ist ein explosiver Vulkan! Krater des Solfatara Vulkans in Pozzuoli. Die weiße Erde ist Kaolin, Porzellanerde

Abenteuer öffentlicher Nahverkehr, die Cumana und die Circumflegrea

Pozzuoli, das Marcellum, die Campi Flegrei, ein aktiver Supervulkan. Hört sich nach einem spannenden und aufregenden Ausflugsziel an. Ich mache daraus ein richtiges Abenteuer. Denn ich fahre auf die Brennenden Felder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Ich nehme zu den Campi Flegrei Züge mit fantastischen Namen wie Cumana und Circumflegrea.

Bevor ich den Zug besteige, erkundige ich mich bei einer freundlichen Dame in der Touristinfo Neapel an der Piazza Cavour: “Wie komme ich mit dem Zug nach Pozzuoli?” Sie weist mir bestimmt die Richtung zur Bahnstation. “Nach dem Park!” Mit Park meint sie bestimmt diesen schmalen Grünstreifen voller Pinienbäume mitten auf der Piazza Cavour, denke ich. Immerhin ein Anfang.

Weitere Auskünfte zu Fahrplänen, Bus- oder Bahnverbindungen zu den Sehenswürdigkeiten der Campi Flegrei auf meiner Liste – die Orakelhöhle der Sybille von Cuma, die römische Zisterne in Bacoli, das Amphitheater von Pozzuoli, der Solfatara-Vulkan oder der frisch renovierter Dom in Pozzuoli – gibt es nicht. Ich werde mit einem optimistischen “Oh, das klappt sicherlich, am Bahnhof von Pozzuoli stehen Busse, die bringen sie überall hin” aus Neapel verabschiedet. Ich bin gespannt.

Der öffentliche Nahverkehr aus Neapel Richtung Campi Flegrei ist schon etwas besonderes. Es scheint so zu sein: Niemand, der sich ein Auto leisten kann, käme in Neapel auf die Idee, mit dem Zug Richtung Pozzuoli zu fahren. Deswegen fahren nur Schüler bis 18, arme Menschen oder Frauen, deren Männer mit dem Auto unterwegs sind – oder anders herum: Männer, deren Frauen mit dem Wagen auf Achse sind – mit der Cumana.

Dreimal werde ich auf der kurzen Zugfahrt von ambulanten Händlern angesprochen. Auch wenn sie in ihrem Bauchladen überteuerte Tempo-Taschentücher oder Schreibblöcke oder Feuerzeuge feilbieten, für mich sieht das aus, wie eine stolze Art zu betteln. Eine Art Arbeit, auch wenn die Absicht so offensichtlich ist.

Die Händler erzählen von ihren kranken Frauen zuhause, den 3 oder 7 Kindern, deren Münder zu stopfen seien, dem Hunger und der Schwierigkeit essen zu kaufen. Ein beliebtes Produkt sind außerdem schwarze Socken mit einem kranken geometrischen Muster. Sie werden in einem Bündel aus einem Plastikbeutel gezogen und dann wie ein weicher Fächer auseinander gefaltet und durch das Abteil gewedelt. Ich will nichts kaufen. Auch kein anderer Reisender möchte etwas kaufen. Immerhin plaudern wir nett und freundlich. Die Händler gehen 2 oder 3 mal durch die Wagons immer wieder auf und ab. Immer wieder preisen sie die immer gleichen Waren an. Auch nach mehrmaligen Absagen. Vielleicht wird ja doch einer weichgekocht und zückt die Börse.

Die Cumana fährt ab Neapel durch lange Tunnel. Wenn die Stadt mal vorbeiflitzt, dann als dürrer und staubiger Hinterhof. An der Bahn-Station Pozzuoli Solfatara steige ich aus. Kein Bus weit und breit! Also laufe ich das kurze Stück hinauf zum Solfatara Vulkan. Friedlicher lässt sich ein explosiver Supervulkan nicht denken. Nach dem Kassenhäuschen liegt links ein Campingplatz. Hier können Kurgäste, die in einer Schwitzgrotte im Vulkan auf Linderung arthritischer oder rheumatischer Zipperlein hoffen, ihre Zelte aufschlagen oder Campingwagen abstellen.

Blick in die Krone eines Erdbeerbaums. Zwischen den Blättern hängen die roten beerenartigen Früchte

Erdbeerbaum im Solfatara Krater. Der immergrüne Baum ist eine typische Pflanze der Macchia Vegetation in Süditalien

Die Solfatara in Pozzuoli – Unterwegs im Supervulkan

Die Nähe des Solfatara-Vulkans macht sich schnell unangenehm in der Nase bemerkbar. Es müffelt unerfreulich nach faulen Eiern. Irgendwas mit Schwefelsäure. Stinkt wie die Hölle. Ist aber total ungefährlich. Die vulkanischen Gase enthalten nur Spurenelemente von Schwefelsäure. Als ich mich noch für WAS IST WAS? begeistern konnte, hätte diese Information mich wie eine Erleuchtung fasziniert. Jetzt merke ich nur, dass ich langsam weg dämmere. Ein Caffè wäre gut. Zum Glück gibt es in der Nähe des Solfatara Kraters eine Bar. Ich setze mich auf die sonnenbeschienene Terrasse.

Um mich herum ist es saftig grün. Das macht der fruchtbare, mineralhaltige Boden aus vulkanischem Material und die hohe Luftfeuchtigkeit im Solfatara-Krater. Aromatische Eukalyptus-Bäume, mannshohes Heidekraut, gefiederte Erdbeerbäume und immergrüne Myrte-Büsche gedeihen in der Solfatara üppig. Fast wie im Paradies.

Ich habe noch nie einen so bequemen Vulkan erlebt wie die Solfatara. Drumherum die komplette touristische Dienstleistungskette von der Übernachtung bis zum Mittagessen. Und körperlich anstrengend ist die Solfatara auch nicht. Ich laufe ohne zu klettern auf ebener Erde ganz einfach in den Krater rein. Die Vulkan-Kaldera hat zwar einen größeren Durchmesser als der Vesuv. Sieht aber wegen der geringen Höhe nicht annähernd so gewaltig aus.

Wasserdampf steigt im Solftara Vulkan auf

Fumarole im Solftara Vulkan. Der Rauch ist Wasserdampf. Die gelben Ablagerungen sind Schwefel

Dabei ist in der Solfatara viel mehr los als auf dem Vesuv. Überall brodelt und blubbert, dampft und zischt es gewaltig. Als ob ein riesiger Kessel so richtig unter Druck stünde. Im Zentrum des Kraters sprudelt eine irre heiße Schlammpfütze. Etwas weiter pfeift aus einer Erdspalte schwefelhaltiger Dampf. Er färbt seine Umgebung in ein giftiges Gelb.

Ein dicker Steinbrocken poltert über den Boden und erzeugt einen hohlen, dumpfen Klang. Bei jedem Aufprall lässt er den Boden leicht vibrieren. Das fühlt sich nicht an, als hätte ich festen Boden unter den Füßen. Schon beunruhigend, wie beweglich die Erde unter mir zu sein scheint. Immerhin stehe ich ja mitten in einem aktiven Supervulkan. Die Geologie eines Vulkans ist sehr beeindruckend. Wirklich! Aber sie fasziniert mich nicht mehr so wie WAS IST WAS? in Kindertagen. Ich ziehe weiter zum berühmten Amphitheater. Was werde ich dort bloß erleben?

Von meinen Entdeckungen im Amphitheater von Pozzuoli, dem Spaziergang über die Rione Terra und dem Ausflug in die Termen von Baiae erzähle ich im zweiten Teil meines Reiseberichtes Pozzuoli und die Campi Flegrei

Backsteingewölbe des Amphitheaters von Pozzuoli. Im Vordergund liegt ein römisches Kapitell

Heute leer und erhaben: Die Kerker des Amphitheaters von Pozzuoli. Aber wie sah es hier früher aus?