Prado-Madrid 3

Gefährlicher Bildersturm im Prado

Loderndes Licht, fliegendes Fett, tuntige Pferdeperücken. Das alles findest Du im Prado in Madrid. Ein Museum der Superlative! Entgegen guten Rats habe ich den Prado innerhalb eines Tag angeschaut. Das war toll aber heftig. Hier mein Bericht aus einem Maler-Paradies.

Diego Velásquez, Francisco Goya, Albrecht Dürer, Tizian, Rubens, Caravaggio, Hieronymus Bosch … Es sind die großen Namen berühmter Maler und deren Wunderwerke, die mich in Madrid in den Prado locken. Der Prado! Das ist doch eines der bedeutendsten Museen der Welt, denke ich. Vollgestopft mit der prächtigsten Malerei. Da muss ich unbedingt hin. Ganz ehrlich, der Prado Besuch ist für mich der wichtigste Grund, nach Madrid zu reisen. Aber nicht alle sind von dieser Idee begeistert.

Als ich Nico von meiner Absicht erzähle den Prado zu besuchen, winkt er ab: “Der Prado das ist mir zu viel. Ich gehe lieber in das Museum Thyssen-Bornemisza.“ Nach Nicos Meinung ist der Prado zu dunkel, zu unübersichtlich, zu viele Bilder.

Auch Carlos stöhnt auf, als er “Prado“ hört. “Oh Gott“, meint er, “da kann man sich doch gar nicht auf die Bilder konzentrieren.“ Sein Rat an mich: “Mach es am besten wie ich. Schau Dir im Prado nur einen einzigen Raum an.“

Grundriss vom Prado

Der Grundriss des Prado. Im großen Mittelsaal residiert Diego Velásquez in der Rotunde rechts Francisco Goya

Bronze Denkmal für Diego Velásquez vor der Säulenhalle des Prado

Denkmal für den König der Maler vor dem Prado. Diego Velásquez in der Tracht eines Hofmanns mit Pinsel und Palette

Schiffbruch im berauschenden Bilder Tsunami

Leider kann ich mir diesen Luxus, nur einen Raum im Prado anzuschauen, nicht leisten. Anders als Carlos lebe ich nicht hier. Ich bin nur wenige Tage in Madrid. Da bleibt für dieses Museum gerade mal ein Vormittag. Tatsächlich ist es dann aber ganz anders gekommen. Ich hätte auf Carlos hören sollen!

Denn im Prado stürmen die herrlichsten Meisterwerke bedeutendster Maler auf mich ein. Ein furchtbar berauschender Bilder Tsunami reißt mich fort und lässt mich die Zeit vergessen. Der Prado schüttelt mich durch und wirbelt mich herum. Dann spuckt er mich aus, auf einen verkehrsumtostem Grünstreifen mitten in der winterlich dunkle Metropole Madrid. Nach 7 Stunden bestürzend vergnüglichen Bilder-Taumels! Mit gelähmten Augenlidern. Mit weit aufgerissenen Quadrataugen. Mit butterweichen Knien. War das toll!

Aber ich habe tatsächlich ein Riesenfehler gemacht. Ich habe mir im Vorfeld nicht überlegt, welche Meisterwerke ich mir im Prado anschauen möchte. Also wetze ich blind drauf los, steige erstmal die Treppen ins Kellergewölbe hinab und lasse mich überraschen.

Fotografieren ist im Prado übrigens ganz und gar verboten. Das Aufsichtspersonal ist richtig auf Zack, wenn es darum geht, das Drücken des Auslösers zu verhindern. Kein Blitzlich-Gewitter. Kein bedrohlicher Selfie-Stick. Kein Mensch, der die Ölschinken der alten Meister zu Fotohintergründen degradiert. Dafür herrscht erhabene Stille und gebannte Konzentration in diesem Kunsttempel der spanischen Nation.

Broze Denkmal für Francisco Goya vor dem Prado. Der Künstler steht auf einem weißen Mamorsockel

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer! Goya und seine bekanntesten Motive. Die Nackte Maya und Los Caprichos

Echte Knaller, die ewig jungen Alten Meister im Prado

Also im Keller des Prado sind die unterkühlten Nordlichter untergebracht. Das erste Bild, dem ich entgegen taumle: Die Kreuzabnahme des flämischen Meisters Rogier van der Weyden! Ganz erstaunlich wie sich die reich gemalten Menschen vom vergoldeten Hintergrund lösen.

Mit einfachen Kniffen und reizenden gotischen Schnitzereien kreiert Rogier van der Weyden einen kleinen Bühnenraum, in dem sich die Figuren richtig ausleben können. Die sanft schwingende Bewegung des leblosen Jesu Körper echot in der niedersinkend Mutter Maria wieder. Rechts im Bild wringt Maria Magdalena ekstatisch, fast tanzend ihre Hände. Die dritte Maria wischt sich still und leise die Tränen mit dem Halstuch ab. Dreimal Marien-Trauer. Sensationell!

Kopie der Kreuzabnahme Rogiers van der Weyden von Michiel Coxcie

Ganz anders der Triumph des Todes von Breughel. Auch dieses Bild fantastisch! Sieht aus wie der schock-gefrorene Ausschnitt aus einem gruseligen Zombie-Film. Ziemlich ekelig wie das gewaltige Heer der angefaulten und vertrockneten Totenmänner die Welt überschwemmt und auf die Lebenden zustürmt. Sie kommen von überall her und infizieren die glücklichen Menschen mit totbringender Fäulnis und mit Schimmel. Es gibt einfach kein Entrinnen. Schlimm!

Verführerisch und verstörend – Der Garten der Lüste

Dann stotterte ich schon: Ah, der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch. Eine weltbekannte, bizarre Ikone des menschlichen Irrsinns. Überwältigend diese knallig bunten Farben. Ein Garten voller Riesen-Erdbeeren und seltsam transparenten Glaskugeln, zugepflastert mit diesen alptraumartig verwachsenen apokalyptischen Monstern. Ganz bestimmt hat George Lucas sein Starwars Panoptikum grotesker Aliens aus den Bildern Hieronymus Boschs abgekupfert.

Hieronymus hat seine irren Biester so winzig gemalt, dass ich richtig in die Bilder hineinkriechen muss, um ja kein Detail zu übersehen. Raffiniert. Denn diese Miniaturisierung des Schreckens ist eine gemeine visuelle Strategie. Sie zwingt dazu, sich andächtig und konzentriert in diese Horrorszenarien zu versenken. Schartige Messer zerteilen riesige Segelohren. Schmierige Rüssel begriffeln sündiges Fleisch. Vogelschnäbel verschlingen käseweiße Körper. Spitze Speere werden in dicke Ärsche versenkt. Will ich das wirklich sehen? Nein! Aber losreißen fällt mir schwer.

Bosch, Hieronymus - The Garden of Earthly Delights, right panel - Detail Monkey, man with blue clothes and Butterfly monster

Sex sells! Albrecht Dürers Selbstporträt im Prado

Und dann ist da noch dieses wunderschöne Künstler Selbstporträt. Albrecht Dürer. Ein richtig sexy Typ. Selbstbewusst schaut er mich prüfend an. Der junge Albrecht Dürer hat sich prächtig aufgebrezelt und possiert. Er trägt allerdings diese etwas alberne Zipfelmütze auf dem Kopf. Sein langes blondes Haar wellt sich üppig auf die breiten Schultern hinab. Sein Bart ist christusgleich gescheitelt. Die muskulöse Brust ist leicht entblößt. Die kräftigen Hände sind in weißen Handschuhen versteckt.

Albrecht Dürer, Selbstbildnis mit 26 Jahren (Prado, Madrid)

Die Malerei, so vermittelt es das Dürer Selbstporträt im Prado, ist keine körperliche Arbeit. Ein Maler macht sich niemals schmutzig. Denn die Malerei ist eine intellektuelle, forschende Tätigkeit. Wie ein simpler Pinselquäler oder Farbenkleckser sieht Albrecht Dürer wirklich nicht aus. Dass er außer forschen und denken auch richtig toll malen kann, zeigt Dürer besonders mit dem sensationellen Ausblick in seine heimatliche süddeutschen Landschaft in Luftperspektive, die von der sanften Ebene bis zu den dramatisch beschneiten Alpengipfeln ansteigt.

Kurze Geschichte des Prado

Prado bedeutet Wiese. Auf einer grünen Wiese vor den Toren Madrids wurde dieses Museum Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet. Grundstock war die Königliche Sammlung. Die Gemälde des Prado spiegeln also die Leidenschaften und Vorlieben der spanischen Monarchen wieder.

Der fromme und depressive Phillip der II fuhr total auf die apokalyptischen Visionen eines Hieronymus Bosch ab. Deswegen gibt es im Prado auch diese fantastische Bosch Sammlung.

Phillips Vater, Kaiser Karl der V, lässt sich immer wieder von Tizian porträtieren. Im Prado bewundere ich den ernüchterten Karl nach dem Sieg in der Schlacht bei Mühlberg. Außerdem begeistert Karl sich für Gemälde Tizians, auf denen dieser den Protestantismus verteufelt. Auch Peter Paul Rubens Malerei wird für die Religionspropaganda zwischen Katholiken und Protestanten eingesetzt.

Carlos V en Mühlberg, by Titian, from Prado in Google Earth

Beeindruckend ist die Maler-Konkurrenz zwischen den Künstler-Titanen Tizian und Rubens. Dieser Wettstreit lässt sich im Prado gut nachvollziehen. Tizian ist für Rubens, das künstlerische Idol, an dem er sich abarbeitet, das er mit seiner Malerei übertrumpfen und besiegen muss.

Irre, wie auf Rubens bunten Öl-Schinken adipöse Ärsche und feiste Mega-Titten in zartesten Rosatönen durcheinander tanzen. Rubens pinselt gegen die Schwerkraft. Er ist der geniale Meister des schwebend, schwingenden Fetts. Seine Drei Grazien im Prado sind der fantastische Beweis für die Aufhebung der Naturgesetze durch die Kunst! Ziemlich aufreizend, wie die drei Damen sich gegenseitig das üppig, lose Bindegewebe befühlen.

The Three Graces, by Peter Paul Rubens, from Prado in Google Earth

Diego Velásquez – Die hohe spanische Schule

Phillip der IV. favorisiert Diego Velásquez als Hofmaler. Mit seinem Gemälde Die Spinnerinnen oder der Faden der Arachne klinkt sich übrigens auch Velásquez in den Titanen-Kampf zwischen Tizian und Rubens ein. Er will es noch besser machen.

Das riesige Museumsschloss der Prado ist besonders für die Spanische Schule erbaut. Also Velásquez und Goya. Wie in einem absolutistischen Königsschloss ist der größte Saal dem Herrscher vorbehalten: Diego Velásquez. Genau auf der Mittelachse, dort wo in Versailles das Bett Ludwig des XIV steht, thront Velásquez’ berühmtestes, rätselhaftestes, kontrovers diskutiertes und interpretiertes Gemälde La Meninas . Der Hofmaler Velásquez stellt sich gleichberechtigt und mit wachem Blick in den Mittelpunkt der Hofgesellschaft. Wie selbstbewusst.

Ganz nebenbei erzählt Velásquez von der ungeheuerlichen Macht der Bilder. Umgeben ist La Meninas von monumentalen Porträts der königlichen Familie Phillip des IV. hoch zu Ross. Mich beeindrucken besonders die tuntig aufgebürsteten Frisuren, die Velásquez an die königlichen Pferde drapiert.

Las Meninas, by Diego Velázquez, from Prado in Google Earth

Francisco Goya

Auf der Längsachse, genau dem Eingang gegenüber residiert Francisco Goya in mehreren Gemächern. Aus einem achteckigen Saal funkeln mir glitzernde Orden an der Brust Karl des IV entgegen. Überhaupt ist Karls ganze Familie in kostbar leuchtende Gewänder aus knisternder Seide gehüllt. Irgendwie haltlos irren die Blicke in diesem Bild hin und her. Die Porträts des Königs und seiner Königin Maria Luisa können mit der Schönheit der Stoffe nicht mithalten. Besonders grotesk die krähenhafte Schwester Karl des IV. die Infantin María Josefa mit diesem riesigen, altmodischen Schönheitsfleck auf der Schläfe.

Ich wundere mich über den kritischen oder skeptischen Realismus Goyas. Kurz nach der französischen Revolution sehen Königs fast wie normale Menschen aus. Genauso wie Velásquez in dem Gemälde La Meninas steht Goya hinten links. Gerade ist er etwas von der Staffelei zurück getreten. Er schaut den Betrachter kritisch an, als ob er ihn für eine Porträt studiere.

La familia de Carlos IV

Seit König Karl dem IV wächst die Francisco Goya Sammlung des Prado. Über 150 Gemälde und 500 Zeichnungen Goyas hat der Prado inzwischen gehortet. Eines seiner bekanntesten Bilder ist Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 in Madrid Es dokumentiert ein historisches Ereignis zu Beginn der Besatzung Madrids durch napoleonische Soldaten.

Der gewalttätige Aufstand der Madrilenen am 2. Mai 1808 gegen die französischen Truppen wird in der folgenden Nacht drakonisch bestraft. Die traumatische Erfahrung des folgenden brutalen Befreiungskrieges hat Goya immer wieder in Bildern thematisiert. Hier stellt er ein wehrloses Opfer einer anonymen Mauer aus gesichtslosen Soldaten gegenüber. Das drastische Schlaglicht einer Laterne beleuchtet die grausame Szene. Nichts glänzt oder funkelt. Grobe Striche. Dumpfe Farben von mattem Okker bis dunklem Schwarz.

El Tres de Mayo, by Francisco de Goya, from Prado in Google Earth

Und das nächste Mal?

So traumwandle ich durch die Hallen des Prado. Verweile entzückt. Erstarre schockiert. Entdecke begeistert. Da lodern die schwindsüchtigen Figuren des El Greco wie Kerzenflammen. Dort lockt sich das Fell eines Lammes von Zuberán. Hier welkt unter den Pinselstrichen eines Ribera die Haut eines feisten Propheten. So weit die Füße tragen. Die Zeit verfließt. Eigentlich schön. Aber das nächste Mal mach ich es bestimmt so wie Carlos. Pro Besuch nur einen Raum!

Die Meisterwerke im Prado. Miniaturen in einem sehr hilfreichen Museumsplan

Service

Einen excellenten Überblick über die fantastische Sammlung des Prado kannst Du Dir online hier verschaffen.

Die Museums-Website des Prado informiert über Öffnungszeiten und Sonderausstellung. Zwei Stunden vor Schließung des Prado ist der Museums-Eintritt kostenlos. Deswegen ist der Prado in den Abendstunden allerdings auch ziemlich voll und Du musst mit einer Warteschlange rechnen.

Wenn Du nur wenig Zeit hast, um Dich im Prado umzusehen, besorge Dir auf jeden Fall den Museumsplan. Auf der Rückseite des Museumsplans erhältst Du eine Liste mit 50 Super-Meisterwerken des Prado und der Nummer des Saales, in dem Du sie findest. Dazu gibt es einen Audioguide oder einen kleinen Museumsführer, der Dir alle wichtigen Informationen zu den Bildern vermittelt. Unbedingt empfehlenswert!

PS

Alle Abbildungen von Gemälden sind über Wikimedia Commons in den Beitrag eingebunden.