Quartiere Coppedè – Ein Jugendstil Märchen in Rom

Gemaltes Dekor an einem Gebäude im Quartiere Coppede.

Rom eine Stadt vollgestopft mit Antike, Barock, und Geschichten. Überfüllt mit knatterndem und hupendem Verkehr. Darf es auf einer Rom Reise auch etwas Überraschung und Abwechslung geben? Auf jeden Fall! Deswegen kommt hier ein Knaller: das Jugendstil Viertel Quartiere Coppedè.

Eine Überraschung in Rom

Eine Reise nach Rom ist ja immer eine fantastische Sache. Egal mit welcher Idee oder Vorstellung eine Reise in die ewige Stadt beginnt. In Rom findet sich Erlebens- und Sehenswertes für jedermann und natürlich auch für jede Frau.

Aber manchmal wird in der ewigen Stadt einfach alles zu viel. Die vielen Kirchen, die vielen Heiligen, die vielen Päpste und all die Erinnerung an Ereignisse, Persönlichkeiten und Geschichten. Dinge, die irgendwie jeder vom Hörensagen kennen könnte, die aber eigentlich schon lange in den unerreichbaren Untiefen des Gedächtnis versunken sind, und so einfach unerreichbar scheinen. Jetzt wäre Abwechslung und Entspannung sehr schön! Und Gott sei Dank, lässt sich leichte Abwechslung auch in Rom finden. Ganz anders nämlich als die römische Antike, die bedeutende Geschichte und die super wichtige Kunst ist das Quartiere Coppedè, ein märchenhaftes Jugendstil-Viertel.

Spinnennetz am Palazzo della Rana im Quartiere Coppede.
Ornament und Verbrechen. Die goldene Spinne am Palazzo della Rana
Torbogen als Eingang in das Jugendstil-Viertel von Rom.
Dieser prächtige Torbogen mit Kronleuchter markiert den Eingang in das Märchendorf Quartiere Coppedè

Jugendstil in Rom

Das Quartiere Coppedè kennt vielleicht nicht jeder in Rom, auch die Reiseführer schweigen häufig über die Attraktionen dieses vornehmen Wohnviertels. Aber das ist auch gut so, denn deswegen ist diese unbekannte Attraktion nicht von anderen Reisenden überlaufen. Sondern auf eine spezielle Art und Weise lässt sich hier Land und Leute erleben, irgendwo müssen schließlich die Regierungsbeamten und Diplomaten wohnen.

Das tun sie unteranderem nördlich des historischen Zentrums, etwas hinter der Villa Borghese und der rautenförmigen Piazza Buenos Aires in der gehobenen Wohnlage des Quartiere Coppedè. Das Coppedè Viertel ist tatsächlich ein kleines malerisches Märchendorf inmitten der gigantisch großen Stadt. Eine ganz und gar fabelhafte Überraschung! Allerdings ist der Besuch nichts für schwache Nerven.

Damit das Coppedè Viertel nicht völlig von der trubeligen Mega-Metropole zermahlen wird, hat der Erbauer und Architekt Gino Coppedè sein Stadtviertel mit großen, turmbewehrten Palazzi und einem mächtigen Torbogen von der wogenden Großstadt abgeschirmt. Dieser Torbogen, in dem ein riesiger schmiedeeiserner Kronleuchter hängt, ist überhaupt das Wahrzeichen des Viertels geworden.

Adam und Eva im Quartiere Coppede in Rom.
Ornament und Verbrechen? Oder besser Dekor und Sünde? Art Nouveau eben …
Fensterrahmung nach Entwürfen des Liberty Architekten Gino Coppede.
Als Tiger gestartet als Bettvorleger …

Das Quartiere Coppedè – ein entzückendes Märchendorf in Rom

Gino Coppedè entpuppt sich schon am Eingang in sein Zauberreich als ein fantasiebegabter Tausendsassa des ausufernden Dekors und Kunsthandwerks. Sein Credo: more is more. Diese schlichte Weisheit lässt sich schon am Eingang ins Quartiere Coppedè nicht widerlegen. Was wird mich bloss hinter dem Torbogen erwarten?

Die Fassaden seiner Bauwerke überzieht Gino Coppedè mit einem wuchernde Geschwurbel aus Gesimsen, Voluten, barocken Figuren und Malereien. Der Architekt liebt mit Hingabe echt fette Putten, prall bestückte Obstkörbe und knusprige Busen an gertenschlanken Leibern. Das ist voll Porno! Richtig sexy Biester hat Gino Coppedè da an die Hauswände geklebt. Ein Hingucker reiht sich an den nächsten. Wegen der vielen kleinen nackten Putten käme heute allerdings der Jugendschutz.

Der Variantenreichtum an schwellenden Lippen, knospenden Münder und schlundweit aufgerissenen Mäuler offenbart Coppedés überbordendes Interesse an Oral-Erotik. Bei so einer Überbetonung des Oralen ist das Anale meist nicht fern. Und tatsächlich an der Fontana delle Rane, dem Frosch-Brunnen, werde ich fündig. Könnten Gebäude vor Ekstase stöhnen, dann wäre es um die besinnliche Ruhe im Coppedè Viertel bestimmt geschehen. Über all der orgiastischen, üppigen Pracht läge ein hitziges Summen und Keuchen.

Diese Sinnenfreude unterscheidet die Art Nouveau Architektur im Quartiere Coppedè von der zwanghaften Dekorationskunst eines Michael Eisenstein in Riga, über die ich in diesem Blog auch schon berichtet habe. Außerdem geht es im Jugendstil Viertel Quartiere Coppedè an manchen Stellen auch recht lustig und verspielt zu. Ich schmunzele über die Fonatana dalle Rane, den durchgeknallten Froschbrunnen. Richtig lachen kann ich über eine Raubkatze, gestrandet wie ein Bettvorleger, und die possierlichen Elefantenschnecken. Sie beamen mich direkt auf die Biene Maja Memory Lane.

Eine Jugendstil Villa im Quartiere Coppede.
Villino delle Fate, ein Feenhaus im märchenhaften Quartiere
Blick in den Garten einer Jugendstil Villa in Rom.
Blick in den Zaubergarten

Das Coppedè Viertel träumt einen süßen Dornröschenschlaf

Anders als auf der Elisabetha Iela in Riga stauen sich auf der Piazza Mincio, dem zentralen Platz des Quartiere Coppedè allerdings keine Gruppen von Touristen aus aller Welt, die den fantastischen Jugendstil kennenlernen wollen. Gruppen verirren sich selten hierher. Sie umrudeln lieber die Touristenattraktionen im historischen Zentrum. Dabei gibt es hier in diesem verwunschenenWunderreich die märchenhafte Feen-Häuser zu bewundern. Die Villini delle Fate. Sie sehen aus, als wären sie von einem Disney Fantasy Dreh übrig geblieben. Türmchen, Erker, kleine schräge Dächer, bunte Bemalung und Fensterchen in allen Größen und Formaten geben den Feen-Villen ihr zauberhaftes Aussehen.

Hier wohnten bestimmt die guten Zauberinnen. In ihren kleinen behaglichen Stuben, wachen sie darüber, dass nichts Böses geschieht. Beim turmartigen Palazzo del Ragno, dem Spinnen-Palast schräg gegenüber bin ich mir nicht so sicher, wer da zuhause ist, vielleicht der Grusel und der Horror? Die dicken Karren vor den Haustüren, das akkurat gepflegte Grün, die Sichtblenden an den Gartenmauern erzählen davon, wer heute im Coppedè Viertel residiert. Richtig reiche und wichtige Leute!

Vor den Villini delle Fate, den Feen-Häusern, treffe ich Magnus. Er ist Archäologe aus Kopenhagen und alleine in der ewigen Stadt unterwegs. Magnus ist sehr froh, die traurigen Trümmer auf dem Forum Romanum hinter sich gelassen zu haben. “Es ist schön, auch mal was intaktes außerhalb von Gruben und Löchern zu betrachten”, erklärt er mir. Tatsächlich ist Magnus ganz und gar begeistert. “Schau Dir doch mal an, wie viele Stile und Kulturen hier zusammen kommen”, fordert er mich auf. Aber er lässt mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zählt gleich selber auf.

Fassadejnfresko, das zwei Putten zeigt, im Quartiere Coppede.
Fresken an den Fassaden sind ein typisches Merkmal des Liberty Style in Italien
Fassadenfresko mit Galeere im Liberty Style in Rom.
Typischer Stilmix des italienischen Jugendstils, venezianische Galeere mit romanischen Bögen

Der verrückte Stil-Mix des Tausendsassas Gino Coppedè

Da ist die Romanik und der Barock. Da gibt es arabische Einflüsse. Dort wird Mittelalterliches aus Norditalien zitiert. Aber auch Langobardisches und Normannisches aus dem Süden ist zu finden. “Und da, schau doch mal, das ist doch tatsächlich ein assyrischer Löwe mit seinem geflügelten Körper“, freut sich Magnus über seine neuste Entdeckung. Es gibt wirklich so viel Wundersames im Quartiere Coppedè zu bestaunen. Das ist hier der große Spaß. Hinter jeder Ecke auf der Via Brenta oder der Via Dora lauert eine neue Überraschung. Also packt Magnus seine kleine Kamera aus und zieht weiter auf der Jagd nach noch abgefahreneren Motiven. Ob sich der Archtitekt das genau so vorgestellt hat?

Jugendstil heißt in Italien Liberty Style, so benannt nach den Liberty Kaufhäusern in England, die berühmt für das Angebot an ornamental verzierten Stoffen und Kunstobjekten waren, die aus Japan oder dem fernen Osten importiert wurden. Die Freude am Ornament ist rund um die  Piazza Mincio an jedem Gebäude, an jeder Fassade erlebbar. Das macht auf jeden Fall Spaß. Aber Ornament und Verbrechen liegen sehr nah beieinander wie das Adolf Loos formuliert hätte. Genauso wie für Coppedè ist für Loos der Ursprung der Kunst die Erotik: „das erste Ornament, das geboren wurde, das Kreuz, war erotischen Ursprungs. Das erste Kunstwerk, die erste künstlerische Tat … ein horizontaler Strich: das liegende Weib. Ein vertikaler Strich: der sie durchdringende Mann.“

Dass Gino Coppedè diesen kargen Ursprung der Kunst mit seiner überborden gestalterischen Fantasie vertuschen musste, liegt in Rom natürlich auf der Hand.

Der Froschbrunnen im Quartiere Coppede in Rom.
Fontana della Rana, der Froschbrunnen
Relief mit assyrischem Löwen in Rom.
Assyrien und Mittelalter, Fabelwesen und Löwenkopf die Inspirationsquellen der Art Nouveau sind unerschöpflich

Zurück ins historische Zentrum

Lassen sich die Häuser in diesem Stadtviertel eigentlich von innen betrachten? Das ist nicht so einfach. Denn gerade auf der Piazza Mincio lässt sich ein sonderbares Verhalten der Hausbewohner und deren Besucher beobachten. Als ob sie fürchteten, ein unwillkommener Passant könnte einen Hauseingang betreten, ziehen sie die Türen nach dem Heraustreten ins Schloss. Beim Eintreten in ein Haus drücken sie die Eingangstür hinter sich zu.

Ich bin im Rücken von Monteuren, die hatten keine Hände frei, in einen Hauseingang geschlüpft. Dunkles Holz, dämmriges Licht und bemalte Wände. Sieht ein bisschen aus wie aus 1001 Nacht. Ziemlich gediegen. Aber draußen gefällt es mir deutlich besser und schon stehe ich wieder auf der Piazza Mincio vor dem Frosch-Brunnen. Die Frösche am Brunnenrand lassen mich spontan an den Schildkrötenbrunnen denken. Der steht im Ghetto von Rom. Auch das ist eine römische Oase. Da fahre ich jetzt mal hin.

Ich verdrücke noch ganz schnell ein Sandwich in einer Bar auf der Via Tagliamento, dann steige ich in den Bus der Linie 92 Richtung Piazza Venezia. Auf der Busfahrt denke ich darüber nach, was mir im Coppedè Viertel besonders gut gefallen hat. Einmal war es die Ruhe und die entspannte Atmosphäre. Im Quartiere Coppedè kann ich die Metropole Rom für einen Augenblick vergessen. Auf der Straße gibt es tatsächlich Normal Live. Römer, die zur Schule, zur Arbeit oder zum Arzt gehen. Sehe ich im Zentrum Roms auch eher selten. Aber besonders gut gefallen haben mir die verspielten, ausufernden und verrückten Häuser von Gino Coppedè. More ist einfach More :o)

Foyer eines Hauses im Quartiere Coppede in Rom.
1001 Nacht in Rom
Blick auf den Froschbrunnen in Rom.
Blick auf den Palazzo della Rana

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Service Quartiere Coppedè

Das Coppedè Viertel ist ziemlich bequem von der Stazione Termini, dem Hauptbahnhof, von Rom zu erreichen. Die Bus Linien 92 und 223 bringen dich zur Piazza Buones Aires, von dort ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß. Fahrtzeit zwischen 20 und 35 Minuten. Auf der Piazza Buones Aires kannst Du Dir noch die argentinische Nationalkirche Santa Maria Addolorata anschauen. Faszinierende Rekonstruktion einer frühchristlichen Kirche mit vielen bunten Mosaiken. Lohnender Besuch!

Für die Besichtigung und den Stadtspaziergang durch das Quartiere Coppedè solltest Du ca. 1,5 Stunden einplanen. Etwas zu Essen und zu Trinken findest Du in einer der vielen Bars an der Via Tagliamento. Wenn Du noch mehr praktische Rom Tipps suchst, dann sind 16 ultimative Rom Tipps bestimmt etwas für Dich.