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Quartiere Coppedè – Römische Oasen

Rom eine Stadt vollgestopft mit Antike, Barock, und Geschichten. Überfüllt mit knatterndem und hupendem Verkehr. Darf es auf Reisen auch etwas Entspannung geben? Ich habe mich auf die Suche nach römischen Oasen gemacht. Hier kommt die erste: das Quartiere Coppedè.

Nach meiner Rom Reise Anfang November surfe ich ein bisschen im Netz. Ich will meine schönen Tage in Rom nachbereiten und in Erinnerungen schwelgen. Das geht leider nicht, denn ich werde von Katastrophen Berichten überflutet. Ich lese über Korruption und Mafia Capitale. Über Ignazio Marino, einen Bürgermeister, der vom eigenen Rücktritt zurücktritt. Über das Heilige Jahr der Barmherzigkeit, das ab Ende November geschätzte 30 Millionen Pilger in die Ewige Stadt spülen soll. Über Möwen wie Raubtiere, die sich in Rom so entspannt breit machen, als sei die Ewige Stadt das Filmset für Hitchcocks Vögel. Ist Rom eine Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs?

Detail der Fassade vom Spinnen Palast im Coppedè Viertel

Die Spinne vom Palazzo del Ragno, dem Spinnen Palast im Coppedè Viertel

Detail des Eingangsbogen ins Quartiere Coppedè

Masken, Voluten, schwingende Leiber. Detail des Eingangsbogen ins Quartiere Coppedè

Rom im November? Sommer, Sonne, Super

Gibt es nur noch Chaos und Katastrophen in Rom? Kann ich nicht beurteilen. Sie stören mich auf jeden Fall nicht. Denn Anfang November ist Rom ganz einfach mal nur eines: richtig super! Ein verlängerter Sommer. Die Sonne scheint. Das Eis ist lecker. Ich laufe im T-Shirt durch die Stadt.

Klar, ein bisschen Gelassenheit und auch Geduld kann hilfreich sein. Denn auch im November ist Rom nicht nur Zuckerschlecken. Rom ist eine anstrengende, laute, manchmal überwältigend unüberschaubare Millionenstadt, irgendetwas läuft hier immer neben der Spur.

Gut also, dass es in Rom Oasen der Ruhe gibt. Nördlich des historischen Zentrums, etwas hinter der Villa Borghese und der rautenförmigen Piazza Buenos Aires zum Beispiel das Quartiere Coppedè. Das Coppedè Viertel ist ein kleines malerisches Märchendorf inmitten der gigantisch großen Stadt. Eine ganz und gar fabelhafte Überraschung! Allerdings ist der Besuch nichts für schwache Nerven.

Eingangsbogen in das Quartiere Coppedè

Hinter diesem Bogen liegt das Zauberreich des Gino Coppedè

Das Quartiere Coppedè – ein entzückendes Märchendorf in Rom

Damit das Coppedè Viertel nicht völlig von der trubeligen Mega-Metropole zermahlen wird, hat der Erbauer und Architekt Gino Coppedè sein Quartiere mit großen, turmbewehrten Palazzi und einem mächtigen Torbogen von der wogenden Großstadt abgeschirmt. Dieser Torbogen, in dem ein riesiger schmiedeeiserner Leuchter hängt, ist überhaupt das Wahrzeichen des Viertels geworden.

Gino Coppedè entpuppt sich schon am Eingang in sein Zauberreich als ein fantasiebegabter Tausendsassa des ausufernden Dekors und Kunsthandwerks. Sein Credo: more is more. Diese schlichte Weisheit lässt sich am Eingang ins Quartiere Coppedè nicht widerlegen. Was wird mich bloss hinter dem Torbogen erwarten?

Fassaden Detail am Eingang ins Quartiere Coppedè

Details von Fassaden im Quartiere Coppedè

Gertenschlanke Körper, knusprige Brüste und Busen. Gino Coppedè heizt seinen Fassaden kräftig ein

Die Fassaden seiner Häuser überzieht Gino Coppedè mit einem wuchernde Geschwurbel aus Gesimsen, Voluten, barocken Figuren und Malereien. Coppedè liebt mit Hingabe echt fette Putten, prall bestückte Obstkörbe und knusprige Busen an gertenschlanken Leibern. Das ist voll Porno! Richtig sexy Biester hat Gino Coppedè da an die Fassaden geklebt. Ein Hingucker reiht sich an den nächsten. Wegen der vielen kleinen nackten Putten käme heute allerdings der Jugendschutz.

Putten halten ein Schild. Fassaden Detail am Eingang in das Quartiere Coppedè

Dicke Putten gemalt auf Stuck. Fassaden Malerei im Quartiere Coppedè

Noch einmal dicke Putten. Dieses Mal halten sie Ranken. Fassaden Malerei im Quartiere Coppedè

Muss man mögen! Echt fetten Putten

Der Variantenreichtum an schwellenden Lippen, knospenden Münder und schlundweit aufgerissenen Mäuler offenbart Coppedés überbordendes Interesse an Oral-Erotik. Bei so einer Überbetonung des Oralen ist das Anale meist nicht fern. Und tatsächlich an der Fontana delle Rane, dem Frosch-Brunnen, werde ich fündig. Könnten Häuser vor Ekstase stöhnen, dann wäre es um die besinnliche Ruhe im Coppedè Viertel bestimmt geschehen. Über all der orgiastischen, üppigen Pracht läge ein hitziges Summen und Keuchen.

Frauenkopf. Fassaden Detail Quartiere Coppedè

Löwenkopf mit gefletschen Zähnen. Fassaden Detail Quartiere Coppedè

Griechische Theater Maske an einem Gesims. Fassaden Detail Quartiere Coppedè

Lippen, Münder, Mäuler. Das Orale zwischen Lust und Verzweifelung

Diese Sinnenfreude unterscheidet die Jugendstil- Architektur im Quartiere Coppedè von der zwanghaften Dekorationskunst eines Michael Eisenstein in Riga, über die ich in diesem Blog auch schon berichtet habe. Außerdem geht es im Jugendstil Viertel Quartiere Coppedè an manchen Stellen auch recht lustig und verspielt zu. Ich schmunzele über die Fonatana dalle Rane, den durchgeknallten Frosch-Brunnen. Richtig lachen kann ich über eine Raubkatze, gestrandet wie ein Bettvorleger, und die possierliche Elefantenschnecken. Sie beamen mich direkt auf die Biene Maja Memory Lane.

Detailansicht des Froschbrunnes im Quartiere Coppedè

Die Fontana del Rane, der Frosch-Brunnen.

Fensterrahmen mit Löwenkopf. Fassaden Detail im Quartiere Coppedè

Als Tiger gestartet als Bettvorleger gelandet. Das Schicksal der Raubkatzen Anfang des 20 Jahrunderts

Schnecken unterhalb einer Fensterbank. Fassaden Detail im Quartiere Coppedè

Tastend streckt sich ihr Gehörne | schwach nur ist das Augenlicht | dennoch schon aus weiter Ferne | wittern sie ihr Leibgericht.

Das Coppedè Viertel träumt einen süßen Dornröschenschlaf

Anders als auf der Elisabetha Iela in Riga stauen sich auf der Piazza Mincio, dem zentralen Platz des Quartiere Coppedè allerdings keine Gruppen von Touristen aus aller Welt, die den fantastischen Jugendstil kennenlernen wollen. Gruppen verirren sich selten hierher. Sie besuchen lieber die Mega-Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum. Dabei gibt es an Piazza Mincio die märchenhafte Feen-Häuser zu bewundern. Die Villini delle Fate. Sie sehen aus, als wären sie von einem Disney Fantasy Dreh übrig geblieben. Türmchen, Erker, kleine schräge Dächer, bunte Bemalung und Fensterchen in allen Größen und Formaten geben den Feen-Häusern ihr zauberhaftes Aussehen.

Hier wohnten bestimmt die guten Zauberinnen. In ihren kleinen behaglichen Stuben, wachen sie darüber, dass nichts Böses geschieht. Beim turmartigen Palazzo del Ragno, dem Spinnen-Palast schräg gegenüber bin ich mir nicht so sicher, wer da zuhause war. Die dicken Karren vor den Häusern, das akkurat gepflegte Grün, die Sichtblenden an den Gartenmauern erzählen davon, wer heute im Coppedè Viertel residiert. Richtig reiche und wichtige Leute!

Feen-Häuschen im Quartiere Coppedè

Türmchen, Erker und Kemenaten die Feen-Häuschen, Villini delle Fate, im Quartiere Coppedè

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Meistens fest verschlossen. Ein schneller Blick in den Feen Garten der Villini delle Fate

Vor den Villini delle Fate, den Feen-Häusern, treffe ich Magnus. Er ist Archäologe aus Kopenhagen und alleine in Rom unterwegs. Magnus ist sehr froh, die traurigen Trümmer auf dem Forum Romanum hinter sich gelassen zu haben. “Es ist schön, auch mal was intaktes außerhalb von Gruben und Löchern zu betrachten”, erklärt er mir. Tatsächlich ist Magnus ganz und gar begeistert. “Schau Dir doch mal an, wie viele Stile und Kulturen hier zusammen kommen”, fordert er mich auf. Aber er lässt mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zählt gleich selber auf.

Der verrückte Stil-Mix des Tausendsassas Gino Coppedè

Da ist die Romanik und der Barock. Da gibt es arabische Einflüsse. Dort wird Mittelalterliches aus Norditalien zitiert. Aber auch Langobardisches und Normannisches aus dem Süden ist zu finden. “Und da, schau doch mal, das ist doch tatsächlich ein assyrischer Löwe mit seinem geflügelten Körper“, freut sich Magnus über seine neuste Entdeckung. Es gibt wirklich so viel Wundersames im Quartiere Coppedè zu bestaunen. Das ist hier der große Spaß. Hinter jeder Ecke auf der Piazza Mincio, der Via Brenta oder der Via Dora lauert eine neue Überraschung. Also packt Magnus seine kleine Kamera aus und zieht weiter auf der Jagd nach noch abgefahreneren Motiven. Ob sich Gino Coppedè das genau so vorgestellt hat?

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Der Stil-Mix im Quartiere Coppedè: Mittelalter nostalgisch. Arabische Fensterrahmung. Assyrischer Löwe

Lassen sich die Häuser im Quartiere Coppedè von innen betrachten? Das ist nicht so einfach. Denn gerade auf der Piazza Mincio lässt sich ein sonderbares Verhalten der Hausbewohner und deren Besucher beobachten. Als ob sie fürchteten, ein unwillkommener Passant könnte einen Hauseingang betreten, ziehen sie die Türen nach dem Heraustreten ins Schloss. Beim Eintreten in ein Haus drücken sie die Eingangstür hinter sich zu.

Ich bin im Rücken von Monteuren, die hatten keine Hände frei, in einen Hauseingang geschlüpft. Dunkles Holz, dämmriges Licht und bemalte Wände. Sieht ein bisschen aus wie aus 1001 Nacht. Ziemlich gediegen. Aber draußen gefällt es mir deutlich besser und schon stehe ich wieder auf der Piazza Mincio vor dem Frosch-Brunnen. Die Frösche am Brunnenrand lassen mich spontan an den Schildkröten-Brunnen denken. Der steht im Ghetto von Rom. Auch das ist eine römische Oase. Da fahre ich jetzt mal hin.

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Ein Foyer wie aus 1001 Nacht

Blick auf die Piazza Micino mit den Frosch-Brunnen.Im Hintergrund der Palazoo del Ragno

Blick auf die Piazza Micino, den zentralen Platz der Quartiere Coppedè, mit den Frosch-Brunnen.Im Hintergrund der Palazzo del Ragno

Ich verdrücke noch ganz schnell ein Sandwich in einer Bar auf der Via Tagliamento, dann steige ich in den Bus der Linie 92 Richtung Piazza Venezia und Ghetto. Auf der Busfahrt denke ich darüber nach, was mir im Coppedè Viertel besonders gut gefallen hat. Einmal war es die Ruhe und die entspannte Atmosphäre. Im Quartiere Coppedè kann ich die Metropole Rom für einen Augenblick vergessen. Auf der Straße gibt es tatsächlich Normal Live. Römer, die zur Schule, zur Arbeit oder zum Arzt gehen. Sehe ich im Zentrum Roms auch eher selten. Aber besonders gut gefallen haben mir die verspielten, ausufernden und verrückten Häuser von Gino Coppedè. More ist einfach More :o)

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Reiter und Ornament hoch oben unten den Gesimsen

Service Quartiere Coppedè

Das Coppedè Viertel ist ziemlich bequem von der Stazione Termini, dem Hauptbahnhof, von Rom zu erreichen. Die Bus Linien 92 und 223 bringen dich zur Piazza Buones Aires, von dort ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß. Fahrtzeit zwischen 20 und 35 Minuten. Auf der Piazza Buones Aires kannst Du Dir noch die argentinische Nationalkirche Santa Maria Addolorata anschauen. Faszinierende Rekonstruktion einer frühchristlichen Kirche mit vielen bunten Mosaiken. Lohnender Besuch!

Für den Besuch des Quartiere Coppedè solltest Du ca. 1,5 Stunden einplanen. Etwas zu Essen und zu Trinken findest Du in einer der vielen Bars an der Via Tagliamento.