Grenzübergang Checkpoint Charlie im November 1989

Reisefreiheit adieu?

Im Jahr 1989 war Reisefreiheit das Wort des Jahres. Kurze Zeit später fiel der Eiserne Vorhang und Europa hatte plötzlich eine ganz neue Dimension. Keine 30 Jahre danach steht alles auf dem Spiel und viele finden das super. Ich nicht!

Wäre Europa ein Heißluftballon, er wäre im Sinkflug. Zumindest ist das das Bild, das gerade überall an die Wand gemalt wird. Zu viele Flüchtlinge, zu viel Terrorismus, und dass es ein Zuviel an Bürokratie gibt, darüber sind wir uns ja schon lange einig. Also schnell über Bord werfen, was uns zu Boden zieht: Asylrecht, offene Grenzen, Empathie, überhaupt diese ganze lästige Kultur der Gemeinsamkeit.

Die Folgen können wir jeden Tag in den Medien nachlesen. Eine rassistische Minderheit pöbelt sich durch Gazetten und soziale Netzwerke, im Namen der Sicherheit werden reihenweise Grenzen geschlossen und Europa mutiert zum Schimpfwort. Was das in einem Reiseblog zu suchen hat? Sehr viel, denn ohne Offenheit gibt es keine Freiheit und ohne Freiheit macht Reisen überhaupt keinen Sinn.

Es geht uns mit der Freiheit wie mit der Gesundheit: Erst wenn man sie nicht mehr hat, weiß man, was man an ihr hatte.

(Werner Finck, Kabarettist)

Sicherheit vor Reisefreiheit

Ein alltägliches Beispiel für die aktuelle Unkultur ist unser jüngster Osterurlaub auf Ouessant in der Bretagne. Wir waren wie immer mit der Bahn unterwegs und mussten, ebenfalls wie immer, in Paris umsteigen, mit denkbar geringem Zeitpuffer. Zum Glück war der Zug bis kurz vor Paris vorbildlich pünktlich. Doch dann hielten wir mitten auf freier Strecke und erreichten den Pariser Nordbahnhof mit mehr als einer halben Stunde Verspätung. Dort erlebten wir gleich die nächste Verzögerung: eine provisorische Passkontrolle. Dank einem Taxifahrer, der uns in Rekordzeit und zu einem Rekordpreis quer durch die Stadt zum Umsteigebahnhof Montparnasse chauffierte, konnten wir gerade noch auf den Anschlusszug aufspringen.

Später erfuhren wir den Grund der Zugverspätung: In Brüssel hatten gerade Sicherheitskräfte den Paris-Attentäter Salah Abdeslam gefasst. Unser Zug kam aus Brüssel. Also sagten die Franzosen erst mal stopp – seit den Terroranschlägen vom vergangenen November herrscht in Frankreich Ausnahmezustand – und richteten in aller Eile eine Passkontrolle ein. Erst dann ließen sie uns einfahren.

Eine Woche später, drei Tage nach den zwischenzeitlich verübten Brüsseler Terroranschlägen vom 22. März, näherten wir uns Paris erneut, diesmal von Westen. Die Umsteigezeit war komfortabel, und das war auch gut so, denn die Warteschlangen für unseren Anschlusszug via Brüssel nach Köln wurden immer länger. Der Grund: Aus der provisorischen Passkontrolle der Hinfahrt war nun ein kompletter Kontroll-Parcours inklusive Gepäck-Scanner geworden, wie sonst an Flughäfen.

Reisefreiheit adieu? Verschärfte Kontrollen am Pariser Nordbahnhof – Zustände wie am Flughafen Verschärfte Kontrollen am Pariser Nordbahnhof – Zustände wie am Flughafen

Reisefreiheit adieu? Verschärfte Kontrollen am Pariser Nordbahnhof – Zustände wie am Flughafen

Sicherheit vor Reisefreiheit, das war die Botschaft und alle fügten sich. In diesem konkreten Fall bedeutete das aber auch: Wenn du den falschen Reisepass hast oder die falsche Hautfarbe, kannst du einfach festgesetzt werden. Natürlich hatten wir mit Entsetzen die Nachrichten über die Brüsseler Anschläge verfolgt, aber war das hier verhältnismäßig? War es überhaupt sinnvoll?

Was mich wütend macht: Nach den Bluttaten von Brüssel war ständig die Rede von einem Anschlag auf die Mobilität. Und die Kontrollen? Schränkten die meine Mobilität nicht ein? Jedenfalls bewirkten sie nicht, dass ich mich sicherer fühlte, zumal sie sich allein auf Paris beschränkten – in Brüssel oder Köln scherte sich kein Mensch mehr um Pässe oder Gepäck.

Mir ist die gefährliche Freiheit lieber als eine ruhige Knechtschaft.

(Jean-Jacques Rousseau, Philosoph, Schriftsteller, Naturforscher)

Wo bleibt der Aufschrei?

Menschen sind vergesslich und wir Europäer bilden da keine Ausnahme. Was war das für eine Euphorie, als die Mauer fiel und Europa wieder zusammenwuchs! Endlich Reisefreiheit, endlich Schluss mit den totalitären Regimes vor der eigenen Haustür! Sogar vom „Ende der Geschichte“ war die Rede. Heute dagegen wird wieder ganz offen von Abschreckung gesprochen, als hätte es den euphorischen Aufbruch nie gegeben. Und die Mehrheit schweigt dazu.

Wie kann das sein? Ich habe noch erlebt, wie es sich anfühlte, in die damalige DDR einzureisen – die Kleinmacherei, die Demütigung, die Schikanen. Ich habe erlebt, was für eine Erleichterung es war, als die Kontrollen an den innereuropäischen Grenzen wegfielen, einfach so. Und ich habe mich an diese Reisefreiheit gewöhnt, genauso wie die Generation meiner Eltern, die zum Teil noch den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hat. Genauso wie die Jüngeren, die Europa nie anders als offen kannten. Das soll jetzt alles vorbei sein? Wofür? Und warum wehren sich so wenige dagegen?

Europa ist tatsächlich im Sinkflug, aber nicht, weil die Grenzen offen waren, sondern weil sie sich schließen. Verzweifelte Menschen auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und wirtschaftlicher Not werden immer einen Weg zu uns finden, und es ist ihr Recht, so zu handeln. Auch Extremisten lassen sich nicht durch Grenzkontrollen oder die ungezügelte Aufrüstung der Sicherheitsapparate stoppen. Wer das glaubt, gewinnt keine Sicherheit, er riskiert nur seine eigene Freiheit.

Ein Europa der Neinsager und Zäune führt zu mehr Leid an den Grenzen, ob die nun in Idomeni, am Brenner oder in der Türkei liegen. Und es führt zu einer kulturellen Verwahrlosung, die uns in längst überwunden geglaubte Zeiten zurückwirft. In so einem Europa will ich weder reisen noch leben.

Wenn ihr die Zäune bis zum Himmel baut: Wir werden sie überwinden.

(Alfa aus Mauretanien, Flüchtling am Zaun von Calais)