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Von Melbourne zur Great Ocean Road

Australien ohne die Great Ocean Road ist wie ein Sommer ohne Eiscreme. Von Melbourne aus ist das Naturspektakel mit dem Mietwagen in wenigen Stunden erreichbar. Was du auf diesem Kurztrip entlang der südöstlichen Küste keinesfalls verpassen solltest, berichten wir hier.

Was habe ich gelästert und gezweifelt vorher (LeserInnen des Beitrags über kaputt fotografierte Orte erinnern sich vielleicht). Und was bin ich unterm Strich doch froh sie erkundet zu haben, die Great Ocean Road. Against all odds. Das Timing ist gut, Ende Januar. Da ist der Höhepunkt der australischen Sommer Hauptsaison schon vorbei und auch das National Holiday bedingte lange Wochenende liegt hinter den Australiern. Kaum vorstellbar, wie voll es hier zur Peak Season sein muss.

Von Melbourne aus ist der Kurztrip entspannt in zwei bis drei Tagen machbar. Australier, die zum einen weniger Urlaubstage haben als festangestellte Deutsche und längere Entfernungen gewöhnt sind, machen die Great Ocean Road auch mal in 1 Tag mit 1 Übernachtung. Natürlich kann man die Gegend auch intensiv und wandernd erkunden. Um einen der Great Ocean Road Region Trails zu gehen, waren wir zu lange in Tasmanien. Es gibt auch Touren für (Rad)Wanderer, die dauern allerdings deutlich länger. Der Mann und ich wählen mit dem Kurztrip die mäßig entschleunigte Variante.

Die Great Ocean Road im Südosten Kontinental-Australiens reicht von der Surf Coast bis zur Shipwreck Coast. Sie wirft viel Licht und auch etwas Schatten auf die Faszination und unsere Rolle als Touristen.

Der Mietwagen in Melbourne ist flott eingesammelt. Beim Schwatz mit dem zuständigen Sachbearbeiter merke ich einmal mehr, die Aussies haben es einfach drauf.  Das richtige Tempo bei der Arbeit. Und eine Freundlichkeit, die aufrichtig wirkt, nicht antrainiert, und einfach ansteckend ist. Natürlich war er auch bei den Australien Open, VIP-Lounge, all-you-can-drink. In Melbourne scheint jeder jemanden zu kennen, der jemanden kennt und für diesen beliebten Großevent auch Tickets für enge Freunde und Verwandte raustut.

Sich über die Stadtautobahn rauszufädeln erfordert höchste Konzentration, das liegt aber eher am Berufsverkehr als an der ungewohnten Fahrseite. Zum Glück haben auch kleine Mietautos ohne viel fancy eingebaute Navigationsgeräte. Nach nur 1x verfahren sind wir auf dem richtigen Weg. Auf der M1 Richtung Torquay, dem offiziellen Einstieg zur Great Ocean Road. Die Entfernung zu den Twelve Apostles ist auf der Karte in Stunden und in Kilometern angegeben. Als wir uns auf die sich malerisch windende Straße entlang der Surf Coast einfädeln, verstehe ich, warum.

Kleine Menschen, große Felsen. Auch das ist Great Ocean Road pur.

Tag 1 – Melbourne bis Apollo Bay

Es geht sofort los mit den Sehenswürdigkeiten. Auf Anraten der freundlichen Dame in der Tourist Information stoppen wir zum Lunch  in Lorne. Der kleine Ort präsentiert sich eher niedlich als spektakulär, ein Küstenstädtchen mit Seepromenade, Fisch und Meeresfrüchten und Tiedenhub. Wir landen ganz klassisch im Lorne Pier Seafood Restaurant. Lecker.

Ein toller Spaziergang in Lorne, so barfuß durch Sand und über Stein. Auf dem Rückweg sind weite Teile der hier sichtbaren Fläche wieder bedeckt. Hochwasser.

Nach dem Essen und einer Runde über Teddys Lookout geht es weiter. Auf jeden Fall wollen wir am ersten Tag noch einen Blick auf die legendären Twelve Apostles werfen, die nicht weit entfernt von Apollo Bay liegen. Das Wetter ist launisch und schwül an diesem Januartag, es braut sich mächtig was zusammen.

Gestatten, das tollste Café in Apollo Bay: Das Hello Coffee. Es liegt etwas versteckt im Gewerbegebiet des beliebten Urlaubsortes. Die Betreiber brauchen schließlich auch Platz für ihre Rösterei und das Lager.

Die Lichtstimmung ist toll. Doch der Luftdruck fällt rapide. Und Wintergarten und Barbeque der tollen großzügigen Unterkunft in Apollo Bay locken auch. Hach, sogar die Gewitter sind schöner in Down Under. Könnte man sich als Reise-Romantiker zumindest einbilden… Im Great Ocean Road Brewhouse bei local Craft Beer sinnieren wir über dieses Phänomen später weiter nach.

 

Tag 2 – Apollo Bay bis Port Fairy und Tower Hill

Tag 2 an der Great Ocean Road. Nach dem Frühstück geht es wieder los, die Great Ocean Road entlang, weiter Richtung Westen. Die Küstenstraße macht an der südlichen Spitze von Cape Otway eine Abkürzung landeinwärts. Den Bogen ausfahren werden wir am dritten Tag. Denn die Ecke ist zu schön, um mal eben an ihr vorbei zu schrammen.

Heute geht es bis nach Port Fairy, und nach Tower Hill. Der Park, in dem wir Wildlife spotten und mehr über die Geschichte der Aborigines erfahren werden, liegt inmitten eines alten Vulkans. Von Apollo Bay aus misst die Strecke knapp 190 Kilometer. Und vor uns liegen viele szenische Stops.

Die Twelve Apostles bei Princetown und das Loch Ard Gorge bei Port Campbell sind nur einige der aufregenden Sandstein-Formationen, die der gesamten Küstenlinie ihr charakteristisches Erscheinungsbild verleihen. Auf der Karte, die wir uns zur Orientierung in der Touristeninformation geholt haben, sind überall Schriffswracks eingezeichnet. Kein Wunder, dass die ganze Küste Shipwreck Coast heißt.

Die beeindruckenden Steinformationen an der Great Ocean Road stehen für Wuchtigkeit und Vergänglichkeit zugleich. Der Sandstein verändert – natürlich zu langsam fürs menschliche Auge – beständig seine Struktur.

Es klingt selbst beim Schreiben komisch, das zu sagen, aber das häufige Stoppen und Weiterfahren empfinde ich als leicht nervig. Das ist einfach nicht die Art langsamen Reisens, bei der ein Flowgefühl entsteht. Wir bei jedem einzelnen Aussichtspunkte Ausschnitte dieser ungewöhnlichen Landschaft sehen, die zu schön sind um wahr zu sein. Und doch entsteht kein einheitliches Bild.

Ich bleibe hin und her gerissen, von Stopp zu Stopp. Zwischen Dankbarkeit und dem Wunsch, aus der langen Schlange derer auszuscheren, die sich immer wieder in dieser absurden Choreografie auf dem nächsten Parkplatz sammeln.  Alles Hotspot-Touristen, die gern Reisende und Entdecker wären. Wie ich. Und die sich spätestens ab der vierten Begegnung leicht zunicken oder bewusst aneinander vorbeischauen um die Illusion zu verlängern, dieses Spektakel fände nur für sie statt.

Die zuhauf fotografierten Bilder bleiben so lange stabil, bis eines Tages eine Brücke bricht, eine Felskappe fällt oder ein Loch vollends ausgespült zusammenbricht.

Noch vor Port Fairy verliert sich die Spur der stromlinienförmig Entdeckenden. Der kleine Fischer- und Hafenort entpuppt sich als hinreißend. Er markiert den Übergang von Shipwreck Coast zu Portland Bay. Malerische Architektur, süße Cafés und entspannte Bewohner. Das Tempo ist lässig und beim Spaziergang durch den Ort entsteht es: das fließende Gefühl angeregter Gegenwärtigkeit. Ein Schritt nach dem anderen, ein Moment nach dem anderen. Ich fotografiere sehr wenig. Lasse anderen Entdeckern noch was übrig, haha.

Der Hafen von Port Fairy.

Trotz Sommer, es wird zeitig dunkel. Also verabschieden wir uns nach ein paar Stunden von Port Fairy und fahren weiter nach Tower Hill. Das Areal wurde 1892 zum ersten Nationalpark im Staat Victoria ernannt. Die Besiedelung durch weiße Europäer machte der Idylle schnell ein Ende. Landwirtschaftliche Nutzung und Steinbrüche ließen keinen Raum für die friedliche, fürsorgliche und respektvolle Nutzung des Landstrichs durch die Native Australians.

Seit den 1960er Jahren geht man mit der Zeit und versucht selbige zurückzudrehen. Kontinuierliche Aufforstungsprojekte brachten schließlich auch die Tierwelt zurück. Heute wächst hier wieder „Buschlandschaft“ und Tower Hill ist bevölkert von Insekten, Schlangen, Vögeln und Koalas sowie einigen Emus.

Die Emus in Tower Hill scheinen von Parkbesuchern angefüttert worden zu sein. Sie nähern sich stolz, aber auffällig neugierig und wenig scheu. Ich finde sowas immer blöd. Überall steht aus gutem Grund: DO NOT FEED THE WILDLIFE.

Tag 3 – Cape Otway Lighthouse, Bimbipark und zurück

Seit 1848 steht es hier, 90 Meter über dem Punkt, an dem die Bass Strait und der Südliche Ozean aufeinander stoßen. Der berühmte Leuchtturm von Cape Otway, dem wenige Jahre darauf (1859) eine Telegrafenstation folgte. Nebenbei bemerkt die erste mit einem „submarine telegraph cable“.

Bei dem Seegang, der Küstenbeschaffenheit und dem hohen Schiffsaufkommen: Spitzenidee hier eine Lightstation hinzubauen. Aus der Zeit vor dem Leuchtfeuer vergammeln hier noch genügens ehemals stolze Schiffe auf dem Meeresboden.

Während ich das Gelände erkunde versuche ich mir vorzustellen, dass dieser weiße Turm das erste war, was viele europäische Auswanderer sahen, wenn sie nach monatelanger Schiffsfahrt aufs australische Festland zusteuerten. Es will nicht recht gelingen. Dafür stehen zu viele Autos auf dem Parkplatz.

Die alten Arbeitsräume und Unterkünfte der Leuchtturmwärter und ihrer Familien sind liebevoll in Museumsräume umgewidmet. Hier vermittelt sich der Eindruck, wie die Menschen hier damals gelebt haben, schon deutlich besser. Man kann hier sogar übernachten, in der sogenannten Lighthouse Lodge im Managers House. Reisende mit mehr Zeit starten von hier aus Tagestouren in den Busch und erkunden Natur und Tierwelt.

 

Cape Otways Lightstation, „Australia’s most significant lighthouse“. Tasmanien ist noch nicht sehen. Der Blick wirkt dennoch endlos weit an diesem klaren Tag.

Trotz Sonnenschein, der Wind pfeift ganz schön da oben.

 

Wir fahren weiter, in den Bimbipark, bevor wir die Rückfahrt nach Melbourne antreten. Die Geländebetreiber werben mit dem Slogan „Campen unter Koalas“. In der Tat hängen die Koalas hier in jedem zweiten Baum. Das führt dazu, dass die meisten Autos verwaist am Wegesrand stehen, während aufgeregte oder pseudocoole Besucher von unten mit den Kameras auf die niedlichen Hingucker zielen. Wir lassen uns natürlich anstecken und schließen diesen kleinen Roadtrip entlang der Great Ocean Road mit zwei süßen Suchbildern.

Service für die Great Ocean Road

Autovermietung Thrifty: Topp Preis-Leistungsverhältnis und guter, unkomplizierter Service. (Keine Strafzahlungen, wenn man nicht vollgetankt zurück bringt, Kulanz bei Rückgabe nach 18h).

Unterkunft in Apollo Bay: Nach dem Camping-Style in Tasmanien sollte es jetzt mal komfortabel und erschwinglich sein. Wir hatten Glück mit unserem AirBnB, super viel Platz, BBQ auf der Terrasse und einen Wintergarten, in dem wir den einzigen dramatischen Regenschauer der gesamten Reise entspannt erleben konnten. Auch kurzfristig finden sich gute Angebote.

 

Fotos: Frank Ringwald und Kirsten Kohlhaw.