Islandpferde

Sagenhaftes Island

Auf Island herrschen ganz eigene Naturgesetze. Vulkane kochen, Geysire springen, Quellen brodeln, darüber kapriolt das Wetter. Seit vielen Jahrhunderten versuchen die Isländer, sich darauf einen Reim zu machen – in der Sprache der Wikinger. Eine kleine Reisegeschichte über große Geschichtenerzähler.

Was für ein Setting! Moosgrüne Felsbrocken in alttestamentarischem Durcheinander. Dazwischen blassgelbes Sumpfgras, wie nasses Haar über Steine gekämmt. Der blanke Spiegel eines Sees, leise zitternd unter einer heraufziehenden Regenfront. In der Ferne blaue, gedrungene Berge vor tief stehender Sonne.

Wenn du das Wetter auf Island nicht magst, warte ein paar Minuten, sagt Astrid Gudmundsdóttir, eine alte Volksweisheit zitierend. Gudmundsdóttir, Gudmunds Tochter. So heißt man hier. Oder Gudmundson. Damit auch jeder gleich weiß, zu welchem Familienclan du gehörst. Seit Wikingers Zeiten ist das so.

 Parlament und Sagenschmiede

Wir stehen da, wo alles begann. Kein Denkmal, kein Gebäude erinnert daran. Hier baut nur die Natur, und sie tut es – wie immer auf Island – gewaltig. Unbeeindruckt von Fels und See, Sumpfgras und Wiesenschaumkraut schlägt sie eine Bresche durch die Wildnis: eine schroffe Basaltwand, so weit das Auge reicht, als hätten Trolle mit klobigen Händen eine Stufe ins Gelände geschlagen.

In Wahrheit, wenn es nach dem kurzen Gedächtnis der Menschen geht, ist dies die Nahtstelle zwischen alter und neuer Welt – jene tektonische Fuge, die langsam, aber stetig breiter wird, in demselben Maße, wie die Kontinentalplatten Eurasiens und Amerikas auseinanderdriften. Und genau auf dieser Grenzlinie, ohne sie als solche zu erkennen, errichteten die Wikinger ihren Thingvellir.

Ich stehe und staune. Hinter mir erhebt sich der Gesetzesberg: ein buckliger Hügel, Herzstück der Thingstätte und Schauplatz der ersten Basisdemokratie der Welt. Seit dem Jahr 930 strömten hier viele hundert Sommer lang die Isländer für je zwei Wochen zur großen Volksversammlung zusammen. Vor dieser Menge durfte – anders als bei den alten Griechen – jeder seine Stimme erheben, auch Frauen und Sklaven. Und natürlich die Sagendichter, für die Island so berühmt ist.

Island, grabenbruch zwischen Eurasien und Amerika

Ein Teil der aufgebrochenen Basaltwand, an der alte und neue Welt auseinanderdriften

Ein Volk von Dichtern und Geschichtenerzählern

Denn Freiheit und Unabhängigkeit waren den Isländern schon immer teuer, wenn es darum ging, sich einen Reim auf die Welt zu machen. Unabhängige Leute, so nannte Halldór Laxness, Literaturnobelpreisträger und größter isländischer Geschichtenerzähler des vergangenen Jahrhunderts, seinen poetischen Roman über das Island seiner Kindheit. Ein Island, das von einer Freiheit träumt, die mehr wert ist als die Deckenhöhe im Haus. Wo der geschwätzige Rotschenkel über dem Wiesenmoor seine lange und seltene Geschichte erzählt, hihihi tausend Jahre lang. Wo man sich schwächere Dichtungen als ringgereimte Vierzeiler nicht bieten lassen muss.

Jeaja. Manchmal ist in Island alles nur eine Frage der Betonung. Jeaja. Mit diesem Wort, erzählt Astrid Gudmundsdóttir, fängt morgens der Tag an und hört abends auf. Seine Bedeutung ändert sich mit dem Anlass. Beim Aufstehen kann es so viel heißen wie: Wer macht Kaffee? Zu anderen Gelegenheiten entspricht es am ehesten einem bedächtigen „tja, so ist das“. Aufbrechende begleitet es in steigender Intensität. Einmal gesagt, bedeutet es: Auf! Ein zweites Mal: Jetzt aber! Beim dritten Mal wird es wirklich ernst.

Zum Sprachgefühl kommt die Fantasie. Island schwimmt auf einem Meer von Sagen, Legenden, Anekdoten, Erinnerungen, Erscheinungen, Heldentaten. Das kommt, weil sich die Natur nicht in die Karten gucken lässt. Man weiß nie so recht, was als nächstes passiert: Oben kapriolt das Wetter, unten eine hitzige Unterwelt. Es wimmelt nur so von Vulkanen, der jüngste ist kaum zwanzig Jahre alt, und die Insel kocht und brodelt, als wäre sie ein Dampfkessel.

Island, Landschaft um den Thingvellier

Angeln am Grabenbruch: Auf Fischfang in der Nähe des Thingvellier („Ebene der Volksversammlung“)

Dieselbe Sprache wie vor 1.000 Jahren

Vielleicht hat der Hang zu wundersamen Geschichten auch mit den langen nordischen Wintern zu tun. Und mit der Sprache. Die ist nämlich original wikingisch, wie die Namen. Ich stutze. Dieselbe Sprache wie vor tausend Jahren? Jaeja, entgegnet Astrid Gudmundsdóttir, was wohl so viel heißen soll wie: Was denn sonst? Die Sprache der Dichter auf den Thingversammlungen? vergewissere ich mich noch einmal. Jaeja. Genau. Und auch – Gudmunds Tochter spinnt den Faden weiter – die Sprache der umherziehenden Vorleser, die Bauern und Gesinde in abendlicher Stube mit Sagen und Gedichten die Zeit verkürzten. Da ging es um furchtlose Recken und schaurige Ungeheuer, um den bösen Geist Kolumkilli und um die unsichtbaren Leute, die in den Bergen wohnen und so leben wie die Menschen, nur ohne Schatten und Umriss.

Islands Natur steckt voller Gespenster

Das klingt so wundersam wie vieles auf Island. Oder grenzt es etwa nicht an Zauberei, dass der Strokkur seine kochend heiße, rund 20 Meter hohe Wasserfontäne genau alle drei Minuten gen Himmel schießt? Der Strokkur ist der kleine Bruder des Geysir, Namenspatron aller heißen Springquellen weltweit. Seine gespenstische Zuverlässigkeit versetzt täglich Wagenladungen von Touristen in ungläubiges Staunen.

Woher sollen die Besucher auch wissen, dass Island dicht bevölkert ist von lichtscheuen Wesen aller Art, wohl- und übel wollenden? Früher hatten sie überall ihre Finger im Spiel: Sie machten das Wetter, ließen den Wasserfall Gullfoss brausen, hockten in den heißen Quellen der Blauen Lagune, brauten schweflige Dämpfe zusammen und ließen die Erde beben. Dann kam – keine hundert Jahre ist das her – der Fortschritt, und er kam so übergangslos, dass die Isländer vom Pferderücken direkt ins Flugzeug sprangen, wie Astrid Gudmundsdóttir sagt.

Island, Gullfoss

Der Gullfoss („Goldener Wasserfall“) im südisländischen Haukadalur-Tal wäre fast einem Kraftwerk zum Opfer gefallen. Seit 1979 steht er unter Naturschutz.

Gedichte auf Milchtüten

Ihre Herkunft haben die Menschen deshalb nicht vergessen. Auf Island mit seinen 325.000 Einwohnern, rechnet Astrid vor, gibt es mehr Märchen als in Deutschland, und gemessen an der geringen Bevölkerungszahl werden mehr Bücher geschrieben und verkauft als irgendwo sonst. Sogar die Steine reden hier, behauptet sie. Jedenfalls bei den Knochentanten sei das so.

Knochentanten heißen die pyramidenförmig aufgeschichteten Steinmale, die überall auf Island herumstehen als verwitterte Wegweiser in karger Landschaft. Ihre Ritzen sind voller abgenagter Knochen mit eingekerbten Gedichten. Einstige Wanderer haben sie hinterlassen, wenn sie beim Picknick die Einsamkeit überfiel oder die Muse küsste oder beides.

Die alten Knochen haben ausgedient. Das heißt nicht, dass sich an dem Grundbedürfnis der Isländer nach Poesie etwas geändert hätte. Sogar Milchtüten tragen hierzulande Gedichte. Denn die Muse küsst noch immer! Überall! Alle!

 

Auf einen Blick

Die Isländer sind vom Pferderücken direkt ins Flugzeug gesprungen, so schnell kam der Fortschritt über sie. Das ändert nichts daran, dass sie große Geschichtenerzähler sind, vielleicht die größten Europas. Bis heute sprechen sie die Sprache der Wikinger. Sie hilft ihnen dabei, die wundersamen Kapriolen zu erklären, die die Natur Islands tagtäglich vor ihnen aufführt. Der Reisebericht geht dem nach und führt ganz nebenbei zum Schauplatz der ersten Basisdemokratie der Welt.