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Saint-Malo – Wanderbares Küsten-Idyll

Wer hätte gedacht, dass der Ärmelkanal so karibisch leuchten kann? In Saint-Malo ist das so. Die alte Korsarenstadt ist ein Glücksfall für Kurzurlauber. Schlendern, shoppen, bretonisch schlemmen, malerische Küstenlandschaften unsicher machen, am Strand Krebse suchen – Saint-Malo macht alle froh!

„Allemands?“ fragt er mich mitfühlend. „Deutsche?“ „Oui, Allemands“, bejahe ich mit französisch noch ungelenker Zunge. Wir haben zehn Stunden Autofahrt hinter uns, buchstäblich durch Nacht und Nebel. Irgendwann verflüchtigte sich die Nacht, der Nebel blieb. Mittlerweile ist es Mittag, die verwinkelte Altstadt von Saint-Malo empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein.

Mit dem Auto durch die schönen, engen, mit Kopfstein gepflasterten Gassen zu fahren ist eigentlich grober Unfug. Wir können es nicht ändern – unsere Ferienwohnung liegt mitten im historischen Stadtkern. So wollten wir es haben. Aus der ebenfalls geplanten Zuganreise dagegen wurde leider nichts: Wer sich kurzfristig zu einem Urlaub entschließt, zahlt saftige Ticketpreise. Zu saftig für uns. Also bleibt nur das Auto.

Wir strecken die Glieder und suchen die Hausnummer. Die Adresse liegt in einer Art Hinterhof, durch den aber ein schmales Sträßlein führt. Mit unseren Vermietern hatten wir vereinbart, dass wir sie zwecks Wohnungsübergabe anrufen, sobald wir da sind. Aber wie lautet noch gleich die Vorwahl von Frankreich? Wir kommen nicht drauf und notiert haben wir sie auch nirgendwo.

Umwerfende Gastfreundschaft

Vor dem Nachbarhaus steht ein Pritschenwagen mit Rigipsplatten. Die zwei, die ihn entladen, sehen aus wie Mutter und Sohn. Sie versorgen uns mit der gewünschten Vorwahl und lassen uns gleich auch ihr Handy benutzen, als sie sehen, dass wir mit unseren Geräten am französischen Mobilfunknetz scheitern. Erst danach kommt, ohne jede Aufdringlichkeit, die Frage nach unserer Herkunft: „Allemands?“

Die unkomplizierte Art der Malouins, der Einwohner von Saint-Malo, vergoldet den Ankunftstag. Statt der raubeinigen Korsaren, die die Stadt einst groß gemacht haben, begegnen wir ganz und gar friedfertigen und extrem hilfsbereiten Menschen. Das ergraute Vermieterehepaar, das uns mit bescheidenem Stolz durch die einladende Ferienwohnung führt, will sogar die Parkgebühren für uns übernehmen – die hätten sie bei der Buchung nicht erwähnt. Wir protestieren höflich, aber bestimmt. Ersatzweise überlassen uns die beiden ihre Anwohner-Parkkarte und erklären uns genau, zu welchem Büro wir gehen müssen, um sie aufzuladen. Dort angekommen taucht bei den ersten sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten ein freundlicher junger Mann auf, der uns durch eine Glastür zu einem Vorführ-Parkautomaten bittet. Langsam und geduldig erklärt er uns, was wir alles zu beachten haben, wo wir die Parkkarte einführen und welche Knöpfe wir drücken müssen. Alles Weitere ist ein Kinderspiel.

Allein unter Franzosen – was für ein Glück!

Nach kaum drei Stunden steht für uns fest: Saint-Malo ist ein Glückstreffer. Die Hafenstadt ganz im Osten der Bretagne bietet sich für einen Kurzurlaub geradezu an. Sie ist übersichtlich, familienfreundlich, hat historisch jede Menge zu bieten und eignet sich ideal als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung. Selbst auf die britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey ist es nur ein Katzensprung. Und wer zentral wohnt, braucht nicht mal ein Fahrzeug – unseres haben wir bis zur Abfahrt nicht bewegt. Die salzige Meeresluft, die schönen Strände, das wunderbare Essen und bemerkenswert gastfreundliche Menschen tun ein Übriges, um hier einen ganz und gar entspannten und autofreien Urlaub zu verbringen.

Natürlich gehört auch das nötige Quäntchen Glück dazu. Wir haben es gleich mehrfach. Sieben Tage lang logieren wir in einem der alten prächtigen Stadthäuser, denen man nicht anmerkt, dass Saint-Malo im Zweiten Weltkrieg zu mehr als 80 Prozent in Trümmern lag. Vom Küchenfenster geht der Blick durch eine Gasse bis zur Stadtmauer mit dem Meer dahinter. Im weichen Licht des Abends wäre es keine allzu große Überraschung, wenn plötzlich Burt Lancaster mit seinem Zahnpasta-Lächeln als „Der rote Korsar“ aus dem Schatten der Häuser träte.

Glück haben wir auch mit der Jahreszeit. Im Sommer ist Saint-Malo fest in Touristenhand. Jetzt hält sich das, besonders unter der Woche, sehr in Grenzen. Sogar das Wetter spielt mit. Die See, ganz untypisch, steht glatt und unschuldig da. Dabei rollen hier zweitweise die höchsten Brandungswellen Europas gegen die Festungswälle der Altstadt an. Noch kurz vor unserer Ankunft, erzählen die Vermieter, wussten Stadtmauer-Spaziergänger oft nicht, was sie mehr durchnässte: die schäumende Gischt oder der strömende Regen. Wir dagegen können zusehen, wie die Sonne die letzten Wolken vertreibt und die Menschen mit ihren frühlingshaften Temperaturen an die Strände lockt. Englisch oder gar Deutsch hören wir kaum – die meisten Besucher sind Franzosen.

Saint-Malo, Krebse suchen am StrandIMG_2450

Saint-Malo, Krebse suchen am Strand

Bunker im Landschaftsidyll

Saint-Malo liegt am Ärmelkanal in einer weiten Bucht, die von Pleubian im Westen bis zum weit ins Meer vorgeschobenen Cherbourg im Norden reicht. Eine Bucht weiter östlich – Richtung Le Havre, also schon in der Normandie – ereignete sich am 6. Juni 1944 mit der alliierten Invasion die größte militärische Landungsaktion der Geschichte. Dass der verlustreiche Durchbruch durch den massiv befestigten deutschen „Atlantikwall“ noch weitere schwere Kämpfe entlang der Küste nach sich zog, ist weniger bekannt.

Wir stoßen darauf eher zufällig. Zwar reisen Lee Millers Kriegsreportagen und ihre Beschreibung von der Belagerung Saint-Malos im Gepäck mit, doch wer heute von Saint-Malo zum noblen Seebad Dinard wandert, hat eher die landschaftliche Idylle im Sinn als vergangene Kriegsgräuel. Der Weg führt von der Porte de Dinan nach Süden am Hafen vorbei und rund um die Plage des Bas-Sablons, in deren Bucht Hunderte meist kleinerer Segelboote dümpeln. Sie liegt im Schutz einer Halbinsel, die den Stadtteil Cité d’Alet beherbergt. Dort, in dem gallo-römischen Dorf Alet, nahm die örtliche Besiedlung ihren Anfang. Im Zweiten Weltkrieg ging von diesem Ort die größte Bedrohung aus.

Der Grund dafür ist leicht zu erraten: Die Halbinsel ist von Land aus nur über einen schmalen Zugang zu erreichen und von ihrem nordwestlichen Zipfel umfasst der Blick das gesamte Küstenpanorama: von den Festungsmauern Saint-Malos im Norden über die vorgelagerten, ebenfalls befestigten Inseln und die breite, fjordartige Flussmündung der Rance bis nach Dinard am gegenüberliegenden Flussufer. Die deutschen Besatzungstruppen bauten den strategisch wichtigen Platz zur waffenstarrenden Bunkeranlage aus. Massive Betonmauern, von Granaten zerschossene Maschinengewehrhorste und zerstörte Flugabwehrgeschütze verleihen dem Ort eine bedrückende Atmosphäre. Das Mahnmal erinnert an die vielen Opfer, die die Nazigewaltherrschaft in der Region gefordert hat. Dabei bleibt die Dramaturgie erstaunlich zurückhaltend.

Dass die Zerstörungen so wenig sichtbare Spuren hinterlassen haben, ist dem raschen Wiederaufbau nach dem Krieg zu verdanken. Die Verbissenheit, mit der sich die Deutschen in und um Saint-Malo verschanzten, ließ den Alliierten zuletzt keine andere Wahl, als das historische Zentrum zu bombardieren. Doch schon 1947, früher als anderswo, begann man, das alte Stadtbild wiederherzustellen. Heute stehen die herrschaftlichen Reederhäuser mit ihren hohen Granitfassaden da, als hätte sie nie eine Brandbombe berührt. Trotzdem ist es heilsam, bei allem Entzücken über diesen Urlaubsort dessen dunkelstes Kapitel nicht zu vergessen. Das macht das Staunen über die Gastfreundschaft der Malouins noch größer – sie gilt für Deutsche ebenso wie für alle anderen.

Saint-Malo, Mahnmal gegen die Nazigewaltherrschaft

Saint-Malo, Mahnmal gegen die Nazigewaltherrschaft

12-Meter-Fluten und jede Menge Teilzeit-Inseln

Das Staunen ist überhaupt unser ständiger Begleiter. Einmal beobachten wir ein paar Jugendliche an einem Meerwasserschwimmbad. Die Flut strömt gerade herein, und sie strömt wirklich gewaltig. Binnen Minuten macht sich die See über Mauern und Treppen des Schwimmbeckens her, versenkt sie unter lautem Gurgeln und dem Gejohle der wahrscheinlich ersten Badenden in diesem Frühjahr. Die Gewalt der Wasserbewegungen erklärt das Gezeitenkraftwerk, das sich quer über die breite Mündung der Rance spannt. Bis 2011 war es das Kraftwerk bei Saint-Malo das größte seiner Art weltweit. Ein Tidenhub von bis zu zwölf Metern beschert ihm eine Jahresgesamtleistung von 240 Megawatt – das entspricht der Kapazität von 300 herkömmlichen Windrädern und reicht aus, um eine Stadt mit 150.000 Haushalten mit Strom zu versorgen.

Die ausgeprägten Gezeiten sorgen dafür, dass sich der Verlauf der Küstenlinie ständig ändert. Mal breiten sich die Strände zu gewaltigen Sandflächen, mal klatscht das Wasser direkt an den Fuß der Stadtmauern. Bei Ebbe fallen regelmäßig zwei Saint-Malo dicht vorgelagerte Inseln trocken. Auf der einen erhebt sich das Fort National, auf der anderen das Fort du Petit Bé. Dort auf den Felsen herum zu klettern, nach Meeresgetier zu suchen und sich dabei vorzustellen, dass das Wasser in wenigen Stunden alles verschluckt, ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Einmal beobachten wir eine Schulklasse auf der Jagd nach Krebsen. Mit von der Partie ist ein gehbehindertes Kind, das vorsichtig durch die Felsen am Fuß der Festungsklippen geführt wird und großen Spaß dabei hat. Der Rollstuhl steht vergessen ein paar Meter weiter im feuchten Sand.

Zwischen Petit Bé und Strand schiebt sich der Buckel Grand Bé. Auch er verwandelt sich bei Flut in eine Insel. Die einzigen Befestigungsanlagen – martialische Bunkerruinen – stammen von den Deutschen. Erwähnenswerter ist eine Grabanlage, deren schmuckloses Granitkreuz aufs offene Meer blickt. Einen eingravierten Namen sucht der Spaziergänger vergebens. Dennoch ist es kein Geheimnis, wer hier liegt: der Romancier François-René de Chateaubriand, bewundert von Victor Hugo und anderen namhaften französischen Literaten, dank seinem kreativen Chefkoch überdies Namengeber eines raffiniert filetierten Steaks und wahrscheinlich Saint-Malos berühmtester Sohn. Gleich hinter ihm in der Rangliste verdienter Malouins folgen Jacques Cartier, der 1534 Kanada entdeckte, und Robert Surcouf, als Korsar der Schrecken britischer Handelsschiffe und einer der Stars unter Napoleons Kapitänen.

Saint-Malo, Das Fort Petit Bé bei Ebbe

Saint-Malo, Das Fort Petit Bé bei Ebbe

Abschied von Saint-Malo mit Muscheln

Seefahrt, Meer, Korsaren: Maritimer als Saint-Malo könnten eine Stadt und ihre Geschichte gar nicht sein. Was der Ort seltsamerweise vermissen lässt, sind Muscheln und Austern. Dabei ist die Küste ostwärts in Richtung Mont Saint-Michel berühmt für ihre „Moules“ und „Huîtres“ . Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir essen ausgezeichnet in Saint-Malo! Crêpes und Galettes (die bretonisch-salzige Variante) sind kulinarische Markenzeichen der Region und bringen vor allem die Kinder ins Schwärmen. Aber Chateaubriand heißt eben ein Steak und nicht ein Fisch oder sonstiges Meeresgetier, und Muscheln oder Austern sind in den örtlichen Lokalen eher die Ausnahme. Gewisse Bedeutung hat eine passierte Fischsuppe, die aber eher als Kochzutat taugt und im Supermarkt in Plastikflaschen verkauft wird.

Am letzten Tag kommen wir doch noch in den Genuss fangfrischer Huîtres. Auf dem Rückweg nach Hause machen wir einen Abstecher zur Landspitze Pointe du Grouin. Zu Füßen der steil ins Meer abfallenden Felsen funkelt es „karibisch“ – ein Abschiedsgruß der Côte d’Emeraude, der Smaragdküste, zu der auch Saint-Malo gehört. Das Farbschauspiel kommt uns noch immer unwirklich vor, hier am Ärmelkanal, gleich um die Ecke der grau-blauen Nordsee.

Gerade noch pünktlich zur Mittagszeit erreichen wir Cancale, landesweit eine der ersten Adressen für Austernzucht. Muscheln, Schnecken, Makrelen, Sardinen: Während wir unser Meeresfrüchte-Tableau genießen, ziehen an uns mehrfach Anhängerladungen mit Austernkörben vorbei. Die Delikatesse lockt an Wochenenden Gourmets von weither an, sogar aus der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt kommen sie hierher. Cancale ist bestens darauf vorbereitet, eine ganze Heerschar von Restaurants säumt die Hafenpromenade.

In Cancale sehen wir zum letzten Mal das Meer. Noch Wochen später vermissen wir das Geschrei der Möwen.

Landspitze Pointe du Grouin bei Saint-Malo

Landspitze Pointe du Grouin bei Saint-Malo