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Nordsee Segeln 1/2 – Watt’n Meer!

Eine Woche segeln im niedersächsischen Wattenmeer. Ein Nordsee-Törn als Wechselbad aus Sonne und Regen, Ebbe und Flut, Sturm und Flaute, Wassersport und Landgang, Entspannung und Adrenalin. Dieser Reisebericht macht es wie das Watt und pendelt gelassen zwischen den Extremen mit.

Teil 1 – Der Jadebusen

Das Wattenmeer. Watt’n Meer. Vor dieser Reise war mir der Jadebusen genauso fremd wie die Tiroler Alpen. Die Meeresbucht zwischen Unterweser und ostfriesischer Halbinsel ist gar nicht so weit weg von meinem Heimatland Schleswig-Holstein. In der kommenden Woche werde ich diesen wunderbaren Lebensraum von einer neuen Seite aus kennenlernen. Nämlich als Crew der Kyle of Lochalsh, eines gutmütigen und stabilen, ca. 10m langen Zweimaster-Stahlbootes mit Ketsch-Takelung aus den 1970er Jahren.

Gezeitengewässer zu segeln ist nichts für Anfänger. Der Mann und ich sind Anfänger. Darum bewegen wir uns in der Obhut eines erfahrenen Skippers durch Nebenfahrwasser und Priele, teils mit nur wenigen Dezimetern Wasser unterm Kiel. Segeln in der Deutschen Bucht und im Wattenmeer der Nordsee hat oft mehr mit höherer Mathematik zu tun als mit Sport.

Das „mittlere Hochwasser“ kann man getrost vergessen, ist nur ein fiktiver Wert. Wichtigste Berechnungsgrundlage neben Windrichtung und Windstärke ist der Mond. Er steuert die Höhenunterschiede zwischen Nippflut und Springflut. Das schmale Fahrwasser erlaubt wenig Kreuzschläge. Wenn der Wind ungünstig steht und man nicht ungeplant trockenfallen will, bleiben die Segel auch mal im Sack und man fährt ganze Passagen unter Motor.

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Ein geschenkter Tag auf Norderney – ein Tag wie ein Geschenk. Besonders die sonnige Dünenlandschaft mit ihren kecken Wolkenspielen.

Die Anreise – Entschleunigung auf Ostfriesisch

Wir reisen in zwei Etappen an. Das Auto überlassen wir den Parkplatzwärtern in Norddeich, dem Fährhafen nach Norderney. Das ist praktisch, weil wir die Kyle of Lochalsh am Ende unserer gemeinsamen Woche auf Norderney verlassen werden. Weniger praktisch ist die Weiterreise einmal quer durch die Landkreise Aurich und Wittmund auf der anderen Seite des Jadebusens nach Butjadingen. Die Strecke Norddeich – Fedderwardersiel, für die der Routenplaner mit dem Auto 1:52 Stunden berechnet, dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln ganze fünfeinhalb (!) Stunden mit zweimal Umsteigen.

Anfangs gefällt uns die Idee, schon auf dem Weg zum Boot einen Gang runterzuschalten. Das ändert sich, als die großzügig geplanten Umsteigezeiten durch diverse Verspätungen zu Zeitfenstern zusammen schmelzen, die auch für 400m-Läufer spannend sind. Wir haben genau zwei Minuten, um mit unseren sechs Taschen und Rucksäcken vom Bahnhof in Nordenham auf den Vorplatz zu sprinten und die Bushaltestelle zu finden. Wir werfen uns japsend in den Bus. Geschafft. Wir sitzen. Es ist der letzte Bus des Tages. Vor 18 Uhr, wohlgemerkt, das nenne ich konsequent ländliche Infrastruktur. Die Dörfer werden immer kleiner, die Bebauung luftiger, die Flächen weiter. Ich kann das Wasser schon durch die geschlossenen Busfenster riechen.

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Abendstimmung kurz nach dem Ablegen vor Fedderwardersiel in Richtung Hooksiel.

Auslaufen in die Abenddämmerung

Mit Skipper Gerd und seiner Freundin Chris essen wir frittierten Fisch mit Fritten am einzigen Kiosk des Feddersieler Hafens. Dazu ein erstes Briefing. Wasserstand, Windstärke und Windrichtung. Wenn wir zügig aufbrechen, können wir es noch vor ablaufend Wasser durch den Priel nach Hooksiel schaffen. Na denn man to.

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So sieht es aus, unser schwimmendes Zuhause für die nächste Woche. Die Kyle of Lochalsh. Hier in ihrer gesamten Pracht.

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Nordsee-Segeln bei Sonnenschein.

Doch die Abfahrt muss warten, wir haben Wasser im Boot. Und zwar ganz schön viel. Keine 10 Sekunden nach dieser beunruhigenden Entdeckung steckt der Skipper in Arbeitsmontur kopfüber im Motorraum. Und keine 10 Minuten später ist der Schlauch, der durch – ich nenne es einmal Schmodder und Gedöns – verstopft war, wieder frei. Die Pumpe kann ihre Arbeit machen und wir sind frei. Mac Guyver wäre sicher vor Neid erblasst. Ich bin einfach nur begeistert. Und, wenn ich in meine grandiose Zukunft als Weltumseglerin denke, ein wenig besorgt. Denn anscheinend muss, wer ein Boot führen will, auch ein begnadeter Schrauber sein. Doch darüber mache ich mir später Gedanken, jetzt wird abgelegt.

Leinen lösen, seitlich abfendern, rausdrehen. Die Fender verstauen, Leinen aufschießen. Und schon schippern wir dahin. Sind augenblicklich Teil dieser frischen Weite, einer tröstlichen Übermacht, die ich so nur auf dem Meer erlebe. Während ich genug damit zu tun habe, mit der Fülle an Eindrücken umzugehen, geht der Mann gleich beherzt ans Ruder. Macht sich mit GPS, Kartenplotter und Echolot vertraut und steuert uns in die Dämmerung hinein. Wir haben Zeit verloren und wenig Wasser unterm Kiel. Die Uhr tickt. Doch ein bisschen Segeln muss sein. Mit gesetztem Vorsegel, der Fock, rutschen wir gerade so über die flachste Stelle im Watt, bevor das Wasser geht – und die Dunkelheit kommt.

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Diese tolle Nachtstimmung, das Bild stammt aus Horumersiel, hatten wir uns auch für unsere erste Nacht auf der Nordsee gewünscht. Doch in Hooksiel war alles duster. Aber so richtig.

Als wir in Hooksiel ankommen, ist die Nacht schon da. Die Schleuse nicht mehr besetzt, auch sonst niemand da. Wir machen im Vorhafen an dem Greenpeace Schiff Beluga II fest. Auf dem schwimmenden Labor, das Flüsse und Küsten abfährt um den Wasserverschmutzungen zu messen, ist alles still. Irgendwie ein bisschen unheimlich. Kaum habe ich das gedacht, wird es richtig gruselig. Aus der stillen Dunkelheit, die nur durch das rhythmische Schlagen der Fallen am Mast unterbrochen wird, rollt langsam ein Auto heran.

Es bremst ab, und beschleunigt wieder, bremst erneut. Dreht eine Runde, Licht an, Licht aus, Licht wieder an. Drogenschmuggler? Menschenhändler? Ich hab noch keinen dieser Inselkrimis gelesen, die sich so großer Beliebtheit erfreuen, doch vielleicht erlebe ich gerade einen? Nein, doch kein Krimi. Vielmehr erinnert mich das, was sich hier abspielt, an eine Szene aus Ulrich Seidls Hundstage. Dort demütigt ein junger Unsympath seine Freundin auf dem Dach eines Wiener Parkhauses.

Auch hier betritt jetzt eine junge Frau die Szene. Greift nach der Beifahrertür des Wagens, doch das Auto fährt los, von ihr weg. Sie geht zur Seite. Der dunkle BMW wendet, fährt mit Vollgas auf sie zu – und bremst kurz vorher ab. Jetzt werde ich nervös. Wir liegen im Päckchen in zweiter Reihe, ich komme nicht auf die Beluga II, geschweige denn an Land. Das Schauspiel setzt sich fort. Ein Teil der Szene bleibt verdeckt, der Wind zerfetzt die Sätze der beiden in konfettikleine Teile. Als ich gerade zum Telefon greife, um die Polizei zu rufen, lässt der Mann die Frau einsteigen und das Auto verschwindet wieder von der Bildfläche. Ich glotze noch ein wenig in die Dunkelheit, doch jetzt ist alles ruhig. Auch der Wind lässt nach. Nur die Nacht starrt stumm zurück.

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Segeln und Radfahren passen gut zusammen. Zumindest, wenn man so flotte Klappräder an Bord hat.

Am nächsten Morgen müssen wir früh aufbrechen, wenn wir um 10h in Varel im Südwesten des Jadebusens ankommen wollen. Skipper Gerd erklärt uns, wieso. Das Vareler Sieltor öffnet nur zu bestimmten Zeiten, die man beim Hafenmeister erfragen kann. Der Wasserstand auf beiden Seiten des Tores muss in etwa gleich sein, sonst drückt entweder das ganze Salzwasser ins Hinterland oder, auch nicht schön, das ganze Süßwasser fließt raus. Das leuchtet uns so sehr ein, dass wir sogar das Frühstück auf später verschieben. In Varel werden wir von einer schmucken Marina empfangen. Mild ist es, sehr wohltuend nach der etwas klammen Nacht. Wir packen die Klappräder aus und fahren zum Bäcker. Das späte Frühstück wird so üppig, dass wir die Reihenfolge Sightseeing und Nickerchen spontan umdrehen.

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Häshtäg PastorRobbe? Im Hof der Schlosskirche von Varel stoßen wir auf diesen Seehund..

Am Nachmittag drehen wir dann eine Runde durch den Ort. Ich hab ein Déja vue, denn diese Kleinstadt sieht irgendwie genauso aus wie mein Geburtsort. Ich beschließe, die typischen Absonderlichkeiten einer deutschen Kleinstadt zu ignorieren und stelle scharf auf die Schlosskirche. Die ehemalige Petrikirche wurde im 12. Jahrhundert erbaut und steht heute unter Denkmalschutz. Die Ausstattung? Üppig! Auch die Orgel ist richtig groß. Im Hof stoßen wir dann auf Pastor Robbie. Die Gemeinde hat Humor. Wir umrunden den kleinen Kerl und bestaunen besonders den QR-Code auf seinem Talar. Bevor wir noch etwas Lustiges entdecken, kehren wir lieber an Bord zurück und kochen uns was Feines.

Grau in Grau in Wilhelmshaven

Dass es in Wilhelmshaven bei unserer Ankunft grau ist und regnet, finde ich passend. Die Innenstadt ist so rührend hässlich, da kann auch die liebe Sonne nicht viel ausrichten. Der deutsche Marinestützpunkt aus Kaiserzeiten (1. dt. Kriegshafen an der Jade) lebt durch die Marine und starb im zweiten Weltkrieg auch durch sie. Nach seiner Wiederauferstehung dreht sich heute wieder alles um die Seefahrt: Niedersachsenbrücke (Kohlehafen), Marinestützpunkt Heppenser Groden, Westhafen, Zwischenhafen, Großer Hafen, Arsenalhafen, Bauhafen, Ausrüstungshafen, Nordhafen, Neuer Vorhafen und den Containerhafen Jade-Weser-Port. Und sicher habe ich noch welche vergessen.

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Vor dem Marinemuseum in Wilhelmshaven treffen wir einen Verwandten von Gollum, der sich das Schmuddelwetter mit Schnecke auf dem Kopf zu versüßen versucht. Speien muss er trotzdem…

Der Jade-Weser-Port, Deutschlands Seehafen mit der größten Tiefe, scheint nach schwieriger Anlaufzeit nun endlich in Schwung zu kommen. Hoffentlich lässt das die Stimmen verstummen, die nach wie vor fordern, man müsse die Elbe ausbaggern und immer mehr immer größere Containerschiffe mitten nach Hamburg hinein (!) bringen… Leute, die denken, man könne einfach so ein ohnehin schon stark frequentiertes Gewässer immer weiter ausbauen, vertreten sicher auch die Ansicht, Fracking sei eine sichere Sache.

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Tüchtig Wellengang vor Wilhelmshaven. Im Bild die imposante Löschbrücke.

Am nächsten Morgen werde ich um 4h früh von Baggergeräuschen und dem typischen Pieps-Pieps-Pieps geweckt, das rückwärtsfahrende Baufahrzeuge machen. Auch die Arbeiter richten sich nach den Gezeiten. Sie arbeiten an der Nassaubrücke. Wenn ich das richtig verstanden habe, wurde ihr vorgelagerter Ponton vor einiger Zeit von einem Boot gerammt. Sieht aus, als wäre es ein etwas größeres Exemplar gewesen.

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Die Nassaubrücke in Wilhelmshaven. Hier ohne Ponton – dafür mit Baustelle.

Wir verlassen Wilhelmshaven und setzen über nach Horumersiel. Heute bin ich am Ruder, der Mann kümmert sich um den Segeltrim, der Skipper guckt nach Tonnen. Ich weiß nicht wie er es macht, aber er erkennt auch bei Regen und Sturm stecknadelgroße Tonnen in grauer Gischt. Ich nenne ihn Adlerauge. Und Supertonnengucker. Wo waren wir? Horumersiel. In der Marina ist so kurz vor Saisonende richtig viel los. Das Wochenende ist in Sicht und das Wetter spielt mit. Bei unserer Ankunft gibt es noch vereinzelte Schauer mit heftigstem Platzregen. Einer erwischt uns fast auf dem Weg in den Ort. Wir retten uns unter das Dach der Gemeindeverwaltung.

Tags darauf ist es dann alles schick und viele der Boote, die hier noch faul rumliegen und einfach nur gut aussehen, werden sich später in einer Art Kette durch den Priel in Richtung Wangerooge bewegen. Interessanterweise gehört die östlichste und nach Baltrum zweitkleinste der bewohnten Ostfriesischen Insel, historisch betrachtet gar nicht zu Ostfriesland, sondern zum friesischen Jeverland. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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Für ein richtiges Wimmelbild sind bereits zu viele Boote aufgebrochen, aber schon ein schicker „Parkplatz“, finde ich.

In Teil 2 verlassen wir den Jadebusen und erleben Abenteuer auf den Inseln – und dazwischen. Besuchen Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog und Norderney. Geraten in eine biblisch anmutende Fliegenplage und begegnen Seehunden. Echten diesmal, so ganz ohne Talar.