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Siena – Supergrundrecht Sicherheit

Palio, Fahnenschwinger und Contraden. Das ist Siena. Täglich erfüllen Sienas Bürger mittelalterliche Traditionen mit neuem Leben. Aber ist das zukunftstauglich? Für Politiker weltweit vielleicht schon. Manche scheinen Ratschlägen zu folgen, die Ambrogio Lorenzetti den Sienesen vor gut 700 Jahren gab. 

Siena ist eine Stadt mit tiefen Wurzeln im hohen Mittelalter. Enge gewundene Gassen, keine Bürgersteige und keine Autos. Meistens jedenfalls. Wuchtige Paläste mit dicken Festungsmauern, ganz weit oben winzige Fenster mit gotischen Spitzbögen und fein ziselierten Säulchen. Wappen mit Halbmonden bekrönen abweisende Portale. Die Erbauer dieser Festungen haben fantastische Namen: Piccolomini, Salimbeni oder Tolomei. Sie waren schon während der Kreuzzüge aktiv. Und einige von ihnen prügelten sich im Jahre 1260  in der Schlacht von Montaperti mit den Florentinern. Dieses grausame Gemetzel zwischen den rivalisierenden Städten Florenz und Siena, scheint noch heute im kollektiven Gedächtnis eingebrannt zu sein. Denn am 4. September gelingt es den Sienesen, den Florentinern ordentlich auf die Mütze zu geben.

Das älteste Bankhaus der Welt, die Monte dei Paschi die Siena, ist seit 1472 hier zuhause. Aber der Lack ist ab. Über ein halbes Jahrtausend häuft die Monte dei Paschi Reichtümer an. Im 21. Jahrhundert genügen 3 Jahre Finanzkrise, um dieses Vermögen zu verbrennen. Trotz Staatsknete kommt die Bank nicht auf die Beine. Auch der Palio di Siena, das mittelalterliche Pferderennen zu Ehren der Jungfrau Maria, gerät wegen Tierquälerei immer wieder in Kritik. „Darf man Pferde quälen für eine Volksbelustigung” fragen die Kritiker. “Beim Palio geht es um Tradition und Identität. Auf Tierschutz wird geachtet” sagen die Befürworter.

Schaukasten mit einem Foto des Palio von Siena

Soziales Netzwerk oder Mittelalter Karneval?

Widersprüchlich auch das Urteil über die 17 Contraden. Contrade das sind Nachbarschaftsgemeinschaften. Den Nebeln des Mittelalters entsprungen, haben sich die Contraden und ihre Organisation bis in die Gegenwart gerettet. Solche Traditionen gibt es heute ununterbrochen nur noch in Siena. Die Contraden haben niedliche Namen: Adler, Raupe, Schnecke, Eule und so fort. Im Stadtbild sind sie omnipräsent. An jeder Ecke sehe ich ihre Flaggen, Kapellen, Taufbecken und Symbole. Sogar die Grenzen zwischen den einzelnen Contraden sind markiert. Auf der Piazza Mercato kicken die Jungs nach der Schule keine verrosteten Blechdosen. Die Ragazzi schwingen farbenfrohen Fahnen ihrer Contraden in Formation. Sie zeichnen damit komplizierte Figuren in die Luft, werfen die Fahnen hoch in den Himmel, tänzeln dadrunter her und fangen sie mit Leichtfüßigkeit wieder auf. Damit beim nächsten Palio jeder Griff sitzt. Üben, üben, üben.

Für die einen sind die Contraden der gesellschaftliche Kitt Sienas. Sie garantieren funktionierende soziale Netzwerke, eine sorgenfreie Jugend ohne Drogen und eine niedrigere Kriminalitätsrate als anderswo. Für die anderen sind diese Gemeinschaften aus der Zeit gefallen, altertümliche Sozialkontrolle. Ein küngeliges Interessengeflecht im mittelalterlichen Gewand.

Siena Stadtbild mit Rathausturm
Ich komme aus Berlin. In meinem Mehrfamilienhaus in Kreuzkölln hört die Nachbarschaft schon ein Stockwerk unter mir auf. Noch nicht einmal auf meiner Etage könnte ich von Gemeinschaft sprechen. Ein “Hallo“ im Treppenhaus, das wars. Deswegen kommt mir die Idee der Contrade, einer Gemeinschaft mitten in der Stadt ziemlich merkwürdig und fremd vor. Aber irgendwie hört sich das auch verlockend an: eine Gemeinschaft, ein Ort, Menschen und Geschichten zu denen man deshalb gehört, weil man hineingeboren wird. Ist das Heimat?

Piazza del Campo: der schönste Platz der Welt

Die Contraden organisieren den Palio. Der Palio findet auf der Piazza del Campo statt. Dem halbkreisförmigen mit Ziegelsteinen gepflasterten Platz im Zentrum Sienas, der sich wie eine Muschel oder wie ein griechisches Theater nach Süden absenkt. Am tiefsten Punkt des Platzes steht das Rathaus, der Palazzo Pubblico. Auch der aus roten Ziegelsteinen mit gotischen Fenstern und einem ziemlich hohen Rathausturm. Ohne Zweifel ist die Piazza del Campo einer der schönsten Plätze der Welt. Am frühen Morgen ist der Platz fast menschenleer. Am Vormittag füllt er sich nach und nach mit Touristen, die den Palazzo Pubblico von außen bestaunen und sich über den Palio und die Regierung der 9 informieren lassen.

Siena Palazzo Publico an der Piazza der Campo

Die legendäre Regierung der 9, also neun Stadträten, wirkt in Siena gut 70 Jahre. Bis sie 1355 in den Wirren nach der großen Pest untergeht. Ihr verdankt die Stadt den neuen Dom, das tolle Rathaus und die Pflasterung der Piazza del Campo im Fischgrät-Muster. Davon profitieren die Reisenden noch heute. In der Mittagszeit, wenn die Sonne die Ziegelsteine aufgewärmt hat, legen sich viele Besucher auf den Platz und machen Picknick mit Pizza auf der Hand und Coca Cola. Eine lockere, entspannte Atmosphäre. Wie ist das bloß im Hochsommer, wenn sich hier zig tausende Zuschauer dichtgedrängt stehen, um das Palio Spektakel im Juli oder im August mitzubekommen?

Mittagspause beim Rat der 9

Mir wird es jetzt im Mai schon zu heiß. Ich mache meine Mittagspause lieber hinter den dicken, kühlen Mauern des Palazzo Pubblico und schau mich ein wenig um. Über eine moderne Treppe steige ich ins Obergeschoss hinauf. Nach einem riesigen Postkartentisch halte ich mich links. Plötzlich stoße ich auf die erste Person in diesem ansonsten unbelebtem Stadtpalast. Die Wärterin. Als sie mich sieht, sagt sie: “NO FOTO!” und dann nichts mehr. Aber als traute sie der Autorität ihrer Worte nicht, folgt sie mir auf Schritt und Tritt, damit ich mich ja an diese Anweisung halte. Es gibt kein Entkommen.

Ein Saal im Palazzo Publico von Siena

So bin ich in diesen riesigen Sälen wenigsten nicht allein. Die Räume haben beeindruckend hohe Holzdecken. Bedeutende Künstler pinseln zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert alle Wände mit Gemälden in Freskotechnik voll. Überall bunte Bilder! Ganze Epochen und Weltereignisse ziehen an mir vorbei. Eine endlose und prächtige Bilderflut strömt auf mich ein und spült mich aus der Gegenwart ganz weit fort in die entfernten, angestaubten Gefilde der Geschichte und komplizierten Namen.

Fresko im Rathaus von Siena mit dem Handschlag von Teano

Ich werde Zeuge des legändären Handschlags von Teano zwischen Giuseppe Garibaldi und Vittorio Emanuele II, mit dem die Staatswerdung des modernen Italiens beginnt. Es gibt Schlachtszenen, in denen die Venezianische Flotte den Kaiser Barbarossa besiegt oder Guidoriccio di Fogliano die Festung Montemassi belagert. Simone Martini hat eine ganze Wand mit der zauberhaften Jungfrau Maria im Kreise von Heiligen gefüllt. Die blasse Catarina von Siena lächelt verzückt von einem Pfeiler. Der wortgewaltige Bußprediger Bernardin mümmelt in seinen zahnlosen Mund. Aber damit nicht genug. Der Höhepunkt kommt ja noch!

Ausschnitt aus dem Maesta Fresko von Simone Martini in Siena

Die gute Regierung – ein Bild der Superlative

Am Ende des Rundgangs wartet die Sala dei Nove, der Saal der 9. Hier hat Ambrogio Lorenzetti, ein Gemälde der Superlative hinterlassen. Die gute Regierung. Ein irrer Name! Was für ein utopisches Versprechen! Der erste profanen Bilderzyklus der Kunstgeschichte. Klar, wieder waren es die 9, denen wir dieses Bild verdanken. Ambrogio malt, damit ihr Regime in einem besonders günstigen Licht erstrahlt. Public Relations pur. Die funktioniert noch heute tadellos. Wenigsten bei den Stadtführern stehen die 9 ganz hoch im Kurs, sie berichten tagein, tagaus von ihnen. Damit auch der Letze kapiert, wie sehr Siena von der 9 profitiert, hat Ambrogio die Konsequenzen der schlechten Regierung in düsteren Szenen auch noch an die Wand gebracht. Didaktischer gehts nimmer.

Fresko von Ambrogio Lorenzetti mit der Guten Regierung in Siena

Gute Regierung heißt vor allem Gerechtigkeit. Ambrogio malt die Personifikation dieser Tugend gleich zweimal. Einmal sitzt die Justizia rechts auf einer Richtbank im Kreise anderer tugendhafter Frauen. Sie hält ihr mächtiges Richtschwert aufrecht. Auf ihren Knien wackelt der abgeschlagene Kopf eines Verbrechers hin und her. Auf der linken Seiten hat die Justizia eine Solo-Show. Auf einem Thron. Über ihr die Waage, mit der sie als soziale Gerechtigkeit die Strafe und als ausgleichende Gerechtigkeit die Belohnung zuteilt. Beide male schaut mir die Gerechtigkeit direkt ins Auge, als ob sie mich prüfe. Ich kenne die Justizia mit einer Wickel vor den Augen, damit sie ohne Ansehen der Person richten kann. Und mit einer Augenbinde finde ich sie auch viel besser.

Siena Palazzo Publico Fresko der Gerechtigkeit

Transparenz oder Geheimnistuerei?

Aber in Siena schaut die Gerechtigkeit ganz gründlich, gleich zweimal hin. Und plötzlich bekommt das Bild einen ganz neuen, einen aktuellen Sinn. Die gute Regierung das ist mit einem Mal der Überwachungsstaat. Der hinschau, abhört, mitliest. So wie heute die amerikanische NSA, der deutsche BND und Internet-Giganten wie Google oder Facebook. Und das alles im Namen des Supergrundrechts Sicherheit oder der Transparenz. Hoch über den Stadttoren Sienas, das von der guten Regierung gelenkt wird, malt Ambrogio die Allegorie der Sicherheit. Sie garantiert ungestörte Reisen auf dem Land, blühenden Handel in der Stadt und glückliche, zufriedene Stadtbewohner, die sich vergnügen, lernen, arbeiten.

Gleich gegenüber lässt sich inspizieren, welche Auswirkungen die schlechte Regierung hat: Alles verdorrt, zerfallen, zerstört. Puh, da möchte man nicht leben. Über dem Stadttor schwingt Timor, die Angst, ihr grausames Schwert. Sicherheit oder Angst. Ordnung oder Chaos. Transparenz oder Verbergen. Das sind schlichte, alternativlose Argumente, die hier visuell ausgetauscht werden.

Fresko der Schlechten Regierung von Ambrogio Lorenzetti in Siena

Mir kommen diese Argumente so gegenwärtig, so heutig, so gerade eben erst gehört vor. Das macht mich stutzig. Kann es sein, dass Politiker am Anfang des 21. Jahrhunderts ihren Bürgern, den gleichen Schmarrn vorsetzen, den sienesische Lokalpolitiker vor fast 700 Jahren, im tiefsten, dunkelsten Mittelalter in diesem Kämmerlein schon mal aufgetischt haben? Es sieht verdammt danach aus.

Fresko mit der Angst aus dem Palazzo Publico Siena

Ambrogio hat in einer Ecke eine Stadtansicht Sienas gemalt. Ich erkenne die Domkuppel und den Turm. Ein Stadttor ist zu sehen. Es ist die Porta Romana. Die Via Francigena, die Frankenstraße, führt von diesem Tor Richtung Süden durch die Hügel der Crete nach Rom. Ambrogio konnte die Porta Romana und die Crete sehen, wenn er aus dem Fenster der Sala dei Nove nach draußen schaute. Ich schiebe den schweren Vorhang ein wenig zur Seite und schaue auf rote, bemooste Ziegeldächer. Die Porta Romana kann ich nicht entdecken. Aber ganz in der Ferne erkenne ich die schweren Lehmhügel der Crete. Sie sind nicht mehr grau und ocker wie zu Zeiten Ambrogios. Moderne Landwirtschaft und Bewässerung haben sie fruchtbar und saftig grün gemacht. Es gibt also Fortschritt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Siena Fresko von Ambrogio Lorenzetti