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Souvenirs – blingbling oder voll out?

Wenn fast alles überall erhältlich ist, wenn die Einzigartigkeit des Reisens nur noch im subjektiven Erleben liegt, wieso shoppen wir heute noch auf Reisen? Was kaufen wir und welche Bedeutung haben Souvenirs? Wir stellen Fragen nach der Funktion von Reise-Erinnerungen.

Souvenir (das) – ein kleiner Gegenstand, den man im Urlaub kauft und der einen an die Reise erinnern soll.

Trophäe (die) – nicht käuflich erworben / von Muscheln, Steinen und Standgut bis zu Gebäude- oder Mauersplittern. Doch Vorsicht: Ausfuhrverbote für die örtliche Flora und Fauna beachten.

Devotionalien (die) – Gegenstände, die der Andacht (lat. devotio – „Hingabe“, „Ehrfurcht“) und der Förderung der Frömmigkeit dienen sollen, wie etwa Kreuze, Kruzifixe, Rosenkränze, Heiligenfiguren und -bildnisse, Ikonen, Andachtsbilder und die kleinen Skapuliere und Medaillen, wie etwa die Wundertätige Medaille.

Merchandising (das) – alle Maßnahmen, die den Verkauf eines Produktes fördern

Das letzte und einzige Souvenir meiner jüngsten Reise nach Prag geht gerade beim Getränke Hoffmann über den Tresen. Als Pfand. Ganz klaglos, und das, obwohl die in Tschechien hergestellte Staropramen Bierflasche einen Hauch anders geformt ist und auch einen anderen Verschluss hat als die, die hier verkauft werden. Ist das schlicht niemandem aufgefallen oder sind im Glasrecycling solche Feinheiten heute egal?

Wenn ich ehrlich bin, war die Flasche, von der ich mich nun stumm verabschiede, eher Reiseproviant als Souvenir. Eine fünfstündige Fahrt im Euro City macht halt auch durstig. Der Mann und ich haben im Supermarkt des Einkaufszentrums in Smichov noch gewitzelt. Tschechisches Bier! Nehmen wir uns ein paar Fässchen mit! Uns vorgestellt, wie wir die Fässer vor uns her rollend, die Koffer vollgestopft mit Karlsbader Oblaten und anderen Naschereien, über den Bahnsteig gen Heimat rumpeln. Stattdessen so leichtes Gepäck, nichts davon. All das Zeug gibt es ja auch daheim.

Die steinernen Figuren des Heiligen Wenzel, des Heiligen Norbert und Heiligen Sigismund blicken aus sicherer Distanz auf die Souvenirs-Hölle auf der Prager Karlsbrücke.

Die steinernen Figuren des Heiligen Wenzel, des Heiligen Norbert und Heiligen Sigismund – hier finster im Gegenlicht – blicken aus sicherer Distanz auf die Souvenirs-Hölle auf der Prager Karlsbrücke.

Souvenirs in Zeiten globalisierten (Online-)Handels

Warum shoppen wir noch auf Reisen? Wie funktioniert produktgebundene Erinnerung heute? Eine Zugfahrt von Prag nach Berlin ist nicht nur lustig, sondern in jedem Fall auch lang genug, sich Fragen wie diese durch den Kopf gehen zu lassen. Ob das tschechische Bier dabei hilfreich ist oder nicht, werden wir sehen.

Fakt ist – Das Souvenir ist heute immer noch Symbol und allzu menschliches Konsum-Bedürfnis.

Eine steile These vorweg. Leute, die gern auf Reisen shoppen, sollten nicht in großen Städten leben. Sind Großstädte für Reisende und Entdecker als Wahlheimat nicht total langweilig? Schließlich ist die ganze Welt schon da. Lebt in Spezialitätenläden, Motto- oder Länderrestaurants, internationalen Spätis oder Pop up Stores. Nischen haben hier schlicht mehr Platz, das Exotische verbrüdert sich mit dem Einheimischen zu einem neuen globalisiert durchwirken „Normal“.

Wer auf Reisen vor Ort einkauft, unterstützt „die lokale Wirtschaft“. Bei Konstrukten wie den marokkanischen Arganöl-Kooperativen sogar Personen, die gesellschaftlich schlechter gestellt sind oder wenig andere Möglichkeiten haben, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und selbstbestimmt zu leben. Ein guter Grund. Doch exportieren auch immer mehr dieser kleinen Manufakturen und Koops mittlerweile international oder haben Online-Shops. Vom Kostenfaktor her macht es kaum mehr einen Unterschied, wo man die Waren bezieht. Sich über die Qualität der für den Export bestimmten Waren zu erkundigen, ist in jedem Fall hilfreich. Da gibt es je nach Produkt und Herkunftsland immense Unterschiede. Manche Länder exportieren die Premiumware und behalten den Durchschnitt, manche handhaben es genau umgekehrt.

Wer will, kann also in der Großstadt mit dem Fahrrad losziehen und sich mit marokkanischen Gewürzen, neuseeländischem Honig, karibischem Rum oder Karlsbader Oblaten eindecken. Selbst ein Fässchen tschechisches Bier ließe sich noch im Fahrradkorb vertäuen. Wer nicht will, oder nicht kann, bestellt sich heiß Geliebtes, doll Vermisstes oder dringend Benötigtes aus fernen Ländern einfach nach Hause.

Auf dem Land läuft das, soweit ich bei Besuchen in der alten Heimat mitbekomme, schon lange genau so. Da war Online-Shoppen schon normal, als ich noch nicht im Traum dran dachte.

Ob Stadt oder Land. Auch Gummistiefel aus Porzellan kann man sich sicher liefern lassen. Ich denke an die Prager Design Objekte, die ich im Art Shop von Obecni Dům sah. Alles in diesem Geschäft ein klarer Fall von „sehen – haben!“. Hätte ich alles kaufen können, für einen Moment. Doch dann ist der Moment auch schon wieder vorbei. Fotos als Eye Candy. Das meiste Zeug muss ich nicht haben, mir reicht, zum Glück, ein Bild.

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Auch landestypisches Kunsthandwerk gehört zur Familie der Souvenirs. Wobei Schlüsselanhänger und Kühlschrankmagneten sicher häufiger verschenkt werden als Gummistiefel aus Porzellan. Diese hier stehen im Art Shop des Obecni Dum in Prag.

Typische Souvenirs bewegen sich gern an der Grenze zum Kitsch. Auf welcher Seite der Grenze des geschmackspolitisch Erträglichen liegt sicher im Auge des Betrachters. Ich persönlich finde das meiste ganz schön gruselig. Von der ästhetischen Anmutung bis hin zu den Produktionsbedingungen. In Prag sind es beispielsweise kleine Golems, Modeschmuck oder der ganze Art Deco Krempel in den üblichen Darreichungsformen: Becher, Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten, T-Shirts und allerlei Staubfänger fürs heimische Regal. Immer noch die erste Wahl bei Verlegenheitsgeschenken für Verwandte und Bekannte? Man kann sich einen Spaß daraus machen. Wenn man sowas lustig findet. Ernst zu nehmen ist die Souvenirbranche in jedem Fall als Wirtschaftsfaktor. Innerhalb der Tourismusindustrie generiert sie verlässlich Milliardenumsätze. Bling bling.

Nicht alles ist aus billigem Glas und Plastik. Schmuck-Souvenire gibt es auch in hochpreisig. Zum Beispiel böhmisches Kristallglas, echtes Kunsthandwerk, oder tschechischer Granat. Vielen meiner Generation vielleicht aus dem Nachlass ihrer (Ur)Großmütter bekannt. Vor meinem Besuch in Prag war mir gar nicht klar, dass der blutrote Edelstein aus dem Egertalgraben „typisch tschechisch“ ist. Tschechischer Granat ist eine Marke. Und wie viele Marken nicht gefeit vor billigen Imitaten und offensiven Fälschungen. Wie man als Laie die Echtheit nachweisen kann? Schwierig. Gern wird auf Echtheitszertifikate verwiesen. Die natürlich auch gefälscht sein können.

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In Prag kann man an allen Ecken und Enden tschechischen Granat kaufen. Ob man mehr Angst hat vor gefälschtem Schmuck oder gefälschten Zertifikaten ist sicher Typsache.

Vielleicht Tonträger? Was zum Hinstellen und zum Angucken. Zum sich Erinnern und auch nützlich. Ein sinnliches Erlebnis obendrein. Weil der Mann so musikversessen ist, lande ich auf jeder gemeinsamen Reise in den örtlichen Plattenläden. In Prag ist es Bontonland. In einer kleinen Passage am Wenzelsplatz, deren schmalen Eingang man leicht übersehen kann, führt eine Rolltreppe zu einem Untergeschoss direkt in ein musikalisches Universum.

Das Bontonland ist ein Erlebnis. Ich glaube, ich war noch nie in einem so großen Musikgeschäft. Haben die den ganzen Wenzelsplatz unterkellert? Wenn ich mich beim Umrechnen von Tschechischen Kronen in Euro nicht vertippt habe, kosten die CDs hier umgerechnet ein paar Euro weniger als bei uns. Für die Vinylpreise habe ich kein so gutes Gespür. Ich liebe Vinyl, aber es liebt mich nicht. Jede Platte, die ich je gekauft habe, war schon vorm ersten Auflegen zerkratzt. Also CDs.

In Chile erwarb ich einstmals sogar eine Musikkassette der DOORS, auf deren Hülle sämtliche Songtitel in Spanisch geschrieben standen. Light my fire oder vielmehr: Enciende mi fuego, entzündet noch heute mein Feuer der Erinnerung. In Prag sind die Cover alle international gestaltet. Und seit dem Ende des Sozialismus gibt es auch mehr als ein Label. Ich kaufe trotzdem: nichts.

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In der Klassikabteilung des „Bontonland“ in Prag erinnert dieses Schild noch an die vergangene Alleinherrschaft von Supraphon. Auch nach der Öffnung der Märkte ist es immer noch das größte tschechische Schallplattenlabel.

Entzauberte Souvenirs

Nach der Rückkehr aus Chile traf er mich erstmals und völlig unerwartet, der Pisco-Effekt. Vor Ort sorgte der Weinbrand, um dessen Herkunftsbezeichnung Chile und Peru lange gerungen haben, dafür, dass ich auf einmal fließend spanisch sprach. Phänomenal. Egal wohin man ging, alle tranken das Destillat aus Traubenmost, Pisco Sour war der Longdrink schlechthin. Zurück in der Heimat schmeckte das Zeug dann nur noch eklig. Und beim Spanisch sprechen half es auch nicht mehr. Unter Italienreisende soll es analog den Limoncello-Effekt geben. Habe ich gehört.

Die nachträgliche Enttäuschung geht natürlich auch mit nicht-alkoholischen Dingen… Zum Beispiel im Urlaub gekaufte quietschbunte Fummel, die doch so perfekt mit dem Licht und den Farben des Urlaubsortes harmonierten und zuhause im Schrank verrotten. Auch Speisen oder Songs sind nicht gefeit davor, sich fern ihrer angestammten Umgebung schnöde entzaubert zu finden.

Und auch das Gegenteil ist möglich. So manches Ding, von außen als entbehrlicher Tand bezeichnet, verklärt sich mit der Zeit. Wird immer begehrlicher, strahlender, wird mit immer mehr realitätsfernen Projektionen überfrachtet. Bis jeder Gedanke an das abwesende Begehrte einen seufzen lässt: „Ach hätte ich doch bloß zugegriffen!“ oder „Wo ist denn nur…?“

Ungestillte Sehnsüchte nach fernen Souvenirs

Wieso ich mir in Neuseeland keine Nippelwärmer aus Opossum-Fell gekauft habe? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil damals Sommer war? In vielen Berliner Wintern hätte ich sie gerne ausprobiert. Ja, Opossums sind auch niedlich und Tieren das Fell abzuziehen ist keine schöne Sache. Zu Opossums sei an dieser Stelle dreierlei gesagt. Sie wurden vor langer Zeit von europäischen Siedlern eingeschleppt, vermehren sich seither wie bekloppt und haben einen beachtlichen Appetit. Am liebsten fressen sie das Laub gesunder Bäume. Besonders die letzten beiden Gründe sind verantwortlich dafür, dass sie den neuseeländischen Baumbestand ernstlich bedrohen. Daher werden sie down under ganz pragmatisch und mit sportlichem Ehrgeiz gejagt. Diesem Umstand hat die neuseeländische Souvenirindustrie eine völlig neue Produktpalette zu verdanken. Und geht sehr kreativ damit um.

Wenn wir noch kurz in Neuseeland bleiben, muss ich eine weitere grenzwertige Erfahrung teilen. „Tītī Soap“, also Creme und Seife aus Sturmtauchern. In Southland, genauer der Gegend um Steward Island, dürfen die Muttonbirds (auf Maori: tītī) traditionell und nur von den Rakiura Maori gejagt werden. Rakiura ist der Maori Name für Stewart Island und heißt so viel wie „Land of the Glowing Skies“. In Anbetracht der Regenbogendichte über Stewart Island ist das fast noch untertrieben. Das Fleisch der Muttonbirds wird als äußerst schmackhaft bezeichnet. Ich selbst habe es nicht gegessen. Doch sowohl Seife als auch Creme können wahre Wunder bewirken. Und ich bin sehr traurig, dass meine Bekannte Kat, die aufgrund ihrer Maori-Heritage jahrelang an der zwischen 1. April und 31. Mai stattfindenden Jadgsaison teilgenommen hat, diese Produkte nicht länger herstellt und vertreibt.

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Die beste Seife, die ich jemals hatte. Und erst die Creme. Doch diese meine Quelle ist versiegt. Die Sturmtaucher, engl. Muttonbirds und Maori: titi, werden darüber nicht so traurig sein wie ich.

Fazit: Bei aller Shopping-Unlust und Skepsis gegenüber dem nicht nachhaltigen Plastik-Wegwerf-Markt bringe ich also auch gerne mal ein Schätzchen mit. Als Symbol und aus persönlichem Bedürfnis. Mal Souvenir, mal Trophäe. Das meiste davon verschenke ich. Schön blöd. Aber irgendwie auch schön. Dass die Sachen woanders weiterwirken und ich ja irgendwie auch weiterhin mit ihnen verbunden bin. Vielleicht sind sie bei anderen auch in besseren Händen. Denn apropos Hände – einen von zwei Handschuhen aus Possum-Merino-Wolle, die ich mir selbst aus Neuseeland mitgebracht hatte, habe ich unmittelbar nach meiner Rückkehr verloren.

In allen Sprachen „Souvenirs“

Souvenir ist ein internationales Wort. In Tschechien heißt Souvenir zwar památka, aber den aus dem französischen abgeleiteten Begriff versteht dort jedes Kind. Und ich erinnere mich. Je me souviens y me recuerdo: Meine Salsa Gaucha ist alle und seit anscheinend alle Berliner Feinkosthändler für mediterrane Leckereien die Produkte der Firma Ybarra aus dem Sortiment genommen hat, finde ich das verdammte Zeug nirgendwo mehr. Ich darf es beschimpfen, denn neben meiner albernen Abhängigkeit von der spanischen Würzsoße stellt mich der Versorgungsengpass noch vor ein weiteres Problem. Ich muss Spanienreisende nerven, mir BITTE was mitzubringen. Oder mitbringen zu lassen. Oder selbst einmal wieder hinfahren. Und sollte ich fliegen, ginge das (Glas und Flüssigkeiten!) nicht mal mehr mit Handgepäck.

Wer mir jetzt für so viel dekadentes Nachdenken über Luxusprobleme meinen geliebten Amsterdam-Becher über den Kopf ziehen möchte, bitte schön. Sollte ich es überleben, kaufe ich mir halt bei meinem nächsten Besuch einen neuen. Und verwandele ihn auf der Rückreise in ein Füllhorn voll Vla. Den müsste ich dann allerdings auf der Fahrt komplett verputzen, weil mir das niederländische Nationaldessert hier einfach nicht so schmeckt wie dort.

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Unter den Trophäen erfreuen sich auch abgeschraubte Schilder ungebrochen großer Beliebtheit. Doch hängen sie zu hoch oder sind sie zu groß, tut es auch ein Foto. Oder?

Service

In meinem ersten Beitrag über Prag habe ich über „typische“ Prager Marionetten berichtet – die man auch online bestellen kann.

In Weimar kann man einen faszinierenden Trophäen- und Souvenirladen besucht, der eher einer Wunderkammer gleicht. Ich war schon für euch da.

Diesen taz-Artikel einer immigrierten deutschen Journalistin über absurde Souvenir-Blüten mit Neuseeland-Bezug habe ich gerne gelesen und möchte ihn allen empfehlen, die schon bei Nippelwärmer die Augenbrauen gehoben haben. Ach, allen anderen auch.

Wer in die Opossum-Fell-Thematik noch einmal tiefer einsteigen möchte, kann hier zu Fabrikpreisen einkaufen.

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So ein crazy Haus sein eigen nennen, darum beneiden diesen Kiwi viele. Als Souvenir finde ich das Foto schon okay.