Südirland, Mit dem Seekajak entlang der Südküste von Sherkin Island (A. Gaasterland)

Südirland – Seefahrt mit Kajak

Die Grafschaft Cork in Südirland ist so etwas wie die Riviera der grünen Insel. Steile Klippen, verschlungene Wasserwege, (meist) sonniges Wetter – beste Voraussetzungen also, um per Kajak in See zu stechen. Auch Anfänger können das. Hier ist der Beweis!

Abenteuer muss sein. Jetzt! Hier! Der Morgennebel liegt bereits in Fetzen, darüber kommt ein strahlender Schäfchenwolkenhimmel zum Vorschein. Landeinwärts rollen sattgrüne Wiesenhügel in bläuliche Fernen. Im stillen Wasser der Hafenbucht spiegeln sich die Boote. Davor, wie gemalt, zeigt eine halbverfallene Kirche ihre entblößten Giebel, umgeben von windschiefen Grabsteinen mit keltischen Kreuzen.

Die reinste Postkartenidylle, aber wahr – zu erleben in Baltimore, County Cork, Südirland. Irische Riviera, sagen manche. Im Sommer mediterrane Heiterkeit, im Winter brausende Atlantikstürme. Aber der Winter ist zum Glück weit weg.

Südirland, Baltimore, Kirchenruine mit Friedhof (A. Gaasterland)

Postkartenidylle: Mit dieser Ansicht empfängt Baltimore seine Besucher (A. Gaasterland)

Gute Bedingungen für die Jungfernfahrt

Jim Kennedy verteilt den Wetterbericht. Ein riesiges Hochdruckgebiet über Zentraleuropa. Windstärke drei, zunehmend vier bis fünf. Die Aussichten für Südirland: Frischer bis starker Wind aus Süd bis Südwest, Regen, stellenweise Nebel. Perfekt! ruft Jim und strahlt.

Wir glauben ihm. Was bleibt uns anderes übrig? Jim ist für die nächsten drei Tage unser Kapitän. Unter seinem Befehl: eine kleine Flotte aus bunten Seekajaks. Und weil er das nicht zum ersten Mal macht, weiß er genau, wie man unbedarften Landratten Mut einflößt. Auch mir. Noch nie im Kajak gesessen und dann gleich aufs Meer! Eigentlich verrückt. Aber Abenteuer muss sein.

Südirland, Start der Kajaktour (A. Gaasterland)

Letzte Instruktionen im Hafen von Baltimore (A. Gaasterland)

Seekajak fahren ist gar nicht so schwer

Alles ist bereit, übergestülpt, angelegt: Gummischuhe, wasserabweisender Overall, Schwimmweste, Spritzdecke für die Einstiegsöffnung, damit der Atlantik draußen bleibt. Im nächsten Moment dümpelt das Boot im Wasser. Sofort ist alles anders: die Unsicherheit wie weggeblasen, ich fühle mich, als würde ich schweben, Südirland wird zur schaukelnden, plätschernden Küste, an der mir plötzlich Details auffallen, die ich vorher nie bemerkt hätte.

Ein paar Übungen im Hafenbecken von Baltimore: vorwärts paddeln, rückwärts paddeln, bremsen, wenden. Geht ganz gut. Dann die erste längere Strecke, um die Mole herum zur Station des Rettungsbootes, immer hinter Nesson her, dem Dubliner, der ganz leuchtende Augen hat, weil er bisher nur auf Flüssen unterwegs war und jetzt zum ersten Mal auf dem Meer paddelt.

Südirland vom Wasser aus

Dabei ist vom Meer eigentlich noch gar nichts zu sehen außer dieser weiten, tiefen, von Inseln umschlossenen Bucht. Abenteuer light, sozusagen. Über dem Wasser segeln Möwen, weiße und graue. Die grauen machen ein ziemliches Spektakel. Das sind die Kinder, erklärt Jim. Die fliegen hinter der Mutter her und lernen fischen. Und der Vater? Längst auf und davon, sagt er.

Das ist es, was Kajakfahren ausmacht: gucken. Nicht auf die Paddel, sondern in die Gegend – davon hat Südirland schließlich jede Menge zu bieten. Auf die Paddel guckt Jim schon. Wenn es nicht richtig läuft, gibt er Tipps. Aber meistens läuft alles wie geschmiert.

Und es ist überhaupt nicht so anstrengend wie erwartet. Dafür sorgt Jim, er kennt sich hier aus. Lenkt uns in günstige Strömungen und schafft es dabei auch noch, dass der Wind von hinten bläst. Manchmal werden die Boote regelrecht geschoben. Da bleibt genug Zeit, die Paddel ruhen zu lassen und sich ein bisschen umzuschauen.

Südirland, Die Morgensonne vertreibt den Nebel (A. Gaasterland)

Südirland, Die Morgensonne vertreibt den Nebel (A. Gaasterland)

Hinaus aufs offene Meer

Allerdings nur bis zur nächsten Felsnase. Dahinter endet Südirland, die Veränderung ist unmittelbar spürbar: Ein Wind geht, das Wasser wogt, an den Klippen spritzt die Gischt. Die Bugspitzen der Kajaks weisen aufs offene Meer. Da ist es also!

Bleibt dicht zusammen! ruft Jim. Freundlich, aber bestimmt schaukelt der Atlantik die Boote im Rhythmus seiner Dünung und bricht sich an der Steilküste von Sherkin Island. Wie ein Pfropfen verschließt das felsige Eiland die Bucht von Baltimore und schützt sie vor Sturm und hohen Wellen. In guten Tagen, erzählen sich die Alten, lagen im Windschatten der Insel so viele Kähne vor Anker, dass die Fischer von Deck zu Deck ans Festland hüpfen konnten. Damals, um 1900, war Baltimore der größte Fischereihafen Irlands. Übriggeblieben sind ein paar Trawler, zwei Dutzend Krabbenboote und ein Sack voller Geschichten.

Bruchsteinmauern aus der Zeit der Hungersnot

Den schnürt Jim immer wieder auf, und der Atlantik rauscht dazu. Warum zum Beispiel durchziehen Bruchsteinmauern die Wiesen auf Sherkin Island selbst da, wo es für die Kühe viel zu steil ist? Das kommt von der großen irischen Hungersnot, sagt Jim, plötzlich ganz ernst. Mit wenigen Worten skizziert er das nationale Trauma. Millionen starben, ebenso viele wanderten aus. Mitte des 19. Jahrhundert war das, noch vor der Unabhängigkeit. Die Kartoffelfäule vernichtete die Ernten. London wollte helfen, aber nichts verschenken. Tausende Iren wurden im Straßen- und Feldbau angestellt, auch hier in Südirland. Sie sollten sich ihr Essen verdienen. Doch es gab zu viele Hungernde und zu wenig Arbeit. Während sich die einen abrackerten und vor Entkräftung zusammenbrachen, warteten andere nur darauf, ihren Platz einzunehmen – um Straßen zu bauen, die nirgendwo hinführten, und Feldmauern, die niemand brauchte.

Vom Meer aus wirken die verwitterten Mauerzüge wie Narben. Im Heritage Center in Skibbereen, wo die Hungersnot besonders viele Opfer forderte, lebt die Erinnerung daran fort. Ein sehenswertes Museum, findet Jim. Und wenn man schon mal da ist, fällt ihm ein, kann man auch gleich seine alte Freundin Sally Barnes in Castletownshend besuchen. Ihr Räucherfisch ist der beste der Welt, schwärmt er. Hering, Makrele, Schellfisch, Sprotten, Thunfisch, Lachs – alles frisch, alles Spezialitäten aus Südirland, besonders aus Baltimore. Zu ihren Kunden zählen mittlerweile sogar Feinschmeckerlokale in Italien.

Südirland, Rast an einem der Strände der Carbery’s Hundred Isles (A. Gaasterland)

Südirland, Rast an einem der Strände der Carbery’s Hundred Isles (A. Gaasterland)

Sanftes Achterbahn-Feeling

Zwölf Meilen, resümiert Jim abends am Lagerfeuer, ganz schön viel für den Anfang. Allgemeines Schulterklopfen. Im Zelt wandern meine Gedanken zurück zu den Hungernden, die sinnlos Stein auf Stein schichten. Dann überkommt mich der Schlaf.

Am nächsten Morgen treibt der Wind dichte Wolken über Südirlands Himmel. Jim wirft einen scharfen Blick auf die Bucht. Regel Nummer eins: Erst das Meer beobachten, dann ins Kajak steigen. Er ist zufrieden mit den Verhältnissen. Heute wird es bewegter, verspricht er. Weiter draußen klettern die Boote über eine rollende Dünung. Jim hält sein Paddel in die Luft. Wenn ihr es nicht mehr sieht, sind es zwei Meter, ruft er und verschwindet in einem Wellental – samt Paddel.

Spuckende See, spukende Ruinen

Ein bisschen kann ich mir jetzt vorstellen, warum diese Küste Roaring Water Bay heißt und vor allem im Winter zu den rauesten Gewässern Südirlands zählt. Zahlreiche Wracks liegen am Meeresgrund, alte und neue. Während die Kajaks schon wieder geschütztere Gefilde ansteuern und dabei von verspielten Robben neugierig beäugt werden, krächzt Jims Funkgerät drei Notrufe an das Rettungsboot von Baltimore.

Aber nicht nur die See kann hier rau sein. Das beweisen die Geschichten vom Clan der räuberischen O’Driscolls, die einst den Landstrich beherrschten und diverse Burggemäuer hinterließen, in denen sie zum Teil noch herumspuken sollen. Der Name ist immer noch weit verbreitet, hat aber zum Glück seinen Schrecken verloren.

Kajaksurfen mit dem „Pogo Glide“

Der dritte Tag beginnt regnerisch und schmälert die Lust auf eine Fortsetzung der Paddeltour vor Südirlands Küsten. Dafür bläst ein frischer Wind, und wo Wind ist, da sind auch Wellen. Beste Voraussetzungen also, um etwas Neues zu lernen: Surfen! Genauer: Kajaksurfen!

Wie bunte Fische liegen die Boote im Sand bei Galley Head. Den Overall ersetzt ein hautenger Neoprenanzug. Auf dem Kopf sitzt ein Helm. Jim gibt letzte Instruktionen. Stellt euch nie zwischen ein gekentertes Boot und den Strand, heißt eine davon. Warum? Ein vollgelaufenes Kajak wiegt gut und gerne eine Vierteltonne, und die lädt die Brandung ab, wo sie will – schlimmstenfalls auf den eigenen Knochen. Es geht also zur Sache und gekentert wird offensichtlich auch. Wen kümmern da noch die Regenwolken über Südirland?

Natürlich ist Schiffbruch kein Naturgesetz. Wichtigstes Gegenmittel: der Pogo Glide. Der verhindert, dass der Kajak umgestülpt wird, wenn er sich quer zur Brandung legt, und das passiert Anfängern ständig. Dann musst du blitzschnell Boot und Oberkörper gegen die Welle neigen, das Paddel flach auf den Wellenkamm legen und dich so lange schieben lassen, bis dem Wasser die Puste ausgeht. Jim führt es pantomimisch vor. Einmal, zweimal, immer wieder. Das ist wie ein Tanz. Der Pogo Glide eben.

Südirland, Einstimmen auf den Pogo Glide (A. Gaasterland)

Kajaksurfen will gelernt sein (A. Gaasterland)

Waschen und Schleudern, bis es klappt

Auf sein Kommando geht es los, zunächst immer abwechselnd, damit der eine dem anderen helfen kann, wenn Not am Mann ist. Aber von Not keine Spur: Der Pogo Glide im seichten Wasser klappt gut, und die Brandung weiter draußen sieht gar nicht so beängstigend aus. Also ein Stück hinauswagen und wenden, auf den Strand zupaddeln, die erste Welle verpassen, die zweite auch, die dritte unverhofft erwischen, der Kajak nimmt rauschend Fahrt auf, legt sich mir nichts, dir nichts quer, im nächsten Moment treibt er kieloben und überall ist nur noch Wasser.

Dem unfreiwilligen Bad folgen viele weitere. Jim hatte es vorhergesagt: Eine Waschmaschine ist nichts dagegen. Er sollte wie immer Recht behalten. Der Regen hat sich längst verzogen. Die Wellen rollen beständig gegen den Strand. Und irgendwann klappt’s auch mal: Der Kajak reitet auf den Schaumkronen dahin, und spätestens dann willst du überhaupt nicht mehr aufhören!

Südirland, Pogo Glide in der Brandung vor Galley Head (A. Gaasterland)

Kajaksurfen in der Brandung vor Galley Head (A. Gaasterland)

 

Auf einen Blick

Baltimore, County Cork, Südwestirland: Die Steilküsten der „irischen Riviera“ sind wie gemacht für geführte Touren mit dem Seekajak. Allein die schaukelnde Atlantikdünung eine Handbreit unter dem Kiel ist ein Erlebnis. Für Abwechslung sorgen ständig wechselnde Panoramen und ein Sack voller Geschichten über Baltimore, Gott und die Welt abends am Lagerfeuer. Und dann ist da noch der Pogo Glide beim Kajaksurfen in der Brandung…