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Südwestjütland. Endlose Sandstrände und Softeis-Kater

Südwestjütland in Dänemark. Urlaubsparadies oder Hochburg für deutsches Camping Spießertum? Was macht man den ganzen Tag in einer Gegend, in der endlose Dünen sich mit kleinen, austauschbaren Orten abwechseln? Ein Plädoyer für Reizarmut und dänisches dolce far niente.

Schon immer liebe ich die unendlichen Strände und die Dünenlandschaften im Südwesten von Jütland, dem nördlich an Schleswig-Holstein angrenzenden Festlandteil, der heute zu Dänemark gehört. Seit die Sommer in Deutschland und vor allem in Großstädten wie Berlin immer heißer werden, wächst in mir die Sehnsucht nach den weiten, ländlichen Gegenden aus meinen Kindheiterinnerungen ins Unermessliche.

Vor kurzem gab ich dem inneren Drängen nach und habe die ewigen Glücksorte an der Nordseeküste Dänemarks wieder besucht. Jetzt bin ich da, angekommen in Børsmose. Es weht eine tüchtige Brise. Die Aushilfen, die sich während der Sommerferien ein paar Kronen dazu verdienen, kämpfen im Kiosk am Campingplatz mit dem Wind. Unbeeindruckt pfeift er durch die Luke, wirbelt von Servietten bis Röstzwiebeln alles auf. Nur die roten Würstchen bleiben stoisch in ihrem Bratfett kleben und warten auf ihr Brötchen.

Dünenlandschaft bei Borsmose, im Südwesten von Jütland, Dänemark. Vorne links grünes Dünengras, im rechten Bildfeld Sandstrand und eine aufgewühlte Nordsee, die in den Himmel übergeht.

Hinter der grauen Wolkendecke lauert schon der Sonnenschein. Willkommen in in Borsmose im Südwesten Jütlands.

Am Strand von Børsmose

Nur einen Hotdog später kraxel ich zwischen Dünengras, Dünenpilzen und Dünenrosen umher und sauge die salzige, klare Luft ein, während meine Wadenmuskeln beginnen zu brennen. Dünenwandern ist eine Sportart für sich, wie BeachVolleyball, nur ohne Ball. Der Himmel changiert zwischen freundlichen Grautönen und gibt immer wieder den Blick auf blaue Löcher frei. Hoch auf dem Dünenkamm stehend kann ich zusehen, wie der Wind die letzten Wolken hinfort treibt und dem Nachmittag ein immer freundlicheres Erscheinungsbild verleiht.

Ich drehe mich um 180°: Vor mir liegt der Campingplatz meiner Kindheit, weitläufig, hügelig und hyggelig*. Hinter mir wellt sich die Nordsee, die dieser Tage sommerlich freundlich und sanft daherkommt. Ebenfalls vor mir liegen vier ganze Tage, in denen ich Zeit platt liegen und Wolken zählen, Fischbrötchen, Softeis und Hot Dogs futtern und Bücher verputzen kann. So geht doch Urlaub, oder? Ich bin etwas aus der Übung. Wie machen das die anderen hier?

Der Himmel über der Westküste Dänemarks mit Wattewolken.

Der Himmel über Jütland ändert sich ständig. Kaum zu glauben, aber: Zwischen diesem Bild und dem nächsten liegt gerade einmal eine Stunde.

Hyggelig: ein im Dänischen und Norwegischen häufig verwendetes Adjektiv, das wörtlich „gemütlich“, „angenehm“, „nett“ und „gut“ bedeutet. Darüber hinaus hat hyggelig auch weitere, durchweg positiv belegte Konnotationen wie (…) „behaglich“, „im trauten Heim“, „lieblich“, „malerisch“, „klein, aber fein“, „niedlich“. Diese Bedeutungen umfassend wird der Begriff oft im Sinne von „typisch dänisch“ auch von Dänen selbst als nationales Stereotyp gebraucht. (Quelle: Wikipedia)

Dünenübergang vor blauem Himmel mit Kondensstreifen bei Hennestrand in Südwestjütland

Der Wind pustet die Wolken rasch hinfort an der dänischen Nordseeküste. Die Kondensstreifen erzählen uns diesmal keine Geschichten über Flugreisen im Jahr 2019, sondern sind Zeichen dafür, dass über den militärischen Übungszonen im Hinterland der Jütländischen Küstengebiete nach wie vor viele militärische Manöver gefahren, bzw geflogen werden.

Zelt oder Hütte. Was geht besser an Dänemarks Westküste

Schwer zu sagen, was die anderen den ganzen Urlaub über so tun. Auf dem Zeltplatz sitzen vorwiegend dänische und deutsche Camper vor ihren Wohnwagen oder Wohnmobilen, die sonnengegerbten Gesichter der Älteren nicken den Besuchern träge zu. Deutlich mehr Elan zeigt die campende Jugend, sie hüpft auf in den Boden eingelassenen Luftkissen umher. Die gab es zu meiner Zeit noch nicht. Zelte sehe ich verhältnismäßig wenige. Insgesamt hat sich die Infrastruktur auf dem Campingplatz verbessert, die Ansprüche der Gäste sind gestiegen, man geht mit der Zeit.

Der Mann und ich besitzen ein Zelt, doch haben wir uns dieses Mal für ein eigenes Haus entschieden. Zwei Schlafzimmer, ein offener Wohnbereich mit Pantryküche, Ess- und Sitzecke und Kamin. Gefühlt ist in Südwestjütland jedes Haus in der Vermietung. Überall kuscheln sich kleine Gruppen einfarbig gestrichener Holzhäuser. Diese Häuser im dünennahen Hinterland, die deutsche Urlauber gern als „typisch skandinavisch“ bezeichnen, fallen von außen durch Robustheit auf und von innen durch gute Ausstattung.

Ein typisch dänisches Ferienhaus aus Holz, schwarz gestrichen, mit Kamin-Schornstein, kleiner Veranda und Garten in bei Henne Strand in Dänemark.

Ein typisch dänisches Ferienhaus aus Holz, schwarz gestrichen, mit Kamin-Schornstein, kleiner Veranda und Garten in bei Henne Strand in Dänemark.

Hütte oder Zelt? Whatever the Weather

Während wir vom benachbarten Henne Strand aus zu unserem Haus fahren, frage ich mich, ob Zelten nicht doch besser gewesen wäre. Zelten ist ursprünglicher, der furchtlose Nordsee Urlauber ist zu 100% im Wetter und erholt sich in der größtmöglichen Nähe zu den traumhaften, wilden Sandstränden.

Die Wahl zwischen Zelt und Haus dürfte in jedem Fall auch auch davon abhängen, wie abgehärtet oder wetterhungrig man ist. Denn das Wetter ist launisch, fast wie in Neuseeland „4 seasons in one day“. Auf dem Campingplatz selbst geht es auch nicht mehr so bescheiden zu wie damals. Ich erblicke immer mehr Riesen-Wohnmobile, die mit massiven Fernsehsesseln und Satellitenschüsseln ausgestattet sind und komfortabler scheinen als manches Tiny House. Das mag wenig mit dem zu tun haben, was ich unter Campen verstehe, aber hey. Jeder nach seiner Façon.

Ein brennender Kamin, außen weiß getüncht mit leichten Rauchspuren, gesäumt von einem Korb mit Holzscheiten und einem dänischen Wohnmöbel aus Kiefernholz.

Obwohl es tagsüber warm ist, wird der Kamin abends in Betrieb genommen und sorgt für mollig, hyggeliges Wohngefühl. Das geht beim Zelten so natürlich nicht.

Tagesausflüge auf dänisch, Südwestjütland erkunden

Im Umkreis von 30 Kilometern um die diesmalige Basisstation in Henne Strand liegen kleine Orte, die ich im Nachhinein kaum auseinander zu halten vermag. Varde zum Beispiel ist die größte Küstentourismus Gemeine in Dänemark, das kann ich mir merken. Esbjerg liegt weiter landeinwärts und ist größer als die anderen, aber wirkt bei unserem Besuch seltsam ausgestorben.

Die Innenstadt von Esbjerg, ach nee, es ist Varde, an einem Feiertag in der Hauptsaison, menschenleer. Die schnuggeligen, hyggeligen Häuser stehen hier herum, als ginge sie das alles nichts an. Wir gehen leise weiter.

Vor allem die kleinen Orte, deren Zufahrtsstraßen im Dünenstand enden, ähneln sich in meiner Wahrnehmung auf irritierende Weise. In kleineren Ortschaften wie Vejers, Blavand und Hennestrand gruppieren sich brav kleine „typisch dänische“ Gebäude zu Perlenketten, eine links, eine rechts der Straße. Softeis und Pølser, Ferienhaus-Vermietungen und kleine Supermärkte, Bäcker, deren Schaufenster vor Mohnbrot und Blätterteiggebäck bersten sowie Souvenirshops mit bunten Schaufel-Eimerchen-Gebinden und Strandtennis-Sets.

Die Gegend zieht viele Touristen an, aber die meisten scheinen sich an den Stränden oder an den Softeisbuden in Strandnähe aufzuhalten. Die örtlichen Sehenswürdigkeiten wie Leuchttürme, Kirchen oder Skulpturen, die als vereinzelte Zeugnisse kulturellen Strebens herum stehen, wirken mickrig neben der gewaltigen Natur.

Leuchtturm Blavand Varde Kommune hinter Baumbewuchs mit viel Himmel.

Foto Leuchttum Blavand Von Varde Kommune – Flickr Varde, CC BY 2.0 Quelle: Wikimedia.

Nahes Urlaubsparadies oder langweilige Spießer-Ecke?

Mein persönliches Fazit: Jetzt glaube ich es auch (wieder). Die Dünen und Strände der dänischen Küstendestinationen an der Nordsee ziehen die vielen Touristen in Südwestjütland an. Hier, in der schier unendlichen Weite, können Nordsee-Urlauber ihre Selbstgenügsamkeit perfekt ausleben. Die Reizarmut ist Programm und Haupt-Asset, rumhocken und Alpha-Wellen produzierend ins Leere glotzen ist Trumpf.

Bergbewohner, die sich hierhin verirren, dürften in der unendlichen Weite Beklemmung empfinden. Für Menschen hingegen, die das Nordische in Verbindung mit Weite und Beachfeeling lieben, ist diese Gegend perfekt zum Drachen steigen und Seele baumeln lassen, für endlose Spaziergänge oder Nickerchen in den Dünen.

Am vierten Tag habe ich zwei Bücher ausgelesen, tüchtig was wegspaziert, immer wieder am helligten Tag vor mich hin gedöst – und einen Kater von dem ganzen Softeis-Gefutter. Bevor die wiederaufgeflammte Remoulade mit Röstzwiebeln-Abhängigkeit behandlungsbedürftig wird, reisen wir ab. Das ist gutes Timing! Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Reizarmut gut tut, es so eine Landschaft sonst nirgends gibt, und die Freude, in kein Flugzeug steigen zu müssen um hierher zu gelangen. Ob der nächste Urlaub in Dänemark im Zelt oder Haus stattfinden wird, ist im Moment einfach egal.

Das einzig Befremdliche bleiben die militärischen Übungszonen, die hier nach wie vor aktiv bespielt werden. Manöver, schon seit ich denken kann, donnern Flugzeuge über die Baumwipfel, laufen oder stehen Männer in Tarnklamotten irgendwo rum oder sind Zugänge versperrt, weisen Schilder auf Truppenübungsplatz-Gelände hin…

Service Tipps für deinen Urlaub in Südwestjütland

Nationalpark Vadehavet (Nationalpark Wattenmeer) UNESCO Welterbe – ein ausgedehntes Wattgebiet von Varde im Norden bis an die deutsche Grenze im Süden.

Er ist und bleibt der beste Campingplatz von allen: BorsmoseCamping.

Hausvermietungen und Portale wie Booking.com: Viele Vermieter bieten ihre Häuser über eine Agentur an und listen ihre Objekte zusätzlich auf Plattformen wie Booking.com. Ratsam ist, bei der Buchung ganz genau zu schauen, was in dem Mietpreis inkludiert und was nicht. Die Vermietungs-Agenturen bieten Service-Leistungen wie (Bett)Wäschepakete an, ohne dass die Kostenposten auf den Rechnungen übersichtlich ausgewiesen sind. Wer kann, sollte seine eigene Bettwäsche und Handtücher mitbringen.

Auf jeden Fall empfiehlt es sich, das eigene Fahrrad mitzunehmen. Denn, so lese ich im Netz, auch das Radfahrwege-Netz ist beträchtlich gewachsen. Ungefähr 20 Kilometer Fahrradweg von Varde Stadt bis Nørre Nebel wollen befahren werden, dazu kommen ungefähr 10 Kilometer von Varde Stadt bis Næsbjerg, 25 km Fahrradweg von Varde Stadt bis Blåvand und fast 20 km Fahrradweg zwischen Varde Stadt und Esbjerg. Viel Strecke, um sich mit der würzigen Luft der Kiefernwälder vollzusaugen.

Ein Ausschnitt der Dünenlandschaft an der Westküste Dänemarks, im Südwesten von Jütland.

Ein Ausschnitt der Dünenlandschaft an der Westküste Dänemarks, im Südwesten von Jütland. Es soll Menschen geben, für die das alles gleich aussieht. Für mich wird dieser Anblick immer aufregender und abwechslungsreicher sein, als die ewig gleich aufgebauten kleinen Ortschaften, die Naturerleben und menschliche Bedürfnisse zu verbinden versuchen.