Paris Rue de la Huchette

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris

Mein elfjähriger Sohn war eine Woche in einer Pariser Gastfamilie. Ich habe ihn hingebracht und wieder abgeholt, ohne Übernachtung – also zweimal Köln-Paris-Köln im Thalys. Den kurzen Aufenthalt vor Ort wollte ich natürlich sinnvoll nutzen. Nur wie? Ein improvisierter Tagesausflug

Der Thalys braucht von Köln nach Paris drei Stunden und zwanzig Minuten. Macht bei einem Tagesausflug fast sieben Stunden für An- und Abreise. Eigentlich verrückt, aber es geht nun mal nicht anders – für eine Übernachtung fehlt mir die Zeit. In Paris bleiben mir laut Fahrplan einmal knapp vier Stunden, das andere Mal sogar nur zwei. Eiffelturm, Louvre, Centre Pompidou? Keine Chance. Shoppen? Zu hektisch. Bummeln, essen, Leute gucken? Gern, aber wo?

Wie es der Zufall will, ist just einer meiner Neffen nach Paris gezogen. Am Vorabend der ersten Reise verabrede ich mich lose mit ihm. Er wohnt weit draußen an der südlichen Peripherie der Stadt, ich komme am Gare du Nord an. Wir machen aus, dass wir uns irgendwo in der Mitte treffen, vielleicht auf der Île de la Cité. Soweit die Planung, der Tagesausflug kann beginnen. Am nächsten Morgen läuft alles wie am Schnürchen: Der Thalys startet exakt zur angegebenen Zeit in Köln und kommt auf die Minute pünktlich in Paris an – geradezu gespenstisch! Am Gare du Nord steht wie abgemacht die Gastfamilie – wir kennen sie bereits vom Gegenbesuch vor ein paar Wochen – und holt den Sohnemann ab. Ich überlasse ihn ihrer fürsorglichen Obhut, kaufe mir eine Metrokarte und los geht’s.

Nicht gerade barrierefrei, aber das beste Vehikel in Paris überhaupt: die Metro ALT: Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Metrostation Saint-Michel, Paris

Nicht gerade barrierefrei, aber das beste Vehikel in Paris überhaupt: die Metro

Auf ins Getümmel!

Die Seine-Insel Île de la Cité liegt nicht nur mitten in Paris, auf ihr steht auch Notre Dame. Selbst Touristen, die sonst nichts mit Kirchen zu tun haben und die Stadt wie ich vielleicht nur auf einem Tagesausflug besuchen, gehen fast todsicher dorthin. In mir regen sich Zweifel, ob das wirklich ein guter Ort ist, um sich zu treffen. Mit der Metro bin ich in 15 Minuten da. Der Neffe braucht wesentlich länger, das hatte ich nicht bedacht. Bis er eintrifft, dauert es 40 Minuten plus X, schreibt er – ein bisschen doof, in gut drei Stunden sitze ich schon wieder im Thalys nach Köln.

Tatsächlich erweist sich der vermeintliche Leerlauf als Glücksfall – wenn du eine Stadt kennenlernen willst, lass dich treiben. Das funktioniert sogar auf einem so knapp bemessenen Tagesausflug nach Paris, wie ich rasch feststelle. Ein bisschen ziellos schlendere ich durch die Gassen um die Metrostation Saint-Michel. Sehr pittoresk. Schöne Fassaden. Und was es hier alles zu essen gibt – der Wahnsinn! Die Pizzeria „Les Balkans“ versucht offenbar einen Spagat zwischen italienischer und südosteuropäischer Küche – da muss man auch erst mal drauf kommen. Der Imbiss „Le Gyros“ verkauft „Sandwichs Grecs“. Ein paar Meter weiter gibt’s Paella im „Bistro Latino“, gleich daneben kündigen rote Lampions einen Chinesen an. So geht das munter weiter, Fresstempel an Fresstempel und zwischendurch auch mal ein Souvenirladen. Typisch Paris eben!

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Internationale Restaurants in der Rue de la Harpe, Paris

Französische Küche? Musst du hier suchen

Zimmertheater mit Weltrekord

Das einzige, was hier nicht touristisch ist, sind ein paar weniger bekannte Kirchen – und das Théatre de la Huchette. Fast hätte ich es übersehen – es ist winzig! Trotzdem gilt es in der Theaterwelt als absolut einmalig. Seit dem 16. Februar 1957 laufen hier täglich die beiden Ionesco-Stücke La Cantatrice Chauve („Die kahle Sängerin“) und La Leçon („Die Unterrichtsstunde“). Über 60 Jahre jeden Abend dasselbe Programm im selben Theater – das ist Weltrekord! In dieser Zeit haben auf seinen gerade mal 85 Sitzen mehr als 1,5 Millionen Zuschauer gesessen und insgesamt 18.800 Vorstellungen gesehen!

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Leicht zu übersehen: das Théatre de la Huchette

Leicht zu übersehen: das Théatre de la Huchette, eine Pariser Institution!

1955 stand hier übrigens Jean-Louis Trintignant auf der Bühne – und mit ihm eine Reihe weiterer Schauspieler, die später im Kino Karriere machten. Gründer und langjähriger Leiter des Theaters war Marcel Pinard, ein ehemaliger Bauer, von dem kolportiert wird, dass er mitten auf dem Feld plötzlich die Eingebung hatte, ein Theater in Paris zu gründen, was er dann auch wirklich tat. Als er 1975 an einem Herzinfarkt starb, fehlte nicht viel und sein Haus wäre in eins der vielen Touristenlokale umgewandelt worden, die das Viertel heute beherrschen. Aber die Schauspieler wehrten sich. Sie gründeten eine Genossenschaft, übernahmen das Management des Theaters und entschieden einen fünf Jahre dauernden Rechtsstreit um das Grundstück für sich.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Straßenszene in der Rue de la Huchette, Paris

So sieht’s um das Théatre de la Huchette aus. Dank der Hartnäckigkeit der Schauspieler ist das Theater heute eine Insel der Kultur in einem Meer des Kommerzes. Noch ein Esslokal hätte hier wirklich niemand gebraucht.

1981 führten sie zudem eine unerhörte Neuerung ein, ohne die bestehende Tradition der Ionesco-Aufführungen zu gefährden: ein drittes, wechselndes Theaterstück, das jeweils um 21 Uhr nach dem Dauerprogramm aufgeführt wird. Eins ist sicher: Allein für diese Entdeckung hat sich der Tagesausflug gelohnt – wenn ich das nächste Mal in Paris bin, gehe ich ins Theater!

Notre-Dame de Paris: Im Auge des Sturms

Der Neffe ist noch nicht da, also laufe ich den Quai de Montebello entlang, geradewegs auf die wuchtigen Türme von Notre-Dame zu. Hier gibt es die volle Paris-Packung: Auf der Seine schippern die Panoramaboote, vor der Kirche stehen Touristenbusse, und gleich neben mir reihen sich Büdchen mit Büchern, alten Landkarten und grauenvoll kitschigen Stadtansichten. So muss doch ein Tagesausflug nach Paris aussehen, oder? Als ich eben im Thalys saß, hatte ich eigentlich gar nicht vor, mir das anzutun, aber plötzlich reizt mich der Rummel.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Notre-Dame mit Touristenbus im Vordergrund

Hier ist Paris, wie es sein soll: Im Hintergrund die Sehenswürdigkeit, vorne die Touristen, Sonne von oben.

Vielleicht liegt es am Théatre de la Huchette – der Betrieb vor Notre-Dame ist wie die Inszenierung des immer gleichen Stücks. Immerhin ist die Stimmung gut, schwerbewaffnete Sicherheitskräfte – nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 allgegenwärtig – sind nicht zu sehen, die Sonne scheint. Geduldig stehen die Menschen an, um die Kirche auch von innen zu sehen, schießen Unmengen an Fotos und Selfies und genießen es offensichtlich, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Ein Paar macht ein Selfie vor Notre-Dame

Selfie Time vor Notre-Dame

Für meinen Tagesausflug ist die Schlange vor der Kirche zu lang, ich will da jetzt auch gar nicht rein. Beim Herumschlendern auf dem Platz entdecke ich etwas, das ich bis dahin nicht kannte: eine Rosette auf dem gepflasterten Boden mit der Aufschrift „Point zéro des routes de France“. Die unscheinbare Markierung dient als Ausgangspunkt für alle Entfernungsangaben zu anderen Städten in Frankreich – und taugt zugleich als Symbol für die straffe Zentralisierung des Landes mit Paris als Nabel der französischen Welt.

Déjeuner im „le Zimmer“

Der Neffe ist endlich da, wir treffen uns an der Metrostation Saint-Michel, bis zur Abfahrt des Thalys haben wir noch zwei Stunden. Ich habe Hunger, und weil ein Tagesausflug nach Paris ohne Essen nichts wert ist, schleppe ich ihn kurzerhand in eine Brasserie. Die hatte ich mir vorher schon ausgesucht, weil sie traditionell aussieht und auch irgendwie spleenig ist mit ihrem plüschigen Interieur. Das Essen ist erstaunlich gut, aus dem Fenster blicken wir auf die Fontaine du Châtelet, die Zeit vergeht wie im Flug.

Erst später fällt mir auf, was für ein geschichtsträchtiger Ort diese Brasserie le Zimmer eigentlich ist. Die Gründerfamilie Zimmer kam 1870 aus dem Elsass – in ihrer vom Deutschen Reich besetzten Heimat mochten sie nicht mehr leben. Die Brasserie im Herzen von Paris entwickelt sich prächtig, kurz vor dem Ersten Weltkrieg belegt sie vier Etagen. Das liegt unter anderem an dem Théâtre du Châtelet im selben Gebäude gleich nebenan. Früher ermöglichten Türen den direkten Zugang zu den Theaterfoyers im Erdgeschoss und im ersten Stock. Entsprechend lang und glanzvoll ist die Liste der Künstler, Musiker und Schriftsteller, die hier ein- und ausgingen: Verne, Zola, die Bernhardt, Mahler, Debussy, Toulouse-Lautrec, Strauss, Toscanini, Proust, Apollinaire, Strawinsky, Nijinsky, Picasso…

Unglücklicherweise wird die Zeit am Ende doch knapp, wir müssen hastig aufbrechen – der Thalys wartet nicht. In der Eile vergesse ich, Fotos zu machen. Aber ich komme ja schon in einer Woche wieder!

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Gediegen-großbürgerliches Interieur der traditionsreichen Brasserie „Le Zimmer“, Paris

Stuck, Brokat und jede Menge Troddeln: In der Brasserie „Le Zimmer“ lebt sie noch, die Pariser Grandezza der vorvergangenen Jahrhundertwende

Tagesausflug Nr. 2: Little India

Heute habe ich in Paris nur zwei Stunden. Das „le Zimmer“ liegt zu weit weg, dorthin zu fahren würde zu viel Zeit kosten. Und was bietet die Umgebung des Gare du Nord? Bei einer kurzen Internet-Recherche im Thalys stoße ich auf einen kleinen Artikel über „Little India“. Das Viertel liegt eingezwängt zwischen Gare du Nord und Gare de l’Est, ist also fußläufig gut erreichbar und damit perfekt geeignet für einen kleinen Streifzug.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Ladenfront der Boutique „Bollywood Designs“ in „Little India“, Paris

Unterwegs in „Little India“ gleich neben dem Gare du Nord

Ich gehe links aus dem Bahnhof, und schon stehe ich auf der Rue du Faubourg Saint-Denis. In Richtung Norden häufen sich die indischen Geschäfte: Süßigkeiten, Restaurants, Schönheitssalons, Modeläden mit Glitzerkleidern und goldenen Pantoffeln. In den Nebenstraßen setzt sich das fort. Wer gerne indisch isst, Mangos und andere exotische Früchte mag – die gibt es hier an jeder Ecke zu kaufen – und einen Hang zu Patschuli-Düften hat, ist hier richtig. Weil das Viertel klein ist, lässt es sich rasch erkunden.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Auslage mit exotischen Früchten vor einem der indischen Supermärkte in „Little India“

Mangos, Papaya, Rambutan und Granatäpfel gehören wie selbstverständlich zur Auslage der indischen Supermärkte in „Little India“

Vor dem Thalys noch ein Milchkaffee

Leider ist noch keine Mittagszeit, deshalb kann ich die Restaurants nicht ausprobieren. Ein passendes Café finde ich nicht, deshalb gehe ich zurück zum Bahnhof und wandere die 180 Meter lange Prunkfassade entlang, um in die Viertel auf der anderen Seite zu kommen. Unterwegs erfahre ich, dass ich gerade den betriebsamsten Bahnhof Europas und den drittgrößten der Welt passiere. Wie viele Großstadtbahnhöfe zieht auch der Gare du Nord jede Menge Menschen an, die hier zweifelhafte Geschäfte betreiben oder sonst irgendwie versuchen zu überleben. Immer mehr bleiben dabei auf der Strecke.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Zwei schlafende Obdachlose vor der klassizistischen Fassade des Gare du Nord

Alltägliches Bild vor der frisch renovierten klassizistischen Fassade des Gare du Nord

Ein paar Straßen weiter geht es schon wieder großbürgerlich zu. Überraschend stehe ich vor einer prächtigen Jugendstilfassade, die in einer schmalen Gasse mir nichts, dir nichts neben mir aufragt. Der schnelle Wechsel des Ambientes, die unverhoffte Begegnung mit Orten, die in keinem Reiseführer verzeichnet sind – das geht in Paris am besten zu Fuß. Mit etwas Glück reicht dafür auch ein kurzer Tagesausflug.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Zufällig entdeckte Jugendstilfassade in der Rue d’Abbeville, Paris

Ein architektonisches Schmuckstück irgendwo in einer Seitenstraße

Auf der Suche nach einem Platz zum Ausruhen lande ich schließlich in einem unscheinbaren Café an der Rue d‘Abbeville. Nicht mal zehn Minuten von der Gare du Nord entfernt bin ich hier weit weg vom Bahnhofstrubel. Dafür nehme ich gern den etwas dünnen Milchkaffee und ein durchschnittliches Croissant in Kauf. Als ich kurze Zeit später am Gleis ankomme, erwarten mich mein Sohn und seine Gastfamilie bereits. Der Thalys steht auch schon bereit. Adieu Paris.

Tagesausflug: Mal eben im Thalys nach Paris – Thalys im Pariser Gare du Nord

In knapp dreieinhalb Stunden von Köln nach Paris: der Thalys im Pariser Gare du Nord