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Tallinn – Marzipan und Sauerkraut

Tallinn, die Hauptstadt des supermodernen Estland. Es gibt flächendeckend kostenloses Internet. Die Einwohner kommunizieren mit dem Staat nur noch digital. Trotzdem ist Tallinn Mittelalter pur: Ritter, Gilden und Legenden. Außerdem jede Menge Marzipan. Herrlich, was diese Stadt zu bieten hat!

e-Residency? Transnationale digitale Identität? Virtuelle Staatsbürgerschaft? Schon mal davon gehört? Klingt verdammt kryptisch und faszinierend nach Zukunft. Kommt übrigens aus dem supermodernen Estland. Dem Land, das jedem Bürger kostenlosen Zugang zum Internet garantiert, das die Regierung papierlos arbeiten lässt und in dem die Online-Telefonie mit Skype erfunden worden ist.

Die e-Residency erlaubt es Menschen aus aller Herren Länder, Online-Services und Dienstleistungen der estnischen Regierung zu nutzen. Also Verträge digital zu signieren, Dokumente sicher und verschlüsselt über das Internet zu versenden und so fort. Estland verwandelt mal so nebenbei die digitalen Privilegien seiner Staatsbürgerschaft in ein attraktives Exportprodukt. Der e-Resident erhält sogar eine ID-Card und kann sich damit digital ausweisen.

Liebe digitale Nomaden aufgepasst! Zum richtig echten Reisen taugt die e-Residency nicht. Wer seine estnische Digital Identity Card bei der Grenzkontrolle vorzeigt, wird bestimmt nicht nach Estland oder in die EU hineingelassen. Denn eine Aufenthalts- oder Einreiseerlaubnis ist mit der e-Residency nicht verbunden.

Die Alte Hanse. Tallinn setzt beim Tourimus Marketing voll auf das Lied vom Mittelalter

Die Alte Hanse. Tallinn setzt beim Tourimus Marketing voll auf das Lied vom Mittelalter

Zeitreise nach Tallinn

e-Residency, virtuelle Staatsbürgerschaft und so, das sind richtig tolle Sachen, denke ich. Aber wie sieht es eigentlich im realen Estland aus? Zum Beispiel in Tallinn, der estnischen Hauptstadt? Weiß ich nicht! Also bin ich mal hingefahren. Und war ziemlich überrascht. Ein Besuch in Tallinn bedeutet Zeitreise. Nein, nicht in die Zukunft; es ist eine Reise ganz tief in die Vergangenheit.

Einmal riecht es in Tallinn ganz lecker nach Sauerkraut, besonders auf dem riesigen Markt. Neben mir grölt es: “Hier riecht es nach Kantine“. Das könnte ich jetzt nicht unterschreiben. Für mich ist das ein Duft der Kindheit. Davon, dass Osteuropa keine geografischen Grenzen besitzt, hatte ich schon gehört. Osteuropa erkennt man auch ohne Grenzen zu passieren daran, wie es riecht. Es ist ein verlockender Geruch, stelle ich fest. Genau, es ist der Geruch des karamellisierten Sauerkrauts.

Ritter, Gilden und Legenden

Außerdem gibt es in Tallinn überall Mittelalter. Ritter. Gilden. Hanse. Legenden. Unglaublich viele Legenden. Zum Beispiel diese: Ist der dänische König Waldemar II. auf der Jagd. Da sieht er ein Reh. So schön, dass er es nicht töten will. Waldemar will das lebende Reh besitzen. Nach tagelanger Verfolgung entzieht sich das edle Wild der Gefangenschaft im königlichen Zoo. Es springt von einem Felsen in den Tod. Auf diesem Felsen errichtet Waldemar eine Burg.

Tallinn, die Dänenburg. Oder nach dem tragischen Reh-Fall: Reval. Wirklich! So will es die Legende. Spielt sich alles ab im Jahr 1219. Ein Denkmal am Fuße des Dombergs erinnert daran. Reval ist übrigens der alte deutsche Name für Tallinn. Dänen und Deutsche, dann kommen die Schweden, danach die Russen. Die Esten haben sich ihr Land unfreiwillig ziemlich lange mit vielen anderen Völkern teilen müssen.

Das Denkmal des Reh-Falls in Tallinn

Aus Reh-Fall wird Reval. Denkmal für die Stadtgründung von Tallinn im Jahr 1219

Wer hat’s erfunden?

Aber zurück zu den Legenden. Ist es wirklich so, dass der distinguierte Herr, als Giebelschmuck auf dem Haus Pikk Straße 18 angebracht, das Porträt eines Spanners ist? Er soll mit seinem Lorgnon die barbusigen Nachbarinnen im Haus gegenüber ausspionieren!

Ein Mann mir Lorgnon Giebelplastik am Haus Pikk Straße 18 in Tallinn

Ist das der Spanner von Tallinn? Giebelplastik am Haus Pikk Straße 18

Der heilige Mauritus. Detail vom Schwarzhäupter-Haus in Tallinn

Der heilige Mauritus. Detail vom Schwarzhäupter-Haus in Tallinn

Ist es tatsächlich wahr, dass vor dem Schwarzhäupter-Haus in Tallinn der erste Weihnachtsbaum der Welt aufgerichtet stand? Und wurde in der Ratsapotheke, die immerhin seit 1422 Heilmittelchen verkauft, das Marzipan erfunden? Ein Geselle namens Martius soll hier ein Brot aus Mandeln als Wundermittel gegen Liebesschmerz und Depression kreiert haben: Panis Martius. Das Marzipan.

Lüge, Legende rufe ich aus, dass kann nicht sein. Das Marzipan kommt doch aus Lübeck! Dort wurde es als Notspeise während einer Hungersnot zum ersten Mal produziert. „Nein, so war es nicht“, krakeelt ein österreichischer Lokalpatriot neben mir. „Die Familie Niederegger, zur Zeit der Gegenreformation aus Salzburg nach Lübeck vertrieben, hat das Marzipan zuvörderst in Salzburg hergestellt und das Rezept nach Lübeck ausgeführt.“ Ich staune. Wirklich? Ist das so?

Panis Martius, Marzipan aus Tallinn

Ganz früher war Marzipan so wertvoll, da gab es das nur in der Apotheke …

Eine leckere Süßspeise, das Panis Martius aus Tallinn, sorgt also für erhebliche Verwirrung und erlangt tatsächlich eine europäische, sozusagen transnationale Dimension. Inzwischen habe ich es nachgelesen. Das Marzipan ist eine Erfindung des Orients. Es gelangt mit venezianischen Kaufleuten nach Italien, von dort wahrscheinlich über Lübeck nach Tallinn. Und die Familie Niederegger zog von Ulm nach Lübeck um.

Bezeugen kann ich allerdings, dass Marzipan gegen Winterdepressionen hilft. Das habe ich selbst ausprobiert. So stelle ich mir vor, der Verzehr von Panis Martius hat in Tallinns kalten Wintern mit den langen dunklen Nächten die ein oder andere trübe Stunde aufgehellt.

Blick aus der Rathaus-Apotheke auf den Markt. Als es noch keine Leuchreklame gab, erkannten die Kunden eine Apotheke an den bunten Flaschen im Fenster. Rot steht für Blut. Blau steht für Phlegma

Blick aus der Rathaus-Apotheke auf den Markt. Als es noch keine Leuchreklame gab, erkannten die Kunden eine Apotheke an den bunten Flaschen im Fenster. Rot steht für Blut. Blau steht für Phlegma

Noch mehr Marzipan aus Tallinn

Obwohl es heute strahlend blauen Himmel hat und die Sonne kräfitg scheint, lässt mich Marzipan in Tallinn nicht mehr los. In einem Café mit dem Namen Maiasmokk, auf Deutsch Leckermaul oder Süßer Zahn, treffe ich Heli und Külli. Zwei Damen vom Marzipan sozusagen. Külli hat an der Kunstakademie Grafikdesign studiert. Lange hat sie für Kalev, die größte Schokoladen-Fabrik der Sowjet-Union und ein Musterbetrieb mit höchstem Qualitätsanspruch, Pralinenschachteln und Schokoladen-Verpackungen gestaltet. Mit der Wende kamen in Estland die Computer, auch im Grafikdesign. Külli sattelt um und bemalt nun Marzipan. Seit 20 Jahren schon.

Anmalen von Marzipan im Café Majasmokk in Tallinn

Alles Handarbeit. Külli bemalt Marzipan

Auch Heli verziert Marzipan. Külli sagt über Heli: “Auch Heli war an der Kunsthochschule. Aber sie ist schlauer als ich. Sie darf auch an der Kasse stehen“. Heli antwortet: “Ich kann eben nicht nur malen. Ich kann auch rechnen“. Dabei schmunzelt Heli und schiebt hinterher: “Wir kennen uns schon so lange, da dürfen wir so scherzen“.

Dann erklärt mir Külli, wie die Marzipanfiguren entstehen. “Die Marzipanrohmasse kommt aus der Fabrik, da sind 23 Prozent Mandeln drin.“ Als ich sie zweifelnd anschaue, lacht sie. “Das ist ein altes Rezept. Das war schon immer so.“ Dann zeigt Heli auf Förmchen in einer Vitrine, “Seit über 200 Jahren werden damit die Figuren geformt.“ Sie zieht ein Tablett mit unbemalten Figürchen aus dem Glasregal. “Das Marzipan muss ein Woche in Speisestärke trocknen“, erklärt Heli. “Erst dann kann es bemalt werden“, wirft Külli ein. “Die Lebensmittelfarben kommen übrigens aus Deutschland“, sagt sie noch. Heli und Külli spielen sich die Sätze wie Pingpong-Bälle perfekt hin und her.

Marzipan-Form in Gestalt eines Hahnes aus Tallinn

Seit über 200 Jahren in Gebrauch. Ein Marzipan-Förmchen

Letztes Jahr sind sie zusammen nach Lübeck gereist. “Natürlich sind wir auch bei Niederegger gewesen“, sagt Heli. “Nach 10 Jahren jeden Tag zusammen arbeiten fährt man auch zusammen weg. Wir sind ja fast schon wie ein altes Ehepaar“. Das geht Külli dann aber doch zu weit: “Couple, … couple“, sagt sie auf englisch und zieht die Augenbrauen hoch, “so ist es ja auch nicht. Ich bin schon Großmutter. Ich habe 5 Enkelkinder!“ Es sollen ja keine Unklarheiten entstehen. Ich könnte ja auf merkwürdige Gedanken kommen. Denn Estland gibt sich liberal. 2016 wird die Homoehe eingeführt. Adoptionsrecht inklusive!

Eine Freundin aus Lettland hat mir versichert, die Esten seien so langsam, die hätten kein Blut in den Adern, sondern Bremsflüssigkeit. Wahrscheinlich kennt sie Heli und Külli nicht. Die beiden sind ganz aufgedreht und plaudern munter und charmant. Trotzdem heißt es für mich weiterzuziehen.

In einem schmalen Gang zwischen hutzeligen Häuschen entdecke am Boden einen Zeitstrahl. Bronzeziffern sind in Granit gefasst. Gebaut für die Ewigkeit. Der Zeitstrahl beginnt mit dem Ende der letzten Eiszeit über 10.000 Jahre vor unserer Zeit. Er reicht weit in die Zukunft hinein. Im Jahre 2418 feiert die Republik Estland fünfhundertsten Geburtstag steht da in Stein gemeißelt. So sieht Vertrauen in die Zukunft aus!

500 Jahre Republik Estland. Das wird bestimmt riesig gefeiert

500 Jahre Republik Estland. Das wird bestimmt riesig gefeiert

Die Zukunft und der Kohldampf

Ich schlendere über eine Straße mit dem merkwürdigen Namen “Langes Bein“ zum Domberg hinauf. Schön ist es hier. Mittelalterlich und pittoresk. Aber auch ein bisschen eng in den schmalen Gassen mit den reizenden barocken Häusern und Palästen. Es sind recht viele Reisende unterwegs. Die meisten haben Kreuzfahrtschiffe hier abgeladen. Ich flüchte aus dieser Enge der Strässchen in einen kleinen Park. Von dort öffnet sich ein herrlicher Blick auf die Dächer und Türme der Altstadt. Ganz im Hintergrund gar nicht soweit entfernt liegt das Meer. Davor erkenne ich die Skyline des modernen Tallinn. Da will ich jetzt hin. Also steige ich den Domberg wieder hinunter.

Die Skyline von Tallinn vom Domberg aus gesehen. Vorne die Dächer der Altstadt. Im Hintergrund gewinnt das moderne Tallinn seine Gestalt

Die Skyline von Tallinn vom Domberg aus gesehen. Vorne die Türme der Altstadt. Im Hintergrund gewinnt das moderne Tallinn Gestalt

Mein Weg zurück in die Zukunft führt mich über den Marktplatz durch Schwaden karamellisierten Sauerkrauts. Sofort ist der Kohldampf da. Ich male mir folgendes aus: die leckeren estnischen Kartoffeln auf einem Teller Sauerkraut mit Blutwurst und Graupen, garniert mit süßem Preiselbeeren-Gelee. Dazu ein kühles dunkles Bier. Danach zur Krönung ein schönes Nickerchen. Eine blonde Studentin, kostümiert mit einer albernen Mittelalterkittelschürze und Filzkäppchen auf dem Kopf, lockt mich in eine Schankstube hinein. Sauerkraut! Die Mitschnackerin hat ein leichtes Spiel mit mir. Die Gegenwart hat gesiegt. Heute muss die Zukunft noch etwas warten.

Tallinn Lecker Essen; Blutwurst mit Sauerkraut

So schmeckt Osteuropa. Sauerkraut und Blutwust!