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Tourismus und Menschenrechte – ganz egal?

All-inclusive-Reisen boomen, Kreuzfahrten und Cluburlaube ebenfalls. Warum? Der Preis stimmt, die Sicherheit auch, und: Wir brauchen uns um nichts zu kümmern! Dass diese Art von Tourismus oft Menschenrechte ignoriert oder sogar verletzt, verschweigt die Branche. Das muss sich ändern

In Brasilien brennen die Wälder und Präsident Bolsonaros Politik ist schuld daran. Okay, diese Darstellung ist verkürzt, aber hier geht es nicht um politische Analysen. Die Frage ist: Hat das etwas mit mir und meinem Brasilienurlaub zu tun? Natürlich nicht, zumindest rein praktisch gesehen. Manaus, Santarém und andere klassische Tourismus-Hotspots im Amazonasgebiet sind nicht von den Waldbränden betroffen, die dunklen Rauchwolken über São Paulo sind längst verflogen, und überhaupt brennt es ja nicht weniger, wenn ich nicht nach Brasilien reise. Also alles gut?

Kommt auf die Perspektive an. Die Flächenbrände im Amazonas sind ja nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern bedrohen auch die Existenz von Dutzenden indigener Gemeinschaften, die im und vom Regenwald leben und denen Bolsonaro ans Leder will. „Kein weiterer Zentimeter Indianergebiet“ war eine seiner Wahlkampfparolen, die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Amazonasgebiet eine andere – im Zweifel auf Kosten indigener Landrechte.

Ist es mir egal, dass in dem Land, das ich besuche, Menschenrechte grob verletzt werden? Kümmert es mich nicht, dass das rücksichtslose Vordringen von Mineraliensuchern, Holzfällern und Viehwirten die aktuellen Brände mit verursacht hat? Oder suche ich mir mein Urlaubsziel oder die Art meiner Reise danach aus, dass ich niemandem damit schade beziehungsweise Menschenrechtsverletzungen nicht billigend in Kauf nehme?

Reiseveranstalter reagieren auf Umweltzerstörung und Missachtung der Menschenrechte

Vielleicht ist unsere Haltung als Touristen ja doch nicht so unerheblich, wie viele meinen.

„Wir verurteilen die Politik der Bolsonaro-Regierung zum Erhalt der Amazonas-Regenwälder und gegenüber den indigenen Minderheiten“,

sagt Peter-Mario Kubsch, Geschäftsführer des Reiseveranstalters Studiosus. Er nimmt zwar keine Brasilienreisen aus dem Programm, prognostiziert aber eine geringere Nachfrage der Studiosus-Kunden, weil durch Bolsonaro „die Sympathiewerte für das Land“ sinken werden. Anders ausgedrückt: Wenn mit Brasilienreisen kein Geld mehr zu verdienen ist, sucht sich der Tourismus andere Reiseziele.

Eine ähnliche Argumentation führt Ovid Jacota ins Feld, Chef des Wander- und Trekkingreiseveranstalters Hauser Exkursionen. Er geht sogar so weit, wegen der Umweltzerstörung und der Missachtung der Menschenrechte bis auf weiteres alle Brasilienreisen aus dem Katalog zu streichen. Besonders schmerzhaft ist das für ihn nicht, weil die Reisen ohnehin umsatzschwach waren, aber auch hier bestimmt die Nachfrage das Angebot. Das zeigt, dass wir als Konsumenten die Reiseindustrie beeinflussen können.

Der Imageverlust eines Landes hat Folgen für den Tourismus

Studiosus betreut etwas mehr als 100.000 Kunden, Hauser kommt auf rund 7.000 Reisebuchungen pro Jahr. Speerspitzen des Massentourismus sind die beiden Unternehmen damit nicht gerade, aber auf ihrem Gebiet – Studien- beziehungsweise Trekkingreisen – sind sie deutschlandweit Marktführer. Wenn sie mit ihrer Einschätzung zum Imageverlust Brasiliens Recht behalten, wird das Land auf Dauer Rückgänge bei den Besucherzahlen hinnehmen müssen.

Hilft das, die Menschenrechtssituation der indigenen Gemeinschaften im Amazonasgebiet zu verbessern? Das lässt sich schwer messen. Andererseits sind wirtschaftliche Einbußen für Populisten wie Bolsonaro nicht ungefährlich und könnten deshalb ein Umdenken bewirken.

Ein vollbesetztes Langboot auf einem der Nebenflüsse des Amazonas

Ein vollbesetztes Langboot auf einem der Nebenflüsse des Amazonas. Die aktuellen Brände bedrohen besonders Siedlungen von indigenen Gemeinschaften.

Einer, der dagegen bislang immun erscheint, ist US-Präsident Donald Trump, Bolsonaros Vorbild. Zwar schrieben viele Medien von einem „Trump slump“, einem Rückgang des Tourismus nach Trumps Amtsantritt, aber von einem regelrechten Einbruch kann nicht die Rede sein. Abgesehen davon ist Tourismus von vielen Faktoren abhängig. Dennoch hat Trump dem weltweiten Image der USA geschadet. Ein Grund dafür ist das rüde Vorgehen gegen Flüchtlinge an der Grenze zu Mexiko und insbesondere die Behandlung von Minderjährigen. Viele Nichtregierungsorganisationen prangern die vorsätzliche Verletzung der Menschenrechte massiv an.

Das veranlasst Trump bislang jedoch keineswegs, seine Politik zu ändern. Die Folge: Brand USA, die nationale Tourismusorganisation, vermeldet für 2018 ein nur moderates Wachstum von 3,5 Prozent – ein schwaches Ergebnis im Vergleich zu 7 Prozent weltweit. Noch gravierender ist, dass der Anteil der USA am globalen Reisemarkt seit 2015 um 2 Prozent gefallen ist. Das bedeutet Einkommenseinbußen und weniger Jobs. Dafür muss auch ein Trump irgendwann geradestehen.

Menschenrechte spielen für die Reiseentscheidung bislang kaum eine Rolle

Je mehr Touristen die Menschenrechte als buchungsrelevant ansehen, desto mehr wird sich die Reiseindustrie bewegen. Doch bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor uns. Im Übrigen ist die Haltung zu Menschenrechten stets abhängig von persönlichen Sichtweisen und auch von der Nachrichtenlage. Kreuzfahrtschiffe zum Beispiel stehen – zu Recht – in erster Linie wegen ihrer umweltschädlichen Auswirkungen in der Kritik. Dass die Bordbesatzungen oft unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen leiden, wird dank der erfolgreichen Lobbyarbeit der Branche selten öffentlichkeitswirksam thematisiert. Entsprechend existiert das Problem für viele Touristen gar nicht – die Reiseentscheidung bleibt davon unberührt.

Deck eines Kreuzfahrtschiffs, aus: Tourismus und Menschenrechte – egal oder nicht?

Deck eines Kreuzfahrtschiffs. Auf den Luxuslinern herrschen nicht selten ausbeuterische Arbeitsbedingungen.

Auch bezogen auf die Menschenrechtssituation in einem bestimmten Reiseland sind die Einschätzungen unterschiedlich. Ägypten beispielsweise ist eine stramme Militärdiktatur, doch die Zahl der Touristen, die deshalb auf einen Ägyptenurlaub verzichten würde, dürfte sehr gering sein. Demgegenüber genießt etwa Nordkorea weltweit einen sehr viel schlechteren Ruf, aber auch da kann man sich nicht sicher sein. Neuerdings wirbt das südostasiatische Land aktiv um Reisende, und die werden – eine halbwegs stabile politische Lage vorausgesetzt – genauso sicher kommen, wie sie nach Myanmar gekommen sind – trotz De-facto-Militärherrschaft und massenhafter brutaler Verfolgung der muslimischen Rohingya.

Warum gibt es eine Flugscham, aber keine Menschenrechtsscham?

Die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen im Mittelmeerraum scheinen ebenfalls keine Auswirkungen auf das Reiseverhalten zu haben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan kann nach Gutdünken Tausende Menschen wegen ihrer vermeintlichen politischen Ansichten inhaftieren, und trotzdem erlebt der Tourismus gerade in diesem Jahr einen nie dagewesenen Boom. Ebenso wenig hält Mateo Salvinis Anti-Flüchtlings-Politik Besucher von ihrem Italienurlaub ab.

Natürlich: Wer zu strenge Kriterien anlegt, kann am Ende nirgendwo mehr hinfahren. Ungarn, Polen, Russland, China, Philippinen, Kambodscha – die Liste der Länder, die die Menschenrechte in mehr oder minder großem Umfang missachten oder verletzen, ließe sich zwanglos fortführen. Andererseits ist es doch auch erstaunlich, wie wenig die Menschenrechtslage die Reiseentscheidung beeinflusst. Warum gibt es eine Flugscham, aber keine Menschenrechtsscham?

Ein Mitarbeiter einer Wäscherei sammelt benutzte Handtücher einer Hotels auf einem Rollwagen.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, werden die Löhne für Reinigungskräfte in Hotels oft gedrückt.

Der Tourismus muss mehr Gewicht auf Menschenrechte legen

Hier ist die Reisebranche selbst gefragt. Die jedoch bewegt sich äußerst schwerfällig. Zwar ist nachhaltiger Tourismus seit Jahren ein Schlagwort, und das Bewusstsein wächst, dass sich an dem bisherigen Wachstumsmodell etwas ändern muss. Zugleich verraten die Reaktionen auf Greta Thunberg und die weltweiten Klimademonstrationen, die einen Systemwandel fordern, vor allem Unsicherheit. Immerhin bestreitet niemand, dass eine intakte Natur ein wesentliches Gut des Tourismus ist, das nicht – und schon gar nicht durch die Reiseindustrie selbst – zerstört werden darf. Aber auch ein Urlaub hinter den hohen Mauern eines Hotelresorts in einem Polizeistaat, der die Menschenrechte mit Füßen tritt, sollte dem Selbstverständnis der Branche zutiefst widersprechen. Zu hören ist davon jedoch nichts.

Oder doch? Ganz allmählich tut sich etwas. Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sich ein Runder Tisch für Menschenrechte im Tourismus gebildet, dessen Mitglieder sich zur menschenrechtlichen Verantwortung in der Tourismusbranche bekennen und diese aktiv fördern. Dazu gehört zum Beispiel ein Online-Training, das Reiseveranstalter darin schulen soll, ihr Unternehmen an menschenrechtlichen Standards auszurichten.

Was kann ich für mehr Menschenrechte im Tourismus tun?

Federführend bei der Gründung des Runden Tisches war das forum anders reisen, ein Zusammenschluss von über 100 Reiseunternehmen, die sich dem nachhaltigen Tourismus verpflichtet haben. Ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern gehören Studiosus und Hauser Exkursionen.

Reisende können sich ihrerseits im Netz umfassend über die Lage der Menschenrechte in ihrem potenziellen Reiseland informieren. Natürlich erfordert das ein wenig Aufwand, aber der ist dann eben Teil der Reiseplanung. Aktuelle Informationen zu verschiedenen Aspekten des verantwortlichen Reisens bietet zudem das Portal fairunterwegs.

Diese Initiativen nähren die Hoffnung, dass das Thema Menschenrechte im Tourismus an Bedeutung gewinnt. Das wiederum wird sich unmittelbar auf die Qualität der Reisen auswirken. Denn die schlechte Entlohnung des Personals oder politische Repressionen sind keine guten Zutaten für einen gelungenen Urlaub.