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Villa Oplontis, die Schöne und das Biest

Die Villa Oplontis in Torre Annunziata ist eine Wucht. UNESCO Weltkulturerbe. Auf jeden Fall besuchen! Dann ist da noch die Stadt und das Meer. Goethe hat es hier vor über 200 Jahren gut gefallen. Aber wie sieht es heute aus?

In Torre Annunziata bin ich noch nie am Meer gewesen. In Torre Annunziata bin ich auch noch nie auf die Idee gekommen, bis hinunter an den Hafen oder gar den Strand zu gehen. Komisch! Dabei liegt Torre Annunziata direkt am Golf von Neapel. Für mich ist der Golf von Neapel doch die schönste Küstenlandschaft der Welt. Über den Golf habe ich immer wieder begeistert geschrieben. Vielleicht sind auch in Torre Annunziata die Küste und das Meer fantastisch schön.

Ich weiß es bis heute nicht. Denn hier in dieser kleinen Stadt in der Peripherie des Molochs Neapel ist das Meer für mich unglaublich fern. Johann Wolfgang von Goethe hat nach seinem Besuch der Ausgrabungen von Pompeji in Torre Annunziata am Meer zu Mittag gegessen. Er schreibt:

Wir aßen zu Torre dell‘ Annunziata, zunächst des Meeres tafelnd. Der Tag war höchst schön, die Aussicht nach Castell a Mare und Sorrent nah und köstlich. … einige meinten, es müsse ohne den Anblick des Meeres doch gar nicht zu leben sein. Mir ist schon genug, dass ich das Bild in der Seele haben …

Damals war die Küste wohl recht schön. Ein Bild in der Seele. Ein Anblick, ohne den es sich nicht zu leben lohne. Toll! Heute trau ich mich nicht mal in die Nähe. Warum? Ferngehalten haben mich bis jetzt tatsächlich die Angst und die Unsicherheit. Genauer muss ich sagen, das Vorurteil, dass Torre Annunziata unglaublich gefährlich ist. Das wird mir von allen Seiten auch immer wieder erzählt. “Pass auf! Torre Annunziata ist gefährlich!” wird mir zugeraunt. “Mach Dich schnell wieder auf den Rückweg, wenn Du Dir die Villa der Poppaea angesehen hast.”

Blick von oberhalb auf die Villa Oplontis. Im Hintergrund ein Hochhaus. Rechts eine alte Kaserne. Im Vordergrund der Garten

Die Villa Oplontis von außen. Die Villa liegt mitten in der modernen Stadt. Unter der Kaserne rechts sind noch weitere Räume der Villa zu finden

Die fantastische Villa der Poppaea

Die Villa der Poppaea. Was für ein prominenter Name. Wäre doch großartig, wenn die riesige römische Villa, die unter der Stadt Torre Annunziata ausgegraben wurde, ein Palast der verruchten Ehefrau des Kaisers Nero wäre. Die schöne Poppaea kam ja ganz aus der Nähe. Sie wurde in Pompeji geboren. Mit über 3000 m² bietet dieses antike Domizil ziemlich viel Auslauf. Aber für das kaiserliche Luxusweib Poppaea wäre die Villa am Golf von Neapel nur winzig gewesen. Wo hätte sie ihre berühmten 500 Eselstuten unterbringen sollen, denen sie die köstliche Eselsmilch für das morgendliche Bad abzapfte, um ihren makellosen hellen Teint zu erhalten? Genau, dafür gibt es hier so gar keinen Platz.

Also wurde down gegraded. Inzwischen heißt die Villa offiziell nun Villa Oplontis. Nach dem Namen des antiken Orts, an dem sie ausgegraben wurde. Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Goethe kannte die Villa Oplontis noch nicht. Sonst hätte er sie bestimmt in seiner Italienischen Reise erwähnt. Denn die Villa Oplontis ist eine Wucht. Ein echte Sensation. UNESCO Weltkulturerbe.

Plan der Villa Oplontis

Mit diesem praktischen Grundriss der Villa Oplontis fällt die Orientierung in der Ausgrabung leicht. Erhältlich ist der Plan an der Kasse der Ausgrabung

Weltkulturerbe Villa Oplontis

Es gibt viele gute Gründe, die Villa Oplontis zu besuchen. Sie ist bequem mit der Nahverkehrsbahn Circum Versuiviana von Neapel oder Sorrent aus zu erreichen. Touristen überrennen die Villa Oplontis nicht. So wie es in Pompeji geschieht. Außerdem ist der Besuch der Villa auch ein Ausflug in die Natur. Im wunderbaren Villengarten blühen Oleanderbüschen und reifen Granatäpfel. Garten-Archäologen haben diesen Garten “al antica“ rekonstruiert. Sie glauben, dass der antike Garten der Villa genauso ausgesehen hat, wie sie ihn wieder hergestellt haben. Links und rechts rieseln noch Asche und kleinste Bimssteine in die Ausgrabung hinein. Mit diesen winzigen Steinchen wurden Haus und Garten im August 79 unserer Zeit beim Vesuv Ausbruch verschüttet. Geologen können aus diesen Schichten sogar die 7 Phasen des Vesusv Ausbruchs heraus lesen. Last but not least: Die Villa Oplontis ist einfach irre schön.

Vulkanische Asche und Bimssteine bilden das vulkanische Material, mit dem die Villa Oplaontis verschüttet wurde. Oben mit Rosmarien bewachsen. Im Vordergrund Grantäpfel

Bimssteine, Asche und Lapilli. Mit diesem vulkanischen Material wurde die Villa Oplontis im Jahr 79 verschüttet.

Die Villa Oplontis ist nur zur Hälfte ausgegraben. Jenseits der Straße, unter dem Gelände einer Kaserne, liegt die andere Hälfte der Villa unter vulkanischer Asche verborgen. Es werden noch andere prächtige Gebäude verschüttet im Untergrund vermutet. Aber an die kommt niemand heran. Torre Annunziata ist über das antike Erbe gewuchert. Überhaupt reicht die moderne Stadt ziemlich nah an die Villa heran. Charakterlose Hochhäuser verstellen den Blick im Hintergrund. Aber genug von der ernüchternden Gegenwart. Vorwärts in die fantastische Vergangenheit zur Villa Oplontis. Auch Wenn nur 50 % der Villa sichtbar sind, sie liefern ein tolles Bild davon, wie reiche Römer im 1. Jahrhundert unserer Zeit am Golf von Neapel gelebt haben.

Wie so häufig rund um Neapel bleibt der großartige Eindruck nicht ungetrübt. Bei den Restaurierungen der siebziger und achtziger Jahre kam viel Beton und Stahl zum Einsatz. Es wurde versucht, damit die äußere Form der Villa wieder her zu stellen. An jeder Ecke lässt sich heute sehen, dass das Geld fehlt, das Weltkulturerbe Villa Oplontis richtig zu erhalten und zu pflegen. Baugerüste stören den Blick und behindern den Rundgang. Das ist natürlich wahnsinnig traurig! Aber wahr ist auch: am Golf von Neapel gibt es so viele antike Sehenswürdigkeiten und so wenig Geld, das historische Erbe angemessen zu bewahren. Also abwarten und in der fernen Zukunft wiederkommen, wenn alles fertig ist.

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Sogar die Fensterläden der Villa Oplontis haben den Vesuv-Ausbruch überstanden

Römischer Luxus am Golf von Neapel

Im Zentrum der Villa befindet sich das große Atrium. Eine Art Empfangssaal. Merkwürdigerweise hat dieser zentrale, repräsentative Raum ein Dach mit quadratischem Loch in der Mitte. Auf so eine Idee kommt man wahrscheinlich nur im Süden. Unterhalb der quadratischen Öffnung ist ein großes Wasserbecken in den Boden eingelassen. So sehen alle Artrien in römischen Häusern aus. Das ist nichts Besonderes. Prächtig sind in diesem Raum die Malereien an den Wänden. Es sind gemalte Theaterkulissen. Sie schimmern in Gold und dem berühmten Pompejanisch-Rot. Säulen, Gesimse, elegante Scheintüren und Treppen gliedern die Wand in spektakuläres 3D. Kostbare, Gold verzierte Glasgefäße und Öllampenhalter sind in Nischen gemalten Nischen abgestellt, um die perspektivische Tiefe der gemalten Wand besonders zu betonen.

Das Atrium der Villa Oplontis. Die Wände sind mit Theaterarchitektur bemalt. Der Raum wird durch eine moderne Glaskonstruktion geschützt

Das Atrium der Villa Oplontis. Römische Wandmalereien und Restaurierung der Moderne

War dieser Raum genauso prächtig eingerichtet, wie er ausgeschmückt ist? Oder sollte der gemalte Schmuck darüber hinweg helfen, dass das Leben auf der Villa Oplontis nicht ganz so reich und sorglos war, wie es in den Wandmalereien den Anschein hat? Wir wissen es ja gar nicht.

Die Besitzer haben die Villa wohl nur in den Sommer Monaten bewohnt. Wahrscheinlich kamen sie aus dem fernen Rom. Hier am Golf von Neapel, in Campania Felix, der Glücklichen Landschaft, haben sie sich den Stress der Großstadt aus den Knochen geschüttelt. Im Sommer brennt in Süditalien den ganzen Tag die Sonne. Es wird irre heiß. Deswegen ist die Villa mit einem schattigen, kühlen Wandelgang umgeben. Sehr praktisch. Denn der Wandelgang führt mich weiter zum nächsten Raum.

Ein Salon. Auch dieser an allen Wänden mit Theaterkulissen ausgemalt. Gelbe Quitten in einer Kristallschale. Reife Feigen unter einem Netz. Birnen in einem Korb. Eine Torte belegt mit roten Kirschen. Exotenfrüchte wie Apfelsine oder Zitrone fehlen. Die kannten die antiken Römer nicht. Anscheinend eine Art Speisezimmer. Der kleine Raum sieht aus, als hätten die Besitzer hier nicht nur sehr gesund sondern auch in Saus und Braus gelebt. Vielleicht ist auch das nur schöner Schein.

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Etwas weiter befinden sich die dunklen Quartiere für das Personal und für die Sklave. Auch hier gibt es Malereien an den Wänden. In einfachem Schwarzweiß und etwas Grau. Prächtig? Fehlanzeige! Soziale Unterschiede werden knallhart durch Abstufungen von Eleganz und Schönheit ausgedrückt.

Besonders beeindruckt mich dann allerdings das große Schwimmbad. Regelrechte Wettkampf-Dimension. Umgeben ist es von einem Labyrinth aus kleinen verschachtelten Zimmern, Kämmerchen und Innenhöfen. Auf den Wänden gehen stolze Pfauen spazieren, in den gemalten Büschen sitzen kleine Vögelchen. In Brunnen und in kleinen Kaskaden plätscherte einst erfrischendes Wasser. Ein gemauertes und bemaltes Paradies. Und schon bin ich wieder im Garten am Ausgangspunkt meines Rundgangs durch die Villa der Poppaea. Hier unten in der Ausgrabung ist es idyllisch schön. Über mir lärmt die moderne, chaotische Stadt. Genau heute traue ich mich mal. Ich suche Strand und Meer und Hafen in Torre Annunziata. Den Ausblick auf das Meer ohne den ein Leben sich nicht lohne. Das Bild das Goethe in der Seele weggetragen hat.

Römische Wandmalereien mit Brunnen und Tieren auf rotem Grund aus der Villa Oplontis

Ein Blick in den gemalten Garten der Villa Oplontis

Blick durch einen Bogen des Eisenbahn Viadukts von Torre Annunziata auf das Meer und kleine Boote

Mein erster Blick auf den Golf von Neapel in Torre Annunziata

Auf der Suche nach dem Meer

Also mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Es ist ein Sonntag Vormittag. Die Stadt ist dennoch sehr belebt. Geschäfte sind geöffnete. Alte Männer besorgen beim Fischhändler auf der Straße noch schnell den frischen Fisch für das Sonntagsmahl. Aus der Pasticeria, der Konditorei, werden riesige Pakete mit Süßigkeiten nach Hause getragen. Gefährlich oder bedrohlich? Nein! Ich werde ziemlich freundlich von Menschen auf der Straße angesprochen. „Tedesco?“ Deutsch?

Torre Annunziata kommt mir eher traurig oder trostlos vor. Alte Häuser verfallen. Die Eingänge mit rostigen Gittern und Rolladen verrammelt. Eine barocke Kirche, mit Bauzaun abgesperrt, sinkt leise stöhnend in sich zusammen. Die Bühne des Politeama Theaters seit über 40 Jahren nicht bespielt. Die Leuchtreklame am Cinema Moderno windschief verblasst. Torre Annunziata, erscheint mir trotz des geschäftigen Lebens als eine sterbende Stadt. Die Bewohner, die Menschen sind noch da. Aber die Stadt zerrinnt, zerbläht, zermodert zu einem geflickten Teppich ohne Form und ohne Gestalt. Überall präsent die wirtschaftliche und soziale Misere der südlichen Peripherie Europas.

Blick auf den Hafen von Torre Annunziata

Ein monströses Eisenbahn-Viadukt trennt Torre Annunziata vom Meer

Und plötzlich bin ich fast am Meer. Ich kann es schon sehen. Gerahmt durch die Bögen eines monströsen Viadukts. Oben brettert mit ohrenbetäubenden Lärm der Schnellzug Neapel-Salerno. So ist das also. Torre Annunziata ist eine eingesperrte Stadt. Eingepfercht zwischen der Autobahn im Osten und einem Eisenbahn Viadukt, das die Stadt wie ein mittelalterlicher Schutzwall vom Meer abtrennt. Torre Annunziata heute das ist eine Stadt am Meer, doch paradoxerweise ist Torre Annunziata eine Stadt ohne Meer.

Ich gehe am Hafen entlang und komme an die Villa Communale, den Stadtpark. Ein pflegeleichter Garten zugegossen mit Beton. Etwas weiter entdecke ich die Spiaggia Risorgimento. Ich setze mich in die Bar. Aus den Lautsprechern dröhnt Italo-Pop. Ich trinke einen Aperitif, schaue auf den schwarzen Strand und bekomme den ersten Sonnenbrand des Jahres 2016. Und auch mir entsteht ein Bild in der Seele. Ganz ehrlich, ich möchte es nicht so gerne mit nachhause nehmen.

Blick auf die Berge der Monte Latari der Halbinsel von Sorrent

Zu Goethes Zeit muss es hier schöner gewesen sein. Blick vom Strand Torre Annunziatas auf die Halbinsel von Sorrent. Es ist Vorsaison. Der Strand ist noch nicht hergerichtet