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Volterra – Erde, die fliegt

Volterra verführt in die Vergangenheit. Trutzige Stadtpaläste beschwören das Mittelalter hinauf. Traditionelle Kunsthandwerker schnitzen aus Alabaster altmodischen Kitsch. Geheimnisvolle Etrusker haben Bauwerke und Bilder hinterlassen, die aus einer Zeit berichten, als Reisen noch echte Abenteuer und Reisende mutige Heroen waren.

Volterra, Terra che vola. Erde, die fliegt. So dröselt mir eine Käseverkäuferin den Namen der Stadt auseinander. “Der Name kommt daher”, erzählt sie mir, “weil der Nebel manchmal so hoch steigt, dass man das Cecina Tal und die Hügelkette der Colline Metalifere nicht mehr von hier oben sehen kann. Dann sieht es so aus, als ob Volterra über den Wolken schwebe oder fliege.” Das ist die romantischste Erklärung eines Stadtnamens, die ich jemals gehört habe. Als ich Volterra besuche, kein Nebel, der Himmel ist strahlend blau. Vor mir liegt ein fantastisches Panorama. Ich blicke aus einer Höhe von gut 550 Metern weit über das saftig grüne Val di Cecina, bis zu den Metal-Hügeln in der Ferne und ganz weit hinten am Horizont sehe ich einen Zipfel des Tyrrhenischen Meeres. Das ist einfach sagenhaft schön!

Volterra, Blick ins Val di CecinaT

Volterra liegt abseits der gängigen Touristenpfade in der Toskana. Klar profitiert die Stadt vom Tourismus. Überall werden Souveniers angeboten. Cafés, Eisdielen, Restaurants bedienen vor allem die Reisenden und besonders viele kommen aus Deutschland hierher. Trotzdem hat Volterra seine Identität als kleine Landstadt in der Toskana und besonders einen trutzigen, mittelalterlichen Charakter bewahrt.

Auf der Piazza dei Priori lässt sich die mittelalterliche Stadt auch noch heute richtig gut nacherleben. Nirgens in der Toskana sehen die Stadtpaläste wehrhafter und abweisender aus, als in Volterra. Nirgens finden sich mehr dunkele Gassen und hohle Winkel, die zum Erkunden und zum Erfinden von schön schaurigen Geschichten einladen. Mir gefällt diese Stadt und ich fühle mich willkommen. Der Ausflug hierher hat sich gelohnt.

Die Piazza dei Priori in Volterra

Die Stadt des Alabasters

Trotz des sonnigen Himmels ist es kalt in den engen, mittelalterlichen Gassen. Links und rechts der Via Giacomo Matteotti ragen die mittelalterlichen Häuser und Geschlechtertürme so hoch, dass kein Sonnenstrahl den Boden wärmt. In den Schaufenstern liegen ausgestopfte Wildschweine und Kunsthandwerk aus Alabaster.

Blick in ein Schaufenster eines Alabasterladens in Volterra, Toskana

Seit dem 18. Jahrhundert wird Alabaster, ein weicher, einfach zu formender Kalkstein, hier verarbeitet. Damals hieß es, Volterra sei die Stadt der Witwen. Denn die Männer starben jung. Die Lungen verklebt und versteinert vom feinen Alabaster Staub. Heute ist das dank modernen Arbeitsschutzes Vergangenheit.

In vielen kleinen Werkstätten surren pfeifend die Schleifmaschinen und produzieren aus unschuldigen Albaster Rohlingen atemberaubende Scheusslichkeiten. Pferde mit wehenden Mähnen oder leicht bekleideten Mädchen, die schnörkelige Lampen halten oder für den kleinen Geldbeutel farbige Flaschenkorken und bunte Herzchen. Die Auslagen und Schaufenster sind voll mit diesem industriell hergestellten Plunder. Wer kauft das Zeug?

Adler Skulptur aus Alabaster gesehen in Volterra

Hinter vorgehaltener Hand erfahre ich: das geht alles nach Übersee. Das war einmal anders,  vor tausenden von Jahren haben auch Etrusker Alabaster abgebaut. Sie haben aus dem weichen Stein Urnen hergestellt, ihre Toten darin bestattet und riesige Friedhöfe rund um die Stadt mit diesen Aschegefäßen gefüllt. Die Urnen sind mit Szenen aus griechischen Mythen geschmückt. Sie erzählen die Heldentaten von Theseus, Pelops, Perseus und berichten von den abenteuerlichen Reisen des Odysseus.

Geheimnisvolle Etrusker zuhause bei Guarnacci

Volterra ist eine alte Stadt. Eine sehr alte Stadt. Die Etrusker haben die Siedlung auf dem Hügel gegründet. Von Velathri aus haben sie das Gebiet bis zur Küste, das Tyrrhenischen Meeres, die Insel Elba und Korsika beherrscht. Wegen der Etrusker bin ich hier. Ich möchte das berühmte Etrusker Museum Guarnacci, die Heimstatt der Ascheurnen, besuchen. Von der Via Matteotti biege ich in Via Gramsci ab. Auch hier erstmal Wildschweine und Alabaster. Fast am Ende der Straße finde ich das Museum in einem alten Palazzo.

Hier ist alles sehr eng und klein. Sofort hinter der Kasse und einer improvisierten Garderobe aus Metallschränken beginnt die Ausstellung. Und schon im ersten Raum des Untergeschoss sehe ich überall etruskische Urnen an den Wänden. In nummerierten Regalen übereinander gestapelt bis zur Decke. Urnen, Urnen, Urnen. Es sind einfache kleine Aschekisten mit einem Deckel. Die schlichten Exemplare sind aus Ton und haben einen Verschluss in Form eines Daches. Die aufwändigeren  haben vorne ein Relief und als Deckel eine menschliche Figur, die seitlich aufgerichtet auf einem Bett zum Essen liegt.

Bild einer etruskischen Ascheurne aus Voltera

In der Hand halten die Figuren Schalen, kleine Kännchen, die Frauen häufig einen Fächer in Form einer Palme, manche Männer Schriftrollen oder Wachstäfelchen, als ob sie lesen und schreiben könnten. Sie sind geschmückt mir Kränzen im Haar und üppige Ketten um den Hals. Manche tragen einen winzigen Siegelring am kleinen Finger. So schauen unzählige, vollkommen unbekannte etruskische Frauen und Männer von den Regalen teilnahmslos auf den Betrachter hinab. Warum bloß liegen diese prächtig geschmückten Toten auf einem Bett und tun so, als seien sie Gast bei einem Symposion?

Reisen in der Antike – Sehr verlockend und sehr gefährlich

Die Urnen sind thematisch geordnet. Es gibt ein Regal voller Urnen mit Blütenmotiven, einen ganzen Raum voller Urnen mit wilden Tieren und Dämonen. Dann gibt es einen Raum gefüllt mit Urnen, die auf der Vorderseite den Aufbruch zu einer Reise zeigen.

Die Abreise. Szene auf einer Ascheurne aus Volterra

Der Reisende liegt schon in seinem Wagen. Frauen und Kinder haben sich zum Abschied um das Gefährt versammelt. Was hat Reisen mit dem Tod zu tun? frage ich mich. Ist das Reisemotiv ein Hinweis auf die “Reise des Lebens”, die mit dem Tod ihr Ende findet? Ist das Reisen ein Sinnbild für den Übergang von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten? Oder war es einfach so, dass für einen Etrusker eine Reise so gefährlich und deren Ausgang so unbekannt und unsicher war, dass das Motiv “Abschied vom Reisenden” als Abschied für immer verstanden wurde. Verbunden mit einer wagen Hoffnung, sich eventuell doch noch einmal wieder sehen zu können?

Reisen und Tod. Das hängt für die Etrusker Volterras anscheinend sehr eng zusammen. Denn dieses Motiv taucht auf den Urnen immer wieder auf. Im ersten Obergeschoss gibt es wunderschöne Alabaster-Urnen mit den Abenteuer-Erzählungen der Reisen des Odysseus. Auf einigen Urnen besiegt er den Kyklopen.  Auf anderen überlistet er die zauberhaften Sirenen. Sie musizieren verführerisch und können den listigen Odysseus dennoch nicht becircen. Denn der steht aufrecht an den Mast gefesselt. Seine Ruderknechte haben die Ohren mit Wachs verstopft. So können sie trotz betörenden Musik nicht von der rechten Route abkommen und angelockt vom Gesang der Sirenen an steilen Klippen zerschellen. Reisen in der Antike, das muss eine existenzielle Erfahrung gewesen sein, sehr verlockend und sehr gefährlich. Gar nicht zu vergleichen mit meinen Reiseerfahrungen. Einfach in den Flieger springen und ab geht die Post. Perfekt organisiert und am besten noch all inclusive.

Etruskische Ascheurne aus Volterra

Speisen mit den Göttern

Auf einer anderen Gruppe von Aschekästchen wird die Geschichte des Heldens Pelops und der schönen Hippodameia erzählt. Pelops möchte die Tochter des Königs Oinomaos heiraten. Dazu muss er den Vater in einem Wagenrennen besiegen. Da Oinomaos mit den geflügelten Pferden des Meergottes Poseidon die schnellsten Pferde der Welt besitzt, kann Pelops Sieg nur mit einer List errungen werden. Also wird Myrtilos, der Wagenlenker des Oinomaos, bestochen, die Räder des königlichen Wagens zu manipulieren. Der Anschlag gelingt. Oinomaos wird zu Tode geschleift. Pelops gewinnt Hippodameia. Auf den Urnen ist das Wagenrennen dargestellt. Hippodameia steht hinter Pelops auf dem Wagen, der den gestürzten Oinomaos zermalmt. So weit so gut. Es kommt ein Mann ums Leben. Das Thema passt zu Totenkult.

Doch richtig interessant wird die Geschichte erst, denke ich mir, wenn die Herkunft des Bräutigams ins Spiel kommt. Denn der wurde als Knabe vom eigenen Vater Tartaros ermordet, zerkleinert und den Göttern des Olymps quasi alla Ragú als Speise vorgesetzt. Den Göttern stößt die ekle Mahlzeit auf. Sie setzen Pelops aus den Einzelteilen wieder zusammen, erwecken ihn zum Leben und sperren den bösartigen Vater unter schlimmen Qualen weg in die Unterwelt. Kommt hier das Leben nach dem Tod ins Spiel? Oder geht es um eine Mahlzeit in der Gegenwart der Götter?

Ganz oben im Museum ist eine etruskische Grabkammer nachgebaut. Ein kleiner quadratischer Raum umgeben von Podesten, die wie Bänke aus dem Stein geschlagen sind. Auf diesen Bänken sind Urnen aufgestellt in der Mitte des Raums Geschirr aus Ton und bronzene Gefäße. Hier sieht es aus wie in einem antiken Esszimmer. Wie im Triclinium haben sich die Verstorbenen auf Betten rund um einen Tisch niedergelassen zum gemeinsamen Mahl mit den Ahnen und Vorfahren, vielleicht sind auch die Götter mit von der Partie. Plötzlich sind mir die Etrusker gar nicht mehr so fern. Mir kommt es vor, als hätten auch diese Menschen vor vielen hundert Jahren gehofft, im Tode die wieder zu sehen, die ihnen schon im Leben lieb gewesen sind.

Etruskische Ascheurne aus Volterra

Das Museum Guarnacci ist ein Museum im Übergang. Es gibt Bemühungen die bekanntesten Exponate angemessen zu präsentieren. Der berühmte Ombra della Serra, ein etruskischer Bronzeknabe, der mit seiner gelängten Gestalt an die Skulpturen Alberto Giacomettis erinnert,  und die Urna degli Sposi, die Darstellung eines alten Ehepaares, werden in modernen Kabinetten als wertvolle Einzelstücke präsentiert. Dann gibt es Räume, die in den 60er Jahren renoviert und sofort vergessen worden sind. Mich faszinieren besonders die Säle, die an die Entstehung des Museums im 18. Jahrhundert erinnern. Alte schwarze Glasvitrinen auf geschnitzten Beinen sind vollgestopft mit schwarzer Keramik oder mit Schabeisen zur Körperpflege oder mit Münzen oder mit antiken Instrumenten von Ärzten und Kurpfuschern. Fein säuberlich sortiert. Hier die Schabeisen. Dort die Vasen. Irgendwie mach das Museum den Eindruck eines unvollendeten Projekts. Als traute sich niemand, diesem Reichtum an kulturellem Erbe eine neue Ordnung zu geben.

Ein Torbogen in Volterra

Nachdenklich verlasse ich das Museum und schlendere zur Porta all Arco herunter. Dieses Stadttor soll das größte etruskische Bauwerk in ganz Italien sein. Es ist ein Torbogen geformt aus riesigen Quadern, zerfressen und abgeschliffen durch den Lauf der Zeit. Verwitterte Köpfe schauen von oben auf mich herab. Sind es Löwen, sind es Chimären gewesen? Das kann ich nicht mehr erkennen. Jahrein jahraus schauen sie auf das Val di Cecina bis hinunter auf’s Tyrrhenische Meer oder auf weiße Nebelwolken. Aber nur dann, wenn in Volterra mal wieder die Erde fliegt.

Das etruskische Stadttor von Volterra

Auf einen Blick:

Volterra ist eine Stadt abseits der gängigen Touristenpfade in der Toskana. Auf einem Inselberg mitten im Val di Cecina hat die Stadt ihr mittelalterliches Stadtbild bewahrt. Schon die Etrusker haben die strategisches Lage geschätzt und die Stadt Velathri gegründet. Von den Etruskern haben sich unzählige Ascheurnen aus Alabaster erhalten. Sie werden im Museum Guarnacci gezeigt. Mich haben besonders die Urnen mit Motiven rund um das Thema Reise fasziniert. Darauf geht der Artikel besonders ein.

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