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Wir Auswanderer. Ein Museumserlebnis

Ein Boarding Pass, eine Chipkarte – schon wechseln wir für zwei Stunden die Identität. Hinter uns liegt das verarmte, despotische Europa, vor uns die neue, freie Welt. Mitten in der Flüchtlingsdebatte bietet das Deutsche Auswanderer-Haus in Bremerhaven einen spannenden Perspektivwechsel

Erwartungsvoll drängen wir uns in einem kleinen, dunklen Raum – eine Schleuse in die Vergangenheit, die den regenschweren Oktobertag draußen vollkommen ausblendet. An der Wand eine Warnung in gotischen Lettern:

„Die Auswanderer werden vor Bauernfängern (namentlich Kartenspielern), und solchen Personen, die sich ihnen auf der Straße, in fremden Wirthschaften u.s.w. zum Geldwechseln oder zum Ankauf von Schiffskarten aufdrängen, gewarnt.“

Dann geht eine schwere Eisentür auf und die Zeituhr rast rund 150 Jahre zurück.

Plötzlich Auswanderer: Der nachgebaute Kai rekonstruiert die letzten Momente vor der Abreise.

Plötzlich Auswanderer: Der nachgebaute Kai rekonstruiert die letzten Momente vor der Abreise.

Heimaterde im Gepäck

Wir stehen am Auswanderer-Kai. Rechts von uns ragt der genietete Rumpf eines Dampfschiffs empor, links stehen Menschen mit Koffern, in denen ihr ganzes Hab und Gut Platz hat. Eine Kapelle spielt „Muss i denn zum Städtele hinaus…“ und verstärkt noch die bleierne Atmosphäre. Wir mischen uns unter die Wartenden – Männer, Frauen und Kinder, allesamt gerüstet für eine Reise ins Ungewisse – und hören ihren Gesprächen zu – ja, sie sprechen, jeder in seiner Sprache.

Überall in dieser bedrückenden Szenerie sind Hörstationen verteilt, die wir mit der Chipkarte in Gang setzen. Was nahmen die Menschen mit? Baldrianpuder, Kamille gegen Erkältung, ein Säckchen Heimaterde und – platzsparend, aber schwer – Verzweiflung. Denn freiwillig tat sich das niemand an: die Enge der Zwischendecks, die wochenlange Überfahrt, die sich erst im Dampfzeitalter auf acht bis 15 Tage verkürzte, Typhus- und Choleraepidemien, Sturm und Todesangst, eine unsichere Zukunft.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserten sich die Bedingungen für die Auswanderer. In dieser Dampfschiff-Kabine schliefen und lebten 18 Passagiere. Die Ansteckungsgefahr im Fall von Krankheiten war dennoch hoch.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserten sich die Bedingungen für die Auswanderer. In dieser Dampfschiff-Kabine schliefen und lebten 18 Passagiere. Die Ansteckungsgefahr im Fall von Krankheiten war dennoch hoch.

Elend und Komfort

Natürlich gab es eine Hierarchie unter den Auswanderern. Die meisten kamen vom Land, waren harte Arbeit gewohnt, oder sie hatten tagein, tagaus in qualmenden Fabriken geschuftet, aber nichts davon hatte für den Lebensunterhalt gereicht. Klassische Wirtschaftsflüchtlinge, würden wir heute sagen, reich an Kindern und bettelarm. Amerika, das Land der Verheißung, kannten sie nur vom Hörensagen, aber das genügte, um alles zu riskieren und dem krisengeschüttelten Europa den Rücken zu kehren.

Die Schiffe für Auswanderer waren das Abbild der europäischen Klassengesellschaft. Für die dritte Klasse gab es Bier, Sauerkraut und steinharten Schiffszwieback, den man vor dem Essen tunlichst ausklopfte, um nicht das ganze Ungeziefer mit hinunterzuwürgen. Die erste Klasse logierte in Salons und trank Champagner.

Wir Auswanderer: Champagner für die Reichen: Für die, die der europäische Raubtierkapitalismus nach oben gespült hatte, war Luxus an Bord eine Selbstverständlichkeit.

Champagner für die Reichen: Für die, die der europäische Raubtierkapitalismus nach oben gespült hatte, war Luxus an Bord eine Selbstverständlichkeit.

Aber auch für die dritte Klasse verbesserten sich die Bedingungen der Überfahrt – der technische Fortschritt machte es möglich. Im Museum machen wir drei Zeitsprünge. Wir erleben die Zwischendecks, Schlaf- und Speiseräume an Bord des Seglers Bremen (Stapellauf 1854), des Schnelldampfers Lahn (Stapellauf 1887) und des Liners Columbus (Stapellauf 1923). Noch 1866 mussten sich 100 Passagiere der dritten Klasse mit zwei Toiletten begnügen. Die Columbus dagegen bot komfortable Mehrbettkabinen mit eigener Waschgelegenheit und einen Speisesaal mit üppiger Menükarte, die schon zum Frühstück neben Haferschleim und Eiergrütze in Milch auch Obst, Omelette mit feinen Kräutern und gebratene Leber mit Zwiebeln aufführte. Hat am Ende die moderne Kreuzfahrtindustrie ihren Ursprung in den Auswandererschiffen der Zwischenkriegszeit?

Wir Auswanderer: Gar kein Vergleich zu den armseligen Bedingungen des 19. Jahrhunderts: der Speisesaal auf der Columbus.

Gar kein Vergleich zu den armseligen Bedingungen des 19. Jahrhunderts: der Speisesaal auf der Columbus.

Bremerhaven, Stadt der Auswanderer

In Bremerhaven bin ich Alzbeta Kaucka. So jedenfalls steht es in dem Pass, den ich zu Beginn meiner Museumsreise erhalte. Geboren wurde sie in Österreich-Ungarn, im Gebiet des heutigen Tschechien. Sie ist einer der Menschen, deren Auswanderungsgeschichte rekonstruiert werden konnte und in deren Identität Besucher beim Museumsrundgang schlüpfen.

Natürlich ging sie in Bremerhaven an Bord. Warum natürlich? Weil Bremerhaven der wichtigste Auswandererhafen Europas war: Mehr als sieben Millionen traten von hier aus die Ausreise nach Amerika an – ich hatte keine Ahnung davon!

Doch jetzt, als Alzbeta, lerne ich auch all die anderen Auswanderer kennen – in der Bibliothek des Museums. Jede Schublade steht für eine eigene Biografie, unterteilt nach Jahrzehnten und eingebettet in einen Rahmen aus historischen Karten und Audio-Geschichten. Auch einige bekannte Namen sind darunter, zum Beispiel Levi Strauss aus Buttenheim in Bayern, der einmal die Jeanshose erfinden wird. Ich mache es mir auf einer Bank bequem und schaue durch ein großes Fenster auf den regnerischen Tag, von dem mich sehr viel mehr trennt als eine Glasscheibe.

Wir Auswanderer: Allein in der Bibliothek könnte ich mich stundenlang aufhalten. Besser und einladender kann man eine derartige Menge an Biografien nicht präsentieren.

Allein in der Bibliothek könnte ich mich stundenlang aufhalten. Besser und einladender kann man eine derartige Menge an Biografien nicht präsentieren.

Ei sink it uill rehn tuhdäh

Gleich zweimal wanderte Alzbeta aus, das ist sehr ungewöhnlich. Das erste Mal 1921, als Dreißigjährige. Sie landete in Cleveland, Ohio, hatte einen Sohn mit ihrem dortigen Arbeitgeber Edward Klipec, reiste mit dem Kind zurück zur Mutter in die alte Heimat und 1927 erneut in die USA. Dort verbringen die beiden mehrere Tage auf Ellis Island – eine Station, die alle Immigranten durchlaufen mussten, nicht immer mit Erfolg.

Auch Alzbetas Schicksal steht auf der Kippe. Dabei hat sie den Vorteil, dass sie Land und Sprache kennt, während die meisten anderen Auswanderer sich durch Englischlehrbücher quälen, die neben der Übersetzung gängiger Phrasen auch gleich die Aussprache mitliefern: Ich glaube, es wird heute regnen – I think it will rain to-day – Ei sink it uill rehn tuhdäh.

Trotzdem bleibt Alzbeta auf Ellis Island hängen, weil niemand für sie bürgt. Die erneute Einreiseerlaubnis erhält sie vermutlich nur wegen ihres Sohnes, der in den USA geboren wurde. Ihre Geschichte endet glücklich: Wenige Wochen nach ihrer Einwanderung heiratet sie Edward Klipec, den Vater ihres Sohnes, und lebt bis ins hohe Alter in Ohio.

Wir Auswanderer: Abfertigung der Einwanderer auf Ellis Island. Der „Registry Room“ und seine Ausstattung sind originalgetreu wiedergegeben. Über ein Tonband ertönen Glockenschläge. Jeder einzelne erinnert an einen Einwanderer im Jahr 1907.

Abfertigung der Einwanderer auf Ellis Island. Der „Registry Room“ und seine Ausstattung sind originalgetreu wiedergegeben. Über ein Tonband ertönen Glockenschläge. Jeder einzelne erinnert an einen Einwanderer im Jahr 1907.

Insel der Tränen

Andere Auswanderer hatten weniger Glück. Wer Typhus oder sonst eine ansteckende Krankheit hatte, wurde gleich zurückgeschickt. Für diese Menschen wurde Ellis Island die Insel der Tränen, und das kurz vor dem Ziel – das Eiland liegt kaum weiter von Manhattan entfernt als Jersey City. 1907 wurden hier mehr als eine Million Ankömmlinge abgefertigt, Passagiere der dritten Klasse mussten zermürbende Wartezeiten in Kauf nehmen. Hatten sie die ärztliche Untersuchung hinter sich gebracht, stellte ihnen ein Beamter im Eiltempo 29 Fragen zur Person und entschied dann in weniger als zwei Minuten über ihr Schicksal – das Ganze natürlich auf Englisch und nach einer oft kräftezehrenden Überfahrt.

Ich stehe an einem Pult, rufe auf einem Bildschirm die Fragen auf und versuche, sie so rasch wie möglich zu beantworten. Selbst als Museumsbesucher, für den es um nichts geht, ist das nicht leicht. Auswanderer, die hier abgewiesen wurden, wussten genau: Diese Chance bekommst du wahrscheinlich nie wieder.

Wir Auswanderer: Die Insel Ellis Island (unten links) – heute ein Museum zur Geschichte der Einwanderung in die Vereinigten Staaten – im Hudson River

Die Insel Ellis Island im Hudson River (unten links) – heute ein Museum zur Geschichte der Einwanderung in die Vereinigten Staaten

Deutschland Einwanderungsland

Kurz darauf stehen wir plötzlich in New Yorks Grand Central Station. Von hier aus verteilten sich die Einwanderer aufs ganze Land. Im Museum ist der Nachbau der großen Bahnhofshalle das Scharnier zum zweiten, kleineren Teil des Besichtigungsrundgangs, der die aktuelle Zuwanderungsdebatte besonders absurd erscheinen lässt. Denn das wird sofort klar: Zuwanderung gab es in Deutschland schon immer, auch in Schüben und damit besonders geballt.

Wir Auswanderer: Nachbau eines kleinen Ausschnitts der Empfangshalle in der Grand Central Station, New York. Hier können Museumsbesucher noch einmal die Biografie „ihres“ Auswanderers nachlesen.

Nachbau eines kleinen Ausschnitts der Empfangshalle in der Grand Central Station, New York. Hier können Museumsbesucher noch einmal die Biografie „ihres“ Auswanderers nachlesen.

Wie die Menschen in Deutschland durch die Jahrzehnte aufgenommen wurden und was sie erwartete, wird abwechslungsreich anhand von Läden und Schaufenstern erzählt. Sogar ein komplett erhaltenes 50er-Jahre-Kino gibt es hier. In dem Filmbeitrag „Deutsch-Türkische Liebe“ berichten deutsch-türkische Paare von ihren Alltagserfahrungen in Deutschland – und davon, was Heimat für sie bedeutet.

Filmdokumentationen über Auswanderer und Einwanderer im Flair der 50er Jahre: Das Roxy bildet den Abschluss des Museumsrundgangs.

Filmdokumentationen über Auswanderer und Einwanderer im Flair der 50er Jahre: Das Roxy bildet den Abschluss des Museumsrundgangs.

Service

Das Deutsche Auswanderer-Haus in Bremerhaven liegt gleich hinter dem Zoo am Meer und ist vom Hauptbahnhof aus leicht mit den Buslinien 502, 505, 506, 508 oder 509 erreichbar. Kinder ab acht Jahren kommen bei der kostenfreien Museums-Rallye „GEOlino-Quiz“ auf ihre Kosten. Auch sonst gibt es reichlich Angebote für Familien. Mehr Infos unter http://dah-bremerhaven.de.