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Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar

Von Köln aus liegt London um die Ecke: 600 Kilometer, das entspricht der Entfernung nach München oder Berlin. Wir waren dort zu einer Hochzeit eingeladen und haben uns für eine Zugreise entschieden. Warum? Hier sind fünf Gründe für den Eurostar

Okay, wir sind notorische Zugfahrer. Demnächst nehmen wir zum fünften Mal den Nachtzug nach Lissabon und sind ausgesprochen zufrieden damit. Als jetzt London auf dem Programm stand, haben wir trotzdem erst mal recherchiert – Zugreise oder Flugzeug? Das lag vor allem an der Kürze des Trips: Die Trauung sollte Freitagnachmittag sein, und weil die Ferien gerade vorbei waren, mussten wir am Sonntag schon wieder nach Hause. Das lohnt sich doch nur, wenn wir fliegen, dachten wir, und der Eurostar ist sowieso viel zu teuer. Pustekuchen!

Wichtigster Tipp für die Zugreise nach London: früh buchen und sparen

Dass wir am Ende deutlich mehr gezahlt haben als erwartet, lag daran, dass wir uns nicht auskannten. Wer häufiger mit der Bahn fährt, weiß: Tickets kann ich in der Regel drei Monate vor Antritt der Zugreise buchen. Für den Eurostar nach London sind es jedoch sechs Monate – warum auch immer. Wir haben uns also viel zu spät gekümmert und mussten den Preis dafür zahlen. Wer rechtzeitig bucht und eine Bahncard 25 besitzt, bekommt die Hin- und Rückreise für rund 120 Euro und ist pro Richtung 4,5 bis 6 Stunden unterwegs.

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar – Waggon eines Eurostars in Nahaufnahme mit Angabe des Zielbahnhofs

Der Eurostar ist eine Erfolgsgeschichte: Seit 2013 befördert er pro Jahr mehr als 10 Millionen Passagiere und kommt für die Strecke London-Paris auf einen Marktanteil von 80 Prozent gegenüber dem Flugverkehr.

Klingt nach viel? Mal sehen: Flüge übers Wochenende, ein halbes Jahr im Voraus gebucht, kosten ab 100 Euro aufwärts. Die reine Flugzeit nach London beträgt nonstop im besten Fall 70, ansonsten rund 90 Minuten – immerhin drei Stunden schneller als die Zugreise im Eurostar. Aber: Das ist nur die Nettozeit ohne Anreise zum Flughafen und Wartezeiten. Auch die Kosten beziehen sich ausschließlich auf das Flugticket. Außerdem sind etwaige Aufpreise für Gepäck, Snacks und sonstige Services, die sich die Airlines neuerdings teuer bezahlen lassen, noch nicht berücksichtigt.

Eingefleischte Autofahrer wiederum schwören auf die Straße. Im Fall von London ist das allerdings keine gute Idee. Unter sechseinhalb Stunden sind die 600 Kilometer nicht zu schaffen, eine Fahrzeit von acht bis neun Stunden ist realistischer. Zu den Benzinkosten und Autobahngebühren kommen noch die Kosten für die Fähre – ab 85 Euro für eine vierköpfige Familie im Kleinfahrzeug ohne Anhänger – oder den Huckepackzug durch den Eurotunnel – im günstigsten Fall ab 150 Euro –, außerdem Parkgebühren und die London City-Maut für den Innenstadtbereich in Höhe von derzeit etwa 13 Euro pro Tag und Fahrzeug. Ergebnis: Das Auto ist weder schneller noch billiger als die Zugreise nach London.

Zentral ein- und aussteigen

London besitzt sechs offizielle Flughäfen. Deren Lage ist – auch, wenn das selten berücksichtigt wird – ein wichtiges Kriterium beim Vergleich mit einer Zugreise im Eurostar. Heathrow, der größte Flughafen, liegt 24 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die schnellste Verbindung zur Innenstadt bietet der Heathrow Express. Er verkehrt im Viertelstundentakt und braucht für die Strecke je nach angefahrenem Terminal zwischen 15 und 20 Minuten. Die Fahrkarte für eine Richtung kostet 28,50 Euro. Schnell geht es auch mit der Zugverbindung Heathrow Connect: Alle halbe Stunde fährt eine Bahn ins Londoner Zentrum, das in 25 Minuten erreicht wird. Die U-Bahn fährt häufiger, braucht aber rund eine Stunde.

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar – Übersichtskarte der insgesamt sechs Flughäfen im Großraum London

Die weiträumige Verteilung der Flughäfen zeigt schon auf den ersten Blick die großen Entfernungen zum Stadtzentrum von London. Die Flughäfen Oxford und Lydd werden nicht mehr zum Großraum von London gezählt.

Der zentralste Flughafen ist der London City Airport, der allerdings vor allem Geschäftsreisende abfertigt. Laut Eigenwerbung verbindet ihn die S-Bahn Docklands Light Railway (DLR) in weniger als sieben Minuten mit der U-Bahnstation Canning Town im gleichnamigen Ostlondoner Bezirk. Von dort ist das Stadtzentrum aber noch mindestens zehn Stationen entfernt – Umstieg inklusive. Das macht aus den angepriesenen sieben Minuten schnell 40 Minuten und mehr.

Die übrigen Flughäfen – Gatwick, Stansted, Luton und Southend – trennen zwischen 45 und 68 Kilometer von der Londoner Innenstadt. Luton, der fast ausschließlich von Billig- und Charterfluggesellschaften angeflogen wird und Hauptsitz von easyjet ist, besitzt keinen eigenen Bahnanschluss. Ein Shuttle-Bus verbindet den Flughafen mit der Luton Airport Parkway Station, von der U-Bahnen ungefähr eine halbe Stunde bis ins Zentrum von London brauchen. Stansted ist die Basisstation der Billigfluggesellschaft Ryanair. Der Stansted Express verkehrt alle 15 Minuten zum relativ zentral gelegenen U-Bahnhof Liverpool Street und braucht für die Fahrt 50 Minuten. Vom Flughafen Gatwick geht alle 15 Minuten ein Zug zum Bahnhof Victoria Station, die Fahrzeit beträgt eine halbe Stunde. Southend, angeflogen von Flybe und easyjet, liegt näher am Ärmelkanal als an London, die Zugfahrt zur Station Liverpool Street dauert eine knappe Stunde.

Und der Eurostar? Hält mitten in London, am Bahnhof St. Pancras International. Kein Flughafentransfer, keine Extrakosten, außerdem wartet dort gleich eine Infozentrale der Londoner U-Bahn samt exzellenter Beratung, die es mehr als leicht macht, die richtige und preiswerteste Zeitkarte für den Aufenthalt in der Stadt zu buchen. Zentral ein- und aussteigen ist in Europas größter Metropole ein klarer Pluspunkt für die Zugreise, der Zeit, Kosten und Nerven spart.

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar – Ankunftshalle im Bahnhof St. Pancras International

Zentraler geht’s nicht: Die U-Bahnstation King’s Cross/ St. Pancras ist die wichtigste Schnittstelle im öffentlichen Verkehrssystem von London. Von hier aus sind alle Sehenswürdigkeiten in kürzester Zeit erreichbar.

Zeit gewinnen im Eurostar

Der Zeitfaktor scheint auf den ersten Blick gegen die Zugreise im Eurostar zu sprechen. Aber: Geht es bei kurzen Distanzen wie Köln-London mit dem Flugzeug wirklich so viel schneller? Die Anfahrt zum Flughafen – im Fall des Airports Köln-Bonn je nach Wohnlage mindestens eine halbe Stunde – zähle ich nicht mit, weil Zugreisende ungefähr dieselbe Zeit brauchen, um zum Hauptbahnhof zu kommen. Weitere anderthalb bis zwei Stunden empfehlen Airlines als Zeitpuffer für das Check-in. Wer auf den Preis guckt und mit easyjet, Ryanair oder einer anderen Billigfluglinie reist, muss von den Flughäfen Luton, Stansted oder Southend mindestens eine weitere Stunde für den Transfer in die Innenstadt von London veranschlagen. Dazu kommen etwaige Verzögerungen bei der Gepäckausgabe. Zusammen bläht das den Zeitaufwand für die Anreise im Flugzeug auf mindestens dreieinhalb bis vier Stunden auf – der Unterschied zu den viereinhalb Stunden im Eurostar ist denkbar gering.

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar – Bahnhofsuhr

Schneller und bequemer: Auf der Kurzstrecke haben die Hochgeschwindigkeitszüge dem Flugzeug längst den Rang abgelaufen.

Aber auch in anderer Hinsicht ist die Zugreise ein Zeitgewinn. Im Eurostar sitze ich nicht eingequetscht in der Flugzeugkabine, kann mich frei bewegen und komme im Zweifelsfall sogar an mein Gepäck, wenn das unterwegs nötig sein sollte. Und: Es gibt einen Speisewagen mit deutlich mehr Auswahl als die Bordküche im Flugzeug und deutlich mehr Toiletten.

Entspannter ankommen im Eurostar

Es ist immer dasselbe Schauspiel: Kaum ist das Flugzeug gelandet, bricht in der Passagierkabine Hektik aus. Das Bedürfnis, den Flieger so schnell wie möglich zu verlassen, macht aus Mitreisenden Hyänen. Dabei verringert das die Wartezeiten bei Passkontrolle und Gepäckausgabe bestenfalls geringfügig. Auf einer Zugreise hält sich das Gedrängel dagegen in Grenzen. Vielleicht sind Bahnpassagiere entspannter, weil sie ihre Koffer schon bei der Hand haben und ihnen nicht die Angst vor Verzögerungen am Gepäckband im Nacken sitzt.

Hektik kann allerdings beim Umstieg in Brüssel aufkommen. Regelmäßige Direktverbindungen mit dem Eurostar gibt es aktuell nur ab Paris, Brüssel und Amsterdam. Wenn der Zubringerzug von Köln Verspätung hat, kann es daher mit dem Anschluss nach London schon mal knapp werden. Uns ist das passiert, allerdings haben wir den Eurostar trotz 40-minütiger Verzögerung noch erreicht. Das funktioniert, weil die Umstiegszeit üblicherweise großzügig bemessen ist, um genug Puffer für die Pass- und Gepäckkontrollen zu haben. Die ähneln jenen an Flughäfen und werden am Startbahnhof durchgeführt, also lange vor dem Grenzübertritt nach Großbritannien. Diese Kontrollen sind übrigens in der Reisezeit von 4,5 bis 6 Stunden bereits inbegriffen.

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar - Boarding im Londoner Eurostar-Trakt von St. Pancras

Wartebereich und Boarding im Londoner Eurostar-Trakt von St. Pancras sind gut organisiert.

Trotz des Umstiegs ist die Zugreise nach London bequemer. Die durchschnittliche Beinfreiheit im Flugzeug beträgt 76 Zentimeter – Tendenz fallend. Der Platz in der zweiten Bahnklasse ist zwar auch nicht gerade bombastisch, aber doch großzügiger. Außerdem ist selbst im gewöhnlich gut gebuchten Eurostar die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Nachbarsitz frei bleibt und mitbenutzt werden kann.

Klima schonen

Gerade erst hat eine neue Studie eines internationalen Forscherteams herausgefunden, dass der Tourismus acht Prozent des weltweiten Ausstoßes klimaschädlicher Treibhausgase verursacht. Das entspricht fast dem dreifachen Wert der bisherigen Annahmen. Und wer bläst die meisten Emissionen in die Luft? Auch das haben die Forscher untersucht und dabei ein Ranking nach Staatszugehörigkeit aufgestellt. Im Ergebnis landen deutsche Reisende hinter Touristen aus den Riesenländern USA und China mit 329 Millionen Tonnen CO2 auf Platz 3. Das liegt am hohen Wohlstandsniveau, das ständig steigt – und mit ihm der CO2-Fußabdruck durch Reisen.

Anders ausgedrückt: Tourismus macht viel mehr Dreck als bisher angenommen und Deutschland gehört zu den größten Dreckschleudern. Da hilft es auch nicht viel, dass die meisten Deutschen ihren CO2-Ausstoß auf Reisen im Inland produzieren – den dadurch verursachten Klimaschaden müssen Menschen auf der ganzen Welt ausbaden. Gibt es bessere Gründe für eine Zugreise nach London im Eurostar?

Zugreise nach London: 5 Gründe für den Eurostar – Automat mit einem Computerspiel mit Unterwasser-Animationen für Kinder im Eurostar-Wartesaal von St. Pancras in London

Auch für Kinderbelustigung unterwegs ist gesorgt. Die „Unterwasserfahrt“ durch den 50 Kilometer langen Eurotunnel geht allerdings so schnell vorüber, dass man sie kaum bemerkt.