Pilsen_Kulturhauptstadt_11

Zum Wohl: Kulturhauptstadt Pilsen

Selbst Bierabstinenzlern ist Pilsen ein Begriff. Dieses Jahr setzt die Biermetropole noch eins drauf – als Europäische Kulturhauptstadt. Aber abgesehen vom Pils: Was macht Pilsen eigentlich aus? Am Ende stoße ich auf Antworten, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte.

„Hodja, hodja, hodja“ oder so ähnlich tönt es in meinem Rücken. Im nächsten Moment sitzt eine ältere Frau neben mir auf der Bank und kramt in einer großen, sehr unaufgeräumten Handtasche. Während sie fortwährend auf Tschechisch auf mich einredet, bringt sie eine Tüte mit Körnern zum Vorschein, reißt sie auf und streut sie unter den Schwarm Tauben, der uns plötzlich umlagert.

Mit der Sprache ist das so eine Sache. Ich fühle mich wie ausgeliefert, wenn ich kein Wort verstehe. Nicht mal „bitte“, „danke“, „Guten Tag“ – nichts geht, zu fremdartig sind die Laute. Genauso gut könnte ich in China sein. Aber Hanka, der böhmischen Taubenfrau auf dem Marktplatz von Pilsen, ist das völlig egal.

Dass sie Hanka heißt, hat sie mir mit Händen und Füßen erklärt. Und dass sie eine Tochter mit Namen Petra hat, die in Dublin lebt und sehr gut Englisch spricht. Schon wieder kramt sie in der Handtasche und zeigt mir Fotos. Ich bitte sie, mir ein paar Wörter aufzuschreiben: „Taube – holub“, „ich heiße – jmenuji se“, solche Sachen. Als wir auseinander gehen, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Tschechisch gesprochen.

Ein Stück sehr lebendiges Pilsen: Hanka, die Taubenfrau

Knödel und Pils im Postsozialismus

Das stimmt nicht ganz. Als Kind war ich schon mal in Tschechien. Damals hieß das Land noch Tschechoslowakei und wir verbrachten einen denkwürdigen Wanderurlaub in der Hohen Tatra, zusammen mit Freunden meiner Eltern aus der DDR. Von damals habe ich zwei Wörter behalten, oder eigentlich sind es drei: „horka voda“ für heißes Wasser – das gab es nämlich nicht, stattdessen sprudelte als einzige Waschgelegenheit ein eiskalter Gebirgsbach an der Unterkunft vorbei – und „knedlík“ für Knödel, die in jedem Touristenlokal die Speisekarte beherrschten, meistens alternativlos.

Jetzt, nach Dutzenden von Jahren, bin ich wieder im Land und sehr gespannt auf die knedlík, aber deren kulinarische Diktatur hat die demokratische Wende nicht überlebt. Auch sonst hat sich einiges geändert. Das Pils ist immer noch da, strahlender denn je. Die Pilsener sind mächtig stolz darauf, ganz zu Recht übrigens, und im Jahr der Kulturhauptstadt steht Pilsen noch mehr als sonst im Zeichen des Biers. Also auf zur Brauereiführung!

Der Eingang der Pilsener Brauerei am frühen Morgen: Irgendo dampft’s hier immer.

Tradition verpflichtet: Massenproduktion mit Bodenhaftung

Kaum zu glauben: In Pilsen gibt es noch Böttcher. Die Brauerei produziert jährlich Abermillionen Hektoliter Bier – und beschäftigt bis heute Handwerker, die aus Holz Bierfässer fertigen. Kann das denn wahr sein?

Es kann: Die Böttcherei ist eine der ersten Stationen der Brauereiführung. Ich sperre Mund und Augen auf. Drei Tage dauert es, bis ein 25-Liter-Fass fertig ist, ungefähr 300 davon verlassen jedes Jahr die Werkstatt. Alles Handarbeit. Natürlich reift nur ein Bruchteil der Gesamtproduktion in diesen Edelfässern, aber Tradition verpflichtet eben.

Zum Wohl: Kulturhauptstadt Pilsen Kein Handwerkermarkt, sondern die Pilsener Brauerei im Jahr 2015: Böttcher beim Fertigen eines Bierfasses

Gambrinus heißt die Brauerei, die Pilsens Weltruf begründet, benannt nach dem mythischen König, der angeblich das erste Bier der Welt gebraut haben soll. Hier in Pilsen war es immerhin das erste Pils der Welt. Die Besonderheit des Herstellungsverfahrens wird uns im Lauf des Besuchs mit allen Mitteln der Multimedia-Kunst erklärt. Wir besichtigen die hochmoderne Abfüllanlage und bewundern das Spalier der schönen, bronzenen Sudpfannen.

Ästhetik des Brauens: Sudpfannen im Neubau der Pilsener Brauerei. Der Unterschied zu ihren historischen Vorbildern ist für den Laien kaum erkennbar.

Mittlerweile ist das Firmengelände so groß, dass Besucher mit dem Bus befördert werden, damit sie alles sehen. Und obwohl die Brauerei längst vom zweitgrößten Bierkonzern der Welt geschluckt wurde – den Ruhm, das Pils erfunden zu haben, kann Pilsen niemand nehmen. Während wir so durch Zeit und Raum kutschiert werden, weiß ich gar nicht, was ich beeindruckender finden soll: die Funktionalität der modernen Technologie oder die Relikte aus der Pionierzeit des Brauens.

Schmiedeeiserne Kunst am Geburtsort des Pilses

Zum Schluss geht’s in die Kellergewölbe, die einem Bergwerk alle Ehre machen würden – noch ein Gang und noch einer und noch einer. Mit Spitzhacke und Schaufel haben sie die Stollen aus dem Felsen gehauen, haben riesige Fässer hineingerollt und darin ihr Bier gelagert. Heute übernehmen 30.000-Hektoliter-Stahltanks diese Aufgabe, und in den Holzfässern im Keller lagert nur noch das Bier, das am Ende der Führung an die Besucher ausgeschenkt wird. In der Saison kommen bis zu 1.000 am Tag – ein Wahnsinn! Aber es schmeckt ja auch wahnsinnig gut!

Bierfässer im Gewölbekeller. Die Inszenierung ist gelungen – authentischer geht Pilstrinken nicht.

Noch mehr Tradition: Die Skoda-Werke

Noch so ein großer Name: Škoda. Wer jetzt an Autos denkt, liegt falsch – die Autosparte der Marke führt längst ein Eigenleben in deutscher Hand und die Fabriken liegen ganz woanders. Aber auch Pilsen ist Škoda, das war schon immer so, nur werden hier keine Autos, sondern Schienenfahrzeuge gebaut. Öffentliche Werksführungen gibt es eigentlich gar nicht. Ich hatte das Glück, mit einer Delegation der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH) hineinzugelangen.

Škoda hat offiziell nichts mit dem Programm der Europäischen Kulturhauptstadt zu tun – verrückt eigentlich, denn die Firma ist in Pilsen mindestens so eine Institution wie die Gambrinus-Brauerei. Es gab Zeiten, da arbeitete jeder dritte Pilsener bei Škoda. Heute zählt der Standort knapp 1.700 Mitarbeiter. Die produzieren hier reihenweise Straßenbahnen, E-Loks und Personenwaggons – vom Fahrwerk bis zum Design.

In den Skoda-Werken sind Innenaufnahmen nicht erlaubt. Dieser Gleitkäfig auf dem Außengelände kann ganze Straßenbahnen quer versetzen – von einer Fertigungshalle zur nächsten.

Wir gehen durch den brandneuen Teil der Fabrik und staunen, mit welcher Akribie diese Großmaschinen zusammengesetzt werden. Allein in einem Straßenbahnwagen verlaufen 16 Kilometer Kabel, alle von Hand verlegt. An zwei Loks für die Deutsche Bahn arbeiten die Teams schon ein Jahr und sind immer noch nicht fertig. Wenn’s gut läuft, wird der Auftrag der Türöffner für den westeuropäischen Markt. Pilsen und Maschinenbau – davon werden wir noch hören.

Bei aller Tradition: Für Fußgänger ist Pilsen eine Herausforderung, oft sind Verkehrsschneisen wie diese im Weg – ein ziemlich handfestes Relikt des sozialistischen Modernisierungsrausches der 1970er Jahre.

Kulturhauptstadt Pilsen: Kreativität und Theater

Im Depo2015 bin ich endlich im Herzen der Kulturhauptstadt Europas. Hier, in der Halle eines ehemaligen Busdepots, steht Domus, ein „Gewächshaus“, das Designer aus zehn Ländern in ein Labor aus Gegensatzpaaren verwandelt haben: schwarz – weiß, gut – böse, Vergangenheit – Zukunft, Mensch – Maschine. Das grüne Licht wirkt so, als würde hier etwas ausgebrütet, umgeben vom Kokon einer ausgedienten Industriehalle. Die Kreativität der ausgestellten Objekte macht ihre existentielle Symbolik „spielend“ zugänglich; zugleich knüpft der Erfindungsreichtum an Pilsens Industriegeschichte an, die reich an Aufbrüchen ist.

Depo2015: Stilisiertes Gewächshaus „Domus“ als Labor der Imagination

Zum Wohl: Kulturhauptstadt Pilsen

Stroj (Maschine) von Jan Plechac und Henry Wielgus im „Domus“: ein Orchestrion mit Beethovens „Ode an die Freude“ als Hommage an die Kunst der Mechanik

Weniger vielschichtige Empfindungen weckt das brandneue Theater – ein aufdringlicher Bau, der den Löwenanteil des Kulturhauptstadt-Budgets verschlungen hat. Immerhin feiert die fragwürdige Architektur eine Kulturtradition, die Pilsen und seine Menschen prägt: Sie gehen gern ins Theater. Dass eine Stadt dieser Größe zwei ausgewachsene Theaterbauten besitzt, ist ungewöhnlich. Die Pilsener haben es sich geleistet.

Zum Wohl: Kulturhauptstadt Pilsen Der Eingangsbereich des neuen Theaters ist noch ganz gut gelungen. Ansonsten präsentiert sich der Bau vor allem als Betonklotz.

Der bauliche Gegensatz könnte allerdings größer nicht sein. Das alte Theater ist ganz barocke Pracht und Jugendstil-Eleganz. Vielleicht war gerade deshalb der Wunsch groß, mal etwas ganz anderes auszuprobieren.

Jugendstil im Treppenhaus des Großen Theaters (1899-1902)

Zum Wohl: Kulturhauptstadt Pilsen Üppig bis ins Detail: Der zentrale Kronleuchter im Zuschauersaal feiert Komödie, Drama, Oper und Tanz

Schöner Markt dank Geldmangel

An meinem letzten Tag in Pilsen kommt endlich die Sonne zum Vorschein. Am riesigen Marktplatz strahlen Altbauten aller Stilrichtungen um die Wette. Die Kommunisten wollten das historische Ensemble in den 1970er Jahren abreißen und durch moderne Häuser ersetzen. Zum Glück ist ihnen schon nach den ersten Versuchen das Geld ausgegangen.

Pilsens Marktplatz hat von der Renaissance bis zum Jugendstil alles zu bieten. Das Hotel Central ist eine der wenigen sozialistischen Bausünden.

Warum die heutigen Stadtväter und -mütter hier allerdings unbedingt die drei Wappentiere – Kamel, Windhund und Hase – als abstrakte Brunnenfiguren in leuchtendem Gold verewigen mussten, wird immer ihr Geheimnis bleiben. Auf den Bänken um die Brunnen herum genießen die Menschen die Mittagssonne. So begegne ich Hanka, der Taubenfrau.

Gleich darauf treffe ich im Marionettenmuseum alte Bekannte, aber die Geschichte erzähle ich ein andermal…

Ich habe vergessen, welches Wappentier dieser Brunnen darstellen soll. Immerhin: Die wasserspeienden Skulpturen sorgen für jede Menge Gesprächsstoff.