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Tipps für einen Stadtspaziergang in Jena

Liebe Freunde und schöne Projekte führen unsere Autorin immer wieder nach Thüringen. Dieses Mal gibt ein Stadtspaziergang in Jena historische und moderne Einblicke in die mittlere der drei Städte in der thüringischen ImPuls Region, die zudem mit vielen Beinamen protzt.

Was hat Jena, Bein-amen? Nicht, dass ich wüsste. Aber Bei-Namen finde ich an jeder Ecke. Jena ist unter anderem Wissenschaftsstadt, Lichtstadt, Universitätsstadt, Schillerstadt, Reformationsstadt (Ehrentitel 2016), Hochhausstadt, lebenswerte Stadt, mal abgesehen vom Paradies, das hier auch irgendwo sein soll. Ist Jena, die mit knapp über 100.000 Einwohnern gerade einmal in die Liga der Großstädte gebracht hat, tatsächlich so ein kleiner, vielseitiger Tausendsassa? Durch die umliegenden Berge ist Jena in jedem Fall mit einem Mikroklima versehen, das an heißen Sommertagen fast tropisch schwül anmutet.

„Daheme“ bezeichnet nicht allein einen Ort, sondern vielmehr auch ein Gefühl. Das Gefühl der Verbundensein trotz Enge. Das Gefühl von Geborgenheit. Das Gefühl von Herkunft, Wegwollen und immer Wiederkommen.
Dieses Gefühl kennt wohl niemand so gut wie wir, die wir in Jena leben.

Zitat: Auszug aus der Speisekarte des gleichnamigen Wirtsgasthauses Daheme! in der Wagnergasse.

Stadtspaziergang in Jena | Los geht’s

Wir starten mit dem Zeiss Planetarium, dem weltweit betriebsältesten. Das Titelbild dieses Beitrags zeigt den Eingang zum Café. Seit 1926 steht das berühmte Kulturdenkmal unweit des Damenviertels. Das Damenviertel zeichnet sich durch zahlreiche Stadtvillen und Gebäude aus der Zeit um 1900 aus, die unter Gesichtspunkten des Denkmalschutz saniert wurden. Auch ohne die drückende Hitze würden wir hier ganz langsam schlendern und die Fassaden bestaunen.

Die Jenaer Häuser aus der Zeit um die Jahrhundertwende sind echte Hingucker. Auf Erdgeschoss-Ebene behaupten rustikale Quader die Gebäude gegen die Straße, nach oben hin wird es dann herrschaftlich bis sehr verspielt. Giebelchen in allen Größen und Formen buhlen mit verwinkelten Erkerchen und Turmzimmerchen um die eindrücklichste Fassade.

Mit ca. 2000 Studenten war die Universität Jena Anfang des 18. Jahrhunderts die am stärksten besuchte
Universität im protestantischen Deutschland. Jena legt weiter zu, wird zum geistigen und kulturellen Zentrum. Daran erinnert mich auch das Griesbachsche Gartenhaus mit Prinzessinnengarten.

Um 1800 treiben sich hier alle rum, die in jenen Tagen Rang und Namen haben: Goethe, Schiller, Fichte, Hegel, Feuerbach, Schelling, Hufeland und der Kreis der Frühromantiker mit Tieck, den Gebrüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Caroline Schlegel und Dorothea Veit, erfahre ich bei einem späteren Besuch im Stadtmuseum. Das ist in der „Göhre“ am Markt zu finden, einem schnuckeligen Fachwerkbau, dessen Grundmauern aufs 13. Jahrhundert datieren.

Heute trägt die größte Universität (über 18.000 sind hier eingeschrieben!) und einzige Volluni in Thüringen Friedrich Schillers Namen und im Prinzessinnengarten räkeln sich sonnenhungrige Studierende. Dass an dieser Stelle im Winter ebenso begeistert gerodelt wird, wie meine zauberhafte Begleitung versichert, vermag ich mir heute, bei über 30°, kaum vorstellen. Wo man noch chillt in Jena? Im Garten der ThULB, der Thüringischen Landesbibliothek, an der wir auf unser Abkürzung zur Stadtkirche St. Michael vorbeikommen.

Jena Garten

Bis die Äpfel reif sind, dauert es noch ein bisschen. Auch bis zum Start des neuen Semesters. So lange kann man hier, im Garten der Thüringischen Universität und Landesbibliothek, wunderbar entspannen.

In der Saalstraße und Oberlauengasse bewundere ich auf diesem Stadtspaziergang in Jena einmal mehr die spätbarocken Häuserfassaden, die heute teils Shops mit Namen wie Downunder und Whiskey-Spezialitäten beherbergen. Ein neues Restaurant mit anatolischen Spezialitäten sieht einladend aus. Das muss neu sein, war bei meinem letzten Besuch noch nicht hier. Und wird beim nächsten Besuch ausprobiert. Jetzt ist gerade Kaffee-Zeit.

Am historischen Markt befindet sich die Kaffeerösterei in Thüringen. Im Markt 11, um genauer zu sein. Allein die Hausmarke bringt mich jedes Mal dazu, den Röstmeister umarmen zu wollen. Bei diesem Wetter wird es dann statt einem kräftigen Äthiopischen Mokka aber doch ein Eiskaffee. Mit Sahne. Draußen unterm Sonnenschirm sehe ich aus dem rechten Augenwinkel das Stadtmuseum und links die Touristen-Information. Die brauche ich dank meiner zauberhaften Freunde heute gar nicht.

Stadtspaziergang Jena | Jetzt geht’s hoch hinaus

Dass ich 360° Panorama-Aussichten liebe und früher oder später in jeder Stadt, die ich besuche, jeden vorhandenen Turm aufsuche, ist ihnen nicht verborgen geblieben. Ehe ich mich versehe, befinde ich mich in einem der modernen Fahrstühle im Jentower. Und nur Sekunden später im 28. Obergeschoss des Gebäudes, das einmal Deutschlands höchstes Hochhaus war.

Am Johannistor sind wir außen vorbei gelaufen. Und das, „obwohl wir doch gar keine Prüfung vor uns haben“, scherzt meine Begleitung. Kein Wunder, dass ich nicht verstehe, hab ja an der Alma Mater Philippina in Marburg studiert. In Jena glaubt man augenzwinkernd, dass man durch die Prüfung fällt, wenn man zuvor durch das Tor gegangen ist…

Die Wagnergasse wird schon eine Weile umfassend saniert, die Jenaer tragen es mit Fassung. Hinter dem  Café Stilbruch schließt sich das „Daheme!“ an, in dessen Speisekarte ich das Eingangszitat gefunden habe. Beim Blick durch die sich verjüngende Gasse hin zum Jentower fällt mir der Spruch, das Bild der heimeligen Enge und Geborgenheit wieder ein.

Seit 1972 steht er da. Der Jentower. Geplant einst als Zwillingsturm-Ensemble, umgesetzt als Solitär. Um die Gründe, wieso der Auftraggeber Zeiss das Bauwerk nach Fertigstellung flott an die Universität übereignet hat, ranken sich Legenden. Offiziell heißt es, man habe (plötzlich) keine Verwendung mehr für das Gebäude gehabt. Hinter vorgehaltener Hand hält sich bis heute die Version der Geschichte, die auf hohe Präzision ausgelegten Messgeräte hätten in dem 160 Meter hohen Gebäude nicht reibungslos funktioniert. Denn wie alle Hochhäuser stark schwankt auch der Jentower in luftiger Höh. Die Legende besagt weiter, dass die beiden Türme ursprünglich sogar durch einen Steg hätten verbunden werden wollen, um aus der Luft den Umrisse eines Fernglases zu ähneln.

Blick vom Jentwower nach Norden. Vorne mit Johannisfriedhof mit Friedenskirche, Botanischem Garten, in der Ferne Napoleostein und Landgrafen, irgendwo dazwischen wohnt sich’s besonders gediegen im Professorenviertel.

Blick vom Jentower Richtung Süden mit ICE-Halt „Paradies“ und Volksbad, Paradies und Stadion und gaanz hinten, der kleine Hubbel rechts von den Kernbergen, die Leuchtenburg.

Blick vom Jentower nach Osten. Im Vordergrund links die Stadtkirche St. Michael (mit dem Wunder „Ara“) und rechts die roten Dachgiebel des Rathauses (mit dem Wunder „Caput“. Mittig der Markt, der Hausberg ist der grüne Doppelpuschel unter den Wattewolken und links davon: das Wunder „Mons“, damit ist der Jenzig (385m Höhe) gemeint.

Schillers Gartenhaus, das damals noch vor den Toren der Stadt lag, gehört heute der Universität und beherbergt neben dem Museum einen Diskursort genannten Veranstaltungsraum. Hier hat der Dichter und damalige Professor für Geschichte in den Sommern 1797-1799 Teile seiner berühmtesten Werke geschrieben. Das Schillergäßchen endet am Grünowski, einer studentisch unprätenziösen Institution mit leckeren Sommersalaten und lustiger Website. Nach einer kleinen Stärkung geht es von hier – eine Straßenüberquerung und ein paar Schritte durch einen Grünstreifen – weiter an die Saale.

Flirten mit Sissy an der Saale. In der Bar Strand 22 geht es so entspannt zu, als wäre der Fluss, der auch auf dieser Höhe eine kecken Schwung hinlegt, mindestens ein Meer.

„Und was hat es nun mit den Wundern auf sich?“ mögt ihr zurecht fragen, wenn ihr bis hierhin gelesen habt. Die Geschichte ist alt, hat mit der Universität zu tun und kommt entsprechend angestaubt auf Latein daher. Die sieben Wunder bezeichnen sieben Sehenswürdigkeiten der Thüringischen Universitätsstadt, der den Septem Miracula Jenae zugehörige Spruch lautet: „Ara, Caput, Draco, Mons, Pons, Vulpecula Turris und Weigeliana Domus“. Sie aufsagen zu können und zu wissen, welche Sehenswürdigkeit sich hinter den einzelnen Begriffen verbirgt, war unter Jenaer Studenten lange Zeit ein Erkennungsmerkmal:

Wer es nicht wusste, gehörte nicht dazu, einfach damit zu prahlen, man habe in Jena studiert, war also nicht ohne Risiko aufzufliegen. Ausführlich werden die Geheimnisse und Anekdoten über diese Besonderheiten in speziellen Stadtführungen erklärt, die einem Stadtspaziergang noch eine weitere Note geben. An dieser Stelle sei verraten, dass die besagte Pons (dt. Brücke, damit ist die Camsdorfer Brücke gemeint) nicht mehr existiert und das Weigelsche Haus (Weigeliana Domus) wurde 1898 abgerissen…

Kurz und gut | Mehr Thüringen entdecken

Warum nicht mal nach Thüringen? Ein Kurztrip nach Jena lohnt sich immer. Das milde Klima und die freundliche Stimmung der 100.000 Einwohner-Stadt an der Saale versetzen einen selbst beim kürzesten Besuch in Urlaubsstimmung.

Wie am Schnürchen liegen Erfurt-Weimar-Jena  hintereinander. Wir haben sie alle schon besucht. Und auch in Weimar kann man in nur 24-Stunden schon tüchtig was entdecken, wie der zugehörige Bericht zeigt.

In seiner Geschichte Rostbrätel Alkohlofrei nimmt euch Lorenz mit nach Erfurt. Noch mehr Umdrehungen gibt’s in dem Reisebericht Schluntz vom Fass.

An heißen Tagen besonders beliebt, die Schattenplätze im lauschigen Sommergarten in Jena.

Anreise mit der Bahn: Von Berlin mit Umsteigen in Leipzig in knapp drei Stunden gut zu erreichen. Sparpreistickets und Bahncard auch super günstig. Wer die Gegend zwischen den drei Städten der Region intensiver erkunden und auch mal in die Berge will, kommt mit dem Auto sicher besser rum.

Übernachtung z.B. im Sophienstübl, einer Wohngebietskneipe mit wunderbar einfacher Pension im schmucken Damenviertel. Kontakt: St. Jakob Straße 15, 03641 442303

Vielleicht startet ihr ja den Stadtspaziergang in Jena ja auch am historischen Markt und erlebt ihn einfach in umgekehrter Reihenfolge? In der Kaffeerösterei Markt 11 kommt ihr zu jedem Zeitpunkt und in jedem Fall in Stimmung für den richtigen Jena-Vibe.

Ihr fahrt schon bald und bleibt in jedem Fall über Nacht? Dann checkt das Programm der Kulturarena am Theaterhaus. Etabliertes Sommerspektakel (seit 1992!) mit guten Acts.

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