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Queenstown – Adrenalin pur am Lake Wakatipu

Queenstown ist die Hauptstadt des Mutproben–Tourismus. Besonders junge Menschen suchen hier den letzten Kick. Dabei hat Queenstown so viel mehr zu bieten. Zum Beispiel die sensationelle Lage am Gletschersee Lake Wakatipu, das erhabene Gipfelpanorama der Remarkables und eine geheimnisvolle Legende.

“Zu den schönsten … gehören diejenigen Städte, welche an einem See und an einem Flusse zugleich liegen, so daß sie wie ein weites Tor am Ende des Sees unmittelbar den Fluß aufnehmen …“ Krass, ich bin in Neuseeland am andere Ende der Welt und denke an Schullektüre. Nämlich den Grünen Heinreich. Warum bloß? Weil es um mich herum einfach wahnsinnig schön ist!

Ich sitze auf einer Halbinsel im Lake Wakatipu mitten in den Queenstown Gardens auf einer windschiefen Bank im Schatten eines gigantischen Mammutbaums. Um mich herum saftig, grünes Gras durchschnitten von sorgfältig geharkte Wege. Sehr britisch, denke ich. Da haben sich die Einwanderer vor über 150 Jahren aus Großbritannien wohl ein bisschen Heimat mitgebracht ans andere Ende der Welt, und die damals leere Landschaft mit schnell wachsenden Nadelhölzern behaglich eingerichtet.

Neben mir flitzen Frisbee Scheiben auf dem Frisbee-Golf-Course hin und her, geworfen von leicht bekleideten Jungs und Mädchen. Frisbee-Golf, so was kann es nur in einem so unkonventionellen und jungen Land wie Neuseeland geben. Eine Paradiesente schaut mich aus ihren kleinen Äuglein an und wundert sich wahrscheinlich, dass es Menschen ohne trockenes Toastbrot in der Tasche gibt.

Der Strand des Lake Wakatipu in Queenstown. Eine blonde Frau sitzt alleine am Strand. Im Hintergrund hohe Berge und blauer Himmel.

Idyllen am Lake Wakatipu. Vor dem prächtigen Bergpanorama rund um Queensfown tuckert das Dampfschiff Earnslow

Idyllen am Lake Wakatipu

Vor mir der Lake Wakatipu. Einer dieser gigantischen Seen Neuseelands, fast 80 Kilometer lang. Unglaublich toll! Das historische Dampfschiff TSS Earnslaw, the Lady of the Lake, stampft vollgepackt mit Touristen über den See und pufft eine längliche Wolke möffelnden Kohlenruß aus seinem Schlot. Ach …

In der Ferne liegt direkt an der Uferpromenade von Queenstown der winzige Strand des Lake Wakatipu. Sonnenanbeter, Ruderer, Speedboat-Fahrer und ganz Mutige baden auch noch. Ganz neu am Strand sind diese seltsamen Freizeit-Mutationen, die ausschauen wie ein Schaufelrad-Traktoren-Tretboot-Gocarts. Das Gefährt wird mit Muskelkraft betrieben und ist strand- und wassergängig. Sieht allerdings wahnsinnig idiotisch aus. Das macht hier aber gar nichts.

Weiter entfernt gleiten die Gondeln der Seilbahn den Bob’s Peak hinauf. Hier oben lässt sich eine herrliche Aussicht genießen. Unten an der Bodenstation der Gondel warten schlammbespritzte Mountainbiker, um mit ihren Rädern den Berg hinauf zu schweben. Oben werfen sie sich dann abenteuerlustig die steilen Hänge des Bob’s Peak wieder hinunter. Vorsichtigere bevorzugen die betonierten Pisten der Luge-Bahn. Ganz Mutige schwingen – aufgehängt an den Dino-Flügeln eines Paragliders – orange Bögen in den blau gemaserten Himmel. Herrlich.

Ein oranges Dreirad mit luftgefüllten Rädern fährt über den Lake Wakatipu bei Queenstown.

Das ist ein Aquabike oder so. Sieht aber aus wie ein Schaufelrad-Traktoren-Tretboot-Gocart

Queenstown – Die Hauptstadt der Mutproben

Queenstown ist die Welt-Hauptstadt der inszenierten Abenteuer und Mutproben. Niemand darf in Queenstown einfach nur still sitzen. Jeder muss hier etwas unternehmen und anstellen. Aber spektakulär, pulstreibend und atemberaubend sollte es schon sein.

Nur ein paar Kilometer weiter an der Kawarau Bridge wird seit 30 Jahren der ultimative Kick, Bunjee Jumping, zum super erfolgreichen Geschäftsmodell optimiert. Wie sich aus Ängsten und aus Adrenalin Dollar machen lassen, davon verstehen sie was in Queenstown. Darum sind auch so unglaublich viele jungen Menschen hier. Das ist eigentlich sehr schön. Laid back, in knappen Höschen und T-Shirts, die mehr zeigen als verhüllen. Da werde ich schon neidisch, wie locker die Jugend sich hier und heute präsentiert.

Aber wo sind die Einheimischen? Queenstown soll über 32 Tausend Einwohner haben. Aber von denen sehe ich keinen. Ich begegne nur Touristen, davon gibt es im Jahr angeblich 1,6 Millionnen. Deswegen sehe ich auch nur Hotels, Hostels, Motels, Ferienappartments, Fett versprühende Burger-Schmieden, Bagle-Stationen, Souvenir-Shops, Outdoor-Gear Geschäfte, Edel Boutiquen und wieder Hotels, Hostels, Motels und Ferienappartments. Die Diagnose ist eindeutig. Queenstown lebt vom Tourismus. Und das nicht schlecht. Es gibt tatsächlich Bars, da muss man 25 Dollar latzen, um nen Whiskey an der Theke zu schlürfen. Im Sommer ziehen die Adrenalin Schocker die Besucher an. In den Wintermonaten locken die Ski-Gebiete in der erhabenen Gipfelkette der Remarkables.

Fotoapparat auf einem Abhang des Bob‘s Peak bei Queenstown.

Gleich kommt das Vögelchen, also lächeln und kräftig winken.

Der Freizeitwert Queenstowns ist so attraktiv, dass Investoren Gelder in ein Retirement-Village fließen lassen. Einen neuen Stadtteil, in dem sich Rentner aus ganz Neuseeland niederlassen sollen. Auch wieder so eine Idee, die ich mir in Deutschland gar nicht vorstellen kann. Die Häuser werden barrierefrei errichtet. Ein Ärztezentrum und häusliche Pflege werden gleich mit geplant. Alles Überlebensnotwendige findet sich nur wenige Schritte entfernt. Vielleicht ist das ja eine super Idee, Häuser für die Alten da zu bauen, wo die Jungen gerne Urlaub machen. Dann heißt es ganz bestimmt nicht gelangweilt: Wie schon wieder zu Opa fahren? Da waren wir doch erst vor zwei Jahren. Sondern: Können wir mal wieder zu Opi, da kann ich so geil snowboarden …

Da wo es in Neuseeland Tourismus gibt, gibt es Einwanderer. Ohne die Arbeitskraft der Einwanderer könnte der Tourismus in Neuseeland gar nicht funktionieren. Migranten sind wahrscheinlich billige Arbeitskräfte. Sie arbeiten bereitwillig zum Mindestlohn. Vielleicht auch weniger. Außerdem erledigen sie im Dienstleistungsgewerbe Tourismus Arbeiten, die Neuseeländer nicht so klasse finden.

Die Louis Vuitton Boutique in Queenstown am Ufer des Lake Wakatipu.

Wo es richtig schön ist, ist auch Schönheit

Neue Heimat Queenstown

Diego ist vor einigen Jahren aus Chile nach Queenstown gekommen. Erst war Diego nach seinem Architekturstudium mit einem Work & Travel Visum – wie so viele andere – in Neuseeland unterwegs. Queenstown hat ihm so gut gefallen, dass er länger bleiben wollte. Also hat er sich einen Job gesucht. Als Rezeptionist in einem Motel.

“Klar, ich wollte in meinem Leben mal was anderes machen. Das ist nicht mein Traumjob,“ erzählt Diego. “Aber Neuseeland …, ist einfach super hier. Kannst Du Dir vorstellen, ich habe mein Auto in einer Stunde angemeldet. In Chile dauert das Wochen und damit es klappt musst Du noch irgendein Arschloch schmieren …“ Dann hat Diego sich verliebt. Mit seinem ersten Freund möchte er eine ganz normale Beziehung leben. Das ist im entspannten Queenstown wahrscheinlich auch einfacher als in Chile, stelle ich mir vor.

Giovanna ist mit ihrem Freund aus Brasilien nach Neuseeland gekommen. Sie hat ihr Jurastudium abgeschlossen. Er ist ausgebildeter Arzt. Ihre Geschichte hört sich ähnlich an, wie die von Diego. Nach dem Studium ein Work & Travel Jahr in Neuseeland. Dann die Entscheidung, wir bleiben hier. Sie jobbt als Verkäuferin in einem Uhrengeschäft. Er arbeitet als Nachtportier an der Rezeption eines Hotels in Queenstown. Auch nicht die Traumkarrieren. Aber alles prima, findet Giovanna, wenn wir Heimweh haben, fliegen wir einfach nach Brasilien. Und noch sind wir ja jung …

Tatsächlich haben mich diese Geschichten überrascht. Deutschland ist eine staatlich so wohl behüteten Welt, dass ich mir Korruption und Verwaltungs-Laissez-faire als Gründe für eine Auswanderungs-Entscheidung nur schwer vorstellen kann. Auf jeden Fall ein interessanter Perspektivenwechsel zu den Flüchtlingsgeschichten vom Mittelmeer.

Werbung in der Mall von Queenstow mit der Aufschrift: Pornstar Martinis für 12 Dollar.

Trink Dich schön und supergeil … Straßenwerbung in Queenstown

Noch mehr Flüchtlinge

Aber es gibt noch ganz andere Flüchtlinge, die rund um Queenstown einen sicheren Hafen suchen. Es sind Superreiche aus Amerika, wie der Multimillionär Peter Thiel. Erst ist er mit dem Bezahldienst Paypal reich geworden, hat danach in das Wachstum von Facebook investiert und dann Donald Trump im amerikanischen Wahlkampf unterstützt. Nun fürchtet er – wie viele andere zynische Superreiche aus dem Silicon Valley – dass die Politik Trumps, die amerikanische Gesellschaft völlig zerreißen könnte.

Also ist es vorteilhaft, sich und das lieben Geld vor den erwarteten gewaltsamen Konflikten in Amerika in Sicherheit zu bringen. Zum Beispiel nach Neuseeland. Das liegt sicher und weit entfernt von Krieg, Terrorismus und Revolution. Die Berge, der Lake Wakatipu, die überwältigende Natur und leere Landschaften. Queenstown bietet den Superreichen alles, was sie suchen. Die Immobilienpreise explodierten und sind inzwischen die höchsten in ganz Neuseeland. Auf dem winzigen Flughafen landet ein Privatjet nach dem anderen. Total verwirrend wie viele unterschiedliche Wirklichkeiten am Lake Wakatipu nebeneinander existieren.

Dabei ist Queenstown eine unglaublich junge Stadt. Aus europäischer Perspektive. Direkt am Lake Wakatipu liegt das winzige historische Zentrum. Es besteht aus Eichhardt’s Pivate Hotel und einem Denkmal für den Stadtgründer William Gilbert Rees. Er kam als Farmer und Schafzüchter an den Lake Wakatipu. So um 1861 fing er an die Ufer des Lake Wakatipu für seine Schafherden vom Tussock Grass und dem Carbage Tree zu befreien. Dann kamen die Goldgräber. Auch das Abenteurer. Aber nicht auf der Suche nach dem Adrenalin-Kick. Der Traum vom schnellen Reichtum, hat sie durch die Hochebenen Otagos straucheln lassen. Dann kamen die Touristen auf der Suche nach dem ultimativen Kick.

Bevor die Schafzüchter, die Goldgräber und die jugendlichen Adrenalin-Junkies in Queenstown Station machten, gab es auch sensationelle Abenteuer aber die waren voller Geheimnissen und Romantik. Davon erzählt die zauberhafte Maori Legende vom Lake Wakatipu.

Ein Paraglider fliegt über die spiegelglatte Oberfläche des Lake Wakatipu.

Der blau gemaserte Himmel über dem Lake Wakatipu …

Die Legende vom Lake Wakatipu

Vor langer Zeit, lange bevor das Versprechen nach Gold und schnellem Reichtum die Pakeha nach Otago brachte, zogen die Maori über das Land, auf der Jagd nach dem Riesenvogel Moa, Jade und Aalen.

Zu dieser Zeit lebten Manata und Matakauri in einem Dorf hier in der Gegend. Aber das Liebespaar musste seine Liebe geheim halten und durfte nicht heiraten, denn Manata war die Tochter eines Häuptlings und Matakauri war nur ein ganz einfacher Maori.

Eines Nachts schlich sich der gigantische Riese Matau in das Dorf und entführte Manata. Der Riese brachte sie weit fort zu seinem Unterschlupf in die Berge und fesselt sie an sich mit einem magischen Band.

Da wurde Manatas Vater sehr traurig und verzweifelt. Er fragte die jungen Männer im Dorf, ob sie Manata aus den Fesseln des Ungeheuers befreien könnten. Derjenige, der Manata sicher nach Hause bringe, sollte sie heiraten dürfen. Egal woher er komme. Die jungen Männer fürchteten sich, es mit dem Giganten aufzunehmen. Nur Matakauri, der Manata so sehr liebte mit all seinem Herzen, machte sich auf und folgte dem Nord-West-Wind zu den noch jungen Bergen, wo der Riese lebte. Da fand er den Riesen Matau schnarchend und Manata – mit dem Zauberband an ihn gefesselt – neben ihm liegend.

Die verhexten Fesseln waren so fest, dass Matakauri sie nicht mit seinem Jademesser zerschneiden konnte, so heftig er es auch versuchte. Als Manata das sah, dass sich die Fesseln nicht zerschneiden ließen, bat sie Matakauri zu fliehen, bevor der schnarchende Gigant erwachte und ihn tötete. Aber Matakauri weigerte sich zu gehen. Da fing Manata an zu weinen. Die Tränen flossen ihre Wangen hinunter und als einige auf die verhexten Fesseln tropften, da löste die in den Tränen enthaltene Liebe die Fesseln und beide konnten fliehen.

Matakauri brachte Manata zurück zum Dorf. Dort wurde eine rauschende Hochzeit gefeiert. Da sich Matakauri aber fürchtete, der Riese Matau könnte zurück kommen, um sich zu rächen oder Manata erneut zu entführen, ging er zurück in die Berge, wo das Ungeheuer lebte. Er fand den Riesen schlafend. Eingelullt von einem warmen Wind. Da legte Matakauri ein großes Feuer um Matau. Der warme Wind heizte das Feuer noch an und die Flammen schlugen lodernd zusammen. Der Körper des Riesen aber wurde so heiß, dass er eine riesiges Loch in den Felsen schmolz. Ein langgestreckter Krater oder ein Tal viele hundert Meter tief und 75 Kilometer lang entstand.

Nachdem Matakauri gegangen war, fing es an heftig zu regnen. Aus allen Wolken der Welt goss es wie aus Kübeln. Da füllte sich das neu entstandene Tal mit Wasser. Heute kennen wir diesen See als Wakatipu. Den Trog des Giganten.

Auch wenn der Gigant Matau schon vor vielen, vielen Jahren gestorben ist, kann sein Herzschlag immer noch gespürt werden, in dem ständigen Heben und Senken der Oberfläche des Sees, der sein Grab geworden ist. Manata und Matakauri lebten übrigens glücklich bis an ihr Lebensende. Wie sollte es auch anders sein?