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Der Mann, der Inseln liebte

Inseln sind Sehnsuchtsorte, Rückzugsorte, Oasen der Regeneration, an denen man zu neuer Kraft finden und sich (wieder) entdecken kann. Inseln bergen Gefahren, können isolierte Orte sein, die Menschen entfernen von ihrem Streben. Ein schlankes Büchlein mit großer Wucht ist „Der Mann, der Inseln liebte“ von D.H. Lawrence. Wir haben es für euch gelesen.

D. H. Lawrence’ Erzählung über das Thema der Abkehr ist eine Geschichte über einen Menschen, der den Rückzug aus der Welt wagt, um sich sein eigenes Paradies zu erschaffen. Und darüber, was er in dieser weg-von-Bewegung findet. Der Mann in der Erzählung zieht sich auf eine sturmumtoste Insel und erschafft sich hier seine eigene Welt nach seinen eigenen Vorstellungen. Als andere Menschen sein Glück bedrohen, flüchtet der Mann auf eine kleinere Insel und schließlich auf eine noch kleinere Insel, bis er schließlich ganz allein ist, allein mit dem Meer.

Der Autor D.H. Lawrence begleitet mich seit dem Englischunterricht, unser Lehrer war heftiger Lawrence Fan. Mr. Dunkers aufrichtige Begeisterung wirkte ansteckend auf mich, der Appetit auf Lawrence’s Erzählkunst wuchs. Mit der Zeit verlor ich beide aus den Augen. Erst den alten Englischlehrer mit seinem feinen ironischen Lächeln, der so stets so unnachahmlich über den Brillenrand guckte, wenn wir vor lauter Spätpubertät den nötigen Ernst vermissen ließen, dann den großen englischen Erzähler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das wunderschöne schmale Buch mit dem stoffbezogenen Einband sehen, es haben wollen, zugreifen und kaufen war eine einzige Handlung: Eines Tages stehe ich in der Chocolaterie und Buchhandlung Fräulein Schneefeld & Herr Hund, sehe den Namen D.H. Lawrence und greife zu. Im Zentrum des Umschlagmotivs stehen gezeichnete Muscheln und Perlen, beinahe schwerelos lockt das Werk seinen Leser weg vom sicheren Land auf die Begegnung mit dem Mann, der Insel liebte.

Worum geht’s in Der Mann, der Inseln liebte

Das Vorwort von Benjamin Lebert, der hier zusätzlich zu seiner Rolle als hervorragender Übersetzer eine respektvolle Annäherung an den Stoff ermöglicht. Was mir besonders gut gefällt: Lebert bescheinigt Lawrence’s Erzählung eine Zeitlosigkeit und schlägt einen Bogen zwischen der Entstehungszeit 1927 und der Neuveröffentlichung im Jahr 2015. „Wir leben in einer Zeit, die auf Zugänglichkeit ausgerichtet ist. Die Gesetze von Nähe und Distanz sind auf den Kopf gestellt.“, so Lebert. Und weiter: „Während die (mediale, Anm. der Rezensentin) Erweiterung des Menschen voranschreitet, zieht sich sein eigentliches Wesen immer mehr zurück. In immer unzugänglichere Tiefen will es sich versteckt halten auf der Insel seines selbst.“

Zeit einzutauchen in die vom großen englischen Schriftsteller D.H. Lawrence beschriebene Rückzugsgeschichte. Eine Art Rückentwicklungsroman im Miniaturformat. Eine Erzählung, in der ein an Erfolgen und Lebenserfahrung reicher Mann bei dem Versuch Störfaktoren zu eliminieren und sich eine Existenz ganz nach seinem Gusto zu bauen, sich nach und nach selbst verliert.

Auf der ersten Insel bewegt sich der Mann (noch) souverän in der Rolle des jovialen Gutsherren und Landbesitzers, der standesgemäßen Kontakt mit den anderen Inselbewohnern pflegt:
„Er gefiel sich in weißer oder cremefarbener Kleidung, in weißen Mänteln und mit breitkrempigen Hüten. Bei schönem Wetter konnte der Verwalter die hohe, elegante Gestalt des Inselbesitzers in cremefarbenem Serge wie einen Vogel über das brachliegende Feld daherkommen sehen, um beim Jäten der Rüben zuzuschauen. Dann wurden wieder alle Hüte gezogen, und einige Minuten lang hörte man sich wunderliche, weise Reden an, auf die der Verwalter ehrerbietig antwortete und denen die Knechte, auf ihre Hacken gestützt, in stiller Verwunderung lauschten.“

Er wollte doch nur downsizen

Noch lebt der Mann mit der finanziellen und personellen Verantwortung, die es mit sich bringt, eine Insel einer bestimmten Größe zu bewirtschaften. Seine Bediensteten fahren reiche Ernten ein, er unternimmt Ausflüge mit seiner Yacht. Bis der Absturz einer Kuh von einer Klippe eine ende einläutet, die von weiteren Krankheiten und Abscheulichkeiten gefolgt wird und der Mann zunehmend heimtückische Bedrohung empfindet. „Eine bedrückende, bleierne Bösartigkeit lag in der Luft.“ Es kippt. Der innere Abschied, der sich im dritten Jahr manifestiert, führt erst im fünften Jahr zum erlösenden Verkauf.

Der Anfang des zweiten Kapitels auf der zweiten Insel liest sich wie ein modernes Stück über Downsizing. Weniger soll mehr sein. Nur in Gesellschaft des Zimmermannes und dessen Frau und deren Tochter begibt sich der Mann auf eine deutlich kleinere Insel, und bezieht ein „schmuckloses Haus“ mit sechs Zimmern.

Zunächst scheint es, als würde er sich tatsächlich gesund schrumpfen. Hier intensivieren sich die in die Gegenwart reichenden Sehnsüchte nach einem Minimalismus, dem permanenten Zuviel zu entkommen. Sich weiße, stille Räume zurück zu erobern in einer komplett überreizten, überlauten und ausgelaugten Umwelt. Doch wird schon gleich zu Beginn der zweiten Station, auf die der Mann sich begeben hat, angedeutet, dass er sich in einer Sackgasse befindet: „Aber aufs Festland wollte er nicht zurück. Oh nein, nur das nicht!“

Hier kommt ihm die Liebe dazwischen, und setzt durch ihre fordernde Präsenz das Sterben derselben und eine neue Fluchtbewegung in Gang. Weg von der Frau heißt in diesem Fall auch weg von der Insel. „Sein Verlangen nach ihr starb mit hässlicher Endgültigkeit. (…) Seine Insel war ihm jetzt verhasst, schien verkommen und eng wie eine Kleinstadt.“ Das war’s. Der Mann bricht erneut auf.
Allein am Kieselstrand der dritten Insel, noch flacher, noch kleiner als die vorherigen, beginnt der Mann schon bald, sich dem Wispern des Ozeans und den spitzen Schreien der Möwen näher zu fühlen als allen menschengemachten Geräuschen.

Wenn Freiheit zum Gefängnis wird

Der feinfühligen Übersetzung von Lebert gelingt es, den Sprachduktus und Ton der 1920er Jahre zu erhalten und dem Text zugleich eine zeitlose, frische Färbung zu verpassen. Das macht das Lesen zu einem fließenden Erlebnis. Dagegen stehen stilistisch die nüchternen Kapitelüberschriften „Erste Insel“, „Zweite Insel“ und „Die dritte Insel“. Sie unterstreichen das Allgemeingültige, exemplarisch Brutale eines Rückzugsphänomens, das die uneingeschränkte individuelle Freiheit sucht und sich ein selbstgebautes Gefängnis aus Isolation und Irrsinn schafft. Dass „Der dritten Insel“ ein bestimmter Artikel vorangestellt ist, kann man als Betonung der Endstation verstehen.

Wir, die Leser, verstehen: Von hier aus geht es für den Protagonisten nicht weiter. Zumindest nicht auf eine weitere, noch kleinere Insel. Der innere Rückzug ist nun so weit fortgeschritten, dass ein äußerer Umzug ohnehin keine Rolle mehr spielen, keine signifikante Veränderung bringen kann. Auch seine Liebe zu Inseln scheint dem Mann verloren zu gehen. Der Titel deutet es in seiner Vergangenheitsform bereits unheilvoll an. Das finde ich am bedauerlichsten. Zerstören, was man liebt. Eine der schlimmsten menschlichen Eigenschaften.

Wer ist nun dieser Mann, von dem in der Erzählung die Rede ist? Wir erfahren zumindest seinen Namen: „Mr. Cathcart, Sir“. Genau einmal genau in der Mitte des Erzählung, wird der Name des Mannes „leise und ehrfürchtig“ von der Witwe und ihrer Tochter gehaucht. Ein Mann kehrt der Welt den Rücken zu. Wo auf der Welt er ist, wird lediglich angedeutet, nie benannt. In dieser Erzählung sind die jeweiligen Koordinaten vollkommen irrelevant. Er geht somit nicht nur in sich selbst, sondern auch in der Welt verloren.

Bücher Steckbrief von Der Mann, der Inseln liebte

D. H. Lawrence
Der Mann, der Inseln liebte
Erzählung
2015, Hoffmann und Campe
80 Seiten
ISBN: 978-3-455-40549-1
Erstveröffentlichung 1927 unter dem Titel „The Man who loved Islands“ in „The Dial“, New York.
Dt. Übersetzung von Benjamin Lebert

Autoren-Bio D. H. Lawrence

Der englische Schriftsteller David Herbert Lawrence wurde 1885 in England geboren, arbeitete, bis er sich ganz der Schriftstellerei widmete, als Lehrer, und verstarb 1930 in Frankreich an Tuberkulose. Er wird als erster englischer Schriftsteller „von Rang“ bezeichnet, der aus einer Arbeiterfamilie stammt. Lawrence war ein äußerst produktiver Autor. Neben Romanen schrieb er Gedichte, Essays, Reiseberichte und Texte für Theaterstücke. 1926 begann er auch zu malen.

Ein Großteil seines Schaffens hat einen autobiografischen Bezug und thematisiert die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Lawrence weist dabei dem Erotischen und dem Sexuellen eine wichtige Stellung zu. Dies erklärt, warum er zu Lebzeiten als Autor z. T. stark umstritten war und manche seiner Werke als unsittlich verboten wurden. Sein bekanntestes Buch ist Lady Chatterley’s Lover. Er war u.a. mit der bekannten neuseeländischen Autorin Katherine Mansfield befreundet, mit deren oft unkonventionelle Ansichten Lawrence sich auch in literarischer Forma auseinandersetzte.