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69 Hotelzimmer. Die ganze Welt in einem Buch

Lesen ist gut gegen Flugscham. Klingt komisch? „69 Hotelzimmer“ ist ein Buch zum überall und jederzeit lesen. Im Ernst. Die kleinen Vignetten ermöglichen klimaneutrale Gedankenreisen in weite, bunte und mysteriöse Räume an exotischen Orten. Zum Reinblättern, Abtauchen und fantasievollen Abheben.

Unser Hunger auf Reiseerlebnisse ist trotz aller Klimawarnungen und düsteren Prognosen – noch – kaum zu bremsen. Wir befinden uns in Transformationsprozessen, Paradigmenwechsel stellen bisherige Selbstverständlichkeiten infrage. Bücher sind, wie ich finde, immer ein wunderbares Transportmittel in andere Welten. Im besten Falle schlage ich ein Buch auf – und bin dann mal weg.

Ein Buch, das diesen Effekt erzielt, das bei jedem Aufschlagen und Durchblättern immer wieder neu und aufregend ist, ist das hier vorgestellte. Bei dem Wort „Hotelzimmer“ werden bei mir sofort Erinnerungen wach an skurrile Erlebnisse, zum Beispiel, wie ich in Oaxaca einmal ein Doppelzimmer mit einer mit bis dato fremden Frau teilte. Bereits sein Titel verspricht Erlebnisse fernab des heimischen Alltags und voller Geschichten: 69 Hotelzimmer von Michael Glawogger. Eine Liebeserklärung.

„Sie öffnet die Augen und weiß nicht, wo sie ist. H TEL – leuchtet es milchig aus der tiefschwarzen Nacht. Vorm Einschlafen hatte sie gelesen:

„Er hatte schon vor einer Weile mit der Tatsache Frieden geschlossen, dass die Welt ein triviales Museum ihrer Selbst geworden war. Greenage Village, Disney Harlem, die Pseudo-Hippie-Kaosan-Road, die Pyramiden von Gizeh, Angkor Wat oder die Verbotene Stadt in Peking – die gloriose Vergangenheit jedes Ortes war die Gegenwart des mittelmäßigen Ausverkaufs.“

Das Buch des im April 2014 verstorbenen österreichischen Dokumentarfilmers Michael Glawogger ist voll von solchen Sätzen. Sie berühren einen wie lakonische Leberhaken, gezielt beiläufig gesetzt. Der erzählerischen Kraft Glawoggers liegt die Fähigkeit zugrunde, genau zu beobachten – und reinzugehen. Sich vorurteilsfrei und ohne Schutz ins Leben zu werfen. Sich den Menschen, Städten, Ländern schonungslos auszuliefern, die er im Laufe seines kurzen intensiven Lebens besucht hat. Und mit dieser Art sofort Zugang zu finden zu den Menschen.

Was für ein schönes Buch.

69 kleinen Vignetten vom Reisen durch die Welt sind in diesem Werk versammelt. Geschichten vom Warten in Transitzonen und Nicht-Orten, und – der Titel ist Programm – natürlich vom Leben und Lieben in Hotels versammelt dieses Buch. Keine dieser Betrachtungen beansprucht mehr Lesezeit als es braucht, um eine Kippe zu rauchen. Literatur auf Zigarettenlängen-Niveau? Geht das, das Beiläufige, verr(a)uchte mit dem Tiefen, Verdichteten vermeintlicher Blitzlichter zu kombinieren, denen eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und Empathiefähigkeit zugrunde liegt?

„Zu viel rauchen ist weniger schlimm als zu viel essen. Wenn man das Essen, das vor einem auf dem Teller liegt, nicht mehr als etwas Sinnvolles begreifen kann, ist man im selben Moment dem Dasein entrückt. Man weiß glasklar, dass man nicht zu essen braucht. Man mag es nicht essen. Rauchen muss man überhaupt nicht. Menschen, die sich damit beschäftigen, behaupten sogar, es sei schädlich. Aber das ist wahrscheinlich der Witz daran. Man fügt sich freudvoll Schaden zu. Der Mensch tut sich gerne weh, dachte er, als er sein Hotelzimmer betrat, sich als erstes aufs Hotelbett warf und sich eine Zigarette anzündete.“ 69 Hotelzimmer, Kapitel 70, S. 284)

Fantastisch gelebtes Leben im Hotel, in der Welt, in Gedanken.

Erschienen ist 69 Hotelzimmer als bibliophiler Extradruck in der Anderen Bibliothek. Große Sprachbilder zaubert die literarische Beobachtungsgabe Glawoggers auf die Seiten, die sich samtig glatt anfassen. Und einen zu Beginn einer jeden neuen Geschichte mithilfe eines Farbverlaufs von Orange zu schwarz in die Welt, die Momentaufnahme des Protagonisten ziehen. Als ob es das bräuchte. Denn, das bringt der Klappentext des Verlages vortrefflich auf den Punkt:

69 Hotelzimmer ist ein Vermächtnis, das posthume literarische Debüt eines der renommiertesten Dokumentarfilmers der Gegenwart – Michael Glawogger starb 2014 während der Dreharbeiten zu seinem letzten Film in Liberia.

69 Hotelzimmer ist bei allen optischen und haptischen Finessen minimalistisch gestaltet.  Die Überschriften der nummerierten Kurzgeschichten sind kaum als solche zu erkennen. Gleich rein in die Geschichten. Wie bei Flash Fiction zoomt der Autor in einzelne Augenblicke und Stimmungen, Persönlichkeiten und Befindlichkeiten und wirft dem Leser so in wenigen Sätzen nicht weniger als Miniaturuniversen vor die Augen. Eine Legende am Seitenrand verweist in kleinen Lettern auf Stadt, Land und Jahr des Settings.

In seinen Geschichten blitzen Elemente und Stimmungen auf, die Viel-Reisenden gut bekannt sind. Die Vignetten spielen in Wien und Graz, in Portland, Oregon und Pnomh Penh, Kambodscha, in Kroatien und Nigeria. Sie beschreiben die Einsamkeit auf Reisen, Besonderheiten des beruflichen Reisens, die flüchtige Nähe zu Fremden, die auf Reisen besonders leicht entstehen kann, das Sich treiben lassen in Übergangs- und Transitsituationen, wenn die Zeitvorstellungen des Alltäglichen nicht greifen.

69 Hotelzimmer: Lesen – ja oder nein?

Je nachdem, welche persönlichen Reiseerfahrungen, auch Reiseländer, die eigenen Erinnerungen prägen, bleiben einige Geschichten vielleicht stärker im Gedächtnis als andere. Ein Lesevergnügen ist das Buch durch und durch. Nicht nur in orientierungslosen Nächten in irgendwelchen Hotelzimmern.

Meine Empfehlung fällt einseitig aus: Leihen, kaufen, lesen. Wieder lesen. Dieses Buch ist voller schöner, starker, nachdenklich machender, anregender Worte und Sätze. Gleißend heller Blitzlichter und schummriger Beleuchtung. Vielleicht berührt dieses Buch auch so intensiv, weil seine Entstehungsgeschichte so traurig ist. Es erschien posthum, also nach dem Tod des charismatischen, schwer greifbaren Dokumentarfilmers und Menschenbeobachters Michael Glawogger. Das Nachwort von Eva Menasse, ebenfalls einer Schriftstellerin und Freundin von Glawogger, hinterlässt beim Lesen ähnlich leberhaken-artige Spuren. Und wer die Tür des letzten der 96 Hotelzimmer* geschlossen hat, möchte gleich wieder irgendwo im Buch die nächste Hoteltür öffnen.

Wieviel Hotelzimmer jetzt nochmal genau?

Allein diese Spielerei mit Zahlen ist auch so ein wunderbares Detail aus dem Buch. Aufmerksame Leser haben beim Zitat oben im Text bemerkt, dass es sich um Kapitel 70 handelt. Wie geht denn das bei „69 Hotelzimmer“? Nun, ganz einfach. Man stelle sich einfach an Hoteltüren geschraubte Zahlen vor, bei denen eine Schraube locker ist. Ein heftiges Schließen der Tür und oben wird unten, unten wird oben. Aus 96 wird 69. So einfach. So magisch.