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„Wunderbare Jahre“ von Frau Berg. Reflexionen über das Reisen

„Wunderbare Jahre“ konfrontiert Leser*innen mit den dunklen Kehrseiten des Reisens und Menschseins. Frau Berg lesen ist wie Glasscherben kauen und dabei eine Epiphanie haben. Also, wie war die Welt denn nun, als wir noch Fernweh hatten? Reflexionen über das Reisen.

Mit ihrem jüngsten Werk GRM Brainfuck hat Frau Berg mich einmal mehr für sich eingenommen. Diesen Sommer lese ich, statt in die Ferne zu schweifen. Erkunde meine Wahlheimat Berlin wie ein Tourist und schicke, so oft es geht, nach Feierabend meinen Kopf auf Reisen. Frau Bergs Frage kommt mir da gerade recht, denn auch mit meinem Fernweh stimmt gerade etwas was nicht. Nur was?

Wie war die Welt, als wir noch Fernweh hatten? (Sibylle Berg, Wunderbare Jahre)

Wunderbare Jahre. Frau Berg lesen heißt Glasscherben kauen

Das bereits 2016 erschienene Buch Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten, dtv, 2016, mit Bildern von Isabel Kreitz, legt seine papierenen Finger brutal feinsinnig in eine beunruhigende Stimmung. Es ist eine Stimmung, in der die diffuse Sehnsucht nach Reisen „wie es mal war“ auf eine neue Form von Reisemüdigkeit trifft, deren stärkte Treiber Ängste sind. Beispielsweise die Angst vor Terrorismus und Krieg, vielleicht auch einfach die Tatsache, dass sich das Leben mit der Zeit abnutzt. Auf ne Art. Vielleicht. Genauso, wie es mit zunehmendem Alter kostbarer wird. Vielleicht.

„Und wie mir das nicht mehr einfiele, heute, die ganze Nacht durch die Stadt zu laufen, weil der Zug, der um 6.oo Uhr fährt und das Geld für eine Übernachtung nicht mehr vorhanden, heute, da ich am liebsten um zehn zu Bett gehe und auch daran einige Ansprüche habe. Die Matratze, das Licht, die Sojamilch…“ (SB_DWJ:142)

Ganz so schlimm wie in diesem Zitat aus Wunderbare Jahre ist es bei mir noch nicht, Zwinkersmiley. Doch der früher unstillbare Drang, bestimmte Orte sehen zu wollen, ist in letzter Zeit schwächer. Gründe dafür gibt es auch ohne Sojamilch viele. Die Enge, das Gedränge, an den Flughäfen und in den überlaufenen Gassen ehemals pittoresquer Ortschaften. Gier, Generve und Gefahren von allen Seiten, das meiste von Menschen gemacht. Ist das so? Oder ist das nur (m)ein Gefühl?

Wunderbare Welt? Auch von einem Kreuzfahrtschiff aus zeichnet Frau Berg (Illustration: Isabel Kreitz) ein düsteres Szenario.

Über Kampf und Terror des Reisens

Frau Berg gießt Seite um Seite, Destination um Ereignis mit ihren sezierenden Beobachtungen Öl ins Feuer und streut genüsslich Salz in nässende Wunden. Sie hält uns eine fantasielose und bornierte Weltsicht vor Augen und konfrontiert diese mit ihren eigenen Sehnsüchten, Reflexionen und Desillusionierungen. So verwandelt Berg mit wuchtig verbaler Faust eine kleine Lektüre über vermeintlich „Wunderbare Jahre“ in die Möglichkeit, das eigene Streben nach einem abwechslungsreichen, bedeutungsvollen Leben zu reflektieren. Und zu realisieren, wie sehr Kampf und Terror sich mit unserem entfesselten Konsum- und Reiseverhalten vermischt haben, nebeneinander existieren.

Die versammelten Kurzgeschichten laden unweigerlich zur kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Reiseverhalten ein, schieben einen anderen Filter über die eigenen Erinnerungen an vergangene Reisen. Sie reizen, diese Erfahrungen neu zu betrachten oder gegen die Entzauberung der Gegenwart und Zukunft zu verteidigen.

„Bleiben Sie zuhause und lesen Sie Sibylle Berg!“ rät Shirin Sojitrawalla vom Deutschlandradio so laut, dass es einen schon vom Buchrücken her anruft. Sie hat recht, nur, was ist denn nun das Schlimme am Reisen? Frau Berg ordnet jedem Destinations-Beispiel – meist im an das Kapitel angehängten „PS“ – eine Begebenheit zu, die in journalistischem Stil Kriegs- und Terrormeldungen aufgreift.  Das führt einem vor Augen, wo auf unserer Welt es überall knallt und scheppert, wie allgegenwärtig menschengemachte, wirtschaftlich motivierte und ökologische Katastrophen sind.

Ich könnte eine Geschichte erzählen darüber, wie meine Reise in die Karibik im Januar 2015 mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo zusammenfiel. Am Flughafen Paris Charles de Gaulle wurde mein Koffer beschlagnahmt, weil man in dem mitgeführten Brotback-Bausatz Drogen oder Sprengstoff vermutete. Mein Besuch in Madrid fiel mit den Zuganschlägen 2004 zusammen. Usw, usf., ich bin sicher, fast jede(r) Reisende hat solche Geschichten …

Eklig wunderbare Jahre. Reflexionen über das Reisen

Auch sonst kommen Leser*innen bei der Lektüre des 186 Seiten starken Werks ganz schön rum. Über Wien, Wallis und Weimar nach Kosovo, Thailand und Israel, bis nach Bangladesh, Brasilien und Afrika, und Afrika für Feiglinge, in der sich die Autorin über Südafrika und Safari-Ressorts auslässt. Wie mit dem Brennglas leuchtet Frau Berg einzelne Szenen aus, entwirft Szenarien, in denen ich als Leserin abgestoßen und fasziniert zugleich bin, mich einmal mehr wundere über uns Menschen, über unsere oft fragwürdigen Intentionen und Aktionen. Eklig ist ein Adjektiv, das Frau Berg gern benutzt. Ich finde, das passt. Schade nur, dass in den Betrachtungen der scharfzüngigen und polarisierenden Autorin hauptsächlich der Reisende im negativen Mittelpunkt steht. Es gibt und gab in der Geschichte des Tourismus immer auch andere Akteure und Situationen, auf deren Motive sich dieses Wort anwenden ließe. War es jemals wirklich schön zu reisen und wenn ja, für wen?

„Es gibt einen Konsens mittelständischer Bildungsbürgerträume, zu dem zählen der Besuch der chinesischen Mauer, einmal Nibelungen in Bayreuth, die Liebe zu Frankreich und eine Reise mit dem Orient-Express.“ (Sibylle Berg, Wunderbare Jahre)

Zurück zu Frau Berg. Schön eklig ist auch die Geschichte Das Totenschiff , in der sie eine Kreuzfahrt reflektiert. Gelingt es jemals hinter den Vorhang dessen zu sehen, was wir auf Reisen inmitten der Inszenierung vermeintlicher Natürlichkeit für echte Natürlichkeit halten? Ach, denken ist anstrengend. Und – wenn der Reisende zur falschen Zeit am falschen Ort ist – gibt’s zum Nachtisch noch Umweltkatastrophen und terroristische Anschläge.

„So eine Kreuzfahrt meint den totalen Ausschluss von Langeweile. (…) Der Morgen. Selten war mein Gefühl, am falschen Ort zu sein, stärker. (…) Ich hatte solche Landgänge vom Festland aus beobachtet, kleine Inseln, vor denen schwimmende Hochhäuser zum Liegen kommen, aus denen Insekten fließen. Ich hatte sie bedauert, die armen Menschen, die hektisch durch die Gassen stromern, die Angst, ihr Hochhaus zu verpassen, im Gesicht. Ich konnte mir damals keine größere Strafe vorstellen, als mit ihnen auf das Schiff zu gehen, auf dem ich Plastik und gelbe Farbe vermutete. (…) Und nun stehe ich in meiner wahnsinnig gewordenen Kabine und warte auf den Landgang.“ (SB_DWJ:54)

Wenn „Wunderbare Jahre“ im Berg’schen Sinne das Reisen als Aktivität, Störfaktor und Enttäuschung reflektieren, dann ist die (literarische) Welt eine Kampfzone und die Leser sind mittendrin.

Übern Berg? Die eigenen Reflexionen über das Reisen

Nun könnte man sagen, Frau Berg übertreibt. Ich fürchte eher, sie hat es genau getroffen. In den Augen vieler Reiseveranstalter und Reeder blitzen Dollarzeichen die Seele in den Schatten, jeder macht halt, wie er kann. Der Verdacht, dass die Blase der puren Reiselust angestochen ist und platzen könnte, erhärtet sich nicht nur durch Frau Bergs Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten. Auch unter ehemals ungebremst enthusiastischen Reisebloggern finde ich immer stärkeren Konsens, immer kritischer wird das eigene Verhalten, der mögliche eigene Beitrag und über ein Unwohlsein mit den Schatten des Systems Tourismusindustrie geschrieben.

Das Luxus-Dilemma von wenigen wird durch unsere Lebensweise der alltägliche Terror von vielen. Nur auf den eigenen Geldbeutel oder den eigenen Vorteil zu schauen erscheint da wie eine weitere Form des Terrors. Die notwendige Bürde allein den Reisenden / Konsumenten aufzubürden wäre unfair und griffe zu kurz. Nicht nur, weil es immens Zeit und Kraft kostet. Auch weil ich nicht allein ein ganzes System zum schnellen (!) Umdenken bringen kann. Sorry, Greta. Während Du über den Atlantik segelst, um ein Zeichen zu setzen, fliegen immer noch 336.000 (!) Fluggäste täglich (!) allein von den größeren deutschen Flughäfen aus durch die Gegend. (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2018, pro Jahr waren es in 2018 122,6 Millionen Flüge). Doch da spricht der lakonische Ton von Frau Berg aus mir, ich selbst habe immer noch Hoffnung. Ehrlich. Ist das auch eklig?

Apropos Leerstellen oder die Kunst des Nicht-Reisens: Ich war auch noch niemals in Venedig, und das wird wohl auch so bleiben. (Sibylle Berg, Wunderbare Jahre)

Eine Zeichnung. Ein Hirschkäfer steht aufrecht, wie ein Mensch, an einem geöffneten Fenster, stützt die Arme auf den Fenstersims und schaut hinaus. In der Ferne eine skizzierte Bergkette.

Nachdenken tut weh. Und Reisen wird immer ekliger mit all den Menschen und dem ganzen Terror, findet Frau Berg. Zeichnung: Isabel Reitz, in „Wunderbare Jahre“. Also bleiben wir fortan zuhause? Einfach nur ein kleiner Bildungsbürger-Traum weniger, würde Frau Berg achselzuckend bemerken.