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Die Welt im Selfie: Das touristische Zeitalter

Die Welt im Selfie von Marco d’Eramo nimmt uns mit zur Besichtigung des touristischen Zeitalters. Keine erfreuliche Spritztour! Reiseträume und Erwartungen zerplatzen in d’Eramos Beschreibung zu trostlosen Fakes. Sein Fazit: Tourismus zerstört unsere Städte und verwandelt sie zu blutleeren Kulissen.

Vor einigen Tagen saß ich mit meinem Freund Stephan am Landwehrkanal in Berlin Neukölln. Wir hatten uns einen Platz an der Sonne, sogar auf einer Bank, erkämpft und blickten in das algentrübe Wasser. “Vor ein paar Jahren habe ich hier viele Nachmittage gesessen und gelesen,“ meinte Stephan. “Würde ich heute nicht mehr machen … zu viele Touristen.“ Stephan hat recht, es flanieren viele Touristen durch Neukölln.

Ich verstehe das eigentlich gar nicht. Denn da wo ich wohne, gibt es keine tollen Sehenswürdigkeiten. Ein versiffter Kanal, ein vermülltes Ufer, ein paar Szene-Cafés und die unvermeidlichen Eisdielen mit Mondpreisen, das war’s! Trotzdem Kreuzkölln kommt auch mir seit vielen Sommern vor, wie ein Menschenzoo. Ich gehöre zu jener aufgescheuchten Spezies, deren natürliches Habitat, nämlich Kreuzkölln, von interessierten Reisenden aus aller Frauen Länder überrannt und besichtigt wird. Wie konnte es passieren, dass Städte überall in der Welt sich in Themeparks und Menschenzoos für vergnügungssüchtige Touristen verwandelt haben?

Die Welt als Menschenzoo

Dieser Frage geht der in Rom lebende Journalist Marco d’Eramo in seinem äußerst lesenswerten und anregenden Buch Die Welt im Selfie nach. Es ist 2018 im Suhrkamp Verlag Frankfurt erschienen. Der Untertitel, Besichtigung des touristischen Zeitalters macht mich super neugierig. Industriezeitalter kenne ich, Internetzeitalter kenn ich auch. Aber von einem touristischen Zeitalter habe ich noch nie gehört.

Marco d’Eramo muss geahnt haben, dass sein neuer Epochenbegriff “touristisches Zeitalter“ erklärungsbedürftig ist, denn er macht sich sofort daran, dieses Zeitalter zu umreißen. Politisch sei die Bedeutung des Tourismus in unserer Gegenwart immens. Immerhin habe der Ruf nach Reisefreiheit in letzter Konsequenz mit dazu beigetragen, den eisernen Vorhang einzureißen und damit die unilaterale Welt zu schaffen, in der wir heute leben. Der internationale Terrorismus habe sich mit gezielten Anschlägen auf touristische Sehenswürdigkeiten in der arabischen Welt in das Bewusstsein des Westens gebombt.

Besonders wichtig aber ist der Tourismus für unsere Gegenwart, weil er eine Industrie gigantischen Ausmaßes darstellt, die vom Flugzeugbauer zur Bauwirtschaft bis zur Postkartendruckerei unzählige Industriezweige weltweit in eine gut geölte Wertschöpfungskette integriert. Der Tourismus ist die Industrie des 21. Jahrhunderts. Aber geblendet von den wirtschaftlichen Erfolgen amerikanischer Internetriesen nehmen wir das gar nicht wahr. Das Selfie aus dem Titel spielt im Buch übrigens keine herausragende Rolle. Für den Autor “drückt sich im Selfie ein unbezwingbares Bedürfnis aus, das eigene Dasein zu bestätigen, … Das Selfie fotografiert eine solche Selbstunsicherheit, dass es zum Heulen ist.“ Basta!

Leben im touristischen Zeitalter

D’Eramo lässt das “touristische Zeitalter“ Anfang des 19. Jahrhunderts beginnen. Seine Zeugen dafür sind die Figur des Flaneurs aus den Werken Baudelaires und Mark Twain, als einer der ersten Touristen und Kreuzfahrer. Twains kommerziell außerordentlich erfolgreichen und sehr lustigen Reiseberichte zitiert der Autor häufig, um die teilweise grotesken und erstaunlichen Irrwege des frühen Tourismus und der ersten Touristen ironisch zu illustrieren.

Wer sind überhaupt die Bewohner dieses “touristischen Zeitalters“? Wir alle, lautet die deprimierende Antwort. Tatsächlich ist es so, dass wir zwar alle Touristen sind, aber keine Touristen sein wollen. Deswegen schauen wir so gerne naserümpfend und fingerzeigend hinab auf die nachlässig gekleideten und haltlos sich gebärdenden Menschen, die in vergnügungssüchtigen Horden unsere Städte überschwemmen und heimsuchen.

Auf diese wohlfeile Kritik und soziale Geringschätzung der Touristenmassen lässt sich der Autor zum Glück (meistens) nicht ein; vielmehr klopft er die gesellschaftlichen Aspekte des Tourismus sorgfältig ab und entschlüsselt im Sinne von Pierre Bourdieu den Massentourismus – also eigentlich die Demokratisierung des Reisens – als Teil jener gesellschaftlichen Aufholjagd, die viele Bereiche unseres Lebens bestimmt. Bessere Schulbildung, bessere Krankenversorgung, großartigere Handys, chicere Kleidung und so fort. Warum also nicht auch fantastischere Reisen?

Anstelle das negative Image der Touristen weiter zu zementieren, versucht sich d‘Eramo darin, einen positiv gestimmtes Bild der Touristen zu entwickeln. Die Frage ob ihm das gelingt, sich von der Schar der Touristenverächter abzusetzen, ist schwer zu beantworten. Denn seine vehemmte Kritik an der aggressiven Umwandlung und Homogenisierung unserer diversen Gesellschaften und unserer Städte durch den industriellen – und damit gleichmachenden, standardisierenden und comodifizierden – Charakter des Tourismus perlt natürlich nicht an den Touristen ab, die als Konsumenten der touristischen Dienstleistungen für dieses kulturelle Desaster mit verantwortlich sind.

Ziele, Sehenswürdigkeiten & Attraktionen

Touristen brauchen Ziele, Sehenswürdigkeiten, Attraktionen, die sie – oder vor denen sie sich – vor allem fotografisch wahrnehmen wollen. Denn Tourismus ist ein vorrangig visuelles Erlebnis, aus dem störende und unangenehme sinnliche Erfahrungen wie Lärm, Gerüche oder unbekannte Geschmäcker eliminiert worden sind.

Die Kapitel, in denen Marco d’Eramo die Verwandlung von blühenden Landschaften, lebendigen Städten, ehrwürdigen Traditionen oder lokalen Küchen zu Sehenswürdigkeiten und Attraktionen, also zu blutleerer Staffage, entseelten Bühnenbildern und Fotohintergründen oder inszenierten Events beschreibt, die uns Touristen die Fremde und das Andere visuell attraktiv vorführen sollen, ohne dass sie uns nahe kommen, gehören zu den faszinierendsten des Buches.

Denn hier analysiert der Autor die Ursachen jenes Unbehagens, das uns als Touristen beschleichen kann, wenn wir feststellen, dass das hippe Selbstbedienungs-Café in Tel Aviv, dieselbe American Cheescake anbietet, wie unzählige hippen Selbstbedienungs-Cafés in Berlin oder eben in New York. Das Unbehagen, wenn das vermeintlich Authentische, das wir auf Reisen suchen, durch das offensichtlich inszenierte und gefakte Authentische ersetzt worden ist. Auf der anderen Seite ermöglicht die globalisierte Cheesecake laut d’Eramo den unkompliziert fließenden Tourismus erst. Denn sie konfrontiert die Touristen gerade nicht mit dem Fremden des Reiselandes und der lauernden Frage: “Schmeckt mir das? Kann ich das essen?“ Bekanntlich frisst der Bauer nicht, was er nicht kennt. Aus diesem Grund sind der lokalen Küche und dem Essen am Ende des Buches ein ganzes Kapitel gewidmet.

Die Touristifizierung der Städte

Im Hauptteil des Buches aber lenkt d’Eramo den Blick des Lesers auf das Schicksal der Städte, die touristisch bewirtschaftet und ausgebeutet werden und zu Touristenstädten veröden. Sie sterben einen langsamen Tod, bis sie zur x-beliebigen Theaterkulisse, vor der die Touristen sich lümmeln, verkümmert sind. Als eifriger Sterbehelfer assistiert häufig der Welterbe-Titel der UNESCO diesem schrecklichen Siechtum. Die Häme, die der Autor den Touristen erspart gießt er in Kübeln über der UNESCO aus, für die er kein gutes Wort findet.

Wer einmal das mit Welterbe-Titel ausgezeichnete und inzwischen zum trostlosen Freilichtmuseum mumifizierte Städtchen San Gimignano in der Toskana besucht hat, weiß, dass der Welterbe Titel der UNESCO gutgemeint und trotzdem ein Todeskuss sein kann. Denn die Konservierung eines Ortes als historisches Erbe der Menschheit – für zukünftige Generationen – verhindert eben eine Weiterentwicklung und Anpassung des Orte an die sich wandelnden Bedürfnissen seiner Bewohner. In der Bundesrepublik ist die Aberkennung des Welterbe Titels für Dresden wegen des Baus einer neuen Elbbrücke ein Beispiel für den Konflikt zwischen “Erbe“ und Gegenwart. Das wirft natürlich die Frage auf, wie kann aus vitalen Lebensräumen wie Städten oder Landschaften eigentlich Welterbe werde? D‘Eramo beantwortet sie sehr kenntnisreich und ausführlich.

Der Tourismus und die UNESCO würgen allem, was sie berühren, das wahre Leben ab. Das ist die steile These des Buches Die Welt im Selfie. Jeder, der schon einmal enttäuscht von einer Reise zu echten Welterbe Sehenswürdigkeiten zurückgekehrt ist, kann diese These wahrscheinlich bestätigen.

Reisen als soziale Verpfichtung

Um diese komplexe Gemengelage besser zu überblicken, nimmt d’Eramo in einem Kapitel die Perspektive eines außerirdischen Terraforschers ein, der durch ein Teleskop ratlos auf die geheimnisvollen Wanderbewegungen der Erdlinge während der Sommermonate schaut. Das ist ein erstaunlich witziger Verfremdungseffekt, mit dem es dem Autor gelingt, die absurde Gleichmacherei der Reisetätigkeit sehr bildhaft vor Augen zu führen.

Er kommt dabei zu dem Schluss: Der Tourismus ist “offenbar zu einer sozialen Verpflichtung geworden: “Jeder muss irgendwo hingehen und dort wo andere wohnen, Geld ausgeben, damit auch jeder der dort Wohnenden in der Lage ist, woanders hinzugehen und dort, wo andere wohnen, Geld ausgeben kann, usw. usf.“ Wir sind eben alle Touristen.

Die Verwandlung unserer Städte in Themeparks; die Verschärfung der Wohnungskrise durch AirBnb und Touristifizierung; der Ausstoß klima- und umweltschädigender Schadstoffe durch den Flugverkehr sind Themen, die in Medien und Öffentlichkeit seit einigen Jahren kontrovers diskutiert werden. Der Markusplatz in Venedig wegen Überfüllung geschlossen. Ausländer, die keine Häuser und Grundstücke in Neuseeland kaufen dürfen. In Bilbao wird die Vermietungen von Wohnungen an Touristen durch Verschärfung der Bauvorschriften erschwert. Alpenwanderwege, auf denen Wanderer Timeslots buchen müssen. Es sieht so aus, als ob der Tourismus sich in einer schweren Krise befindet. Deswegen lohnt es sich auch Die Welt im Selfie zu lesen; um die zerstörerische Dynamik des Tourismus besser zu verstehen. Diese speist sich laut d’Eramo aus allzu menschlichem, nämlich dem Hunger nach Welt, der Sehnsucht nach Authentizität und der Erfahrung von Entfremdung.

Die letzte Hoffnung

Übrigens hat d‘Eramo auch eine gute Botschaft für Stephan und seine Bank am Ufer des Landwehrkanals in Berlin Neukölln. Wenn das touristische Zeitalter einen Anfang hat, dann muss es auch ein Ende haben. Und dieses Ende ist laut d‘Eramo auch schon in Sicht. Natürlich ist das Internet und seine Kapazität Distanzen zu annullieren mit verantwortlich. Aber besonders sind es problematische Veränderungen der Arbeitswelt. Touristen brauchen Zeit zum Reisen, also Urlaub. Immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse aber bringen den Urlaub in Bedrängnis. Wenn es keinen Urlaub mehr gibt, dann wird es auch keinen Tourismus mehr geben. Aber sind das wirklich rosige Aussichten?

Die Welt im Selfie – Besichtigung des touristischen Zeitalters

Informationen zum Buch:
Marco d‘ Eramo:
Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters
Aus dem Italienischen von Martina Kempter
Suhrkamp Verlag
364 Seiten
26 Euro