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Ein Flüchtling in Deutschland: U. A. Boschwitz „Der Reisende“

Der harmlose Titel ist Kalkül. Unerbittlich seziert „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, wie aus Ausgrenzung Verfolgung wird. Das Aufeinanderprallen der Konzepte von Flucht und Tourismus macht diesen Roman um einen Flüchtling in Deutschland noch aktueller. Geschrieben wurde er 1938

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) war im vergangenen Sommer nicht der erste, der den „Asyltourismus“ predigte. Das Unwort taucht seit den 1970er Jahren immer wieder auf, selbst in SPD- und CDU-Kreisen und natürlich in der NPD. Auch Rechtsextreme in der Schweiz benutzen ihn gerne. Söder meinte mit dem Begriff, dass ein Flüchtling nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Asylanträge stellt. Das ist im juristischen Sinne tatsächlich zu kritisieren. Aber warum sagt er es dann nicht genau so?

Stattdessen benutzt Söder eine Vokabel, die so tut, als seien Flüchtlinge normale Reisende. Er unterstellt ihnen, ohne Not zu kommen und dem deutschen Steuerzahler sozusagen zum Vergnügen auf der Tasche zu liegen. Das ist die Schublade, die beim Publikum aufspringt, wenn Asylrecht und Tourismus unkommentiert nebeneinander stehen. Söder muss das gar nicht weiter ausführen, die Botschaft setzt sich auch so in den Köpfen fest: Ein Flüchtling, egal welcher Herkunft und in welcher Notlage, ist ein Schmarotzer, ein Fremdkörper, der hier nichts zu suchen hat und entfernt werden muss. Das ist Denunziation und geistige Brandstiftung – und Ausdruck einer verstörenden Geisteshaltung, die in Deutschland wieder salonfähig ist.

„Die Überschrift entscheidet, der Inhalt ist ganz gleichgültig“

Wie rasch diese Saat aufgehen kann, beschreibt Ulrich Alexander Boschwitz. Der „Reisende“, der im Mittelpunkt seines Romans steht, wird nach den Novemberpogromen von 1938 binnen Stunden zum Flüchtling im eigenen Land. Das Verdikt lautet: „Du, Silbermann, bist ein Jude! Damit hat sie [die Regierung, Anm. d. Autors] ausgesprochen, dass meine Person und meine Eigenschaften gänzlich unwichtig sind. Es kommt darauf an, Jude oder Nichtjude zu sein, nicht aber sympathisch oder unsympathisch. Die Überschrift entscheidet, der Inhalt ist ganz gleichgültig.“

Berlin Tiergarten, Potsdamer Straße 26, 10. November 1938: Aufräumen nach den Zerstörungen durch das Pogrom in der Nacht zuvor. Links im Bild Martha Jacobowitz, ermordet 9. Mai 1942 im KZ Kulmhof. Aus: Ein Flüchtling in Deutschland – „Der Reisende“ von U. A. Boschwitz

Berlin Tiergarten, Potsdamer Straße 26, 10. November 1938: Aufräumen nach den Zerstörungen durch das Pogrom in der Nacht zuvor. Links im Bild Martha Jacobowitz, ermordet 9. Mai 1942 im KZ Kulmhof

Wie unter einem Brennglas seziert Boschwitz die Anfänge eines Mechanismus, der das alleinige Ziel hat, eine Existenz planmäßig zu vernichten. Sein Protagonist Otto Silbermann steht dabei stellvertretend für Millionen namenlose Opfer der Nazi-Herrschaft. Das Besondere an dem Roman ist die Zeit seiner Entstehung: Boschwitz schreibt ihn in wenigen Wochen unter dem unmittelbaren Eindruck der Pogromnacht am 9. November 1938. Historiker werden dieses Ereignis später als offizielles Signal zum größten Völkermord der Geschichte einordnen. Boschwitz weiß das 1938 noch nicht, aber er ahnt es, wenn er seine Hauptfigur sagen lässt: „Aber vielleicht will man uns erst sorgsam entkleiden und dann totschlagen, damit die Kleider nicht blutig und unsere Banknoten nicht beschädigt werden, heutzutage mordet man wirtschaftlich.“

Ein Flüchtling ohne Ziel

Die Handlung entwickelt rasch das Muster eines Road Movies. Otto Silbermann, Kaufmann und angesehenes Mitglied der gehobenen Berliner Gesellschaft, verliert einen Großteil seines Vermögens an einen skrupellosen Geschäftspartner. SA-Schläger verwüsten seine Wohnung, seine arische Frau flieht zu ihrem Bruder, er selbst – „Ich bin jetzt Reisender“ – fährt mit der Reichsbahn kreuz und quer durch Deutschland. In einem Aktenkoffer führt er das Geld mit sich, das er retten konnte.

Eben noch in geordneten Verhältnissen, findet er sich jetzt als Flüchtling wieder – und als ängstlicher Flüchtling obendrein, „wegelos, vollkommen ohne Ziel“. Eine Zufallsbekanntschaft verschafft ihm die Möglichkeit zur Flucht nach Belgien, doch beim Versuch des Grenzübertritts stellen ihn zwei belgische Gendarmen und zwingen ihn zur Rückkehr, trotz Bestechungsversuchen und unbeholfenen Appellen an die Menschlichkeit. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als „über eine Wurzel wieder hinein in das Deutsche Reich“ zu stolpern.

Originalbildunterschrift vom 1. Januar 1933: „Deutschlands erster "Fliegender Schotte" in Berlin. Der erste deutsche Schnell-Triebwagen der Reichsbahn, wurde auf der Strecke Berlin-Hamburg in den Verkehr gestellt. Der Schnell-Triebwagen erreichte eine Stundengeschwindigkeit von 155 Km.“ Aus: Ein Flüchtling in Deutschland – „Der Reisende“ von U. A. Boschwitz

Originalbildunterschrift vom 1. Januar 1933: „Deutschlands erster „Fliegender Schotte“ in Berlin. Der erste deutsche Schnell-Triebwagen der Reichsbahn, wurde auf der Strecke Berlin-Hamburg in den Verkehr gestellt. Der Schnell-Triebwagen erreichte eine Stundengeschwindigkeit von 155 Km.“

Deutschland 1938: Begegnungen im Zug

Otto Silbermanns Odyssee durch Deutschland setzt sich fort, doch der Erzählrhythmus beschleunigt sich, der Ton wird verzweifelter. Mitten in seinem zunehmend hoffnungslosen Trübsinn – „Eine Telegraphenstange ist wie die andere, eine Telegraphenstange ist wie die andere, auf der Flucht“ – begegnet der Reisende wider Willen in einem der vielen Zugabteile einer attraktiven Frau. Die Unterhaltung, die sich zwischen ihnen entspinnt, schwankt angesichts der entwaffnenden und zugleich törichten Naivität der Gesprächspartnerin zwischen Zuneigung und Sarkasmus.

Er öffnet sich ihr ganz, spricht von der fortschreitenden Erniedrigung, die er als Flüchtling erlebt, und sieht trotz allem das perfide System, das dahinter steckt: „Wenn ich verhaftet werde, so bringe ich dem Staat eine Kanone ein, oder einen Torpedo“. Als sie ihn wiederholt wegen seiner Angst vor Entdeckung neckt und er sie fragt, was sie an seiner Stelle tun würde, antwortet sie allen Ernstes: „Also, ich würde mich offen gestanden herrlich amüsieren. Ich würde einfach anfangen, so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte, und jeder Tag würde für mich mehr sein als allen anderen ein ganzes Jahr. Ich würde – aber Sie lachen mich ja aus. Warum lachen Sie?“

„Es sind zu viele Juden im Zug“

Manchmal raubt der ziellose Irrweg durch Deutschland Otto Silbermann den Verstand, dann erkennt er sich selbst nicht wieder. „Es sind zu viele Juden im Zug“, denkt er einmal, während er Reisende taxiert, deren Physiognomie ihm verdächtig vorkommt. „Wenn ihr nicht wärt, würde man mich nicht verfolgen. Dann könnte ich ein normaler Bürger bleiben. Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet.“

Er, der laut einem einstigen Geschäftsfreund aussieht wie „ein vertauschter Arier“, macht andere Juden für seine Misere verantwortlich – und schämt sich dieses Gedankens augenblicklich. Trotzdem passiert es wenig später, dass er einem alten Geschäftsfreund, der – Flüchtling wie er – wegen seines jüdischen Aussehens alle Blicke auf sich zieht, ins Gesicht sagt: „Sie kompromittieren mich ja“. Als der daraufhin zutiefst verletzt aufsteht und geht, ist Otto Silbermann endgültig am Tiefpunkt angelangt. „Es bleibt mir noch nicht einmal moralische Entrüstung“, denkt er resigniert.

Tag der Luftwaffe 1.3.38: Parade der Ehrenabteilung der Luftwaffe vor dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Generalfeldmarschall Göring, in der Wilhelmstraße. Ein Flüchtling in Deutschland – „Der Reisende“ von U. A. Boschwitz

Tag der Luftwaffe 1.3.38: Parade der Ehrenabteilung der Luftwaffe vor dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Generalfeldmarschall Göring, in der Wilhelmstraße

Der Reisende – eine literarische Entdeckung

Die deutsche Erstveröffentlichung des Romans Anfang dieses Jahres ist eine kleine literarische Sensation, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. „Der Reisende“ ist der einzige bislang bekannte Roman, der die Novemberpogrome und ihre Folgen gleich im Anschluss an die Ereignisse schildert. Sein Autor war zu jener Zeit 23 Jahre jung und hielt sich im Exil in Paris auf, wo er einige Semester an der Sorbonne studierte. Ermöglicht hatte ihm das sein erster Bucherfolg, „Menschen neben dem Leben“, der 1937 in einer übersetzten Fassung in Schweden veröffentlicht wurde. Dorthin war er 1935 gemeinsam mit seiner arischen Mutter emigriert, kurz nachdem Deutschland die Nürnberger Rassengesetze erlassen hatte. Der Vater, ein wohlhabender Kaufmann und hochdekorierter Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, war bereits kurz vor der Geburt seines Sohnes 1915 gestorben.

Die Figur Otto Silbermanns in „Der Reisende“ nimmt biografische Merkmale des Vaters auf. Auch verarbeitet Ulrich Alexander Boschwitz in ihr seine eigenen Erfahrungen als Flüchtling. Der Roman erscheint erstmals 1939 in London unter dem Titel „The man who took trains“ und ein Jahr später in den USA als „The fugitive“. Im selben Jahr wird Boschwitz, der inzwischen nach England übergesiedelt war, als feindlicher Ausländer in Australien interniert. Seine Bereitschaft, in der britischen Armee gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen, macht den Weg für die Rückkehr nach Großbritannien frei. Doch sein Schiff kommt nie an – ein deutsches U-Boot torpediert es am 29. Oktober 1942 im nördlichen Atlantik. Neben Boschwitz und 361 weiteren Passagieren versinkt mit ihm eine vom Autor gerade grundlegend überarbeitete Fassung von „Der Reisende“.

Wie verändert Flucht Menschen?

Die aktuelle deutsche Erstveröffentlichung 80 Jahre nach der Entstehung des Romans basiert auf einem deutschsprachigen Originaltyposkript, das der Herausgeber Peter Graf im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt entdeckte und in Abstimmung mit der Familie des Autors grundlegend lektorierte. Es ist ein bedrückendes Zeitdokument auf hohem literarischem Niveau – bedrückend auch wegen seiner Bezüge zur Gegenwart.

Boschwitz zeichnet darin ein erstaunlich differenziertes Bild von Deutschland im Jahr 1938. Trotz aller Not verrät der Romanheld Otto Silbermann mitunter die snobistische Attitüde seiner bisherigen großbürgerlichen Existenz. Umgekehrt reicht die Bandbreite der Deutschen, denen er als Flüchtling begegnet, vom Kellner, der sich gelbe Armbinden als Kennzeichnung der Juden wünscht, um Verwechslungen zu vermeiden, bis zum kommunistischen Schlepper an der deutsch-belgischen Grenze. Viele sind bekennende Nationalsozialisten, doch nicht alle haben deshalb ihre Mitmenschlichkeit komplett eingebüßt.

Dass hier nicht Schwarz auf Weiß trifft, macht die Qualität von „Der Reisende“ aus. Der Jude, der Flüchtling, der Nazi – diesen Etiketten verweigert sich der Roman. Man kann ihn daher auch als Lehrstück dafür lesen, wie Flucht, Ausgrenzung und Existenzangst Menschen verändern und zerstören. Die Perspektive des Flüchtlings, der existentieller Verfolgung ausgesetzt ist, gewinnt im Deutschland der Gegenwart erstaunliche Aktualität.

Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende (Roman), herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf, Klett-Cotta 2018

Buchcover des Romans „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, aus: Ein Flüchtling in Deutschland: „Der Reisende“ von U. A. Boschwitz