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⭐️ ⭐️ Sehenswürdigkeit, die

Eine Reise ohne Sehenswürdigkeit? Undenkbar. Das Brandenburger Tor in Berlin, der Kölner Dom, das Manneken Pis in Brüssel, die Prager Burg … wenn ich schon mal da bin, schau ich mir das an. Ist ja weltberühmt. Warum brauchen Reisende eigentlich Sehenswürdigkeiten?

“Du warst in Neapel und hast Pompeji nicht gesehen?“ … Schock schwere Not!

“Gibts doch gar nicht! … Pompeji, das muss man doch gesehen haben!“

Man könnte Neapel mit London vertauschen und Pompeji mit Big Ben. Käme aufs gleiche raus. Denn auch Big Ben muss man doch gesehen haben. Warum eigentlich? Ganz einfach! Pompeji und Big Ben sind weltbekannte Sehenswürdigkeiten! Auf einer Reise in einem fremden Land gehören solche Highlights zum unvermeidlichen Pflichtprogramm und werden selbstverständlich besichtigt. Und tatsächlich mit dem Besuch einer sogenannten Sehenswürdigkeit lässt sich im Urlaub eigentlich nichts falsch machen. Denn mit deren Besichtigung beweist jeder Reisende, ich bin auch da gewesen. Denn ich habe dasselbe gesehen wie Du.

Mir sind sogenannte Sehenswürdigkeiten eher suspekt. Sie fallen mir während meiner Reisen vor allem deswegen auf, weil sich am Eingang verschwitzte Menschenschlangen bilden. Innen hingegen sorgen Überfülle, ein tumulthaftes Tohuwabohu und Menschenwimmeln für Atemnot und schwache Nerven. Außerdem stören mich jene traurigen Gestalten, die in jeder Sehenswürdigkeit anzutreffen sind. Ihnen ist die schlechte Laune und die Frage, “was mach ich eigentlich hier?“ ins verknitterte Gesicht gemeißelt. Freunde, der Partner, ein Reiseführer oder schlicht Hörensagen haben diese muffligen Gespenster angeschleppt. Maulig, passivaggressiv oder krawallig machen sie allen klar, dass sie auf gar keinen Fall an Ort und Stelle sein wollen.

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Sehenswürdig also des Ansehens würdig ist auf einer Reise aber doch eigentlich alles, was mir zum ersten Mal vor die Augen oder in die Sinne kommt, oder? Denn das Meiste kenne ich vom Reiseland ja sowieso noch nicht. Könnte ich mich doch eigentlich entspannen und es locker angehen lassen …

Als ich das schreibe, fallen mir gleich zwei Argumente ein, warum Sehenswürdigkeiten doch eine Berechtigung haben könnten. Sie kanalisieren den Strom der Reisenden, die von bekannten und bedeutenden Höhepunkten der Natur, der Kunst und der Kultur magnetisch angezogen werden. Dann tauchen sie an anderer Stelle nicht auf. Das ist aus vielen Gründen praktisch. Darüberhinaus ist es die Besichtigung von weltbekannten Landmarks, die eine Reise erzählbar machen. Fast alle, die in Rom gewesen sind, haben die Peterskirche gesehen, ob sie es bis zum Campo Verano geschafft haben, fraglich.

Sehenswürdigkeiten entlasten den Reisenden davor, zu entscheiden, was während des Aufenthalts in einem fremden Land besichtigt werden soll. Sie entlasten aber auch das Reiseland, weil sie sehenswürdige Zonen ausweisen, in denen sich Reisende konzentrieren sollen. Außerdem machen Highlights Reiseerlebnisse vergleichbar, katalogisierbar und damit als Reiseprodukt vermarktbar und konsumierbar. Wer kennt nicht das wohlige Gefühl der Gemeinsamkeit, wenn in entspannter Atmosphäre der Satz fällt: “Genau, da bin ich auch gewesen, … ach, war das toll, möchte ich gerne noch mal hin … Bist Du auch in dem Café … Mist jetzt fällt mir gerade der Name nicht ein … Aber später!“

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Aber, was ist eine Sehenswürdigkeit? Die Wikipedia definiert sie so:

“Eine Sehenswürdigkeit ist ein bedeutsames Naturdenkmal, Kulturdenkmal oder etwas anderweitig Attraktives …, das häufig in touristische Programme einbezogen wird. Häufig handelt es sich auch um Objekte, die der Reisende durch die Medien (Zeitschriften, Fernsehen, Reiseromane etc.) bereits kennt und die er eigenständig erleben will. Manche Sehenswürdigkeiten haben zugleich Wahrzeichencharakter für ein Land, eine Region oder eine Stadt.“

Sehenswürdigkeit ist also eine ganz besondere Auszeichnung für etwas Spektakuläres, das man eben gesehen haben muss. Die Sehenswürdigkeit, nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die individuelle Interessen oder Befindlichkeiten, sie gehört eher in den Bereich der kollektiven Sehnsucht und entfaltet dort ihren Zwang: “Besuch mich, schau mich an, verpass mich bloß nicht!“

Denn in der Regel wird die Sehenswürdigkeit von einer höheren kulturellen Instanz oder langlebigen Tradition – vielleicht aber auch nur dem Stadtmarketing – ausgeflaggt. Und daran hat man sich zu halten. Rom – wie schon gesagt – ohne die Peterskirche undenkbar. Paris ohne den Eifelturm gar nicht gesehen. New York ohne Empire State Building unmöglich. Und auch Hamburg lässt sich ohne die Elbphilharmonie gar nicht mehr erleben.

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Sehenswürdigkeiten erzeugen darüberhinaus Reiselust und Reisezwang. Deswegen ist Sehenswürdigkeit eine ganz und gar touristische Kategorie. Sehenswürdigkeiten funkeln wie Leuchttürme, die es dem orientierungslosen Reisenden unkompliziert ermöglichen – in ihrer knapp bemessenen Urlaubszeit – die super interessanten Inseln in der uferlosen Landschaft des Reiselandes anzusteuern. Sehenswürdigkeiten absorbieren die beunruhigende Fremde und transformieren sie in wohliges, schon Bekanntes. Sie sind das Vorgewusste, sie legitimieren die Extravaganz einer Reise.

“Also auf der Kurischen Nehrung, da war schon meine Mutter, sie hat von der Landschaft und dem Meer so geschwärmt und so viel erzählt. Da musste ich auch hin.“

oder

“Die Pyramiden, die wollte ich schon als Junge besuchen, ja, und jetzt mache ich diesen Kindheitstraum war. Die Pyramiden muss man doch einmal im Leben gesehen haben.“

Das Gegenstück zur Sehenswürdigkeit ist übrigens der Geheimtipp, über den es auf Sirenen & Heuler einen eigenen Reise-Essay gibt.

So wie ein leuchtender Stern den Weisen aus dem Morgenland den Weg an Krippe wies, so führt die Sehenswürdigkeit den modernen Reisenden ans Ziel. Werden deswegen sogenannte Sehenswürdigkeiten in der Reiseliteratur gerne mit Sternen ausgewiesen? Seit John Murrays Travel Handbooks gilt: Zwei Sterne Sehenswürdigkeiten sollte man nicht verpassen. Für die mit einem Stern lohnt sich immerhin ein Umweg. Was ohne Stern bleibt, fällt unter den Tisch.

⭐️⭐️⭐️⭐️ Sehenswürdigkeit

Als der Geheimrat Goehte im Jahre 1787 durch Italien reist, gab es Murrays Sterne noch nicht. Goethe macht sich im März zu einer ziemlich ungewöhnlichen Exkursion auf. Er fährt von Neapel über Salerno nach Paestum, um dort zum ersten Mal griechische Tempel zu sehen. In seinen Reiseerinnerungen Italienische Reise legt er Zeugnis von diesem Ausflug ab:

“Das Land ward immer flacher und wüster, wenige Gebäude deuteten auf kärgliche Landwirtschaft. Endlich, ungewiß, ob wir durch Felsen oder Trümmer führen, konnten wir einige große länglich-viereckige Massen, die wir in der Ferne schon bemerkt hatten, als überbliebene Tempel und Denkmale einer ehemals so prächtigen Stadt unterscheiden.“

Schon die Anreise schildert Goethe abenteuerlich und spektakulär. Übertroffen werden diese Beschreibungen aber noch von dem, was Goethe bei der Betrachtung der Tempel von Paestum widerfährt. Denn …

“… der erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer völlig fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden bestimmt, so daß uns diese stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet, ja ich pries den Genius, daß er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen ließ, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben läßt.“

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ich beneide Goethe. Er hatte das Glück, die Tempel von Paestum erkunden zu können, als diese noch nicht zur Sterne Sehenswürdigkeit mutiert waren. Heute ist die Erfahrung, sich mit den Tempeln in Paestum zu “befreunden“ schlicht unmöglich.

Niemand, der 2019 nach Paestum reist, betritt eine “völlig fremde Welt“. Abgesehen davon, dass die Tempel von einer bizarren touristischen Infrastruktur aus zweifelhaften Hotels, Billig-Restaurants und Plunder-Shops umrudelt werden, sind sie aus Fernsehen, Reiseführern oder Erzählungen schon so sehenswürdig geworden, dass es gar nichts mehr zu entdecken gibt, sondern nur noch abzuhaken. Hier bin ich auch gewesen. Ich reise, also bin ich! What´s next?