Lutherstadt Wittenberg – Wallfahrtsort der Reformation

Stadtkirche der Lutherstadt Wittenberg mit Weihnachtsmarkt. Ende November rüstet sich die Lutherstadt Wittenberg für den Weihnachtsmarkt

In der Lutherstadt Wittenberg an der Elbe dreht sich alles um Martin Luther und den Beginn der Reformation 1517. Die Thesentür, die Schlosskirche, das Lutherhaus und die Stadtkirche Sankt Marien sind Originalschauplätze, an denen vor über 500 Jahren der Lauf der Welt verändert wurde. Es lohnt sich also nach Wittenberg zu fahren, sogar in der kühlen Jahreszeit.

Die Lutherstadt Wittenberg an der Elbe

November ist keine gute Jahreszeit für Sachsen-Anhalt. Aus dem MDR Radio plärrt es, wie schrecklich der Herbst doch sei. Der Himmel grau, der Regen nah und die Temperatur dazu lüllewarm. “Am besten zuhause bleiben“, fasst die aufgedrehte Stimme aus dem Radio die traurige Lage zusammen. Trotzdem mache ich mich auf den Weg nach Wittenberg. Denn dort wollte ich immer schon mal hin. Martin Luther, Reformation, Thesenanschlag. Dieser Dreiklang zieht mich Richtung Lutherstadt Wittenberg an der Elbe.

Ich habe mir einen Samstag Nachmittag für meinen Ausflug ausgesucht. Denn ich dachte, Samstag in der Vorweihnachtszeit, da steppt in Wittenberg ganz sicher der Bär. Irrtum! Samstag Nachmittag in Wittenberge geht gar nicht. Denn das Zentrum ist verwaist und leer. Nur ein paar versprengte Touristen pilgern von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. 

Tatsächlich werden in Wittenberg am Samstag gegen 14 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, die Leuchtreklamen ausgeschaltet und die Geschäfte hinter Rollläden verbarrikadiert. Einzige Ausnahme scheint die Einkaufspassage Arsenal zu sein. In den Schaufenstern dieser gräßlichen Bausünde aus der Nachwendezeit funkeln die Auslagen bis 20 Uhr im Neonlicht, um den kaufbereiten Konsumenten anzulocken.

Allerdings funktioniert auch das nicht richtig, denn sogar die neumodische  Einkaufspassage ist ziemlich verwaist. Wahrscheinlich ist es einfach so, dass in Wittenberg der öffentlich rechtliche Rundfunk noch Autorität genießt. Nach der Ansage einer MDR Moderatorin, “am besten zuhause bleiben“, gehört es sich einfach nicht, in Wittenberg vor die Tür zu gehen. Anders lässt sich diese verschnarchte Atmosphäre in der Lutherstadt gar nicht erklären. Tatsächlich sind sogar die Cafés und Restaurants vereinsamt und menschenleer.

Vielleicht ist aber der Grund für die Friedhofsruhe aber auch ein anderer. Nach dem Karnevalsbeginn am 11.11 steigt die Corona-Inzidenz in Wittenberg rasant. Als ich diesen Post schreibe liegt die lokale 7-Tage-Inzidenz für die Lutherstadt über 1.200. Ein trauriger Rekord!

Schaufenster in der Lutherstadt Wittenberg.
Reformations Souvenirs in der Collegienstraße

Sehenswürdigkeiten in der Lutherstadt

Ablenkung gibt es diesen November in Wittenberg also keine. Darum bleibt mir gar nichts anderes übrig als mich den weltberühmten Sehenswürdigkeiten Wittenbergs zuzuwenden. Sehenswürdigkeiten finden sich in diesem Wallfahrtsort der Reformation natürlich jede Menge. Die Lutherstadt wurde deswegen sogar mit dem Prädikat “Unesco Welterbe” ausgestattet.

Die Schlosskirche gehört zu den bedeutenden Sehenswürdigkeiten Wittenbergs. Dort soll Martin Luther 1517 seine 95 Thesen wider den Ablasshandel angenagelt haben. Mit diesen 95 Thesen begann vor über 500 Jahren die Reformation. Eine dramatische Bewegung, die Europa in den folgenden Jahren bekanntlich ziemlich durchrüttelte und die Welt veränderte.

Und tatsächlich dreht sich in Wittenberg eigentlich alles um die Reformation und Martin Luther. In der gotischen Stadtkirche Sankt Marien, die in Wittenberg als Mutterkirche der Reformation bezeichnet wird, haben Martin Luther, Philipp Melanchton und der Pfarrer Johannes Bugenhagen die neue Lehre ausgelegt und gepredigt. Im Lutherhaus, dem ehemaligen Kloster der Augustiner Eremiten, hat Martin Luther mit Frau, Kindern und Studenten über 35 Jahre gelebt. Heute ist hier eine umfangreiche Sammlung mit Luther Reliquien und Devotionalien untergebracht. Im Melanchton Haus wird an den Humanisten Philipp Melanchton erinnert.

Dass die Reformation ohne den Maler, Unternehmer und Marketinggenius Lucas Granach weniger Schlagkraft entwickelt hätte, lässt sich an vielen Orten in Wittenberg nachvollziehen. Denn Lucas Granach hat mit seinen Gemälden und Stichen die Porträts der Protagonisten der Reformationsbewegung aus der Lutherstadt nach allen Himmelsrichtungen verbreitete. Außerdem gibt es noch das 360 Grad Panorama des Künstlers Yadegar Asisi zu bestaunen. Der Künstler lässt dort das Wittenberg der Reformation zur Lebzeit Luthers lebendig und erlebbar werden.

Die Erfahrung aber scheint in Wittenberg zu lehren, dass all die Kultur und Geschichte nicht reicht, um Touristen in die Stadt zu bringen. Denn anders lässt sich “Wärst’e mal ausgestiegen“, der passivaggressive und irgendwie beleidigt klingende Slogan des Stadtmarketings am Bahnhof nicht erklären.

Plakat am Bahnhof der Lutherstadt Wittenberg.
Einladend geht anders, oder?
Die Hauptstraße der Lutherstadt Wittenberg.
Menschen- und autoleer: die Collegienstraße in Wittenberg. Links das sehr sehenswerte Melanchton-Haus

Ausgestiegen in Wittenberg

Ich bin ja ausgestiegen und kann deswegen all die Sehenswürdigkeiten in der Lutherstadt Wittenberg anschauen und bestaunen. Los gehts! Am Beginn meines Besuchs hält Wittenberg mehrere Überraschungen für mich bereit. Ich komme mit dem Zug in die Lutherstadt und als ich aussteige, betrete ich tatsächlich einen „Grünen Bahnhof“. Das ist für mich die erste Überraschung, ich wusste gar nicht, das es sowas gibt! Der grüne Bahnhof ist nicht nur aus natürlichen Baustoffen errichtet. Auf dem Dach gibt es Solarzellen, die den Bahnhof mit Strom versorgen und die Toiletten werden, mit aufbereitetem Regenwasser betrieben.

Die zweite Überraschung in Wittenberg ist die Stadt an sich. Denn Wittenberg besitzt kein richtiges, knubbeliges Stadtzentrum dafür aber eine lange Straße, die am Lutherhaus beginnt und an der Schlosskirche endet. Wie an einer Perlenschnur sind an der Collegienstraße – die nach dem Marktplatz zur Schlossstraße wird – die Highlights der Stadtbesichtigung aufgereiht.

Mit Hilfe eines gut funktionierenden Konzept zur Verkehrsberuhigung sind fast alle Autos von den Straßen der Altstadt vertrieben. Das ist eigentlich ein tolles Ding. Doch die breite menschen- und eben auch autofreie Straße entfaltet an diesem trüben Samstag nur eine freudlose und triste Atmosphäre. Diese drückende Stimmung wird noch dadurch verstärkt, dass in Wittenbergs Zentrum auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit die Spuren der DDR Vergangenheit deutlich sichtbar sind. Als mausgrau welkende Fassaden mit stumpfen Fenstern oder als Baulücke, in der ein baufälliges Haus still und leise zusammensank, bevor dessen Reste dann abgeräumt wurden.

Die größte Überraschung in Wittenberg ist aber, dass mich urplötzlich der Gedanke einholt: Hier ist das also gewesen. Hier wurde um 1500 der Lauf der Welt verändert. Was soll ich sagen, tatsächlich hat mich der Hauch der Geschichte umweht. Das ist in Wittenberg deswegen so paradox, weil der Ort eine abseitige, winzige und beschauliche Bühne ist, auf der dieses disruptive Welttheater gegeben wurde.

Thesenanschlag von Martin Luther an der Schlosskirche.
Der Anschlag von Luthers 95 Thesen an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg, Julius Hübner 1878. Das Gemälde zeigt nicht nur das Anbringen der Thesen. Es weist auch auf Missstände in der Kirche hin. Links lässt sich ein Mönch die Hand küssen. Rechts flüchten zwei Bettelmönche mit einer Ablasskasse

Wittenberg 360°

Das Panorama Wittenberg 360° Luther 1517 ist die erste Sehenswürdigkeit in Wittenberg auf dem Weg vom Bahnhof in die Innenstadt. Der Künstler Yadegar Asisi hat dieses monumentale Rundbild im Jahr 2017 anlässlich des 500 jährigen Reformationsjubiläum errichtet. Der rostig rote Rundbau, der das Panorama beherbergt, lässt sich gar nicht übersehen.

Asisi hat das Panorama nicht gemalt. Vielmehr ist es mithilfe von Fotografie und digitalen Collagen gestaltet. Solange der Besucher nicht zu nahe an das Rundbild tritt, ist die Illusion perfekt. In der Nahsicht entpuppt sich leider der laientheaterhafte Charakter der Bildinszenierung. Also sofort auf die zentrale Tribüne klettern und das Bild von oben bewundern.

Der Künstler möchte für den Betrachter das Wittenberg Martin Luthers und Friedrich des Weisen lebendig und erlebbar machen. Im Fokus des Luther-Panoramas steht die gotische Schlosskirche, vor der Martin Luther engagiert seine Thesen diskutiert. Vom Schlossplatz aus schweift der Blick Richtung Schlossstraße. Dort tummeln sich bunt bekleidete Menschen und gehen vielfältigen Beschäftigungen nach. Ganz anders als in der heutigen, grauen Gegenwart tobt im Wittenberg um 1517 richtiges Leben. Wo kommen bloß die vielen Menschen her? Um den Überblick nicht zu verlieren, lohnt es sich übrigens die Audio-Erklärung zu nutzen, die kostet leider nochmal extra. Das ist richtig ärgerlich!

Ein wenig merkwürdig ist es schon, sich vor der eigentlichen Stadtbesichtigung einen ersten Überblick über Wittenberg mithilfe einer Illusion zu verschaffen, ohne die real existierende Stadt überhaupt gesehen zu haben. Aber schlussendlich schadet es auch nicht, denn von dem Luther-Panorama lässt sich rein gar nichts in der heutigen Stadt wieder entdecken. Sogar das echte Luther-Haus sieht ganz anders aus, als im Asisi Panorama dargestellt.

Panorama Wittenberg Service

Das Panorama des Künstlers Yadegar Asisi findest Du hier: Panorama LUTHER 1517 von Yadegar Asisi, Lutherstraße 42, 06886 Lutherstadt Wittenberg. Informationen zu Öffnungszeiten und Ticketpreisen gibt es hier.

Martin Luthers Verlobung mit Katharina von Bora.
Luthers Verlobung, Gustav Adolf Spangenberg um 1860. Luther war bei der Verlobung mit Katharina von Bora schon 42 Jahre alt. In diesem Gemälde sieht es so aus, als ob romantische Gefühle bei der Verlobung im Spiel gewesen seien. So war es aber nicht
Martin Luther Porträt auf einer Kaffeetasse.
Prächtiges. protestantisches Prunkporzellan – Herrlich

Herr Käthe und das Lutherhaus

Das Lutherhaus in Wittenberg ist ein ziemlich erstaunliches Gebäude. Ursprünglich war es ein Kloster für die Augustiner Eremiten. Ein Mönchsorden, dem auch Martin Luther nach einem Erweckungserlebnis während eines gruseligen Gewitters beigetreten war. Als das Kloster im Zuge der Reformation aufgelöst wurde, blieb Luther als Bewohner und Besitzer zurück. In diesem Haus lebte der Junggeselle Luther mit einer großen Schar Studenten in einer Art Männer-WG.

Erst Katharina von Bora brachte Ordnung in diesen Puma-Käfig. Sie organisierte nicht nur den Haushalt sondern auch einen landwirtschaftlichen Betrieb, von dessen Erträgen Luther und seine Studenten prächtig leben konnten. Tatsächlich braute Katharina von Bora sogar Bier. Martin war von dem außerordentlichen Organisationstalent seiner Frau so begeistert, dass er sie mit dem Spitznamen „Herr Käthe“ auszeichnete. Ein schönes Beispiel für fluide Geschlechtsidentität und das schon vor 500 Jahren, liebe Ewiggestrigen.

Der Respekt des Ehemanns für Kahtarina von Bora wurde von dessen Studenten und Anhängern nicht geteilt. Im Luther-Haus wird die Luther-Stube gezeigt, der Raum, in dem die Abendgesellschaften mit den berühmten Tischreden stattgefunden haben sollen. An diesen Tafelrunden nahm auch Katharina teil, sie beteiligte sich sogar an den gelehrten Gesprächen. Von soviel weiblicher Courage und Selbstbewusstsein – wahrscheinlich Katharinas adeliger Herkunft zu verdanken – waren die Studenten wenig begeistert. Die Kleingeister rächten sich, indem sie Katharina von Bora in ihren Aufzeichnungen und Protokollen die dummen Sprüche in den Mund legten, ihre klugen Gedanken aber einem Studenten an den Latz hefteten.

Griff des Sargs von Martin Luther in Wittenberg
Griff des Sargs aus dem Luthergrab in der Schlosskirche in Wittenberg

Das Luther Museum

Das Lutherhaus ist heute ein sehr sehenswertes Museum. In einem Teil wird der blühende Ablasshandel des 16. Jahrhunderts thematisiert, der der Auslöser der Reformation gewesen sein soll. Neben den Protagonisten dieses Ablasshandels: Johann Tetzel, seinem Auftraggeber Erzbischof Albrecht von Brandenburg und dem Papst Leo X, wird der wirtschaftliche und politische Aspekt des Ablasshandels betrachtet. Im Zentrum aber steht die theologische Auseinandersetzung mit dem Ablass, die Martin Luther mit seinen 95 Thesen angestoßen hatte. In dieser Abteilung gibt es viele alte Flugschriften und Bücher zu bewundern und deswegen auch viel zu lesen. Also Zeit und Neugierde mitbringen.

Da das Lutherhaus auch Wohnhaus des Reformators und seiner Familie war, wird außerdem der Haushalt der Familie unter die Lupe genommen. Wirklich enorm, wie Katharina von Bora diesen mittelständigen Betrieb mit den Abteilungen: Wohnheim, Bauernhof und Brauerei gemanagt hat. Neben den Wohnräumen der Familie Luther Martin werden Luther-Reliquien ausgestellt. Da ist zum Beispiel eine Kutte zu bestaunen, die der Reformator als Mönch und Junggeselle getragen haben soll. Etwas skurril ist allerdings der Griff des Sargs aus dem Luthergrab in der Schlosskirche.

Porträt Martin Luthers von Lucas Granach.
Das unvergängliche Abbild seines Geistes drückt Luther selbst aus, Lucas dagegen zeichnet die sterbliche Gestalt. Lucas Granach 1520

Martin Luther und die Bilder

Besonders schön im Lutherhaus sind die vielen Gemälde aus der Hand Lucas Granach des Älteren, der zur Zeit der Reformation Hofmaler in der kurfürstlichen Residenz Wittenberg war. Granachs Gemälde und Stiche haben die Reformation medial unterstützt und die Porträts der Reformatoren Luther und Melanchton in ganz Europa verbreitet.

Die fantastisch, lebensnahen Porträts Lucas Granachs liefern bis in die Gegenwart die Pause für das Bild Martin Luthers. Das ist sogar an dem unglücklich gesichtslosen Logo des Stadtmarketings zu erkennen. Im Luthermuseum schaut uns ein Martin Luther von unzähligen Gemälden, Medaillen und Kaffeetassen an, der immer wieder als der aus Lucas Granachs Gemälden zu erkennen ist. Besonders viele Lutherbilder werden im 19. Jahrhundert produziert. Einer Zeit, in der der Reformator und die Reformation politisch von Preußen vereinnahmt wurde, um mit diesen das neue deutsche Kaiserreich als ein evangelisches Kaiserreich zu etablieren. Ein Konstruktionsfehler in der deutschen Identität, der sich übrigens bis heute in dem verqueren Italienbild vieler Deutscher widerspiegelt.

Lutherhaus Service

Das Lutherhaus findest Du unter dieser Adresse: Lutherhaus, Collegienstraße 54,06886 Lutherstadt Wittenberg. Informationen zu Öffnungszeiten und Ticketpreisen findest Du hier.

Rekonstruiertes Arbeitszimmer im Melanchtonhaus in Wittenberg.
Ein in 19. Jahrhundert irgendwie rekonstruierter Innenraum im Melanchtonhaus …
Gemälde mit Philipp Melanchton und Luther.
… wird zur Kulisse für ein Bild, das Martin Luther und Philipp Melanchton während eines Lehrgesprächs zeigt

Das Melanchtonhaus

Ebenso wie aus dem Lutherhaus ist aus dem Wohnhaus des Humanisten Philipp Melanchton ein Museum geworden. Philipp Melanchton lebte nur ein paar Schritte die Collegienstraße hinunter ganz nah beim Lutherhaus. Im Melanchtonhaus geht es weniger um die große Geschichte der Reformation. Vielmehr steht das Leben eines renommierten Gelehrten um 1517 in der Lutherstadt Wittenberg im Mittelpunkt. Bei der Familie Melanchton ist alles bescheidener als bei der Familie Luther; das Haus, der Garten, das Einkommen. Eine Melanchtonstadt Wittenberg gibt es nicht und im kollektiven Gedächtnis hat sich Melanchton ebenso wenig verwurzelt.

In der Lutherstadt gehört das Melanchtonhaus aber zu den prächtigsten Bürgerhäusern aus der Zeit der Renaissance. Von seinem Gehalt als Universitätslehrer hätte Philipp Melanchton so ein Zuhause nie finanzieren können. Gut, dass sein Dienstherr, der Kurfürst Johann Friedrich, diesen Bau als Wohnhaus für Melanchton errichten ließ. Das Haus soll sich im Verlauf der Jahrhunderte nur wenig verändert haben, schon wegen des historischen Zaubers lohnt sich also der Besuch.

Darüberhinaus zeigt das Museum Handschriften und Drucke des Vielschreibers Philipp Melanchtons. Wenig dagegen wird sein Wirken auf Reichstagen und in Religionsgesprächen gewürdigt, bei denen Melanchton häufig Martin Luther vertreten musste, der als “vogelfrei“ zu seinem eigenen Schutz auf der Wartburg und der Festung Coburg weggesperrt war. An den ausgestellten Gemälde und Büsten lässt sich nachvollziehen, wie sich das Bild des großen Gelehrten über die Jahrhunderte verändert hat. Und insgesamt wird die Bedeutung Melanchthons für die Reformation und für die Entwicklung des Protestantismus in Deutschland aber auch in Europa deutlich.

Melanchtonhaus Service

Das Melanchtonhaus findest Du in der Melanchtonhaus, Collegienstraße 60, 06886 Lutherstadt Wittenberg. Informationen zu Öffnungszeiten und Ticketpreisen gibt es auf dieser Website.

Mahnmal am Chor von Sankt Marien in Wittenberg.
Ein Stolperstein: Mahnmal an der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg
Rerformationsaltar von Lukas Granach in der Stadtkirche von Wittenberg.
Der Reformationsaltar in der Marienkirche zeigt in der Predella Martin Luther bei der Predigt vor dem Kreuz. Auf dem linken Altarflügel tauft Philipp Melanchton assistiert vom Maler Lucas Granach einen Säugling. Rechts ist der Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen zu sehen, der einem Sünder die Absolution erteilt. Das zentrale Bild zeigt das Abendmahl

Sankt Marien – Die Stadtkirche Wittenbergs

Auf meinem Weg zur Mutterkirche der Reformation, also der Stadtkirche Wittenbergs, stolpere ich über ein Mahnmal, das an den kirchlichen und reformatorischen Antisemitismus in Wittenberg erinnern soll. Es ist an der Südostecke der Stadtkirche in den Boden eingelassen und verweist auf eine antijüdische Schmähplastik, die seit dem 13. Jahrhundert hoch oben in die Kirchenwand eingelassen ist. Seit 1570 ist diese Schmähplastik mit einer Inschrift überschrieben, die sich direkt auf eine von Martin Luthers antisemitischen Schriften bezieht: “Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“, die der Reformator im Jahr 1543 publiziert. Darin nimmt er direkt Bezug auf die Darstellung des Reliefs.

Am meisten verwundert mich, dass das bösartige Spottbild immer noch an der Kirche zu sehen ist. Es scheint sogar in die aufwändige Restaurierung der Kirche anlässlich des 500 jährigen Reformationsjubiläum 2017 einbezogen worden zu sein. Tatsächlich gab es eine – letztendlich erfolglose – Initiative das Relief von der Kirchenwand zu entfernen und es in einer Ausstellung, die sich mit dem Antisemitismus des Reformators Martin Luthers befasst, zu kontextualisieren. In dem Artikel: Judenschmähung an Luthers Predigtkirche – bis heute hat Ulrich Hentschel die Kontroverse zusammengefasst.

Die mächtigen Doppeltürme der Stadtkirche dominieren das Stadtbild Wittenbergs. Sankt Marien ist das älteste Gebäude der Stadt. Berühmt geworden ist sie durch die Predigten Martin Luthers, den ersten Gottesdienst in deutscher Sprache und das erste Abendmahl, bei dem den Gläubige außer Brot auch Wein zugeteilt wurde. All das ist schön in Lucas Granachs hochberühmten und außerordentlich sehenswerten Reformationsaltar dargestellt. Überhaupt sind in der Stadtkirche die vielen Gemälde von Granachs Hand oder aus dessen Werkstatt sehr bemerkenswert.

Service Sankt Marien

Die Stadtkirche findest Du am Kirchplatz 20, 06886 Lutherstadt Wittenberg. Auf dieser Website erhältst Du Informationen zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen.

Tür an der Schlosskirche der Lutherstadt.
Die Kirchentür, an der die Reformation begann

Die Tür der 95 Thesen

Das Schönste kommt bekanntlich immer am Schluss. Deswegen habe ich mir einen Besuch der berühmten Schlosskirche von Wittenberg bis zum Ende meines Stadtspaziergangs aufgespart. Die Schlosskirche ist in der Lutherstadt gar nicht zu verfehlen. Es ist das Gebäude mit dem bombastischen runden Turm, der aus der Ferne ausschaut wie ein fancy Wasserturm. Die Inschrift am Turm: “Ein feste Burg ist unser Gott …“ weist dann aber doch auf die eigentliche Bedeutung dieses Bauwerks hin.

Die größte Enttäuschung an der Schlosskirche ist, dass es die berühmte Tür des Thesenanschlags von 1517 gar nicht mehr gibt. Die ist nämlich schon 1760 verbrannt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die einfache Holztür dann durch eine wuchtige Bronzetür ersetzt, in der die 95 Thesen wider den Ablass nun in Erz gegossen zu bestaunen sind. Diese eherne Thesentür widerspricht aber ganz und gar der Gestalt der ursprünglichen Tür! Weil die Schlosskirche gleichzeitig auch Universitätskirche war, sollen ihre Holztüren als eine Pinnwand genutzt worden sein. An diese hefteten Gelehrte und Professoren der Universität von Wittenberg ihre neuen und steilen Thesen, damit sie von Studenten und Kollegen gelesen und diskutiert werden konnten. Wenn dem so war, dann war Luthers Thesenanschlag gar nichts Besonderes sondern eher gängige Diskurspraxis in der Universitätsstadt Wittenberg. Die Schockwellen, die diese 95 Thesen durch Europa sandten, machen allerdings einen gewaltigen Unterschied.

Die Schlosskirche der Lutherstadt Wittenberg

Das kurfürstliche Schloss in Wittenberg ist nur noch in Grundzügen zu erkennen. Denn der ungnädige Zahn der Zeit hat arg an dem Gebäude geknabbert. Heute ist in den traurigen Resten des Schlossbaus das evangelische Predigerseminar untergebracht. Nur von dort aus lässt sich die berühmte Kirche betreten. So ergibt sich die glückliche Möglichkeit, vor der Besichtigung der Kirche, eine Ausstellung zu Luther und der Reformation zu besuchen, um sich auf die Kirche einzustimmen.

Aus dieser Ausstellung nehme ich vor allem mit, dass Martin Luthers Familienname eigentlich Luder war. Wer möchte schon so heißen? Im Jahr 1517 beginnt Martin Luder sich aber Luther zu nennen. Die neue Namensform leitet er ab von Eleutherius – der durch Gott freigemachte – eLeUTHERius. Ein Nachname als theologisches Programm!

Ursprünglich wurde in der Schlosskirche das Wittenberger Heiltum, eine der größten Reliquien Sammlungen nördlich der Alpen verwahrt. Der Kurfürst Friedrich der Weise hatte diesen Schatz zusammengetragen. Zu den bedeutendsten Stücken seiner Sammlung gehörte eine Windel und Stroh aus der Krippe Jesu. Heute besonders aktuell wäre wahrscheinlich ein Daumen der Heiligen Corona. Die echte Windel des Christkindes hätte ich zu gerne gesehen. Geht aber nicht! Zur richtigen Jahreszeit wäre ich ja da, schließlich wurde das Wittenberger Heiltum alljährlich zu Allerheiligen, also am 1. November, ausgestellt und Pilgern aus ganz Mitteldeutschland gezeigt. Heute aber nicht mehr und auch das ist Martin Luther zu verdanken.

Denn es kann kein Zufall sein, dass Luther seine spektakulären Thesen am 31. Oktober 1517 an die Thesentür heftete. Weil er annehmen musste, dass einen Tag vor der makabren Reliquien-Show diese kühnen Thesen ihre Wirkung am besten entfalten könnten. War doch mit dem Gebet vor dem Heiltum ebenfalls ein Ablass verbunden.

Die Schlosskirche selber ist nach einem Umbau im 19. Jahrhundert ein schockierend kaltes, neugotisches Gemäuer. Die autoritäre Wucht, dieser preußischen Architektur ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft dieser zugigen Halle. Immerhin lässt sich feststellen, dass am Grab Philipp Melanchtons weniger Blumen aufgestellt sind als an Luthers Grab.

Schlosskirche Wittenberg Service

Die Schlosskirche liegt am Rand der Altstadt Wittenbergs: Evangelische Schlosskirche Wittenberg, Schloßpl. 1, 06886 Lutherstadt Wittenberg. Auf dieser Website erhältst Du Informationen zu Geschichte der Kirche, Öffnungszeiten und Gottesdiensten.

Gemälde mit dem Innenraum der Schlosskirche.
Kaiser Karl V. steht nach dem Schmalkadischen Krieg am geöffneten Grab Martin Luthers in der Schlosskirche, Adolf Friedrich Teichs, 1845

Weiterlesen auf Sirenen & Heuler:

Mein Fazit

Einen Besuch in der Lutherstadt Wittenberg Ende November kann ich definitiv nicht empfehlen. Zu kalt, zu grau, zu leer und das Wittenberger Heiltum ist auch nicht mehr da. Du solltest besser im Frühjahr oder Sommer herkommen und mehr Zeit mitbringen, als ich sie gehabt habe. Denn neben den Denkmälern der Reformation in der Altstadt gibt es auch noch die Wiesen an der Elbe zu entdecken.

Bei einem Besuch in Wittenberg spielt Religionsgeschichte eine große Rolle. Dennoch lohnt sich eine Fahrt nach Wittenberg auch, wenn Du Dich nicht so sehr für Religion interessierst. Denn hier wird deutlich, wie stark die Reformation die deutsche Geschichte bis heute prägt. Ich habe mir in Wittenberg auf jeden Fall viel Gedankenfutter aufgelesen und das ist ja mit das Beste, was bei einer Reise passieren kann.