Fernweh am Flughafen Berlin Brandenburg

Anfahrt zum Flughafen Berlin Brandenburg

Plötzlich war es soweit: am Pleiten, Pech und Pannen Flughafen Berlin Brandenburg starteten die ersten Flieger. Hat bloß niemand mitgekriegt, denn der Startschuss am BER fiel mitten in die Pandemie. Ich war aber super neugierig und bin zum Hauptstadtflughafen gefahren.

Was geht eigentlich am Flughafen Berlin Brandenburg?

Gestern wurde ich von Fernweh und vom Reisefieber gepackt. Das drängelnste Symptom war das heftige Verlangen endlich mal wieder etwas Neues und Unbekanntes zu sehen. Im Lockdown und all den damit verbundenen Unmöglichkeiten ist das eine schwierige Sache mit dem Neuen und Unbekannten; die Erfahrung haben wir alle inzwischen geamcht. Jeder mögliche Spaziergang ist schon 100mal gemacht, jedes Gespräch 1000mal geführt und jeder Gedanke schon unendlich oft gedacht.

Aber dann fiel mir überraschenderweise doch ein sensationelles und darüberhinaus mir völlig unbekanntes Ausflugsziel ein. Nämlich der Ende Oktober eröffnete Willy Brandt Flughafen Berlin Brandenburg. Der vor seiner Eröffnung ätzend verspottete, hämisch diskutierte und skandalumflorte Neubau des Hauptstadtflughafens BER war tatsächlich völlig aus meinem Bewusstsein gekippt. Ich bin ja schon seit einer Ewigkeit nicht mehr verreist, was soll ich mich da mit Flughäfen beschäftigen?

Doch vor die Wahl gestellt zwischen dem abgelatschten Spaziergang Richtung Rummelsburger Bucht oder einer Latte Machiatto auf einer zugigen Bank am Landwehrkanal kam mir eine Fahrt mit dem Regionalexpress Richtung Flughafen Berlin Brandenburg geradezu verlockend exotisch und überaus crazy vor. So einen interessanten Ausflug hat bestimmt niemand aus meinem Freundeskreis in den letzten 12 Monaten gemacht, denke ich mir.

Nach einer kurzen Recherche im Internet ist klar, dass das Flughafengebäude auch ohne Flugticket betreten werden kann. Sogar die Aussichtsterrasse auf dem Dach des neuen Terminal 1 ist geöffnet. So eine Terrasse, um Flugzeugen beim Start oder Landen zuzusehen, habe ich noch nie betreten. Der Ausflug zum Flughafen Berlin Brandenburg entwickelt sich zu einem kleinen Abendteuer.

Luftbild von Flughafen Berlin Tegel.
Flughafen Berlin Tegel. Deutlich erkennbar das Dreieck als Grundform. Screenshot von Google Maps

Gerkan Matt und Partners

Der neue BER ist ein Projekt des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partners, gmp. Irgendwie folgerichtig, denn schon 1965 gewinnen Gerkan und Marg den “für das Büro wegweisenden internationalen Wettbewerb zum Flughafen Berlin-Tegel, mit dessen gesamter Planung sie in der Folge betraut werden. Ihm folgen später weitere Flughäfen, darunter Stuttgart und Hamburg.”

In Berlin-Tegel bin ich unzählige Male abgeflogen. Wie viele Reisende habe ich TXL als Vielflieger geliebt, nicht so sehr wegen der außerordentlichen Nähe zu Stadt. Sondern wegen dieser eigenartigen Sensation durch einen Tunnel in das Zentrum dieses drive in Airports einzufahren. Natürlich auch wegen der kurzen Wege, die vom Taxi bis zum Gate zurückzulegen waren. Besonders toll aber fand ich die Möglichkeit, noch eine halbe Stunde vor Abflug mit Gepäck einzuchecken und trotzdem den Flieger zu erreichen. Es hat mich jedesmal begeistert, dass ein Konzept, welches in meinem Geburtsjahr ersonnen worden ist, sich auch noch in einem neuen Jahrtausend als funktional und außerordentlich geschmeidig erweisen konnte.

Sehnsucht nach Tegel?

Aber als die Warteschlangen in Terminal A immer länger wurden; ich immer häufiger in der Wellblechschachtel Terminal C und ein paar Mal sogar in diesem barackenähnlichen Provisorium Terminal D regelrecht abgefertig wurde; und ich, wenn es richtig blöd kam, am Gepäckband des Zielflughafen ohne Gepäck stand, weil ich mich einfach nicht daran gewöhnen konnte, doch schon 2 Stunde vor Abflug am Schalter in Tegel zu erscheinen, da wusste ich, die Zeit für Tegel war abgelaufen. Die letzten Jahre mit dem Flughafen Tegel waren eine unangenehme Quälerei, weil der Airport wirklich aus allen Nähten platzte.

Als ich Oktober 2020 ein letztes Mal am Flughafen Tegel landete, da wurde ich ein bisschen nostalgisch. Aber Abschiedsschmerz? keine Spur! Ein Fan vom Fliegen bin ich sowieso nie gewesen. Obwohl das Fliegen und sogar der Langstreckenflug  jahrelang  zu meinem Berufsbild Reiseleiter dazu gehörten.

Kunst am Bau im Flughafen BER.
Moderner Ikarus abgestürzt vor dem Willy Brandt Flughafen … ja … hmmmm … Kunst am Bau eben

 

Mit dem Regionalexpress zum neuen BER

Vom Bahnhof Ostkreuz fährt der Regionalexpress gerade mal 18 Minuten hinaus zum Tiefbahnhof vor dem Hauptstadtflughafen. Vom Alexanderplatz dauert es auch nur 25 Minuten. Da kann man nicht meckern. Tegel hatte bis zum Ende keinen Anschluss an das öffentlich Schienennetz.

Also nach außerordentlich kurzer Fahrt Ankunft im nagelneuen Tiefbahnhof am BER. Verirren scheint mir, ist in diesem Flughafen-Bahnhof unmöglich. Vom Bahnsteig geht es immer nur geradeaus über ein paar ziemlich schmale Treppe immer nur nach oben und schon ist die gläserne Halle des Terminal 1 erreicht.

Das einzige unangenehme Hindernis auf dem Weg zu Terminal 1 ist die unglaublich geistlose Kunst am Bau, die bei mir Schnappatmung auslöst. Hinter Glasscheiben kleben plumpe Papierflieger, die aus schweren Bleiplatten gefaltet sind, wie tote Käfer am Boden und ein geflügelter Ikarus, kostümiert wie der Pilot eines Doppeldeckers, ist mir geradewegs vor die Füße gestürzt. Zwei schlimme Betriebsunfälle der zeitgenössischen Kunst, die bei den Sicherheitsüberprüfungen des Flughafen durch den TÜV offensichtlich übersehen worden sind.

Also ganz schnell weggucken und die Treppe rauf in den neuen Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg. Nach dem Passieren der dunklen Gängen, die vom Bahnhof in das Terminal führen, gibt es erstmal einen Wow-Effekt. So viel Licht! Aus etwas anderem scheint der Flughafen nämlich nicht zu bestehen.

Terminal 1 am Willy Brandt Flughafen

Das weit entfernte Dach dieses luftigen Terminals wird von sehr schlanken, leicht geschwungenen, geradezu klassisch wirkenden Säulen getragen. Das ist schon toll, wie dieses gewaltig Flachdach, das weit in den Außenraum auskragt auf gigantischen Nadeln zu schweben scheint. Auch die hohen Glasfassaden sind außergewöhnlich beeindruckend und verstärken den Eindruck des Schwebenden und Leichten.

In diese große und dennoch filigrane Glaskiste, die entfernt wie eine supertechnoide und hypermoderne Interpretation der Neuen Nationalgalerie des Architekten Mies van der Rohes erinnert, werden – genau so wie in der Nationalgalerie – große Kuben geschoben.

Diese Kisten werden als Eingang oder verkleidet mit braunem Nussholz als Check-In Schalter genutzt. Leider sehen sie aus wie dröge Sideboards in einem unterkühlten Design-Wohnzimmer. Das größte dieser Sideboard bildet die Barriere zwischen der “landseitigen” Ankunftshalle und der “luftseitigen” Abflughalle. In dieser Kiste sind die Zollkontrolle, die Dutyfree-Shops und die Restaurants untergebracht.

Es ist schon toll, wie die unterschiedlichen, super komplexen Aufgaben eines Flughafens auf höchste Übersichtlichkeit und einfachste geometrische Formen reduziert worden sind. Diese Klarheit ist für ein Gebäude, das die meisten Reisenden ja nur ein-, zweimal im Jahr betreten dürften, wünschenswert. Wer sich einmal im Gewimmel eines Flughafens verloren hat, weiß wovon ich spreche.

Trotzdem der Flughafen Berlin Brandenburg kommt außerordentlich langweilig und ziemlich unmodern rüber. Vielleicht ist das auch von Vorteil, denn einfach gar nichts lenkt ab von der zentralen Aufgabe: schnell einchecken und dann ab durch die Sicherheitskontrolle.

Ist der Flughafen Berlin Brandenburg eigentlich modern?

Dieser Eindruck des nicht zeitgemäßen wird durch die Holzvertäfelung, die die Pseudoeleganz einer Bo-Concept Schrankwand ausstrahlt, im Kombination mit diesem schlimmen Rot (eine frischere Variante des widerlichen Eingeweide-Rots des europäischen Reisepasses) das zur Coporate-Identity der Berliner Flughäfen gehört, noch verstärkt. Außerdem wurden im Flughafen Berlin Brandenburg Fussböden aus Kalkstein verlegt. Irre!

Was hat ein Kalkstein Fussboden, in dem urzeitliche Amphibien von vor Jahrmillionen versteinert sind, in einem Flughafen zu suchen, frage ich mich. Dieses Material ist vielleicht in einem Naturkundemuseum erste Wahl. Aber in einem Flughafen, der doch mit Metaphern von Aufbruch und Zukunft assoziiert ist, sind diese gelblichen Fliesen fehl am Platz.

Vielleicht fallen auf diesem Bodenbelag ausgespiene Kaugummi- und Essensreste, mit denen an öffentlichen Orten ja immer zu rechnen ist, optisch nicht so sehr in Gewicht, denke ich mir. Bei so einem Projekt will auch der Pflegeaufwand berücksichtigt sein. Oder geht es gar um die Betonung und Bewusstwerdung der Erdschwere, bevor ich mich mit einer Hochtechnologie in den Himmel und die Ferne aufschwinge? Wahrscheinlich geht es um so etwas wie Wertigkeit, denn bei einem Echtsteinfussboden poppt sofort die Frage auf: das war teuer, oder?

Beim Flughafen Berlin Tegel beeindruckte mich die Reduktion der Räume auf praktische Funktionalität ohne jeglichen Überwältigungsgestus. Tegel erschien mir nie als etwas außergewöhnlich Bestaunenswertes, sondern ließ sich perfekt in so etwas wie Alltag integrieren.

Das neue Terminal 1 am Flughafen Berlin Brandenburg ist für diese entspannte Alltagstauglichkeit zu pompös und in den Proportionen völlig aus dem Ruder gelaufen. Auch in den Außenbereichen vor Terminal 1 des BER wird mit rechten Winkeln und monotonen Betonarkaden eine unerfreulich autoritäre und außerdem trostlose Stimmung erzeugt.

Terminal 2 am Flughafen Berlin Brandenburg.
Termina 2 am BER, hier werden die Flüge der Low Cost Carrier abgefartigt

Hauptstadtflughafen – Landmark Building oder Provisorium

Es scheint so zu sein, dass Berlin mit dem Willy Brandt Flughafen ein neues Landmark-Building erhalten sollte, dass Ankommende aus anderen Ländern beeindruckt. Die große architektonische Geste aus schwebendem Dach, riesiger Fensterfronten und grenzenlosen Lichts erscheint aber ziemlich hohl. Nicht weil dieses Terminal 1 so überall auf der Welt stehen könnte. Fliegen ist eine globale Angelegenheit, warum sollten dann die Gebäude rund ums Fliegen nicht auch global gesichtslos sein. Es ist vielmehr so, dass das Konzept Glamour vor Funktionalität heute nicht mehr aufgehen kann, außer man ist interessiert am schönen Schein. Gottseidank konnte auch am BER der schöne Schein nicht lange aufrechterhalten werden.

Denn ein nüchternes Blechschachtel-Dauerprovisorium, wie es das in Tegel als Terminal C und D schon gab, ist auch am neuen Flughafen Berlin Brandenburg schon da. Hier heißt es Terminal 2 und ist für die Abfertigung von Low Cost Carrier gedacht. Da darf alles etwas weniger aufwändig sein. Deswegen gibt es auch keine lichten Hallen sondern nüchternen Tiefgaragen-Look, der gar keinen Hehl daraus macht, was ein Flughafen eigentlich ist. Ein Nadelöhr, in dem die Biomasse Mensch zu einem normierten Gepäckstück degradiert wird, das sich erst am Ankunftsort wieder entfalten darf.

Vor dem Terminal 2 gibt es sogar Platz für echte Bäume. Wie sich das im märkischen Sand gehört, natürlich harzige Kiefern. Die Kombination aus rauher Borke, Glas und Beton ist erfreulich nüchtern. Im Terminal selbst wartet eine Batterie von User-Terminals zu Self-Check-In aus grauem Plastik auf den Ansturm reisefreudiger Touristen. Aber nur wenn leere Flughäfen nicht das neue Normal nach Corona werden. Im Terminal 2 entsteht endlich ein Bild, was Fliegen für die meisten Menschen heute ist: ein Massenbums.

Hat sich der Ausflug zum Flughafen Berlin Brandenburg gelohnt? Ich finde schon. Zwar hat mich der neue BER nicht so beeindruckt, wie ich das nach der langen Bauzeit eigentlich erwartet hätte. Aber es hat mir gut gefallen, mir ein Bauwerk anzuschauen, das so lange für Aufregung in der Hauptstadt gesorgt hat. Also, nix wie hin.

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