San Gimignano – Safran, Wildschweine und Geschlechtertürme

Souvenirs aus San Gimignano.

San Gimignano in der südlichen Toskana ist berühmt für seine Geschlechtertürme. Wegen des mittelalterlichen Stadtbilds und Flairs gehört San Gimignano zum Unesco Welterbe. Der romantische Ort ist ein angesagter Tourismus-Magnet. Was Dich in San Gimignano erwartet, kannst Du hier erfahren.

Traumlandschaft Toskana

Die Toskana ist eine Traumlandschaft, vollgestopft mit sensationellen Sehenswürdigkeiten, Welterbe Stätten und tollen Ausblicken. Grüne Hügel wellen sich sanft durch das Land. Zypressenalleen beschatten verträumte Wege diese sanften Hänge hinauf. Knorrige Ölhaine produzieren das flüssige Gold der Toskana, Olio extra vergine. In üppigen Weinbergen gedeihen uralte Reben mit so fantastischen Namen wie der Vernaccia oder Sangiovese, Sangue di Giove, das Blut Jupiters. Im Herbst werden aus den Trauben feurige toskanische Weine, wie der berühmte Chianti, gekeltert. Überall gibt es herrliche Postkarten- und Kalendermotive zu entdecken. So stellen wir uns das auf jeden Fall vor. Ist das wirklich so?

Gerade in der südlichen Toskana – weit weg von dem mit Industriebaracken aus Wellblech und Beton zugeballerten Arno-Tal – lässt sich diese unglaubliche Idylle aus einer anscheinend längst untergegangenen Zeit noch finden. Auf der Fahrt von Florenz Richtung Süden zum Beispiel. Plötzlich tauchen – unbegreiflich fern über den toskanischen Hügeln – die windschiefen Türme von San Gimignano auf. Der weiche toskanische Dunst vernebelt die Sicht und packt die Landschaft in romantische Zuckerwatte. Ist das schön?

Panorama von San Gimignano mit Geschlechtertürmen.
Mit der Zeitmaschine ins Mittelalter. San Gimignano und seine mittelalterliche Skyline, eben das Manhattan des Mittelalters

San Gimignano, eine Mittelalter-Zeitmaschine

1Turm, 2 Türme, 3 Türme, … viele Türme. So schnell, wie das verwirrend, fatamorgiastische Bild mit den mittelalterlichen Geschlechtertürmen in der Ferne an mir vorbeifliegt, kann ich gar nicht zählen. So etwas Ungewöhnliches wie die Silhouette San Gimignanos, die aussieht wie ein gigantischer Igel mit Haarausfall, habe ich noch nie gesehene. Diese Kulisse hätten sich die Set-Designer von Game of Thrones nicht großartiger ausdenken können.

Aber was für Fantasien löste der Anblick dieser Türme von San Gimignano wohl vor hunderten von Jahren aus? Als noch kein Reisender mit über 100 Sachen in der Stunde über eine von Schlaglöchern zerrüttete Schnellstraße flitzte und einen Blick nur im Entlangrauschen erhaschen konnte, sondern gemächlich auf der Frankenstraße Richtung Süden schlich? Im hohen Mittelalter wanderten die Kaufleute und die Pilger aus dem Norden nämlich auf der berühmten Frankenstraße, der Via Francigena. Im gemächlichen Schneckentempo legten sie gerade mal 20 Kilometer am Tag zurück. Lässt sich heute übrigens wieder machen. Die Via Francigena ist teilweise als europäische Wanderroute erschlossen.

Damals machten sich die Wanderer in England oder Frankreich oder irgendwo in Hessen auf den gefährlichen Weg, um nach Rom an die heiligen Gräber der Apostel zu pilgern. Mehr als 60 Tage on the road, dann erreichten sie die Stadttore von San Gimignano. Denn die Via Francigena schlängelt sich auf 800 Meter mitten durch diese kleine mittelalterliche Stadt. Sie führt vorbei an Kirchen und an bedrohlich aufragenden Geschlechtertürmen: Torri Salvucci, Torri Ardinghelli, Torre Lupi, Torre Becci und so fort.

Zwei Geschlechtertürme in San Gimignano.
Die Türme der Familie Salvucci in San Gimignano. Waren diese räudigen Zwillingstürme wirklich Vorbild für die Türme des WTC in New York?

Geschlechtertürme und das Recht des Stärkeren

Praktische Häuser waren die Wehrtürme von San Gimignano sicher nie. Zum Wohnen waren die Grundrisse viel zu klein. Als Festungen taugten sie wenig. Mit der Armbrust oben vom Turm auf Feinde unten auf der Straße zu schießen, war auch zu kompliziert.

Trotzdem waren die Geschlechtertürme Burgen und Bollwerke verfeindeter Familien und kämpferischer Clans mitten in der Stadt. Sie standen nicht für Sicherheit, sondern sorgten für immerwährende Unruhe und Konflikt innerhalb der Gemeinde. Denn anders als die Städte nördlich der Alpen, welche die Landbevölkerung mit dem Versprechen der Stadtluft, die frei macht, in ihre Mauern lockten, waren die mittelalterlichen Städte der Toskana keine friedlichen Oasen der Ruhe und der Ordnung. Auch in Florenz und Siena bestimmten vor Jahrhunderten öffentlich ausgetragenen Familienfehden alla Julia und Romeo den städtischen Alltag.

Deswegen herrschte so wie weiland zwischen Donald Trump und Kim Jong-un auch in San Gimignano der alte, asoziale Glaube an das Recht des Stärkeren. “Wer hat den größten Knopf?“ übersetzt sich in San Gimignano in: “Wer hat den höchsten Turm?“

Hauen, Stechen, Pieken in San Gimignano

Wahrscheinlich ähnelte das Leben in der mittelalterlichen Gemeinde mehr dem Leben im heutigen Kabul, Bagdad oder Caracas. Auch das Städte voller Festungen, Attentaten und Freischärlern. 15 Türme sollen es heute sein. In den besten Zeiten wuchsen in San Gimignano über 70 Geschlechtertürme in den Himmel. Jeder Turm Ausdruck von maßloser Geltungssucht und Lust am Konflikt. Heute sind sie zwar Top-Sehenswürdigkeiten aber schön waren diese Türme nie. Woher also der touristische Beiname San Gimignanos als città delle belle torri, Stadt der schönen Türme, kommt, bleibt mir ein Rätsel.

Wie hoch die Leidenschaft und die Kampflust vor Jahrhunderten in San Gimignano hochkochten, erzählen bunte Wandbilder voller Plauderlaune in der ausgemalten Collegiata Kirche. Grausame Strafen, spritzendes Blut, zerschmetterte Körper vor den Kulissen einer mittelalterlichen Stadt. So einer Stadt, wie es San Gimignano einst war. Da werden in zarten Farben Schwerter in Leiber gestochen. Blut spritzt aus geschlitzten Kehlen. Menschen werden von den Trümmern einstürzender Türme erschlagen. Ein grausames Treiben.

Fresken in der Collegiata Kirche.
Ein ausgemaltes Schmuckkästchen. Die Collegiata Kirche in San Gimignano. Barna di Siena malte Fresken mit Szene aus dem Leben Christi an die Wand
Fresken in der Collegiata Kirche in San Gimignano.
Hauen, stechen, schlitzen, bluten, sterben. Sah im Mittelalter der auch der Alltag in San Gimignano so gewalttätig aus?

Gelb und Gold: Safran in der Toskana

Safran – ein heute fast vergessenes Luxusgewürz – hat die Kaufleute in San Gimignano reich gemacht. So reich, dass sie sich diese albernen, phallischen Wehrtürme und die ausgemalte Collegiata Kirche leisten konnten. Der wertvolle Safran färbte – während der farblich trüben Jahrhunderte des Mittelalters – wertvolle Wollstoffe in ein heiteres, strahlendes Gelb, so als seien sie aus Gold gewirkt. Safran war so begehrt, dass er in San Gimignano als eine Ersatzwährung funktionierte. Fehlte das Gold, wurde halt mit Safranfäden bezahlt. Standortvorteil für San Gimignano: ein mildes Klima, das den Safran-Krokus Crocus sativus üppig sprießen lässt, und natürlich die Lage an der internationalen Handelsroute Via Francigena.

Auf der Via Francigena rollte die preiswerte Rohwolle aus dem fernen England nach Süden. Hinter den hohen Stadtmauern San Gimignanos veredelten Wollkämmer, Weber und Färber – im arbeitsteiligen Produktionsprozess – die Wolle zum superteueren, safrangelben Tuch. Auf der Via Francigena reiste das Luxus-Tuch dann zur gut zahlenden Kundschaft zurück nach Norden.

Piazza della Cisterna aus Vogelperspektive.
Blick von der Torre Grossa auf die Piazza della Cisterna. Das mittelalterliche und moderne Zentrum San Gimignanos

Von Pasta und Eiscreme

Safran ist immer noch ein richtig teures Gewürz. Auf einigen Bauernhöfen rund um San Gimignano wird der Safran-Krokus in aufwändiger Handarbeit angebaut. In Restaurants wird er in Pasta allo Zafferano e Speck verwandelt. Etwas bitter und muffig im Geschmack, aber super lecker. Auch in der reiseführerbekannten Gelateria Dondoli an der Piazza della Cisterna wird Safran verwendet, für die Herstellung des hier kreierten Eis Crema di Santa Fina.

So weit ist es also mit San Gimignano gekommen. Immerhin ist Santa Fina die Stadtheilige. Vor über fünf Jahren hat Domenico Ghirlandaio, der Kranzbinder, zauberhafte Fresken über das Leiden und Sterben der stets von Mäusen umwimmelten Heiligen in der Collegiata Kirche gemalt. Heute reicht die Verehrung gerade mal für Eiscreme mit Safran-, Orangen-, Vanille- und Pistaziengeschmack.

Der Verlauf der Via Francigena in San Gimignano.
Die Via Francigena schlängelt sich heute als Via San Giovanni durch San Gimignano. Im Hintergrund die reizenden Hügel der Toskana.
Blick auf die Torre Grossa.
Mittelalterliches Welterbe: eine Gasse in San Gimignano

Turbo-Tourismus im Unesco Weltkulturerbe

San Gimignano ist schon ein wahnwitziges kleines Städtchen. Weniger als 8.000 Einwohner hat dieser malerische Ort in der südlichen Toskana. Allerdings kommen jedes Jahr mehr als 3 Millionen Touristen auf Kurzbesuch vorbei. Durchschnittlicher Aufenthalt? So zwei bis drei Stunden. Muss einfach reichen. Da kann man einmal die gefühlten 337 Meter von der Porta San Giovanni bis ins Zentrum auf die Piazza della Cisterna laufen. Vorsicht Steigung! Schnell eine Eiscreme Santa Fina schlecken. Souvenir kaufen, husch husch wieder zum Parkplatz. Moderner Turbo-Tourismus halt. Dabei ist der Ort seit 1990 als Unesco Weltkulturerbe geschützt. Müsste eigentlich noch mehr zu entdecken geben.

Bloß was? San Gimignano macht auf mich den Eindruck eines hochdruckgereinigten Kulissendorfes, über das eine konservierende Glashaube gestülpt worden ist. Keine Krümel, kein Stäubchen. Das mittelalterliche Städtchen präsentiert sich als keimfreies Freilichtmuseum durch dessen geschrubbte Gassen – tagein, tagaus – die Touristenmassen gespült werden.

Kühlschrankmagneten in Herzform, Souvenir aus San Gimignano.
I love San Gimignano. Die süße Mischung aus Welterbe und Kommerz
Zwei ausgestopften Wildschweine vor Lebensmittelsgeschäft.
Wir machen Wildschweinsalami, eine Spezialität aus der Toskana

Fegefeuer des schlechten Geschmacks

Gleich hinter dem Stadttor, der Porta San Giovanni, geht es los mit Augenkrebs auslösenden Angriffen auf den Sehnerv. Ein Bombardement superscheußlicher Kleinigkeiten, Kinkerlitzchen und Souvenirs wird von Auslagen und Schaufenstern auf die unschuldigen Besucher abgeschossen. Ein Übelkeit erregendes kulinarisches Fegefeuer toskanischer Köstlichkeiten wie Wildschweinsalami, Schafskäse und Vernaccia-Wein wird in Feinkostläden abgefackelt. Überall Hinweise auf die 2 Folter-Museen vor Ort. Weltrekordverdächtig! Etwas weiter die Straße hoch betrachten ausgestopfte Wildscheinkadaver aus niedlichen Glasaugen die träge Touristenwelle, die im gemächlichen Wiegeschritt durch die Via San Giovanni Richtung Piazza della Cisterna schwappt.

Tatsächlich ist es so, dass die Cafés und Eisdielen auf dem zentralen Stadtplatz von Eis lutschenden Touristen umrudelt werden. Doch schon zum Rathausplatz dünnt der Besucherstrom aus. Vor der Kirche San Agostino gähnt eine stimmungsvolle Piazza überraschend menschenleer im milden Sonnenlicht eines toskanischen Nachmittags.

Dabei ist auf der Piazza jenes mittelalterliche Flair, das die Unesco in der Begründung des Welterbe-Titels für San Gimignano besonders hervorhebt, richtig gut spürbar. In der Kirche San Agostino überrascht mich dann auf dem Hochaltar eine fantastisch schöne Marienkrönung, gemalt von Piero Pallaiuolo. Vor dem krass blauen Himmel schweben die gelängten Figuren von Maria und Christus, eingekleidet in üppige Stoffbahnen voller geknickter und gebrochener Falten. Engel fliegen durchs Bild und Heilige haben sich selig hingeknickst. Die Szene spielt natürlich im Paradies. Aber auf mich lauert draußen das Fegefeuer.

Walter Benjamin in San Gimignano

Mir kommt der mittelalterliche Ort in der südlichen Toskana vor wie ein Paradebeispiel für die Folgen des Overtourismus. Der Italienreisende Walter Benjamin erinnert sich in ganz anderen – fast an Träume erinnernden – Bildern an seinen Aufenthalt in San Gimignano. Er schreibt von der surrealen Unnahbarkeit des Ortes und er vernimmt dort, wo heute nur das Gemurmel der Touristenmassen zu hören ist, noch ganz andere Geräusche:

Kommt man von fern, so ist die Stadt plötzlich so unhörbar wie durch eine Tür in die Landschaft getreten. Sie sieht nicht danach aus, als solle man ihr je näherkommen. Ist es aber gelungen so fällt man in ihren Schoß und kann vor Grillengesumm und Kinderschreien nicht zu ihr finden.

Walter Benjamin, Denkbilder

Auch das Leben auf den Straßen und der Piazza muss in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ganz und gar anders ausgesehen haben, als es die Reisenden heute erleben:

Ist man durch die Porta San Giovanni getreten, so fühlt man sich in einem Hofe, nicht auf der Straße. Selbst die Plätze sind Höfe und man scheint sich auf allen geborgen. … Überall wo man stehen kann, kann man auch sitzen. Nicht Kinder allein, sondern alle Frauen haben ihren Platz auf der Schwelle, ganz körpernah am Grund und Boden, seinen Sitten und vielleicht seinen Göttern. Der Stuhl vor der Haustür ist schon Wahrzeichen der städtischen Neuerung. Von den krassen Sitzgelegenheiten der Cafés vollends machen einzig und allein die Männer Gebrauch.

Walter Benjamin, Denkbilder

Heute ist es so, dass vor allem die Touristen auf den Stufen und Schwellen sitzen, die entweder keinen Platz auf einer der krassen Sitzgelegenheiten der Cafés gefunden haben oder denen der Caffé dort ganz einfach zu überteuert ist. Aber klar, in dieser Beschreibung ist auch nachvollziehbar, dass Walter Benjamin in der Tradition der Reisenden steht, die in Italien etwas Ursprünglich oder vielmehr Archaischen suchen, das dem industrialisierten Nordeuropa abhanden gekommen ist.

Dennoch, ganz besonders beneide ich Benjamin um die geradezu spirituelle Erfahrung, die er macht, als er von der Stadtmauer aus auf das Land um die Stadt schaut. Mit ihr lässt er seinen kurzen Text über San Gimignano ausklingent:

Die Mauer aber, an die ich lehne, teilt das Geheimnis des Ölbaums, dessen Krone als harter brüchiger Kranz sich mit tausend Breschen dem Himmel öffnet.

Walter Benjamin, Denkbilder

Aber Schluss mit schönen Gedanken! Denn jetzt muss auch ich wieder zurück zum Busparkplatz vorbei an der Piazza mit Crema di Santa Fina, Ziegenkäse und treuen Wildschweinen auf Vespa. Ach San Gimignano, Du traurige Schöne.

Hochaltar in der Kirche San Agostino in San Gimignano.
Fantastisch! Marienkrönung gemalt von Piero Pallaiuolo 1483 für die Kirche San Agostino in San Gimignano

San Gimignano Tipps

Wenn Du San Gimignano besuchen möchtest, dann richte es am besten so ein, dass Du dem malerischen Ort ohne den täglichen Touristen-Bums erleben kannst. Am besten planst Du für diesen Fall auf Deiner Toskana-Reise zwei oder drei Übernachtungen in San Gimignano ein. Hotels gibt es ja genug. Dann musst Du nur noch früh genug aufstehen und allein durch das mittelalterliche Zentrum stromern.

Von San Gimignano kannst Du bequem Tagesausflüge nach Siena  oder nach Volterra unternehmen. Außerdem kannst Du schöne Wanderungen rund um das Manhattan des Mittelalters oder auf Teilstücken der Via Francigena unternehmen. Relevante Informationen für Deinen Aufenthalt findest Du auf der Tourismus-Website der Gemeinde San Gimignano. Und nicht vergessen: mindestens einmal Pasta allo Zafferano e Speck essen!

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