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Schöneberg + Kreuzberg einmal neu entdecken

Berlin hat viele Herzen. Am Übergang von Schöneberg zu Kreuzberg pulsiert es an vielen Ecken hübsch laut und verbaut. Auf den zweiten Blick offenbart der Schöneberger Norden des Berliner Westens dann überraschende Einblicke. Kommt mit auf einen Stadtspaziergang voller Entdeckungen.

Berlin_Monumentenbrücke_Panorama_PotsPlatz_Alex

Die Nord-Süd-Trasse der Bahn trennt Schöneberg (links) von Kreuzberg (rechts). In dem Gewirr seitlich der Gleise gibt es viel zu entdecken. u.a. den Biergarten „Kurhaus Ponte Rosa“.

Die Ecke Kreuzberg 61, Schöneberg 30 ist im Innenstadtbereich Berliner Stadtpläne gerade noch verzeichnet. Was es mit den Ziffern auf sich hat? Die standen in Ergänzung zur alten vierstelligen Postleitzahl und bezeichneten die alten Zustellbezirke von Berlin 1000. Nur wenige sind uns heute noch bekannt, zum Beispiel durch Adressen wie das SO36. 1000 Berlin 36 – das war und ist das andere Kreuzberg. Ich wohne an der Grenze von 61 zu 30. Soweit das Postleitzahlen-Bingo.

Der Viktoriapark, der Park am Gleisdreieck und die Bergmannstraße. Alles in Laufweite, sogar der Akazienkiez mit dem Winterfeldtplatz. Auch nach 15 Jahren in Berlin kenne ich sicher kaum mehr als die berühmte Eisbergspitze. Pflege meine Lieblingsorte und entdecke täglich neue Ecken. Zu einigen dieser urbanen Kleinode lade ich euch heute ein.

Von Hof zu Hof in Schöneberg 30

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Krasse Kreuzung. Unterm Pallasseum hindurch gehts zum Akazienkiez mit Winterfeldtplatz, rechts zum Potsdamer Platz. Im Rücken: Yorckstraße mit Zugang zum Gleisdreieckpark.

Die Goebenstraße, das ist die Verlängerung der Yorckstraße, durchquert man normalerweise möglichst zügig. Was schon allein wegen zweier fantastischer Restaurants schade ist. Das Hodori und das Da Jia Le bereiten zu vernünftigen Preisen in schrillem Ambiente feinstes original koreanisches und chinesisches Essen zu. Das Pallasseum mit seinen bunten Satellitenschüsseln bleibt für Außenstehende eine kuriose Trutzburg. Auch für mich. Ich möchte das ändern. Und nehme die seltene Gelegenheit wahr, an einem vom Maxim Gorki Theater und dem büro Milk organisierten Stadtteilspaziergang mit szenischen Einlagen teilzunehmen. Treffpunkt ist an der Ecke Potsdamer Straße / Pallasstraße. Vom Eiscafé Vannini aus werfen wir gemeinsam einen Blick hinter die Fassaden dieses Kiezes im Schöneberger Norden.

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Sozialpalast-Urgestein Claus „mit C“ rockt zu den Klängen von Jimi Hendrix den Innenhof des Pallasseums. Die kleinen Anwohner tanzen ausgelassen mit.

Das Pallasseum ist auch als „Sozialpalast“ berühmt geworden. Wegen der ganzen Sozialwohnungen für Geringverdienende. Von außen ein riesiger Betonklotz mit bunten Satellitenschüsseln. Im Innenhof pulsiert das nachbarschaftliche Leben. Gibt es einen Treffpunkt für Erwachsene und Kinder. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen und gefeiert. Es findet sich immer jemand zum Schnacken, auch an Aufsichtspersonen für die Kinder mangelt es nicht. Die Kleinen genießen die Weitläufigkeit des Innenhofes und toben durcheinander, was das Zeug hält. Welch ein Spaß. Wären wir auf dem platten Land, ich würde glatt von „freilaufenden Kindern“ sprechen.

Das Tosen der viel befahrenen Potsdamer Straße haben wir noch im Ohr, als wir uns auf einmal in einem verwunschenen Innenhof wiederfinden. Der Mieter der alten Remise im Fachwerkstil erzählt uns aus seinem Alltag. Er organisiert das arabische Filmfestival ALFILM, ist Teil des interdisziplinären büro Milk und eng mit diesem Ort verbunden. Mit dem Haus, den hier lebenden Menschen und ihren Geschichten. Schüchtern bestaunen wir seinen Gemüsegarten. Die Feigenbäume scheinen einen Gruß aus seiner Heimat Palästina zu senden. Hier spüre ich ihn besonders deutlich – den Übergang zwischen Theater – und Zoo. Auf Zehenspitzen schleichen wir Voyeure (wider willen?) wieder zurück in den tosenden Verkehr. Wie lang wird es solche versteckten städtischen Lebensspeicher noch geben, bevor die Investoren ihre Abrissbirnen schwingen?

Ich glaub meine Kuh pfeift

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Das Mosaik einer Kuh vor der Steinmetzstraße 22 erinnert an die Melkerei Mendler. Der letzte Stadtbauer und seine Familie leben mit den Tieren heute in Neukölln.

In dem großzügigen Innenhof zwischen Goebenstraße und Steinmetzstraße stehen wir auf einmal vor einer Kuh. Wie bitte? Ah, das Kalb hängt an einer Leine, der Sohn von Achim Mendler hat es souverän im Griff. Mendler, der letzte Stadtbauer, erzählt uns, wie sie die Kiez-Bewohner von 1931 bis 1981 aus dem Innenhof heraus mit Milch und Butter versorgten. 30 Kühe und 50 Schweine hatten sie damals. Dazu Hühner und Kaninchen. Um Futter für die Tiere zu bekommen, animierten sie die Nachbarn zum Tausch von Brennholz gegen Kartoffelschalen. Im Zuge umfassender Sanierungen und Innenhof-Bereinigungen Ende der 1970er wurden sie umgetuppert nach Rudow. Noch heute kann man auf dem artenreichsten Bauernhof Berlins ganz frische Trinkmilch von der Kuh bekommen. An den alten Hof und die Melkerei erinnert vor der Steinmetzstraße 22 nur noch eine Infotafel.

Der Alte St. Matthäus Kirchhof und das finovo

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Das Friedhofscafé „finovo“. Ein Ort zum Trauern und Lachen. Für stille Momente der Ruhe und für lebendige Begegnung.

Schon oft habe ich im Schatten eines der Friedhofsbäume gesessen und gelesen. Heute begegne ich dem Schauspieler und Schwulenaktivist Bernd Boßmann. Er ist Inhaber des Kabarett- und Kleinkunst-Theaters „O-Tonart“ und Initiator des ersten Friedhof-Cafés Deutschlands auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof. Es heißt „finovo“. Da stecken Ende und Anfang drin. Boßmanns zupackende Energie und sein Humor sind genauso herzerwärmend wie die unbeeindruckte Haltung, mit der er sämtlichen Unbilden des Lebens begegnet. Hier steht jemand mit Herz und Schnauze. Jemand, der sich nicht bange machen lässt. Davon zeugt auch sein Pseudonym „Ichgola Androgyn“. Was sinngemäß – und ein wenig trotzig – so viel bedeutet wie: Ich gehe so! Der gebürtige Appeldorner kam in den 1980ern auf die West-Berliner Insel, entdeckte die Bühne, suchte und fand seinen Platz. Für mich ist auch er ein typisches Stück Berlin. Sogar eine Limonade hat er erfunden. Sie ist bekannt nach einem seiner zahlreichen Pseudonyme: „Kläre Grubes Berlinade“. Mir persönlich ist sie zu süß, beim nächsten Mal probiere ich sie einmal mit Bier zusammen. Vielleicht braut sich dann mit Kläre Grubes Berlinade Spreewasser (Arbeitstitel) ein neues In-Getränk zusammen?

Begegnungszonen im Straßenraum um den Winterfeldtplatz

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Am Winterfeldtplatz wird gepflastert für eine neue Kultur der Begegnung im Straßenraum. Anscheinend auch für Fußgänger…

Mittwochs und sonnabends lockt der Wochenmarkt am Winterfeldtplatz. Vor allem samstags geht es dort hoch her. Eigentlich bin ich kein Freund von Menschenmassen. Doch Leute, die ebenfalls morgens um 10h am Raclette-Stand freudig „mit extra Silberzwiebeln“ bestellen, muss ich einfach mögen.
Heute ist kein Markt. Heute gibt es Baustelle. 150m Maaßenstraße zwischen Winterfeldtplatz und Nollendorfstraße werden seit über einem Jahr in eine Begegnungszone verwandelt. Verstehe, Cocooning und Hyperindividualisierung waren also gestern. Zumindest in der Theorie. Praktisch wird zumindest der Ruf nach einer neuen Kultur des Miteinanders im Straßenraum immer lauter.

Und eine ohnehin verkehrsberuhigte Straße noch viel ruhiger – so ruhig eine Straße sein kann, deren überbordende Gastronomie 2012 dazu führte, dass sich vorerst keine neuen gastronomische Betriebe dort ansiedeln dürfen. Ich bin gespannt, wie das erste Testgebiet für eine neue Kultur des Miteinanders im Straßenraum funktionieren wird. Denn anders als in der Schweiz (wo die Fußgänger gleichberechtigt sind) und in Holland (wo sie sogar Vorrang vor den Autos haben) behalten in Berlin die Autos Vorrang.
Als nächstes, habe ich gelesen, sind die heute schon verkehrs-anarchisch anmutenden Zonen Bergmannstraße und Checkpoint Charlie dran. Damit sich Flaneure, Radfahrer und Autofahrer eines schönen fernen Tages hoffentlich nicht mehr in die Quere kommen.

Der Kreuzberg in Kreuzberg 61

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Wer entdeckt das Kreuz des Schinkel-Denkmals hinter den Baumwipfeln? Kleiner Tipp: Es befindet sich links von den Schloten der ehemaligen Schultheiss-Brauerei.

Jeden Morgen begrüßt er mich. Der Kreuzberg im Viktoriapark. Die Hangwiese ist ein Paradies für pubertierendes Partyvolk und Berlinbesucher aller Altersstufen und Couleur. Für Sonnenanbeter und Slackliner, für Trommler und andere Freunde der lauten Töne, für Hula-Hopp-Mädchen und Picknicker. Ein überdimensionierter Aschenbecher mit erstaunlich wenig Hundekot, dafür übersäht mit Glassplittern und Resten von Feuerwerkskörpern.

Und ein altes Stück deutscher und preußischer Geschichte. Karl Friedrich Schinkels Denkmal für die Befreiungskriege an der Spitze des „Berges“. Prächtig sollte es werden, denn die Befreiungskriege gegen Napoleon unter Friedrich Wilhelm III. hatten viele Opfer gefordert. Und günstig, denn die Staatskassen waren (schon damals) leer. Heute krönt die „neogotische Turmspitze“ samt ihres kunsthistorisch bedeutenden klassizistischen Figurenzyklus die höchste natürliche Erhebung der Hauptstadt. Das Denkmal war zuerst da. Dann erst entstanden Park und Wasserfall.

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Der Berg selbst trug vor dem Kreuz bereits viele Namen. Hundeberg, Weinberg, Alarm-Kanonenberg, Tempelhofer Berg. Die Schinkelsche Parkwache am Hang beherbergte einst eine Milchkuranstalt, am Fuß des Berges war schon immer eine Brauerei. Aus Tivoli wurde Schultheiss, daraus wurde Brau und Brunnen, dann kaufte Radeberger und wurde schließlich zu Oettinger. Heute befinden sich auf dem alten Brauereigelände schicke Eigentumswohnungen, die Anwohner haben einen Schlüssel zum rückseitigen Zugang des Parks. Und dann ist da noch das Innere des Berges, das Sockelgeschoss des Denkmals. Eine staubige, dunkle und im Winter von Fledermäusen bewohnte, kathedralenartige Halle im Dornröschenschlaf.

Der Bauch des Kreuzbergs im Dornröschenschlaf

Konzepte für eine dauerhafte Nutzung des Denkmal-Inneren lassen sich aus sicherheitstechnischen und finanziellen Gründen bisher nicht realisieren. Kein Restaurant, kein Ausstellungsraum und kein offizielles Besucherzentrum sind möglich. Also nutzt das Landesdenkmalamt Berlin den Innenraum des Nationaldenkmals als Depot für Entwürfe, Abgüsse und Originale ausgewählter Berliner Baukunst. Von Frühling bis Herbst öffnet das Denkmal an ausgewählten Tagen für vorangemeldete Besucher und zeigt seine Schätze.
Im kühlen Dämmerlicht bezaubern aufwendige Friese neben Gipsgussformen der Quadriga, die Originale der 12 Sieges-Genien von Schadow, Tieck und Wichmann neben einer Marmorstatue Namens „Das deutsche Lied“. Diese allegorische Mädchengruppe, bestehend aus „Volkslied“ und „Kunstlied“ (1875), stammt im Original von Louis Sussmann-Hellborn, eine Kopie von Hans Starcke befindet sich heute im Berliner Tiergarten in der Hofjägerallee, mit Blick auf die Nordischen Botschaften.

Nationaldenkmal Kreuzberg, Skulpturen im Unterbau des Sockelgeschosses

Bild: Das deutsche Lied Berlin-Tiergarten (Kopie von Hans Starcke; Original im Sockel des Denkmals für die Befreiungskriege auf dem Kreuzberg)

Nationaldenkmal Kreuzberg, Skulpturen im Unterbau des Sockelgeschosses

Die Allegorie der Schlacht von Paris zeigt Königin Luise als Genius mit Lorbeer, Eisenkranz und Adler.

Die vielbrüstige Artemis lässt unbeeindruckt tief blicken

Artemis – Ausschnitt vom „Münzfries“ von J. G. Schadow nach Entwürfen von F. Gilly

Seinem Erbauer sicherte das groß gedachte und faktisch klein geratene Denkmal auf dem Kreuzberg zweierlei. Einen Superlativ: Größter Kunsteisenguss der Königlichen Berliner Hütte, und eine Innovation: Das Eiserne Kreuz ist tatsächlich Schinkels Erfindung. Den Weinanbau an den Hängen des Kreuzbergs haben lange vorher schon andere erfunden. Und wieder aufgegeben. Eine Flasche Rosé, einen 2011er Kreuzberger Spätburgunder Weißherbst feinherb, nehme ich mir mit nach Hause. Sie wartet heute noch auf ihren Auftritt. Genau wie die Skulpturen im Sockel des Nationaldenkmals.

Kreuzberger Wein – damals und heute – Weiß und Rosé

Service

Die Seite „Schöneberg Norden“ gibt Einblicke in die Arbeit des Quartiermanagements.
Maxim Gorki Theater, Performance Parcours, noch keine neuen Termine
Milchhof Mendler, immer noch mitten in der Stadt, heute in Neukölln-Rudow.
Restaurant Hodori, Koreanisch in der Goebenstraße
Restaurant Da Jia Le, original chinesische Küche in der Goebenstraße
Sirenen und Heuler-Gründer und Co-Blogger Lars hat dem Kreuzberg-Denkmal einen ganzen Artikel gewidmet und weiß, wie man sich zu einer der seltenen Führungen anmeldet.
Wenn ihr euch für Berlin interessiert, steigt doch auch einmal zu mir in den Hubschrauber.