Valetta, an der Bucht des Grand Harbour (A. Gaasterland)

Nach Malta? Immer dem Falken nach!

Gerade mal 316 Quadratkilometer macht das Mittelmeer für Malta Platz – nicht viel für eine Inselgruppe. Trotzdem steht hier alles voller Ritterburgen und im Hafen dümpeln Schiffe mit phönizischen Augen. Warum das so ist, erzählen die Malteser am besten selbst

In der stickigen Luft liegt süßer Hefegeruch. Alles ist mehlüberstäubt: der große Trog mit der blassen Teigwurst darin, die groben Holztische, die langen Schuber für das fertige Brot, der Fliesenboden. Und natürlich Manoel Zammit selbst. Er trägt kurze Hosen und einen enormen Bauch. Unter dem ergrauten Lockenkopf strahlen lustige Augen. Schon als Kind ging er hier seinem Vater zur Hand, erzählt er zahnlos. Und der dem Großvater. Und so fort. Viel, so scheint es, hat sich seither nicht verändert.

Die Bäckerei Zammit liegt in einer dieser Straßen, die aussehen wie die von San Francisco: Es geht ständig auf und ab – so steil, dass manchmal nur noch Treppen helfen. Die Hausfassaden leuchten in warmen Ockertönen. Daran kleben lauter bunte Holzerker, als wären es Schwalbennester.

Von überallher blickt das Meer in die Stadt. Das kommt, weil der Ort auf einer schmalen Landzunge liegt. So wollten es die Ritter, denen Malta einst gehörte und die dafür dem Kaiser nicht mehr zu bezahlen hatten als einen Falken in jedem Jahr.

Insel, Ritter, Falken: Natürlich, die Rede ist von Malta!

Die Ritter sind die Johanniter, und der berühmte Malteser Falke war der symbolische Preis, für den Karl V. ihnen 1530 das felsige Eiland, das sonst niemand haben wollte, überließ. Ohne zu säumen gingen die Ritter ans Werk und taten, was Ritter so tun: Sie bauten mächtige Festungen.

Deren trutzige Mauern beherrschen bis heute Maltas Küstenlinie und ganz besonders den Grand Harbour in der Hauptstadt Valletta. Er gilt als einer der besten Naturhäfen der Welt. Nicht weniger als drei Forts umfasst der Blick von der Gartenterrasse der Lower Baracca Gardens. Die frische Brise vom Meer zaust die Haare, kräuselt das Wasser und fährt rauschend in die Palmwedel des lauschigen Parks.

„Der Wind ist unser Freund“, sagt Roger Aquilana vom Weingut Meridiana, „er hält uns das Ungeziefer vom Leib.“ Auch sonst könnten die natürlichen Voraussetzungen für sein Metier kaum besser sein. „Das Klima auf Malta ist so konstant, da wächst der Wein praktisch von allein.“ Nicht ohne Stolz führt er uns durch die Kellerei. Der flache Neubau hält alles bereit, was ein moderner Betrieb dieser Art braucht: gekühlte Stahlzylinder, unterirdische Gewölbe für die Eichenfasslagerung und natürlich eine Probierstube.

Malta, Weingut Meridiana, Winzer Roger F. Aquilina (A. Gaasterland)

Weingut Meridiana, Winzer Roger F. Aquilana (A. Gaasterland)

Beliebte Filmkulisse im blauen Mittelmeer

Den Eingang der Kellerei bewachen zwei griechische Olivenbäume aus dem Hollywood-Film „Der Gladiator“. Die hat Roger Aquilana dem Drehteam nach Abschluss der Aufnahmen auf Malta abgeschwatzt – gegen eine Ladung Wein natürlich. Vielleicht hat er damit ganz nebenbei einen neuen Absatzmarkt aufgetan. Immerhin macht die internationale Filmindustrie regelmäßig auf Malta Station.

Als Kulisse besonders beliebt: die altehrwürdige Stadt Mdina. In Sichtweite des Meridiana-Weinguts thront sie majestätisch auf einer schroffen Felskuppe und bietet einen umfassenden Blick über die ganze Insel: von der baumlosen Gartenlandschaft im Zentrum über die wachsenden Städte um die großen Hafenbuchten bis zum allgegenwärtigen Mittelmeer.

Schutzheilige und phönizischen Augen

Und es gibt noch ein Meer, das man von den Stadtmauern Mdinas erahnen kann: das der Kirchen. Rund 365 soll Malta angeblich besitzen, so viele, wie das Jahr Tage hat. Das klingt irgendwie verdächtig, aber selbst wenn es nur 316 wären, ergäbe das immer noch eine Kirche pro Quadratkilometer.

Eines ist jedenfalls sicher: Die maltesischen Inseln sind fromme Inseln, und Frömmigkeit ist hier in der Regel gleichbedeutend mit römisch-katholisch. Daran ändern auch arabische Städtenamen wie Mdina nichts. Zu den Sonntagsmessen strömen so viele Leute, dass manche Kirchgänger nicht mal mehr einen Sitzplatz bekommen. Jedes Dorf, jedes Stadtviertel auf Malta hat seinen Schutzheiligen, der Jahr für Jahr mit großem Pomp gefeiert wird.

Bei so viel Gottesfurcht kann ein bisschen Aberglaube nicht schaden, erst recht, wenn er zu einer Art Markenzeichen geworden ist. Warum auch sollten die maltesischen Fischer aufhören, zur Abwehr von Gefahren ein wachsames Augenpaar auf den Bug ihrer Boote zu pinseln? Das haben schon die Phönizier getan, und die waren bekanntlich das erfolgreichste Seefahrervolk der Antike.

Malta, Marsaxlokk , Fischerboot mit Augen (A. Gaasterland)

Marsaxlokk , Fischerboot mit Augen (A. Gaasterland)

Fangfrischer Fisch direkt auf den Teller

Bestimmt hätten die Phönizier auch ihre helle Freude an dem kleinen maltesischen Hafen Marsaxlokk gehabt. Dessen Name ist gar nicht so unaussprechlich, wie er aussieht, wenn man weiß, dass das „X“ wie ein ganz normales „Sch“ ausgesprochen wird. Dort, in Marsaxlokk, tanzen Dutzende bunt bemalter Boote auf dem Wasser, und alle tragen sie die phönizischen Augen. Auf Nachfrage ist zu erfahren, dass die kleinen Boote Dghajsa heißen und die großen Luzzu.

Ein Luzzu hat immer ein Kajütenhaus, so wie das Boot von Leonhard Caruana, der gerade dabei ist, zusammen mit seinen beiden Söhnen und seiner Tochter Eufemia Makrelen und Seebarben auszunehmen. Sieben Stunden waren sie draußen, bis zum Mittag. „30 Kilo, ein guter Tag“, sagt Leonhard Caruana zufrieden und weist auf die Körbe mit dem frischen Fang. Den verkauft er auf dem Fischmarkt oder direkt an die Restaurants.

Eines davon betreibt Rizzu. Rizzu kennen in Marsaxlokk alle, weil er in seiner Jugend mal von Malta nach Sizilien geschwommen ist und weil er selbst Fischer war. Schon mit vierzehn besaß Rizzu sein eigenes Luzzu, später sogar mehrere. Nach 50 Jahren nahm er sein Geld und machte ein Fischrestaurant der besten Sorte auf, mit einfacher Ausstattung und traditioneller Küche. Natürlich liegt es direkt am Hafen. Daneben dümpeln die Boote und blicken den Gästen mit großen Augen auf die Teller.

Malta, Marsaxlokk, Fischer im Hafen (A. Gaasterland)

Marsaxlokk, Fischer Leonhard Caruana mit einem seiner Söhnenach der Rückkehr vom Fang (A. Gaasterland)

 

Auf einen Blick

Malta ist eines der kleinsten Länder Europas. Trotzdem haben sich die Inseln im blauen Mittelmeer bis heute ihre Unabhängigkeit bewahrt. Das hat auch mit den Rittern vom Johanniterorden und ihren mächtigen Festungen zu tun. Die stehen praktisch unversehrt da. Überhaupt sieht Malta vielerorts noch so aus wie vor vielen hundert Jahren. Nicht umsonst dient es immer wieder als Drehort für Historienfilme. Der Reisebericht führt zu Bäckern, Winzern und Fischern und stößt dabei überall auf maltesische Geschichte(n).

 

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