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Strand und Stadt? Tel Aviv!

Tel Aviv Mittelmeer-Metropole mit herrlichem Strand. So nah an der Küste drängen Wind und Brandung, die Natur direkt in die Stadt. Die unmittelbare Nähe von Meer und Stadt kreiert ein optimistisches Lebensgefühl, das mich verwirrt, überrascht und sehr neugierig macht.

Ich bin am frühen Abend in Tel Aviv angekommen. Eine Reise aus dem irgendwie nassgrau, herbstlichen Berlin in das entschieden sommerliche Israel. Erez hatte mir erklärt, wie ich vom Flughafen Ben Gurion nach Tel Aviv hineinfahren soll: Mit dem Zug bis zur HaShalom Station, von dort mit dem Taxi. Der Wohnungsschlüssel liegt unter der Matte vor der Wohnungstür, die Haustür steht offen. Soviel Vertrauen!

Es hört sich alles ganz einfach an. Das mit dem Taxi ist allerdings schwerer als erwartet. Ich stehe mit dem Koffer auf der Straße vor der Bahnstation. Der Verkehr ist heftig. Wenn das immer und überall so ist in Tel Aviv, denke ich, dann möchte ich sofort wieder weg.

Aber es ist nur Großereignis-Alarm: Night Run Tel Aviv. Die gesamte Innenstadt ist gesperrt. 30.000 laufbegeisterte Israelis wollen ab 21:00 Uhr angestrahlt von Straßenlaternen 10 Kilometer quer durch Tel Aviv joggen. Tagsüber ist es noch so heiß, da ist Massensport unmöglich. Vor soviel nächtlicher Aktivität muss der Autoverkehr kapitulieren.

Warnschild in Tel Aviv

Flugängste

Zum ersten Mal Israel. Ich bin völlig unvorbereitet abgereist. Nicht völlig! Ich habe mir den Lonely Planet Israel Palästina aufs Tablet geladen. Darin habe ich während des Fluges lustlos herumgescrollt. Erreicht haben mich die Worte nicht. In meinen Gedanken rotiert das unbehagliche Gedanken-Gepäck der deutschen Babyboomer-Generation. Und die Frage: Wie wird es sein, als Deutscher in Israel zu reisen?

Eine Dame neben mir im Flugzeug scheint mein Unbehagen zu erspüren. Denn kurz nach der Landung wendet sie sich mir zu und fragt:

“Ist das Ihr erstes Mal in Israel?“
“Ja.“

Schon im Aufstehen dreht sie sich noch einmal zu mir und sagt:

“Es wird Ihnen gefallen.“

Das sind magische, erlösende Worte. Alles wird gut! Dieser kurze Dialog hat die Unruhe von mir genommen. “Es wird Ihnen gefallen.“ Ich kann es jetzt schon erzählen. So ist es dann auch gekommen. Die 3 Wochen in Israel und Palästina werden spannend, überraschend, verwirrend und haben mir außerordentlich gefallen.

Ankunft in Tel Aviv

Vor der HaShalom Station inmitten des tobenden Verkehrschaos auf der Suche nach einem Taxi sind diese Gedanken dann aber erstmal weit weg. Und sie werden in Tel Aviv, das irgendwie in einer Blase abseits des israelisch-palästinensischen Konflikts zu existieren scheint, nur zwischendurch und kurz aufscheinen. Die Realität des Reisens hat mich eingeholt. Wo kann ich meine Koffer abwerfen? Das ist die einzige Frage, die mich kurz nach der Ankunft beschäftigt. Am Ende springe ich in ein illegales Sammeltaxi ohne Taxometer. Soll man nicht machen, denke ich. Ist mir aber jetzt egal.

Die ganze Stadt ist blockiert. Der Taxifahrer kurvt durch kleine Straßen und enge Gassen. Ich bin auf dieser Rundfahrt durch die fremde Stadt völlig orientierungslos. Wie ich das hasse! Nachdem der Fahrer das dritte Mal wegen einer Absperrung nicht weiter kommt, hält er abrupt an. Er macht eine unbestimmte Handbewegung Richtung irgendwo, raunt: “da musst Du hin“ und bittet mich aus seinem Wagen.

Tel Aviv Straße bei Nacht

Unerwartet stehe ich auf dem Rothschild Boulevard im Zentrum Tel Avivs. Woher weiß ich das? Glücklicherweise kann ich die Straßenschilder lesen, sie sind zweisprachig, auf Hebräisch und auf Englisch. Welcome! So gehört sich das für ein Einwanderungsland! Ungewöhnlich für eine Hauptstraße im Zentrum einer großen Stadt sind die freistehenden, recht niedrigen, kubischen Wohnhäuser im Bauhausstil mit ihren üppig grünen Vorgärten. Einige Häuser sind tatsächlich noch bewohnt, viele sind aufwändig restauriert und in Büros oder Boutiquen und Cafés mit Terrasse umgewandelt.

Der Boulevard ist die schicke Flaniermeile im Bauhaus Distrikt. Eine breite, zweispurige Straße, baumverschattet, grün in der Mitte, Bänke laden zum Verweilen ein, Menschen gehen plaudernd auf und ab oder stehen an den Straßenecken und schauen den Polizisten bei der Arbeit zu. Auch Tel Avivs nüchterne Prachtstraße wird wegen des Night Runs für den Autoverkehr abgesperrt. Diese Ruhe. Das ist ein großartiger Kontrast zu dem hektischen Verkehrsgewühl rund um die HaShalom Station.

In der Nachbarschaft des Boulevards werde ich wohnen. Ich habe ein Zimmer in der Borochov Street gemietet, zwischen Rothschild Boulevard, King George Street und Allenby Street. In den nächsten Tagen wird sich herausstellen, das ist die perfekte Location, um Tel Aviv zu Fuß zu erkunden.

Tel Aviv Fotomontage mit Surder

Surfen seit 1957

Aussteigen ohne Plan

Was habe ich eigentlich eine Woche in Tel Aviv gemacht? Jeden Tag dasselbe: Ich bin gegangen und gelaufen. Ohne Plan und ohne Ziel. Tel Aviv ist die ideale Stadt, um zu flanieren, zu betrachten und seinen Gedanken nachzuhängen, denn auf kleinstem Raum stoßen die unterschiedlichsten Welten aufeinander.

  • Das Meer und die Wüste
  • Europa und der Orient
  • Moderne und Postmoderne
  • Bruchbuden und Glaspaläste

Außerdem hat mich die lockere Beachmode der Passanten auf der King George Street – lose T-Shirts, weite Shorts und Flipflops sind sehr beliebt – dazu inspiriert, es langsam angehen zu lassen. Die Sonne scheint, Menschen hasten über die Straße, Autos blockieren die Kreuzung, LKWs werden entladen, eine Bremse quietscht oder eine Sirene heult, trotz all der undurchschaubaren Betriebsamkeit einer Metropole habe ich Tel Aviv als eine Stadt im Urlaubs- und Freizeitmodus erlebt.

Tel-Aviv Uferpromenade

Wasser, Sand und Waschbeton. Die Stadt stößt auf den Strand

Stadt und Meer

Tel Aviv ist eine Stadt am Mittelmeer. Das ist schon sehr schön, aber nicht ungewöhnlich. Neapel, Istanbul, Marseille – alles besonders schöne Städte am Mittelmeer.

Tel Aviv ist eine Stadt am Strand!

Das macht diese Metropole spektakulär. Schwimmen, Surfen, Kiten, Beach-Volleyball und das Public Gym direkt vor der Haustür. Tosende Brandung,  Brutzeln unter der Sonne, sportliche Herausforderung und Spaß unter freiem Himmel immer greifbar nah. Im Hintergrund surren die Klimaanlagen der Großraumbüros und Hochhäuser. Im Vordergrund wird mental abgeschaltet.

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Eine kleine Beobachtung verwirrt mich: Männer mit Metal-Detektoren durchkämmen systematisch den Strand. “Was suchen die?“ frage ich die Kellnerin des Strand-Cafés. “Geld” ist die knappe Antwort. Israel ist eines der westlichen Industrieländer mit der höchsten Armutsquote. Das ist sichtbar am Strand von Tel Aviv, im Stadtzentrum und an vielen anderen Orten im Land.

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Jets mit ausgeklapptem Fahrwerk brettern schwalbengleich im Tiefflug Richtung Flughafen Ben Gurion. Die Fassaden der Hochhäuser glitzern provozierend im Sonnenlicht. Ihre spiegelnde Zerbrechlichkeit spottet kokett jedem drohenden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. Das Abwehrsystem Iron Dome wird es schon richten und die Raketen abfangen, sollte doch mal etwas schief gehen, dann bauen wir einfach wieder auf. Der Strand ist prall gefüllt mit faszinierendem und irrwitzigem Optimismus.

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Ich gehe jeden Tag an den Strand. Zu jeder Tageszeit. Mich beruhigt das. Ich sitze im Sand und blicke auf die sprudelnde Gischt. Ich spaziere nach Jaffa. Ich mache eine Lunchbreak auf einer Bank am Strand. Ich beobachte die Surfer bei ihren Kapriolen vor dem Wind. Nachts schaue ich Tennis und Volleyball unter Flutlicht zu. Am Strand ist Tel Aviv immer aktiv und sportlich und unter Strom.

Als ich mich bei Erez erkundige, ob es in Ordnung sei, der Gastgeberin einer Dinner-Party Pralinen mitzubringen, winkt er ab. “Schokolade und Süssigkeiten essen wir hier nicht.” So dizipliniert körperbewusst sind die Bewohner Tel Avivs! No chocolate! Irgendwie ziemlich normal, denke ich mir, vielleicht ein bisschen zu konsequent. Und so zerstreuen sich meine diffusen Befürchtungen, als Deutscher in Israel unterwegs zu sein, nach und nach. Die Neugierde zu flanieren und zu entdecken aber wächst …

Am Strand von Tel Aviv. Bronzeskulptur

Reisebilder Tel Aviv

Bei meinen Spaziergängen in Tel Aviv habe ich viel fotografiert. Hier findest Du die Links zu den Reisebildern:

Streetart Tel Aviv
Tel Aviv wird die weiße Stadt genannt. Weiße Wände laden natürlich dazu ein, was dranzukritzeln, draufzumalen oder anzukleben. In Tel Aviv wird so ein Angebot sehr gerne angenommen. Deswegen gibt es auch viel Streetart zu entdecken. Hier eine kleine Auswahl.

Tel Avivs kleine Läden
Tel Aviv. Eine Stadt voller kleiner Läden. Die haben es wegen Wirtschaftskrise und Shopping-Malls ziemlich schwer. Viele stehen leer. Sie haben Patina angesetzt und träumen von besseren Zeiten als schickes Café oder elegante Boutique. Überblick über interessante Immobilien mit Potential.

Tel Aviv Central Bus Station
Busse sind in Israel das öffentliche Verkehrsmittel für Reisen quer durchs Land. Tel Aviv besitzt den zweitgrößten Busbahnhof weltweit, ein gigantisches Beton-Labyrinth. Brutalismus pur. Ganz oben die Busse. Dazwischen Shopping-Malls, Leerstand und verwirrte Reisende. Eine erste Orientierung in Bildern.