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Portugal, ein Roadmovie. Teil 1

Wir lieben Portugal. Aus ganzem Herzen. In Teil 1 unseres Roadmovies durch ein Land, das so viel mehr ist als Fado und Saudade, reisen wir durch den Norden. Über Chaves entlang des Douro bis nach Porto. Und die Atlantikküste runter.

Das mit der Liebe zu Portugal ist nicht nur so ein Schnack. Ein Sirenen und Heuler hat in Portugal geheiratet, ein anderer hat sein Herz an eine Portugiesin verloren. É que estamos a sério. Wir meinen es ernst. Und erleben das kleine große Nachbarland Spaniens trotz der bedrückenden wirtschaftlichen Situation umso heiterer.

Willkommen in Portugal

Unser Einstieg in das wunderbare Portugal beginnt mit einem Stopp in Chaves. Die zweitgrößte Stadt in Vila Real empfängt uns 12km nach dem Übergang von der spanischen Grenze. Flirrende Mittagshitze im Wasserkurort mit eigenen Thermalquellen. Endlich kann ich wieder Eiswürfel in den Kaffee plumpsen lassen. Obwohl Radsportler und eine ganze Schulklasse den Platz überqueren, höre ich die Würfelchen durch die Spannung knacken. Welche Ruhe.

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Endlich da! Erste Kaffeepause in Portugal, hier in Chaves.

Ohne es zu merken bin ich in existentialistisch schwarz gewandet. Knielanger Rock und T-Shirt, Halstuch, Sandalen. Strahlen tun der Mann und ich nur von innen. Hand in Hand laufen wir durch die Straßen der ehemals bedeutenden römischen Garnisonsstadt. Bis mir die Blicke der winzigen älteren Damen auffallen. Haben sich zwei gerade angestubst und mit dem Kopf geschüttelt? Ich verstehe. In ihrer Logik ist schwarz eine reine Witwenfarbe und ich tändele im Trauerjahr schamlos verliebt durch die Straßen. Zurück am Auto finde ich in meinem Gepäck immerhin auf Anhieb Topps in fröhlichem Grau und nahezu hysterischem Dunkelblau. Kopfschüttelnd kichere ich in den Kofferraum. Oh je, ich brauche wirklich etwas Farbe.

Die erste Port-Party in Pinhão

Die Schönheit der Landschaft macht mich fertig. Die Melancholie des Fado und das Lebensgefühl der Saudade treten hinter portugiesische Popmusik aus dem Autoradio und dem Zauber geschwungener Straßen und Flussläufe zurück. Feingliedrige, mit Oliven bewachsene Hügel und terrassierte Weinberge wohin das Auge schaut. Unaufdringlich präsent sind sie. Nichts an Portugal drängt sich auf. Das kenne ich schon aus Lissabon. Ist wohl deren Style. Doch dieser Teil hier, diese Douro-Region, ist ein echter Schatz. Für Freunde guten Olivenöls, toller Weine und Portweine. Und für Freunde von Bergen, die einen weder einschüchtern noch in schattigen Schluchten einklemmen.

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Die Landschaft in der Douro-Region. Der Fluß ist von Berghängen gesäumt, die vereinzelt Blicke auf charmante, kleine Quintas freigeben.

In unserem Ziel für die Nacht, der Quinta de la Rosa, gibt es noch genau ein Zimmer. Wir nehmen es, ohne auf den Preis zu schauen, die Aussicht hat uns längst verzaubert. Nach einer Runde im eigenen Pool ziehen wir uns um fürs Abendessen. Die ceia wird den Gästen in einem Salon serviert. Es gibt ein 3-Gänge-Menü mit Weinbegleitung und Portweinen. Natürlich alles aus dem eigenen Anbau des Landguts. Die Liste der Preise und Auszeichnungen, mit denen sich die Quinta de la Rosa schmücken kann, ist lang wie eine ägyptische Schriftrolle. Doch das wichtigste für mich ist, hier habe ich mein erstes Aha-Erlebnis mit gutem Portwein. Es wird auf dieser Reise nicht das letzte bleiben.

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Nach dem ganzen Autofahren – wie gut das tut! Pool-Päuschen in der Quinta de la Rosa.

Hier hätte ich eigentlich auch bleiben können. Blick auf die Quinta de la Rosa vom anderen Douro-Ufer.

Es geht noch portugiesischer. In Porto – der Hauptstadt des Nordens

Alles fließt in Porto, einer der ältesten Städte Europas. Der Douro, der Portwein, der Verkehr und die Gedanken. Diese Stadt hat eine Stimmung, die schwer zu beschreiben ist. Irgend etwas zwischen Aufbruch und Verfall. Zwischen ambitionierter Gentrifizierung und trotzigem Moder.

So manch bröckelige Fassade dürfte sich seit meinem letzten Besuch in Porto schon komplett verwandelt haben.

Ich lasse mich treiben ohne zu suchen und finde. Eine Stadt an der Mündung des Douro. Die hier schon ein wenig nach der Frische und dem Salz des Atlantik duftet. Immer wieder ein bisschen nach süßlicher feuchter Fäule. Und ganz stark nach den Aromen des Portweins. Dieser wurde hier früher auf Fässern den Douro entlang transportiert und in Porto verarbeitet. Laufen und sich treiben lassen. Treppauf und treppab.

In einigen dieser komplett verfallen und überwuchert wirkenden Ruinen sehe ich Menschen, Wäsche, Müll. Zu gerne hätte ich mir das einmal aus der Nähe angeschaut. Doch habe ich keinen Eingang in das Labyrinth gefunden.

In Pinhão bin ich so richtig auf den Geschmack von Portwein gekommen. In dem Dry White Port finde ich einen perfekten Aperitiv, ausgebaut zum Tawny oder Ruby versüßt er den Abschluss eines feinen Mahls. Hand in Hand mit einem Stückchen Schokolade zum Beispiel. Und nach der mäandernden Tour durch die Anbauregion sind wir nun in einem historischen Herzen der Port-Leidenschaft angekommen. Bei Kopke. Als wir in der ältesten noch existierenden Portwein-Kellerei Portugals ankommen, sind wir die einzigen Gäste. Keine Portuenser, und auch keine anderen Touristen.

Die tummeln sich alle in den großen Häusern, welche ihre Gäste schon auf der Straße für die beliebten Tastings abfangen. Oder – ebenfalls sehr populär – freie Port-Verkostungen in Verbindung mit einem Seilbahn-Ticket über den Douro anbieten. Wir können unser Glück kaum fassen, lassen uns in die schönen kleinen Ledersessel fallen, natürlich mit Blick auf den Fluss, und los geht’s. Die liebevolle Präsentation der Gläser und Pralinen und auch die kleine Einführung ins Thema macht das Geschmackserlebnis richtig rund. Late-Bottled Vintages, Jahrgangs-Portweine, so viele spannende Varianten gibt es zu entdecken. Auch hier fällt mir wieder auf, wie unaufgeregt zugewandt sich die Mitarbeiter in den geschichtsträchtigen Räumen bewegen. Und wie sympathisch mir diese souveräne, lässige Art ist.

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Die Altstadt von Porto, von der anderen Uferseite aus gesehen. Überqueren lässt sich der Fluss mit einer Seilbahn oder über eine Brücke.

Wer sich jetzt verwundert denkt, dass Kopke nicht wirklich portugiesisch klingt – ist es auch nicht. In den Ausläufern des 30-jährigen Krieges, 1636 schon, kam die Familie Köpke aus Hamburg nach Lissabon. Zu dieser Zeit hieß der Portwein noch gar nicht Portwein… Als die Beliebtheit des heutigen Nationalgetränks zum Ende des 17. Jahrhundert rasant zunahm, waren die Exporteure und Spezialitätenhändler C.N. Kopke & Cª Lda. bereits etabliert. Der Rest ist Geschichte. Auch wenn das den Geschichtsbüchern reichlich egal sein wird, für den Mann und mich steht der restliche Tag unter dem Motto Tawny-taumelige Glückseligkeit.

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In der alten Straßenbahn von Porto ist noch alles Handarbeit. Der kleine Stuhl wird beim Richtungswechsel durch den Fahrer höchstselbst am anderen Ende des Wagon in einer identischen Vorrichtung eingehängt.

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Die Tour raus zum Hafen von Porto (Oporto = der Hafen) ist wie eine kleine Zeitreise. Es ruckelt und rumpelt ausgesprochen hübsch in der alten Straßenbahn.

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Mit Wasser und Booten kann man mich ja immer glücklich machen. Also auch am Hafen von Porto.

Bombeiros in Nazaré

Es ist Anfang Juni, der Monat des portugiesischen Nationalfeiertags. Die Einheimischen nutzen die Zeit um den 10. Juni gern für ein langes Wochenende und strömen in Scharen in die Küstenorte. Auf der Atlantikseite zum Beispiel nach Nazaré. Vor der Ruhe vor dem Sturm kommt noch der Sturm vor der Ruhe. Bei unserer Ankunft in Nazaré ziehen gerade die Bombeiros Voluntários in einer Parade blank geputzter neuer und historischer Feuerwehrwagen durch den kleinen Fischerort.

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Die Kinder platzen vor Stolz, dass sie vorne im Feuerwehrauto mitfahren dürfen. Für einen kleinen Moment will ich auch… lasse mich aber rasch wieder mit einem Eis beruhigen.

Gefühlt kommt auf jeden Einwohner mindestens ein Feuerwehrauto. Es ist ein Riesenspektakel für die ganze Familie. Und die einzige Straße, die zu unserer Unterkunft führt, liegt auf der Umzugsstrecke. Also vertagen wir das Thema Hotelsuche, lassen den Wagen in einer Parkbucht an der Strandpromenade stehen und mischen uns erst einmal unters Volk. Nach einer guten Stunde mit Sirenengeheule und Hupkonzerten sowie dem Tschingderassabumm lokaler Funkenmariechen-Kapellen ist der Spuk so plötzlich vorbei wie wir hineingeraten sind.

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Der traditionelle Umzug der Freiwilligen Feuerwehr Nazaré (Bombeiros Voluntários) macht in dem kleinen Fischerort tüchtig was los.

Schwupps, da ist er wieder. Der Charme eines gemütlichen alten Fischerorts, der auch unter Portugiesen ein so beliebtes Reiseziel ist. Vom Balkon des kleinen Zimmers in der Residencial A Cubaton in der Avenida da Republica blicke ich direkt auf den Strand. Ah, Alphawellen. Mein Gehirn lächelt. Ich schaue nach links und traue meinen Augen kaum. Alte Frauen in bauschigen, kniekurzen Trachtenröcken, die am Strand auf Gittern Fische ausnehmen und in der Sonne trocknen lassen. Eine Show des örtlichen Touristenverbandes? Doch anscheinend sind die Frauen in keinem anderen Auftrag da als ihrem eigenen. Und der lautet heute so wie schon wie vor 100 Jahren: am Strand ihre Fische ausnehmen, zum Trocknen aufhängen, einsalzen und auf dem örtlichen Markt als Stockfisch, Bacalhao, anbieten.

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Am Strand von Nazaré verwandeln alte Frauen in traditioneller Tracht Fische mit handwerklichem Geschick und der Kraft von Luft und Sonne in Stockfisch.

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Ich persönlich finde Stockfisch schöner anzuschauen als zu essen, aber macht ja nix.

Auch die Geschichte um die Röcke ist kurios. Die bunten Trachtenröcke sind so neckisch kurz geraten, weil die Frauen ihren Männern nach dem Fischfang beim Boote ausladen halfen. Und wer die Hände voll hat, kann keine Rocke raffen. Sie wirken so bauschig, weil unter dem Überrock bis zu sieben (!) Unterröcke getragen wurden. Jeder Unterrock stand für einen Tag, den der Mann auf See sein würde. Indem die Fischerfrauen jeden Tag einen Unterrock weniger anzogen, zählten sie den Countdown bis zur Rückkehr runter. So die Legende. Neben dem Strand trifft man viele dieser krummbeinigen, verwitterten Schönheiten auf dem Platz in Sitío an, wo sie Nüsse und Naschwerk verkaufen.

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Beeindruckende Atlantikwellen am Strand von Salgado, bei Sao Martinho, gleich neben Nazaré.

Unter Surfern ist Nazaré – neben Peniche und Ericeira ein weiterer Hotspot an der Atlantikküste. Ich werde einen Teufel tun und dort surfen gehen.
Als wir im Juni dort sind, entdecken wir selbst bei schönstem Sonnenschein niemanden im Wasser. Wir wagen ein angedeutetes Bad am Nachbarstrand Salgado. Die Strömung ist so stark, dass es nicht nur angenehmer, sondern auch überlebenssicherer scheint, wieder vom Strand aus auf die Atlantikwellen zu schauen.

Wieso macht Seeluft nur immer so schrecklich hungrig? Das beste Restaurant in Nazaré ist zweifelsohne das A Tasquinha. Gastgeber und Inhaber Carlos ist bei Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen beliebt und gibt jedem Gast das Gefühl, dass er nur für ihn aufgemacht und gekocht hätte. Ein Gaumen-Zauberer, der Herzen gar nicht sammeln muss, sie fliegen ihm einfach nur so zu.

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Mit einer Zahnradbahn gelangt man zum Ortsteil Sitío. Dieser liegt gut 110m über Meeresspiegel auf einem Steilküstenplateau. Der Wind pustet wie verrückt und die Sonne lacht dazu.

Weil es dem Mann und mir in Nazaré so gut gefällt, wird der Aufenthalt spontan verlängert. Sehenswürdigkeiten wie das Kloster von Batalha und auch Alcobaça lassen sich von hier aus entspannt anfahren.

Willkommen im Kloster von Batalha, einer Hochburg der Manuelinik.

Willkommen im Kloster von Batalha, einer Hochburg der Manuelinik.

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Die Orangenbäume im Klostergarten spenden Schatten und saftige Farbtupfer in der Junisonne.

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Auch im ehemaligen Zisterzienserkloster von Alcobaca gehen einem die Augen über.

Ein weiteres Kleinod begegnet mir in Ericeira. Gute 50km nordwestlich von Lissabon, schmiegt sich diese Kleinstadt ebenfalls an die Atlantikküste. Auch für Nicht-Surfer lohnt ein Abstecher in den Ort, von dem aus der damalige portugiesische König Manuel II. am 5. Oktober 1910 per Schiff ins Exil floh. Die republikanische Revolution und die Ausrufung der Portugiesischen Republik ließen ihm damals keine Wahl.

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Wild und gefährlich, der Atlantik zeigt an den portugiesischen Küstenorten gern mal seine Muskeln.

Dass ich mich in einer offiziellen „Wellenschutzzone“ befinde, leuchtet mir ein. Ja, die Wellen sind voll geschützt. Das gemeine Fußvolk hingegen, das sich wacker auf zugigen Wegen der sturmgepeitschten Küstenlinie entlang hangelt, kann sehen, wie sie sich am besten in den Wind wirft oder in den spärlich vorhandenen Häuserecken Schutz findet. Oder wie ist das mit dem Wellenschutz gemeint? Ach so, die meinen „Surfschutzgebiet“. Und verstehen unter Surfen auch noch Wellenreiten. Für mich als alte Windsurf-Dilettantin und Segelnovizin ist das alles nichts. Aber Ericeira selbst, das ist schon was!

Abendstimmung in Ericeira. Königs-Exil-Fluchtstätte, Surfer-Hotspot, portugiesischer Sehnsuchtsort und Atlantik-Perle.

Abendstimmung in Ericeira. Königs-Exil-Fluchtstätte, Surfer-Hotspot, portugiesischer Sehnsuchtsort und Atlantik-Perle.

Ein kleiner Imbiss an der Steilküste hat draußen bestuhlt. Ausdruck von Trotz oder ungewohntem Optimismus? Vielleicht auch Ausdruck lässigen Gleichmuts. Entweder der Aufsteller mit den kleinen Plastikservietten bleibt stehen – oder er fliegt eben weg. Die Bifanas schmecken lecker. Natürlich fliegen die Servietten weg. Frisch gestärkt mit diesen kleinen Steak-Sandwiches stemmen wir uns wieder wacker gegen den Wind. Und wer braucht schon Servietten, wenn er atlantische Luft und Liebe hat? Und ein Auto, das sich schon darauf freut, bald schon durch die hügelige Lissabonner Innenstadt zu kurven?

In Teil 2 unseres Roadmovies durch Portugal geht es über Lissabon und Sintra nach Setubal. Von dort ins Alentejo nach Evora bis hinunter nach Sagres und Moncarapacho, ins früchte- und blütengeschmückten frühsommerlichen Hinterland der charmanten Sand-Algarve zwischen Olhao und Tavira.

Service

Der nächste Flughafen für einen Einstieg über Chaves ist Vigo (Direktflüge allerdings nur von Madrid, Barcelona, Paris) oder Porto. Wer An- und Abreise ab hier gestaltet und sich vor Ort ein Auto mietet, vertauscht einfach Teile der vorgeschlagenen Route.

Die einzelnen hier beschriebenen Etappen auf unserer Reise durchs portugiesische Festland bewegen sich zwischen 30 und 60 bis maximal 160 km. Ganz gemächlich. Auch die Suche einer geeigneten Unterkunft für die Nacht gestaltet sich ohne vorherige Recherche und Online-Buchung sehr entspannt.

Die Quinta de la Rosa bei Pinhao ist ein Muss. Zumindest kann ich sie aus persönlichem Erleben und ohne dass ich dafür bezahlt werde uneingeschränkt empfehlen.

Das A Tasquinha hat keine eigene Website. In Nazaré weiß jeder, wo es ist. Und im Netz finden sich viele Bewertungen, u.a. auf Tripadvisor.

Batalha und Alcobaca, die beiden Klöster, sind als von Nazaré aus gut zu erreichen. Zurecht gehören sie zu den prominentesten Sehenswürdigkeiten der Region Leiria.

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