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Supermodel Maria – Uffizien 2/3

Kunsttempel! In den Uffizien bekommt diese komische Bezeichnung für das Museum eine besondere Bedeutung. Tatsächlich reiht sich ein Heiligen Bild an das nächste. Prominent vertreten ist die Mutter Maria. Keine Frau ist schöner. Keine Frau wurde häufiger gemalt. Warum bloß?

Maria ist so ne Art zeitloses Supermodel. Eine umwerfend schöne Frau. Bekannt auf der ganzen Welt. Sie führt ein ereignisreiches und dramatisches Leben voller Höhen und Tiefen. Noch heute verdreht sie Unmengen, häufig unverheirateter, Männer den Kopf. Über Jahrtausende haben Heerscharen von Künstlern immer wieder das Abbild der Maria gemalt.

Meist porträtieren sie Maria heteronormativ als eine ideale Frau und Mutter: schön, demütig, keusch. Sehr selten spielt in den Gemälden eine schwiemelige Erotik mit. So oder so, häufiger als die Mutter Maria wurde keine gemalt.

An Maria kommt niemand vorbei

Für einen Besuch der Uffizien bedeutet das, an der Mutter Maria kommt niemand vorbei. Niemand! Schon im ersten Saal der Uffizien lassen drei fantastische Marien-Bilder den Atem stocken. Ein sensationeller Auftakt. Doch schnell pirschen Ermüdung und Langeweile sich heran. Immer wieder diese Frau mit rotem Kleid und blauem Mantel und Kind. Solche reizarmen, monothematischen Räume überfordern unsere von aufgeregtem Reizgeblubber gefluteten nervösen Systeme.

Eigentlich schade! Denn die vielen Bilder der Mutter Maria aus den verschiedenen Epochen werfen verwirrende Fragen auf. Wie stellt sich eine Illusion von Wahrheit her? Wie funktioniert der Übergang aus unserer Welt in die Welt der Überirdischen? Welche Wirkung entfaltet die ewige Wiederholung des Alt-Bekannten über die Jahrhunderte? In diesen Fragen habe ich mich während meines Rundgangs durch die Uffizien verheddert. 3 mal habe ich das Supermodel Maria mitgebracht.

Masolino da Panciale: Mutter Maria mit dem Kind

Masolinos Mutter Maria kommt aus einer fernen, paradiesischen Welt. Sie besucht uns aus der Welt der Überirdischen. Dort herrschen andere anatomische Gesetze als auf der Erde. Frauenkörper bestehen aus einer geleeartigen Formmasse, die den Körper mit geschmeidiger, akrobatischer Biegsamkeit ausstattet.

Dieses Formmaterial verfügt über eine außergewöhnliche Fähigkeit der Selbstorganisation. Denn einen tragenden Knochenbau oder eine Gelenkkonstruktion braucht es nicht, um den Körper in eine Gestalt zu zwingen. Das erledigen außergewöhnliche schön geschwungene Konturlinien von ganz alleine. Auf einen Unterleib kann die Mutter Maria verzichten. Außerdem wächst ihre Brust dort aus dem Gewand, wo die Mutter Maria sie gerade gebraucht. Da muss das Christus-Kind nur noch zugreifen und kann sich die Brust wie eine Frucht vom Baume pflücken.

Die Mutter Maria in einem rosa Gewand mit blauem Mantel vor einem Goldgrund aus den Uffizien in Florenz

Masolino da Panciale: Madonna mit dem Kind. Rosige Erscheinung aus einem anderen Universum

Bemerkenswert mit welchen Tricks Masolino seine Maria aus der Welt der Menschen heraus hebt. Einige dieser Stilmittel haben schon andere Maler erprobt. Da schimmert der kostbare Goldgrund. Ein altes, raumloses Symbol für das Überirdische. Da ist die jeglicher frühkindlicher Erfahrung spottende flottierende mütterliche Brust. Schon in viel älteren byzantinischen Gemälden nuckelt das Christus-Kind an so einer Prothese. Ihm wird dabei keine Milch sondern eine Art spirituelle Nahrung zuteil. Da ist die frühe körperliche Autonomie eines selbstständigen Christus-Kindes. Trotz Brust, von einer Mutter-Kind-Beziehung keine Spur. Ok, der sanft gebogene Arm der Mutter Maria schwebt liebevoll um das Christus-Kind.

Masolino packt sein ganzes Genie in dieses Bild. Mich berührt die sonderbare, in sich ruhende, Schönheit des Gemäldes. Die bezaubernden Linien habe ich schon erwähnt. Alles kreist und schwingt in sanften, runden Rhythmen, die Mutter und Kind zusammenbinden. Kein Widerstand nirgends. Aufmerksam betastet das Kind die dargereichte Brust. Blonder, lockiger Flaum umwölkt sein kleines Köpfchen. Masolino ist einer wahrer Meister der Farbe. Erstaunlich wie er aus Weiß ein zartes Rosa blühen lässt und es weiter zu einem strahlenden Rot moduliert.

Die Madonna und der Feldmarschall

Diese ausgewogene Schönheit, vielleicht auch das blonde Haar der Mutter Maria wurde dem Bild zu Verhängnis. Hermann Göring, der kunstbesessene Feldmarschall Hitlers, machte häufig Kunst-Shopping in Italien. 1941 entdeckte er auf seinen Einkaufstouren Masolinos Madonna mit dem Kind in der Sammlung des Kunsthändlers und Mussolini Intimus Graf Alessandro Contini Bonacossi. Er war sofort begeistert.

Der Graf war kein einfacher Geschäftspartner. Für die zahlreichen Käufe bei Bonacossi entwickelte Göring regelrechte Strategien, um den faschistischen Grafen herunter zu handeln. Am Ende erwarb Göring den Masolino für den stolzen Preis von 2 Millionen Lire. Sein teuerster Einkauf. 1953 wurden in einer Vereinbarung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi alle Kaufverträge Görings als unrechtmäßig eingestuft. Annäherung der ehemaligen Verbündeten nach dem 2. Weltkrieg. Masolinos Madonna kehrte nach Florenz zurück. Ob Italien der Bundesrepublik den Kaufpreis zurück erstattet hat, ist unbekannt.

Andrea del Sarto: Harpien Madonna

Die Mutter Maria ist in den Uffizien omnipräsent. Auch Andrea del Sarto hat die Madonna immer wieder gemalt. Modell für die Maria soll ihm seine hübsche Ehefrau gestanden haben. In den Uffizien bewundere ich Andreas berühmte Harpien Madonna. Der Name kommt von den kleinen Ungeheuern, die den Sockel flankieren, auf dem Maria wie ein Denkmal steht. Wie schockgefroren hocken diese geflügelten Dämonen unter ihren Füßen. Die Harpien Madonna ist eine Sacra Conversationen. Über dieses beliebte Bildthema der Renaissance habe ich schon im ersten Teil von Uffizien in 11 Meisterwerken geschrieben.

Andrea del Sartos Harpien Madonna hängt in den Uffizien in einem goldenen Rahmen vor einer roten Wand.

Andrea del Sarto, Harpien Madonna. Die hierachische Komposition des Bildes fängt sogar die Betrachter vor dem Bild mit ein und weist ihnen einen Platz ganz unten zu

In der Mitte also auf einem Sockel Maria. Ziemlich kompliziert wie sie da steht. Kontrapost! Ihr Körper schwingt nach links. Figura Serpentinata! Der Christusknabe manövriert als Free-Climber an ihrem Kleid. Links dreht sich der Heilige Franz in einem faltenreichen grauen Gewand. Seine Füßen heben sich schwebend vom Boden. Rechts bunt und üppig Johannes der Täufer. Ein visuelles Echo der Mutter Maria. Zwei kleine Putten neben dem Sockel schieben oder drehen Maria in Position. Alles ist kreisende Bewegung. Sieht fast aus wie ein absurdes Heiligen-Karussell.

Andrea del Sarto hat sich die Monumentalität seiner Figuren bei Michelangelo abgeschaut. Vielleicht auch dessen Talent zu zeichnen und zu erfinden. Die Farbigkeit, das Kollorit, der Bilder Andrea del Sartos ist allerdings viel reicher und viel zarter. Andreas Farben schimmern in einem sanften, goldenen Licht. Sie fließen ohne Grenze weich in einander.

Genau dieser Reichtum an Farben fasziniert mich an der Harpien Madonna. Andrea hat auf diesem Bild Marias Himmelfahrt dargestellt. Muss der Betrachter erst einmal drauf kommen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die niedlichen Putten, die Madonna in den Himmel heben können. Vom Himmel außerdem keine Spur. Der Hintergrund ist so grau wie das Kleid des Heiligen Franz. Ok, Maria scheint ein bisschen aus dem Bild heraus zu treten. Vielleicht schwebt sie auch schon ein wenig über ihrem Sockel. Kann ich nicht entscheiden. Mir gefällt dieser malerischen Skeptizismus, der nichts vorgaukelt, was nicht sein kann.

Parmigianino: Madonna mit dem langen Hals

Und noch ein Marien-Bild. Eines mit lustigem Namen. Die Madonna mit dem langen Hals von Parmigiano. Sie hat auch tatsächlich einen ziemlich langen Hals. Parmigianinos Stil ist entschieden elegant, vielleicht sogar ein bisschen süßlich. Deswegen hat die Kunstgeschichte diesen tollen Maler auch lange nur mit spitzen Fingern angefasst.

Parmigianino: Die Madonna mit dem langen Hals.

Parmigianino: Die Madonna mit dem langen Hals. In diesem Bild ist alles surreal übersteigert und verzerrt

Besonders auffallend ist das große, häßliche Christus-Kind. Dabei ist die Mutter doch so schön. Kurz nach der Geburt scheint das Riesenbaby schon in den Zustand der Verwesung übergegangen. Es liegt grünlich angelaufen, aufgefaltet wie am Kreuz im Schoß der Mutter Maria. Was für ein kurzes Leben. Parmigianino malt in das eben geborene Kind den Tod am Kreuz hinein. Ich schaue auf eine entzückende Mutter mit Kind und erahne in der fernen und traurigen Zukunft eine Pieta. Die Schmerzensmutter mit dem toten Christus im Arm. Diese Gleichzeitigkeit von Freude und Leid ist total genial und irgendwie richtig verrückt.

Sitzt sie noch? Oder schwebt sie schon?

Trotz des plötzlichen Kindstods schaut die andächtig lächelnden Madonna ganz entspannt. Auch ihre anatomische Deformation scheint ihr keine Sorge zu bereiten. An Maria ist eigentlich alles zu lang und zu geziert. Das ebenmäßige und symmetrische Gesicht. Der Oberkörper. Die Nase. Die Hand. Die Finger. Das kommt rüber wie eine groteske, idealisierte Überhöhung dieser überirdischen Frau. Sitzt sie noch? Oder schwebt sie schon? Mit ihrer rechten Hand weist sie jedenfalls auf die linke Brust. Die ist zwar zart verschleiert, doch die Brustwarze drückt so stark durch den Stoff, dass er scharfe Falten wirft. Ziemlich sexy. Da möchte ich sofort Kleinkind werden und an diesem Nippel auch mal lutschen.

Detail

Irritiert mich immer wieder. Die knackige Brust unter dem dünnen Kleidchen der Maria

Mariens Haare sind kostbar onduliert und mit reichem Perlenschmuck verziert. Von links stürmen aufwändig frisierte Engel in das Bild hinein. Diese Fülle auf der linken Bildhälfte und die Leere auf der rechten. Erstaunlich, dass das Bild nicht einfach zur Seite kippt. Alles an diesem Bild ist verzehrt und bizarr. Der eigenartige Leib der Maria. Die dicht gedrängten Engel links. Einer zeigt ein nacktes Bein in erotischer Pose.

Detail

Das nackte wohlgeschwungene Bein des Engels besitzt eindeutige Varieté Qualitäten. Rechts entrollt ein winziger Prophet ein Spruchband.

Rechts springt das Bild in unendliche Tiefen. Im winzigen Maßstab ein alter Mann, der ein Spruchband entrollt. Ein Prophet, der die Ankunft des Erlösers verkündet? Hinter im wahnsinnig viel Platz. Passt alles nicht zusammen. Dennoch zwingt Parmigianino diese auseinander driftenden Elemente in eine geradezu surreale Komposition. Vielleicht sind in diesem rätselhaften Bild verschiedene Zeitebenen verschlüsselt. Der Prophet symbolisiert die Vergangenheit. Die Mutter und die Engel die Gegenwart. Das grün angelaufene Kind und die Säule im Hintergrund die Zukunft der Passion. Aber warum ist das Bild so sexuell aufgepeitscht und aufgeladen?

Drei geniale Erfindungen

Drei Marien-Bilder aus verschiedenen Epochen. Drei Erfindungen! Massolino malt seine Madonna mit Kind am Übergang von später Gotik zur frühen Renaissance um 1430. Er malt in einer Zeit, als der Wert von Bildern noch nach den verwendeten Materialien bemessen wird. Besonders Gold und das dunkele Lapislazuli-Blau machten Bilder zu Wertobkjekten. Vielleicht waren seine Auftraggeber einfach nur konservativ und wünschten sich ein Bild so wie immer mit einem goldenen Hintergrund.

Masolino stehen jedenfalls malerische Stilmittel aus verschiedenen Epochen zur Verfügung, um das Überirdische zu malen. Die Raumlosigkeit und die körperlosen, schönen Linien entspringen der gotischen Kunst. Die malerische Gestaltung von Licht und Schatten gehört schon in die Malerei der frühen Renaissance. Masolino nutzt zwei Qualitäten von Licht um das Wesen der Maria visuell zwischen Himmel und Erde zu positionieren. Das reflektierende Gold ermöglicht die mystische Erfahrung des Überirdischen. Das gemalte, künstlergemachte Licht aus Hell und Dunkel symbolisiert die Herkunft Mariens von der Erde.

Als Andrea del Sarto 1517 seine Harpien Madonna malt, muss er sich über den Materialwert seiner Bilder keinen Kopf mehr machen. Michelangelos geniales Schaffen in Rom hatte die Künstler längst aus der Handwerkstradition emanzipiert. Nicht mehr das Material bestimmt nun den Wert eines Gemäldes. Es sind die künstlerische Erfindung, die zeichnerische Begabung, der Einsatz von Farbe. Andrea beherrscht all das souverän.

An der komplexen Figur der der Mutter Maria mit dem Kind lässt sich Erfindungsreichtum und die zeichnerische Umsetzung bewundern. Staunen erregt der changierende Farbübergang von Rot zu Grün auf dem Tuch von Johannes dem Täufer. Andrea erfindet einen klaren, logischen Innenraum und füllt ihn mit monumentalen, schweren Figuren. Dennoch gelingt es ihm, seine erdenschwere Komposition wie ein Karusell in Bewegung zu versetzen. So zentrifugiert er Maria hinauf in die Welt der Überirdischen.

Parmigianino interessiert sich kein bisschen für die großen Leistungen der Renaissance. Beherrschung der Perspektive, des Raums und der Anatomie. Ist ihm völlig egal. Die Madonna mit dem langen Hals revoltiert gegen das künstlerisch alt hergebrachte. Gleichmaß ist Parmigianino zu wider. Die Bewegungen sind kompliziert, die Mimik affektiert, die Körper sind bizarr deformiert, der Raum ist unlogisch strukturiert, das Kleid der Maria führt ein sonderbare Eigenleben. Maria verharrt in einem Zustand zwischen Sitzen und Schweben. Das Kind rutscht ihr dabei fast vom Schoß. Nichts von dem was ich sehe ist möglich. Dennoch ist es da. Ein Wunder, das Parmigianino um 1540 auf ein Holzbrett zaubert. Erstaunlich wie vielfältig eine monothematische Reihe sein kann.

Service

Tickets für die Uffizien können online verbestellt werden über die Website der Museen in Florenz.

Massolinos Madonna mit dem Kind findest Du in Raum 7 der Uffizien.

Andrea del Sartos Harpien Madonna hängt in Raum 58 in ersten Stock der Uffizien. Parmigianinos Madonna mit dem langen Hals hängt nur etwas weiter in Raum 74.