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Amalfitana – Kurven im Paradies

Costiera Amalfitana! Ein magischer Name. Beflügelt die Fantasie. Für die einen ist die Amalfitana die schönste Küstenstraße der Welt. Für andere das letze Abenteuer Europas. Was stimmt? Ich bin durch dieses steile Paradies überm Meer gekurvt. War wie Rausch. Verrückt!

„Das Gestade von Reggio bis Gaeta gilt für die schönste Gegend Italiens; dort zieht sich nahe bei Salerno, ein das Meer überragendes Uferland hin, von den Einheimischen die Küste von Amalfi genannt, voll kleiner Städte, Gärten und Springbrunnen … “.

So begeistert sich der Dichter Giovanni Boccaccio für die Küste der Region Kampanien im Süden Italiens. 550 Jahre später hat sich in Kampanien das ein oder andere geändert. Uneingeschränkt zustimmen kann ich Boccaccio deswegen nicht. Die Gegend rund um den Vesuv zum Beispiel gehört heute zu den am dichtesten bewohnten in Europa. Hier leben auf engstem Raum mehr Menschen als in Finnland. Genau, da bleibt die Schönheit schon mal auf der Strecke. Auch der Container Hafen von Salerno mit seinem Gewirr aus grauen Hochstraßen gewinnt keine Schönheitskonkurrenz.

Neapel. Mega City am Fuss des Vesuvs. Rund um den Vulkan leben mehr Menschen als in Finnland

Neapel. Chaotische Mega City am Fuss des Vesuvs. Rund um den Vulkan leben mehr Menschen als in Finnland. Manchmal bleibt sie Schönheit leider auf der Strecke

Costiera Amalfitana die schönste Küstenstraße der Welt

Und die Küste von Amalfi? Ein Wunder! Die ist so schön, wie eh und je! Voll kleiner Städte, Gärten, Springbrunnen … und einer kurvenreichen Straße. Der Amalfitana. Boccaccio kannte diese bemerkenswerte Küstenstraße noch nicht. Er musste noch mit dem Bötchen Richtung Amalfi und Ravello schippern.

Erst im 19. Jahrhunderts wird diese spektakuläre Achterbahn Stück für Stück aus dem Berg gesprengt. Die super schmale amalfitansiche Küstenstraße krallt sich an die steilen, weißen Felsen der Monte Latari. Das sind die Milchberg der paradiesischen Halbinsel von Sorrent.

Blick auf die Steilküste der Halbinsel von Sorrent. Hier beginnt die Amalfitana

Die Penisola Sorrentina. Die Halbinsel von Sorrent. Weiße Felsen, steile Küsten, die üppige Natur des Südens. Fast schon wie das Paradies

Das letzte Abenteuer Europas

Heute schraubt sich die Amalfitana 40 Kilometer in abenteuerlichsten Kehren und Wenden durch Schluchten und über Fjorde zwischen blauem Himmel und einem unverschämt noch blaueren Meer. Eine überwältigende Herausforderung an Fahrkünste und an die Sinne. Für die einen ist die Amalfitana die schönste Küstenstraße der Welt. Für die anderen ist die Fahrt auf der Amalfitana das letzte Abenteuer Europas. Beides stimmt.

Wahnwitzige Kurven so eng wie Nadelöhre präsentieren bestürzend schöne Ausblicke auf das Thyrrhenische Meer, verträumte Küstenstädtchen und die üppige Natur des Südens. Zwei kleine Augen reichen gar nicht aus, dieses große Wunder mit der Seele ein zu atmen. Die Unesco hat die Costiera Amaltitana zum Weltkulturerbe erklärt. Absolut richtige Entscheidung! Denn hier leben Landschaft und Mensch in einer gleichberechtigten Symbiose zusammen, die Anmut, Schönheit, Heiterkeit erblühen lässt. Von welcher anderen Küste lässt sich das schon schreiben, ohne Rot zu werden?

Blick auf die schroffen Felsen der Costiera Amalfitana.

Zwischen Himmel und Meer hängt die Küstenstraße Amalfitana an den schroffen Felsen der Monte Latari. Das Meer in strahlendem Azur

Von Positano bis nach Vietri sul Mare

Die klassische Amalfitana das ist die kurvige Strecke entlang des Golfs von Salerno zwischen bezaubernden Küstenorten mit reizenden Namen Positano und Vietri sul Mare. Die Mitte der Costiera markiert die legendäre Seerepublik Amalfi. Von deren verflossenem Ruhm prächtige Kirchen und Köster künden. Kriege ich nicht in den Kopf, dass dieses heute winzige Piratennest Amalfi mal das Zentrum des Welthandels im Mittelmeer gewesen sein soll. Mindesten so bedeutend wie Venedig. Krass!

Bis zum Bau der Küstenstraße waren diese Orte mit den reizenden Namen nur über das Meer zu erreichen. Jahrhunderte lang muss das Leben einsam und abgeschieden gewesen sein. Vielleicht hat sich deswegen hier eine besondere, heitere Lebensart konserviert. Schönheit aber kennt bekanntlich keine Grenzen! Darum wird heute die gesamte Küstenstraße entlang der Südflanke der Monte Latari Amalfitana genannt.

Schon in Sant´Agata sui Due Golfi einige Kilometer vor Positano geht es los mit der unverschämten Pracht des Südens. Im Rücken liegt der Golf von Neapel. Vor dem Bauch verwandeln sich die Monte Latari zur fantastischen Costiera Amalfitana und stürzen zum Golf von Salerno hinab. Felskaskaden voller üppiger Ölhaine, stacheliger Argaven, buschiger Wolfsmilch und samtigen Ziströschen. In der Ferne auf dem glitzernden Meer schwimmen im wattigen Dunst die Galli Insel.

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Die herrlichen Badebuchten an der amalfitanischen Küste sind häufig nur mit dem Boot zu erreichen

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Morgendunst über den Galli Inseln oder den Syrenusen. Auf diesen Eilanden waren die musikalisch hochbegabten Sirenen zuhause.

Die Küste der Sirenen

Hier also beginnt die gefährliche Küste der verführerischen Sirenen. Diese mythischen Mischwesen aus Vogel und Frau hausten in längst vergangenen Zeiten auf den 3 kleinen Galli Inselchen. Mit ihren betörend schönen Stimmen lockten sie griechische Seefahrer in die schreckliche Untiefen vor der Amalfi Küste; hinab ins feuchte Grab. Bis der listenreiche Odysseus die bedrohlichen Sirenen überrumpelte und in den Selbstmord trieb.

Verführung und Gefahr verschwimmen noch heute auf der Amalfitana zu dieser eigenartig stereotypen, nervösen Melange des Südens. Gefahrenquelle ist immer noch der Verkehr. Verführerisch sind die raffinierten Kurven. Sie verleiten Autofahrer zu beweisen, wie gut sie das Lenkrad unter Kontrolle haben. Butterweich in die scharfe Kurve gelegt und dann knallhart auf dem nächsten Fahrzeug gelandet. Das sind die Sirenen-Geschichten, die die Costiera Amalfitana heute schreibt.

Deswegen ist diese Straße nicht nur eine der spektakulärsten Küstenstraße. Sie ist wahrscheinlich auch eine der am besten regulierten Straßen in Italien. Denn schlimme Unfälle soll es im Paradies nicht geben! Darum heben Polizisten und zivile Helfer in leuchtenden gelben Westen warnend die Hände, winken Fahrzeuge durch, brüllen ins Walky-Talky und managen so den Lindwurm Verkehr. Manchmal springt sogar ein Busfahrer aus seinem Bus, um einem paralysierten Autofahrer wild gestikulierend auf die Sprünge zu helfen. „Guck doch genau hin, da sind noch zwei Millimeter, die du zu Seite rücken kannst, dann passe ich mit eingeklappten Außenspiegel an dir vorbei!“

Postkarten-Liporello mit Motiven der Costiera Amalfitana. Dom von Amlfi. Der Strand von Positano. Der Garten der Villa Rufolo in Ravello

Das Schöne und das Obszöne. Im Süden manchmal ein unauflösliches Doppelpack.

Amalfitana, die Straße wo die Zitronen blühen

Tatsächlich verengt sich die Amalfitana an manchen Stellen so sehr, dass zwei Autos kaum nebeneinander passen. Für ungeübte Fahrer purer Stress. Auch die Chauffeure der Reisebusse sind gefordert. Gerade bei weither angereisten Tagesausflüglern, die in Neapel oder Sorrent übernachten, ist die Fahrt im Reisebus entlang der Costiera unglaublich beliebt. An manchen Tagen stehen die Reisebusse regelrecht im Stau. Macht aber nichts. Dann lässt sich die tolle Aussicht im Stillstand wenigstens ohne Kurverei genießen.

Beliebtes Fotomotiv an der Costiera sind die kindskopfgroßen Zitronen. So was gibt es doch gar nicht! Staune ich. Aber doch, kein fauler Trick, diese Zitronen gibt es wirklich. Lassen sich sogar anfassen. Sie heißen Cedri. Raffinierte Geschäftemacher haben die grotesken Mega-Zitronen auf den Ladeflächen ihrer kleinen Transporter geschmackvoll arrangiert. Und am Straßenrand abgestellt. Sie fungieren als Lockangebot, das die Reisenden magisch in Richtung Verkaufsstand zieht.

Verkaufsstand für frischen Zitronen- und Orangensaft oberhalb von Positano an der Amalfitana

Die Küste von Amalfi ohne Zitronen und Orangen? Undenkbar. Hier kommen die Agrumen als Frucht, als Saft, als Granita und als aufklappbare Bar

Kaum hat sich ein Nordeuropäer über die Riesenfrüchte gebeugt, springt ein altes Mütterchen herbei. Stimmlich ist sie eine moderne Interpretation der Sirenen. Sie preist eine Gewürzmischung aus Kräutern, Knoblauch und Chilli und ruft: „Spaghetti alla Puttanesca“. Nudeln alla Nuttensoße. Sie hebt die Finger ihrer knöchrigen Hand, weist auf getrocknete Peperoni-Schoten und feixt aus zahnlosem Mund: „Viagra naturale! Cosi si fa l’amore!“ Gefahr und Verführung. An der Amalfitana kommt das fast immer im Doppelpack.

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Das Schöne, das Obszöne, das Ordinäre. Der Süden wuchert mit seinen scharfen Kontrasten

Unterwegs im Paradies

Ich finde die Costiera Amalfitana einfach nur fantastisch. Ich kann mich für die Küste richtig in Rage begeistern. Mich beeindrucken das azurblaue Meer, die bizarren Felsformationen, die wildwuchernde Natur. Manche Felsen haben sogar poetische Namen: Garibaldi, Madonnina, Liebende. Ist das toll?

Besonders fasziniert mich, wie die Menschen sich diese Küstenlandschaft zu eigen gemacht haben. In Jahrhunderten voller Kleinstarbeit haben sie den unwirtlichen, steilen Felsen, die freiwillig keinen Raum zum Siedeln oder Häuslebauen bieten, dieses üppige Paradies auf Erden abgerungen. Weißgekalkte, kubische Häuschen schmusen sich zu kleinen Städten aneinander. Kuppeln und Gewölbe verzaubern diese schlichte Architektur in einen Traum vom fernen Orient. Inselstil! Terrassenfelder, Wein, Oliven, Zitronen klettern die steilen Hänge der Monte Latari bis in die Wolken empor. Städte oder Städtchen gehen mit der Landschaft tatsächlich eine einzigartig enge Bindung ein.

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Kleine gedrehte Säulen, verschränkte Bögen und Blattmotive. Orientalischer Bauschmuck aus der Villa Rufolo in Ravello

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Geometrische Verschlingungen. Mosaik aus dem Paradies-Kreuzgang in Amalfi

Reste alter Herrlichkeit und neue Blüte

Das alles ist das Erbe einer bäuerlichen, ärmlichen Welt. Sie entstand nachdem die glorreiche Zeit der Seerepublik Amalfi schon lange Vergangenheit war. Verstreut blitzt diese geheimnisvolle Geschichte in den Städtchen Amalfi und besonders in Ravello auf. In räudigen spitzen Bögen und funkelnden Mosaiken, inspiriert vom Luxusdesign des arabischen Morgenlandes. Die versprengten Fragmente der lang entschwundenen Blütezeit der Städte an der Amalfiküste regen Ferdinand Gregorovius, in seinem wunderbaren Buch Wanderjahre in Italien zu folgenden Betrachtungen an:

“Wie nun alle jene Landschaften Neaples heruntergekommen sind, lehren solche Überreste alter Herrlichkeit in den verarmten Städten. Zweimal blühten jene von der Natur überschwenglich gesegneten Küsten: im griechischen Altertum, wovon das nahe Paestum das redende Zeugnis gibt, und im republikanischen Mittelalter, als Neapel, Gaeta, Amalfi und Sorrent mit ihren Flotten die Meere bedeckten.“

Tempi passati. Im Zeitalter des Massentourismus erblüht die von der Natur überschwänglich gesegnete Amalfitana ein drittes Mal. Die Barbesitzer, Andenkenverkäufer, Bootsvermieter, Hoteliers, Eisverkäufer und Parkplatzwächter reiben sich bestimmt jeden Abend ungläubig die Augen, was die Demokratisierung des Reisens so alles in ihre Geldbörse spült. Dazu später mehr, wenn ich über das Piratennest Amalfi schreibe.