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Zum Arp-Museum ums Rolandseck

Das „selige Tal des Rheins“, wie Hölderlin schrieb, war immer schon ein Refugium romantischer Spazier- und Müßiggänger. Wir haben den klassischen Sonntagsausflug auf einen Dienstag verlegt – die Schulferien machen’s möglich – und das Arp-Museum in Rolandseck besucht. Eine Entdeckung!

Bequemer geht es nicht. Jede Stunde fährt die Mittelrheinbahn von Köln nach Rolandseck. Dort steht seit 1858 ein bildschöner Bahnhof und blickt über den Rhein auf das Siebengebirge. Jetzt hat dort die Kunst Platz genommen – in Form des spektakulären Arp-Museums.

Das sehen wir allerdings erst gar nicht. Wir sehen das Bahnhofsgebäude von hinten – da, wo die Gleise am Fuß eines üppig bewaldeten Hangs verlaufen. Als wir um den Bau herumgehen, finden wir uns auf einer Art Bühne wieder. Über uns ranken sich schmiedeeiserne Arkaden, dahinter öffnet sich das Rheintal bis zur blaugrünen Silhouette jener Berge, deren Anblick Alexander von Humboldt als eine der sieben schönsten Ansichten der Welt katalogisierte.

Laut Alexander von Humboldt eine der sieben schönsten Ansichten der Welt: Blick vom Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck auf das Siebengebirge

Laut Alexander von Humboldt eine der sieben schönsten Ansichten der Welt: Blick vom Bahnhof Rolandseck auf das Siebengebirge

Dem sonnengebräunten Gesicht heutiger Fernreisender mit ihrem suchsensorgeschulten Blick entlockt das wahrscheinlich nur ein müdes Lächeln, aber erstens haben die meisten von ihnen wahrscheinlich noch nie das Siebengebirge gesehen und zweitens sind touristische Superlative wie der Zuckerhut von Rio oder die Yangtse-Schlucht in China nicht in einer halben Stunde zu erreichen, schon gar nicht mit dem Zug. Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass der alte Goethe mit seiner Weisheit – „sieh, das Gute liegt so nah“ – recht behält.

Wo ist bloß das Arp-Museum

Jetzt aber genug von den Klassikern und auf ins Arp-Museum. Vom Rheinufer aus zieht zuerst der prächtig restaurierte Bahnhof alle Blicke auf sich. Schon 1964 sollte er ausrangiert und abgerissen werden, doch machte ihn der umtriebige Bonner Galerist Johannes Wasmuth kurzerhand zum „Kulturbahnhof“ – mit Konzerten, Ausstellungen und Lesungen. Ihm ist auch die Idee zu verdanken, hier Werke von Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp auszustellen. Im September 2007, zehn Jahre nach Wasmuths Tod, feierte das Arp-Museum Bahnhof Rolandseck offiziell Eröffnung.

Rolandseck: Großer Bahnhof für Kunst und Kultur - und Züge fahren hier auch noch. Rechts oben thront der Neubau des Arp-Museums von Richard Meier.

Rolandseck: Großer Bahnhof für Kunst und Kultur – und Züge fahren hier auch noch. Rechts oben thront der Museumsneubau von Richard Meier.

Aber wo ist es? Im Bahnhof, der vor allem als Entree funktioniert und nur begrenzt Platz für Ausstellungen bietet, irren wir zunächst etwas orientierungslos umher – die Beschilderung ist nicht besonders glücklich – und landen im wunderbar restaurierten Festsaal.

Der prachtvolle Festsaal des Arp-Museums ist heute das Prunkstück des Museums-Bistros. Rechts geht's zur grandiosen Aussichtsterrasse mit Blick ins Rheintal - wohin sonst?

Der prachtvolle Festsaal ist heute das Prunkstück des Museums-Bistros. Rechts geht’s zur grandiosen Aussichtsterrasse mit Blick ins Rheintal – wohin sonst?

Erst im zweiten Anlauf trauen wir uns durch den langen Gang, der keine Ähnlichkeit mit einer Bahnunterführung hat, aber genau das ist. An der Wand steht, passend zum Dada-Jahr, ein Arp-Zitat: „Dada hat Schwingen, die gewaltiger als 100 Urwälder sind“. Doch erst mal gibt’s kein Dada, sondern „Menschenskinder“.

Entree des Arp-Museums als Rauminszenierung: Dieser Gang gewährt Zutritt zum eigentlichen Museum. Darüber verlaufen die Bahngleise.

Entree als Rauminszenierung: Dieser Gang gewährt Zutritt zum eigentlichen Museum. Darüber verlaufen die Bahngleise.

Anfassen erlaubt

Menschenskinder heißt die Sonderausstellung aus der Kunstsammlung Rau, die ebenso zum Arp-Museum gehört wie die Werke von Arp selbst. Die Sonderschau, die noch bis zum 16. Oktober zu sehen ist, dreht sich um Kinder und Kindheit vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Dabei kombiniert sie historische Gemälde mit zeitgenössischen Fotografien, zeigt herausgeputzte Kinder und verängstigte, den „Clown im grünen Kostüm“ von August Macke und das Mädchen im syrischen Bürgerkrieg.

Dazwischen gibt es immer wieder Stationen zum Anfassen und Ausprobieren: alte Schulbücher in einem Ledertornister, Schubladen voller Fundstücke, ein klassischer Schminktisch mit einer Barbie-Puppe, der Ärzte aufgrund ihrer absurd idealisierten Körperformen ein verheerendes Gesundheitszeugnis ausstellen – von Arthrose bis Unfruchtbarkeit.

Wenn Barbie ein Mensch wäre, wäre sie nicht nur ein Fall für den Orthopäden. Schönheitsideale sind Teil der Ausstellung "Menschenskinder", die noch bis Oktober im Arp-Museum zu sehen ist.

Wenn Barbie ein Mensch wäre, wäre sie nicht nur ein Fall für den Orthopäden. Schönheitsideale sind Teil der Ausstellung „Menschenskinder“, die noch bis Oktober zu sehen ist.

An einer Gesundheitsstation drückt mir mein Sohn plötzlich das Bruststück eines Stethoskops auf die Herzgegend und hantiert mit Armprothesen herum. Ein digitales Blutdruckgerät drückt den Arm zusammen – „Papa, wie macht man das wieder aus?!“ – und ein Set von Brillen simuliert fiese Augenkrankheiten.

Anfassen erlaubt: die Gesundheitsstation in der Ausstellung "Menschenskinder" im Arp-Museum als interaktiver Baukasten

Anfassen erlaubt: die Gesundheitsstation in der Ausstellung „Menschenskinder“ als interaktiver Baukasten

Fahrstuhl ins Licht

Der weitere Rundgang durchs Arp-Museum ist eine Art Metamorphose. Über eine große Glaswand springt wuchernde Natur ins Blickfeld, danach führt ein Tunnel samt Neonhelix in einen schwindelerregenden Schacht, den ein verglaster Fahrstuhl lautlos gleitend erklimmt – aus der Dunkelheit ans Licht.

Der Neubau des Arp-Museums bohrt sich mit diesem Tunnel in den Berghang hinein. Eine Neonhelix sorgt für kunstvolle Beleuchtung.

Der Museumsneubau bohrt sich mit diesem Tunnel in den Berghang hinein. Eine Neonhelix sorgt für kunstvolle Beleuchtung.

Sieht ein bisschen wie ein Weltraumbahnhof aus, ist aber ein sehr effektives Bindeglied zwischen historischem Bahnhofsgebäude und dem Neubau des Arp-Museums: der Fahrstuhl ins Licht.

Sieht ein bisschen wie ein Weltraumbahnhof aus, ist aber ein sehr effektives Bindeglied zwischen historischem Bahnhofsgebäude und Museumsneubau: der Fahrstuhl ins Licht.

Oben herrscht eine Leichtigkeit, die viel mit Blickachsen und der Farbe Weiß zu tun hat. Die Sammlung Arp steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des 100-jährigen Dada-Jubiläums. Zitate, Tonaufnahmen und Filme dokumentieren unter anderem die Bedeutung der Sprache für diese erstaunliche Kunstbewegung. „Bevor Dada da war, war Dada da.“ Das macht Spaß.

Spaß macht auch, wie präsent die ausgestellten Objekte – neben Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp derzeit auch Skulpturen von Barbara Hepworth – in der Architektur wirken. Das schließt die reizvolle Wechselwirkung von Werken und Besuchern mit ein, die manchmal in- und übereinander geblendet werden und Arps organische Formensprache buchstäblich in ein neues Licht rücken.

Was ist hier Objekt und wer Besucher? Optische Wahrnehmungsebenen in der Sammlung Arp im Arp-Museum

Was ist hier Objekt und wer Besucher? Optische Wahrnehmungsebenen in der Sammlung Arp

Jede Menge Terrassen

Der Museumsneubau, in dem das passiert und den der amerikanische Architekt Richard Meier in die Hänge des Rheintals gesetzt hat, schwebt 40 Meter über dem Bahnhof Rolandseck. Weiß und kantig setzt er einen deutlichen Akzent zum umgebenden Grün, öffnet sich aber zugleich nach allen Seiten und ist daher alles andere als ein Fremdkörper.

Außenterrasse im Grünen: Das Arp-Museum hat klare Konturen und ist offen für die umgebende Natur.

Außenterrasse im Grünen: Das Arp-Museum hat klare Konturen und ist offen für die umgebende Natur.

Überall blickt die Außenwelt ins Arp-Museum hinein. Beim Verlassen des Aufzugs steht oben der Himmel in einem augenförmigen Fenster, Licht, Luft und Weite sind tragende Elemente der Architektur. Im Treppenhaus gehen Außen und Innen derart ineinander über, dass jeder Treppenabsatz zu einer Art Terrasse wird.

Bildhafte Architektur: Das Dachfenster im Arp-Museum blickt in den Himmel und umgekehrt

Bildhafte Architektur: Das Dachfenster blickt in den Himmel und umgekehrt

Außen und innen, oben und unten: Die Treppen im Arp-Museum sind Bindeglied und Skulptur zugleich.

Außen und innen, oben und unten: Die Treppen sind Bindeglied und Skulptur zugleich.

Echte Terrassen gibt es auch, und davon gleich mehrere. Während andere Museen nur einen Ein- und Ausgang besitzen und die Außenwelt weitgehend ausblenden, führen hier immer wieder Türen ins Freie. Das ist kein Selbstzweck: Es geht nicht in erster Linie darum, das Gebäude in Szene zu setzen, sondern die Umgebung. Das fühlt sich an wie das Panorama auf einem Berggipfel oder der Blick von einem Ozeanriesen beim Anlegen an einer waldgrünen Insel. Und wer nach dem Museumsrundgang hungrig ist, verlängert dieses Blickerlebnis einfach beim Essen auf der umwerfenden Veranda des Museumsbistros unten im Bahnhofsgebäude.

Der Blick von der obersten Terrasse des Arp-Museums weckt maritime Assoziationen.

Der Blick von der obersten Museumsterrasse weckt maritime Assoziationen.