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5 Lüttich-Tipps (Teil 1): Ein Stadtrundgang der Kontraste

Klein, aber fein? Passt nicht zu Lüttich. Eine Metropole? Trifft es auch nicht. Der spröde Charme lebt von den Widersprüchen: Altstadt und Industrie, Jugendstil und Malocher-Image, krasse Bausünden und spektakuläre Architektur-Highlights. Hier sind fünf Tipps für einen Stadtrundgang voller Kontraste

Der Zug fährt pünktlich in Köln ab. Der junge Mann, der uns gegenüber sitzt, hat offenbar anderes erwartet. Er wird am Bahnhof abgeholt, erzählt er uns freimütig, und soll unbedingt gleich Bescheid sagen, wenn er Verspätung hat. „Ich genieße sonst den Luxus eines Autos“, sagt er etwas gestelzt. Schon an der nächsten Station steigt er aus, in Aachen. Viel Aufhebens um eine halbe Stunde Fahrt, denken wir verdutzt.

Nach einer weiteren halben Stunde sind auch wir schon am Ziel: Lüttich bzw. Liège. Ist das überhaupt eine richtige Reise? Jedenfalls keine lange, was sehr angenehm ist. Trotzdem hat sich einiges verändert: die Sprache, das Essen, die Atmosphäre… Nur das Wetter ist gleich: nicht warm und nicht kalt, wie oft im März, wenn der Frühling auf sich warten lässt. Am Himmel ziehen Wolken.

Wir registrieren das nur am Rande, weil wir abgelenkt sind. Und hier kommt schon der erste unserer Lüttich-Tipps: Wer mit dem Zug nach Lüttich reist, beginnt den Stadtrundgang gleich mit einem Paukenschlag.

Geschwungene weiße Metallstreben, die wie die Rippen eines gewaltigen Wals aussehen, wölben sich zur Kuppel des neuen Fernbahnhofs der Stadt und machen ihn unter den Tipps zu Lüttich zur Nummer 1 und zum Highlight für jeden Stadtrundgang – noch vor der Altstadt.

Unter den Tipps zu Lüttich ganz klar die Nummer 1: Die schwerelose Architektur von Santiago Calatrava macht den Fernbahnhof der Stadt zu einer Hauptsehenswürdigkeit.

Lüttich-Tipp 1: Ein Bahnhof wie ein UFO

Kein Gebäude in Lüttich hat diese Präsenz – nicht die Fassaden im Jugendstil, nicht die Paläste der Altstadt, nicht einmal der überwältigende Innenraum der Oper. Dieser Bahnhof von Stararchitekt Santiago Calatrava, 2009 nach über zehn Jahren Bauzeit fertiggestellt, hockt im Viertel Guillemins wie ein Raumschiff, das gerade aus einer fernen Galaxis hier gelandet ist. Weiß, gläsern, luftig, scheinbar schwerelos, ohne Ecken und Kanten ist er das genaue Gegenteil vom Rest der Stadt.

Woher die Stadtverwaltung das Geld und den Mut genommen hat, um diesen Wunderbau zu verwirklichen, wissen vermutlich nicht mal die Lütticher selbst. Aber sie kommen gern hierher, besonders sonntags, wenn Lüttich jenseits des berühmten Marché de la Batte in Lethargie verfällt. Dann sind die Cafés im Erdgeschoss des Bahnhofs gut gefüllt, und auch auf dem Vorplatz stehen vereinzelt Gruppen, während der träge Nachmittag wie in Zeitlupe vergeht.

Ein Latte-Macchiato-Glas und eine Apfeltasche in Großformat, im Hintergrund das Untergeschoss des neuen Fernbahnhofs der Stadt. Zusatz zu den Lüttich-Tipps: Gerade sonntags gibt es bei schlechtem Wetter nicht viele Plätze, an denen man gemütlich sitzen kann. Das gilt auch für Lüttichs Altstadt. Deshalb erfreuen sich die Cafés im Bahnhof – vor oder nach einem Stadtrundgang – großer Beliebtheit.

Die Ebene des Bahnhofs unterhalb der Gleise wirkt überraschend gedrungen. Nicht nur Zugreisende nutzen die Cafés.

Doch so schön der Bahnhof ist, so wenig passt er in seine Umgebung. Vor der breiten Freitreppe ist der Boden noch sorgfältig gepflastert und symmetrisch angeordnete Beete und Rasenflächen gliedern den öffentlichen Raum. Und was kommt dann? Ein umzäunter Parkplatz, noch ein umzäunter Parkplatz, dahinter eine große, ungenutzte Freifläche, flankiert von einer Reihe niedriger Häuser und gefolgt von einer Baustelle. Und dann kommt der 118 Meter hohe Paradis-Turm. Der ist eigentlich ein Bankenturm in der üblichen Glas-Betonbauweise und verdankt seinen poetischen Namen einer Kapelle, die vorher hier stand. Fazit: Seit 2009 gibt es kein Konzept, wie sich der Bahnhof ins übrige Stadtbild fügen soll.

Blick von der Fußgängerbrücke La Belle Liègoise auf den ungeordneten Raum vor dem Bahnhof. Der Bahnhof ist ein guter Ausgangspunkt für einen Stadtrundgang durch Lüttich, aber der Vorplatz ist keines Tipps wert.

Blick von der Fußgängerbrücke La Belle Liègoise auf den ungeordneten Raum vor dem Bahnhof: Mit einem modernen Bahnhofsbau ist es nicht getan. Hier fehlt es an Ideen (und vielleicht auch Geld), wie die Umgebung mit einbezogen werden kann.

Das ist typisch für Lüttich, wie wir bei unserem Stadtrundgang rasch feststellen. Immerhin ist die Altstadt so weit vom Bahnhof entfernt, dass der Kontrast nicht ins Gewicht fällt. Umso größer ist der Gegensatz zu den kleinstädtisch wirkenden Straßenzügen gleich nebenan. Hier stehen zugleich einige herausragende Beispiele für den Lütticher Jugendstil, die mit Calatravas Architektur in etwa so viel zu tun haben wie ein Kolibri mit einem Schwan. Damit sind wir bei Teil 2 unserer Lüttich-Tipps.

Relief eines Kopfes an einer Hausfassade im Jugendstil. Ein Stadtrundgang zu den Jugendstil-Gebäuden gehört zu den wichtigsten Lüttich-Tipps und erschließt neben der Altstadt auch andere Viertel der Maasmetropole.

Ein Stadtrundgang – oder mehrere – zum Thema Jugendstil gehört zu den wichtigsten Tipps für Lüttich. Das Reizvolle daran: Die Routen erschließen neben der Altstadt auch andere Viertel der Maasmetropole.

Lüttich-Tipp 2: Jugendstil dank Kohle und Stahl

Das Industriezeitalter des europäischen Kontinents beginnt in Belgien. Lüttich spielt dabei ganz vorne mit. 1720 geht in der Umgebung die erste Dampfmaschine des europäischen Kontinents in Betrieb – als Pumpenantrieb zur Entwässerung einer Zeche. Für weitere kontinentaleuropäische Premieren sorgt die Dynastie des englischen Maschinenbauers William Cockerill. 1800 konstruiert er in der Nachbarstadt Verviers die erste Spinnmaschine, 1807 gründet er eine ganze Fabrik für Textilmaschinen in Lüttich selbst. Aus den Kokshochöfen, die sein Sohn John Cockerill im ehemaligen Palast der Lütticher Fürstbischofe im benachbarten Seraing installiert, entwickelt sich bis 1850 der größte Industriekomplex seiner Art in Europa. Die erste Dampflok, „La Belge“, geht dort auf die Schiene, und auch den Eisenbahnbau treiben die Cockerill-Werke massiv voran.

Die industrielle Vergangenheit prägt das Bild der Stadt bis heute. Lüttich ist eine ehemalige Hochburg der Arbeiterbewegung, gleichzeitig wurde hier viel Geld verdient. Ein Relikt dieses Wohlstands blitzt in den verstreuten Jugendstil-Fassaden auf, die wir bei unserem Stadtrundgang gezielt ansteuern. Viele der Häuser sind dringend renovierungsbedürftig – möglicherweise eine Folge des teuren Bahnhofbaus. Trotzdem zeigen die Fassaden einen Grad von Glamour, der Lüttich heute völlig abgeht.

Blick auf ein Fenster mit einer Verzierung aus blauen Pfauen in Glaseinlegearbeit. Jugendstil in Lüttich ist oft unspektakulär, deshalb ist einer der wichtigsten Tipps: Augen auf beim Stadtrundgang, gerade auch außerhalb der Altstadt!

Diese Pfauen prangten gleich gegenüber unseres Hotelzimmers. Die Beispiele für den Jugendstil in Lüttich sind oft unspektakulär, aber dafür umso zahlreicher.

Andererseits ist dieser Glamour – etwa im Vergleich zu den schwülstigen Exzessen in Riga – auffällig zurückhaltend. Vielleicht liegt es daran, dass die örtlichen Stahl- und Kohlemagnaten und ihre leitenden Angestellten einen eher nüchternen Geschmack pflegten. Manchmal ist der Jugendstil à la Liège deshalb geradezu spektakulär unspektakulär, was unseren modernen Sehgewohnheiten sehr entgegenkommt. Oft beschränkt sich die Verzierung auf Details im Bereich der Türen und Fenster, Figürliches spielt eine ganz und gar untergeordnete Rolle.

Schmuckdetail an einer Jugendstil-Fassade. Zusatz zu den Lüttich-Tipps: In einigen Straßen zwischen dem Bahnhof Lüttich-Guillemins und der Altstadt braucht man beim Stadtrundgang nur ab und zu mal hochzuschauen und entdeckt immer neue Einzelheiten.

Schmuckdetail an einer ansonsten recht nüchternen Jugendstil-Fassade des Lütticher Architekten Paul Jaspar.

Unser Jugendstil-Stadtrundgang konzentriert sich auf das Viertel zwischen dem Botanischen Garten und der rue des Guillemins gleich nördlich des Bahnhofs. In den 1830er Jahren entstehen hier die ersten repräsentativen, meist klassizistischen Wohnhäuser, der Stadtteil gilt als gutbürgerlich. Um 1900 renovieren die Hausherren ihre Domizile. Sie passen besonders die Fassaden der herrschenden Mode an und integrieren Elemente aus dem Jugendstil, ohne die Hausansicht komplett neu zu gestalten. Ein besonderes Merkmal sind Verzierungen aus Metall – die Stahlstadt Lüttich saß ja an der Quelle. Die Namen der Architekten – Victor Rogister, Paul Jaspar, Clément Pirnay, Arthur Snyers – sind international wenig bekannt, haben jedoch das Erscheinungsbild von Lüttich entscheidend mitgeprägt.

 ALT: Lüttich-Tipps für Jugendstil-Liebhaber: Dieser Türgriff aus Metall in Form eines Drachenkopfes gehört zu einer Haustür, die auf einem Stadtrundgang durch das Guillemins-Viertel zwischen der Altstadt und dem neuen Fernbahnhof liegt.

Ästhetische Konvention oder Warnung vor dem aufbrausenden Charakter des Hausherrn? Türgriffe aus Metall an einer Jugendstil-Fassade im Lütticher Viertel Guillemins.

Noch ein Tipp zum Schluss: Ein Hotspot für Jugendstil in Lüttich ist auch der nördliche Teil des Viertels Amercoeur im Umkreis der rue Général de Gaulle am rechten Ufer der Maas. Der Parcours zu den interessanten Häusern ist gut vier Kilometer lang. Der Stadtrundgang, dem wir gefolgt sind, kommt auf knapp drei Kilometer und liegt näher an der Altstadt. Wer also nicht so viel laufen will, ist mit der Jugendstil-Tour im Guillemins-Viertel bestens bedient.

Teil 2 unserer Lüttich-Tipps folgt nächste Woche. Es geht in die Altstadt rund um die Kathedrale und hoch auf den Zitadellenhügel. Die Frage, was der „Café Liègeois“ mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat, führt direkt zur deftigen Lütticher Küche und zum Marché de la Batte…