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Ratingen: Die erste Fabrik

Der Erfolg hat viele Väter. Keine Zeit zu verlieren heißt einer davon. Darum geht es in Ratingen. Und um einen, der es früh verstand, Zeit zu Geld zu machen. Wir haben ihn besucht – und die erste Fabrik des Kontinents gefunden…

Johann Gottfried Brügelmann hieß der, der hier einst das Sagen hatte. Schwerreicher Kaufherr und Textilmagnat des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit Handelshäusern und Fabriken vom Rheinland bis nach München. Das Herrenhaus am Stammsitz Ratingen ist wie ein Spiegel dieses Erfolgs: Aufbruch, Wirtschaftsmacht, Selbstbewusstsein, gesellschaftlicher Anspruch dringen aus jeder Fuge. Lustvoll ahmt die geschwungene Architektur die Bautradition spätbarocker Schlösser nach – ein gezielter Affront des bürgerlichen Aufsteigers gegen die wankende Vorherrschaft des Adels. Hoch über der herrschaftlichen Freitreppe prangt an Stelle des Familienwappens das Metronom der heraufdämmernden Industriellen Revolution: eine Uhr. Zeit ist Geld.

Ratingen Cromford - Das Herrenhaus: Mit schlossartigen Herrenhäusern wie diesem lösen die Industriebarone den alten Adel ab

Mit schlossartigen Herrenhäusern wie diesem lösen die Industriebarone den alten Adel ab.

Diesen Prunk hatten wir nicht erwartet – auf dem Besuchsprogramm stand doch ein Industriebau! Doch gleich hinter dem Herrenhaus geht‘s zur Sache. Dort erhebt sich die Hohe Fabrik, vormalige Baumwollspinnerei Brügelmann, heute eine Zweigstelle des Rheinischen Industriemuseums. Ein riesiges hölzernes Schaufelrad beherrscht das Erdgeschoss. Einst vom umgeleiteten Wasser der Anger angetrieben, setzte es über wuchtige Zahnräder und schwere Transmissionsbalken die ausgeklügelte Mechanik in Gang, die das Gebäude in immer gleichem Rhythmus durchpulste und Maschinen und Menschen in Atem hielt.

Maschinendämmerung in der Provinz

Die Revolution, die hier in Ratingen stattfand, war nicht nur eine technische. Sie brach mit allem, was Arbeit bis dahin ausmachte. Statt dem Handwerker gab es nun die Produktionsstraße, die den Herstellungsprozess in viele Arbeitsschritte zerstückelte. Das Museum macht das mehr als deutlich, indem es den maschinellen Weg vom Rohstoff Baumwolle zur Ware Garn exemplarisch nachzeichnet. Die großen, häkchenbewehrten Trommeln von Grob- und Feinkarde kämmen und komprimieren die Wolle, das Streckwerk verfeinert sie in mehreren Durchläufen zum Vorgarn, und erst die Feinspinnmaschine macht daraus durch Spannen und Drehen reißfestes Garn. All dies geschieht gleichzeitig und in einem für damalige Verhältnisse atemberaubenden Tempo. Automatisierte Arbeitsteilung. Zeit ist Geld.

Hightech gegen den Garnhunger

„Hightech aus der Epoche der Französischen Revolution“ nennt das der ehemalige Museumschef Eckhard Bolenz; heute Leiter des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Vor allem die monumentale Feinspinnmaschine – „so schwer wie mehrere VW-Käfer“ – mit ihrer militärisch strengen Anordnung von Spulen und Walzen auf verschiedenen Ebenen war technisch der letzte Schrei. Sie trägt, wie alle Maschinen hier, einen englischen Namen: Water Frame. Denn die Technologie der Ratinger Baumwollspinnerei stammt ausnahmslos aus England.

Johann Gottfried Brügelmann hatte keine Zeit, den Vorsprung der damals führenden Industrienation nachzuholen, er musste rasch handeln. Europas Bevölkerung wuchs schneller denn je, das aufsteigende Bürgertum belebte den Markt mit seinem erwachenden Modebewusstsein, die arbeitsintensive Textilherstellung – zehn Spinner auf einen Weber – schrie nach Rationalisierung. Die gestiegene Nachfrage führte zu Engpässen. Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts stand im Zeichen einer Mangelerkrankung besonderer Art: Garnhunger. Besonders England litt darunter, und englische Unternehmer waren es auch, die die wirksamste Medizin dagegen entwickelten: Spinnmaschinen.

Ratingen Cormford: Die beiden „Water Frames“ des Ratinger Museums werden für Besucher in Bewegung gesetzt.

Die beiden „Water Frames“ des Ratinger Museums werden für Besucher in Bewegung gesetzt.

Cromford in Ratingen: Industriespionage im Zeichen des Fortschritts

Brügelmann bewunderte Geschäftssinn und Erfindungsgeist der englischen Kollegen – so sehr, dass er beschloss, sich ihr Know-how zunutze zu machen. Er betrieb Industriespionage. Seine Spitzel besorgten ihm Bauskizzen und schmuggelten Einzelteile nach Deutschland, die er von abgeworbenen englischen Fachleuten zusammensetzen ließ. Auf diese Weise entstand in Ratingen im Jahr 1784 die erste Fabrik des Rheinlandes, wahrscheinlich sogar die erste Industrieanlage des gesamten europäischen Kontinents. Ihr Besitzer nannte sie Cromford, nach dem Ort in England, in dem 1771 die weltweit erste wassergetriebene Baumwollspinnerei ihren Betrieb aufgenommen hatte.

Die Maschinen von einst existieren nicht mehr. Diejenigen, die heute im Ratinger Museum mit Hilfe eines Elektromotors ihren Dienst tun, haben mit ihren Vorläufern eines gemeinsam: Sie kopieren, wenigstens zum Teil, noch erhaltene Originale in England – ganz legal allerdings, im Dienste historischer Rekonstruktion. Begleitet von Klang- und Videoinstallationen und übersichtlichen Texten zeichnen sie ein vielschichtiges Bild von dem mahlenden Betrieb einer frühindustriellen Fabrikanlage.

Ratingen Cromford: Die Kardiermaschine mit ihren scharfen Zähnen kämmt die Baumwolle zu einem Vlies. Die Verletzungsgefahr für die Arbeiter war groß.

Die Kardiermaschine mit ihren scharfen Zähnen kämmt die Baumwolle zu einem Vlies. Die Verletzungsgefahr für die Arbeiter war groß.

Ausbeutung und Luxus

Für die Arbeiter war es eine Knochenmühle. Brügelmann stellte, wie damals üblich, vor allem Kinder ein – aus Kostengründen. Zwölf und mehr Stunden standen sie an den Maschinen, die jüngsten von ihnen sechs Jahre alt. Für die nötige Disziplin sorgten Aufseher und eine mittelalterliche Glocke aus einem Kloster, das im Zuge der napoleonischen Kirchengut-Enteignungen in den Besitz Brügelmanns gelangt war. Der Darstellung des tristen Fabrikalltags im Frühkapitalismus stellt das Museum Vitrinen mit kostbaren Baumwollkleidern gegenüber: Luxusobjekte aus den Händen minderjähriger Arbeitssklaven – für die, die sich den Luxus leisten konnten, frei über ihre Zeit zu verfügen.

Zeit ist Geld. Nichts könnte das greller illustrieren als das Zahnradwerk einer Uhr, die ehemals im Herrenhaus der Fabrikantenfamilie hing. Darin eingraviert findet sich die Jahreszahl 1790 und der Firmenname Winkel, Elberfeld, damals der teuerste Uhrmacher im ganzen Herzogtum Berg. „Die ließen sich Zeit eben etwas kosten“, resümiert Eckhard Bolenz.

Service

Für alle, die im Rheinland wohnen, liegt der Frühkapitalismus gleich um die Ecke, genauer: in der Cromforder Allee 24 in 40878 Ratingen. Hier gibt’s alle wichtigen Infos.

Wenn es nicht gerade Cromford sein muss – die Auswahl an spannenden Industriedenkmälern im übrigen Deutschland ist riesig! Den besten Überblick – und zugleich den jeweils einfachsten Zugang zu Standorten in der Nähe – verschafft die frisch aufpolierte Seite der Europäischen Route der Industriekultur. Wer sich von der schieren Masse nicht abschrecken lässt, findet gleich ein ganzes Bündel an Tagesausflügen ins Zeitalter der Industrialisierung. Das funktioniert natürlich auch europaweit – vielleicht ein Tipp für den nächsten Urlaub?