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#melancholicwalks – Die Holzhäuser von Riga

April. Kurzurlaub in Riga. Eher eine ungewöhnliche Reisezeit. Warum nicht auch die Zeit für ungewöhnliche Beschäftigungen? Ich mache Melancholische Spaziergänge und entdecke eine für mich neue Welt: Die Holzhäuser von Riga. Erstaunlich, was Riga abseits ausgetretener Pfade zu bieten hat.

Riga im April? Kann man machen. Vielleicht nicht das beste Frühlings-Reiseziel, denn es ist ziemlich kühl. Es friert sogar und schneit ein bisschen. Deswegen sind die Nasen der wenigen Passanten, denen ich begegne, rot gefröstelt. Die Stimmung ist ein bisschen melancholisch. Eben Lettisch Grau. Zum Glück habe ich dicke Socken eingepackt. Die halten mich überall prächtig warm. Außerdem bin ich nur für ein paar Tage hier.

Tagsüber ist der Himmel strahlend blau. Riga ist ziemlich menschenleer. Die internationalen Touristen-Massen und Kreuzfahrer fallen erst ab Mitte Juni ein. Die Bäume sind noch kahl. Und so kann sich Riga nicht hinter frischem Grün verstecken. Deshalb liegt die Stadtlandschaft einfach nackig und verletzlich da.

Ich wohne bei meinen Freund K. K hat das für diese Jahreszeit perfekte Vergnügen in Riga erfunden. Den Melancholischen Spaziergang. So ein #melancholicwalk lässt sich nach folgendem Rezept in Riga einfach selber machen: Stadtviertel in der Nähe des Zentrum durchwandern, die auf keinen Fall im Stadtprospekt erwähnt werden. Ich habe an jedem Tag in Riga so einen zauberhaften Melancholischen Spaziergang gemacht.

Ein gelbes Echhaus mit Türmchen. Eines der vielen Holzhäuser in Riga..

Rund um das mittelalterlich Zentrum Rigas prächtige Holzhäuser in ganz unterschiedlichen Ausführungen

Holzhäuser als Weltkulturerbe

Dabei bin ich vor allem auf die Holzhäuser von Riga gestoßen. Riga ist für die meisten Reisenden ganz einfach die Stadt des Jugendstils. Klar nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Jugendstil-Bauten wie in Riga. Das ist einzigartig und als Weltkulturerbe von der UNESCO geschützt. Zum Welterbe gehören aber auch die tollen Holzhäuser von Riga.

Während an den Jugendstil-Häusern kräftig renoviert und aufgehübscht wird, gammeln viele Holzhäuser einfach von sich hin. Manche werden sogar ganz bewusst dem Verfall ausgesetzt. Meist aus pragmatisch finanziellen Gründen. Denn die Holzhäuser stehen unter Denkmalschutz. Abreißen verboten! Aber wenn das Holzhaus erst einmal so durchgefault ist, dass es nicht mehr renoviert werden kann, dann muss abgeräumt werden. Eine schicke Investoren-Architektur – gewürgt aus Glas und Beton – kann in Baulücke geklotzt werden.

Dabei gibt es für Letten eigentlich nichts Fantastischeres als Holzhäuser. Jeder meiner lettischen Freunde und Freundinnen schwärmt für die Holzarchitektur; besonders auf dem Land aber auch in Riga. Über 2000 Holzhäuser gibt es in der Stadt. Nur wenige sind renoviert oder modern ausgestattet. Das hängt nicht nur mit Investoren-Gier oder Ignoranz zusammen. So ein Holzhaus ist eher winzig und häufig ziemlich schräg verbaut. Als modernes Geschäftsgebäude taugt so ein Holzhaus deswegen selten. Im Zentrum ist es daher schwer, für diese Micro-Flächen eine Verwendung zu finden. Kita oder Musikschule oder schnuckeliges Café geht immer im Holzhaus. Aber so viele braucht es davon auch nicht.

Auf der Avotu Iela sind nicht alle Holzhäuser gut in Schuss. Etwas Farbe und mehr Mieter wären eventuell die Lösung

Farbe nehmen und anstreichen, wenn das so einfach wäre

Um ein großes bürgerliches Holzhaus zu renovieren, braucht es außerdem viel Kapital. Ist es da nicht besser, neu zu bauen? Dann lassen sich immerhin die Lage und der Grundriss des Hauses bestimmen. Marode Mietshäuser aus Holz sind sogar noch problematischer. Denn das in die Renovierung investierte Kapital lässt sich wahrscheinlich nur schwer über Mieteinnahmen wieder erwirtschaften.

Die Holzhäuser von Riga stehen außerhalb der historischen Altstadt. Alte Baugesetze aus der Zaren-Zeit erlaubten vor der gewaltigen Stadtmauern das Errichten von Häusern nur aus Holz. Die Häuser vor den Mauern sollten im Falle einer feindlichen Belagerung Rigas schnell und einfach abgebrannt werden können. Das letzte Mal rauchten die Holzhäuser vor Riga während des Russlandfeldzug Napoleons ab. Deswegen sind die meisten Häuser auch erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden. Holz war ein billiges Baumaterial. Die gewaltigen Urwälder Mitteleuropas gaben genug davon her.

Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts dürfen auch vor den Stadtmauern Rigas Häuser aus Backstein gebaut werden. Nach und nach wuchs zwischen den Holzhäuser also die Stadt aus Stein. Deswegen ist manchmal der Übergang zwischen winzigem Holzhaus und großer Mietskaserne in Riga ziemlich krass. Irgendwie sieht Riga an vielen Stellen aus wie eine unfertige Stadt. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass in dieses großstädtische Gewimmel aus Innenstadtbrachen, Holzhäusern und Jugendstil auch noch moderne Architektur gewürfelt ist.

Holzhäuser, Backstein, Beton aus Sowjet-Tagen das ist der städtebauliche Mix rund um die Avotu Iela

Mein erster Melancholischer Spaziergang

Meinen ersten Melancholischen Spaziergang mache ich unter der Anleitung von K. Er führt mich die Avotu Iela hinauf bis zum Daugavas Stadion. Schon erstaunlich wie schnell sich die Stadt verändert. Wie nah scharfe Gegensätze beieinander liegen. Gerade war Riga noch diese bezirzende Glitzer-Metropole vollgestopft mit stylischen Edel-Boutiquen und fancy Coffee-Shops. Jetzt präsentiert sich die Stadt von einer weniger schmucken Seite. Häuser welken vor sich hin. Fassaden-Make-Up zerbröckelt und blättert auf die Straße. Die Schaufenster sind stumpf und leer. Coffee ToGo gibts hier bestimmt an keiner Ecke.

Überall hat sich der Verfall eingenistet. Anders als im Zentrum wurden hier nach der Singenden Revolution keine Millionen ausgegossen. Das Stadtviertel entlang der Avotu Iela ist ein proletarischer Stadtbezirk. In den Hinterhöfen verlassene Werkstätten und kleine Fabriken. Irgendwo am Ende der Straße wurden die ersten Autos des Zarenreichs montiert.

Die Spuren der ehemaligen Industrien sind lang verweht. Geblieben sind die Arbeiterhäuser aus Holz. Sie sehen aus wie große Eisenbahnwagons. Ein langer Flur. Daran die Wohnungen wie Zugabteile. Ein Zimmer für die ganze Familie. Eine Küche, die auch als Vorraum dient. Toiletten auf dem Hof. Aus so einem Design lässt sich kein modernes, herrschaftliches Wohnen zaubern. Also häufig Leerstand. Soll es doch der berühmte Zahn der Zeit richten.

Schicke Luxus-Schlitten made in Germany. Verblichene Fassaden. Rätselhafte Kontraste in Pardaugava

Die Holzhäuser in Pardaugava

Am nächsten Tag mache ich meinen ersten Melancholischen Spaziergang auf eigene Faust. Mein Ziel ist Pardaugava. Ein Stadtteil an dem anderen, dem westlichen Ufer der Daugava. Gewaltige 500 Meter breit ist der Fluss in Riga, ganz nah an seiner Mündung in die Ostsee.  Der Ausflug nach Pardaugava ist tatsächlich eine Reise in eine andere, mir scheint es, eine fast vergessene Welt.

Diese Weltreise beginnt schon in der rumpeligen Straßenbahn. Erst flitzt die Bahn mit der Nummer 4 ganz zügig von der Haltestelle vor der Oper Richtung Daugava. Dann bibbert sie langsam im alten, von Wackersteinen gefassten Gleisbett nach Westen. Ich steige aus und stehe urplötzlich mitten in einer dörflichen Welt. Schmale Straßen. Nur mit Lehm befestigte Wege, Lattenzäune und Gärten. Besonders verträumt sind die Templa und die Tirgus Iela. Aber genau so wie rund um die Avotu Iela sieht Pardaugava für mich ärmlich und abgehängt aus. Doch vor einigen ehemals prächtigen, jetzt schründigen Vorstadt-Villen aus Holz parken fette, blankpolierte Luxus-Schlitten made in Germany.

Wenn ich es richtig verstehe, was mir ein netter Herr in etwas brüchigem Englisch erklärt, dann ist Pardaugava als ein Markflecken entstanden. Bauern aus dem Umland brachten ihre Waren bis an die Grenzen der Stadt. Ein kleiner Ort beginnt zu wachsen. Natürlich werden Holzhäuser gebaut. Dann Ende des 19. Jahrhunderts kommt das erste Haus aus Stein. Die Post und das Polizeirevier. Das zweite Steinhaus vor Ort ist ein Hotel für Marktbesucher.

Von der traurigen Bruchbude bis zum verquasten Märchenschloss. Stimmungen in Pardaugava

Irgendwie unentschlossen ist Pardaugava weiter gewuchert. Die Gärten der Holzhäuser werden während des industriellen Aufschwungs um 1900 mit Mietskasernen zugeklotzt. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wuchtet die Sowjet-Architektur gewalttätige Monsterbauten aus Beton und Backstein nach Pardaugava. In der Nachwendezeit werden Märchenschlösser aus geschmeidigem Beton gegossen. Eine Privat-Uni wurde angesiedelt. Also sind auch Burger-Bräter gekommen. Am meisten Eindruck machen mir wieder die Holzhäuser. Auch hier schwebt die Holz-Architektur in diesem faszinierend, morbiden Zustand zwischen Welken und erwartetem Aufblühen.

Etwas weiter lässt sich im Kalnciems-Viertel erleben, was sich aus Holzhäusern alles machen lässt. Ein Markt, Kulturveranstaltungen, Restaurants. Aber das Kalnciems-Viertel ist ein Inselprojekt. Funktioniert genau hier. Lässt sich darum an anderer Stelle in Riga nicht wiederholen.

Melancholische Moderne auf der Insel Zaķusala

Der Fernsehturm von Riga

Mit meinem nächsten Melancholischen Spaziergang, dem letzten auf diesem Kurztrip nach Riga, erfülle ich mir einen Traum. Seit meinem ersten Riga Aufenthalt will ich den Fernsehturm von Nahem sehen. Hat nie geklappt. Aber jetzt an meinem letzten Tag in Riga nehme ich den Bus und fahre auf die Insel Zaķusala. Dort schwingt sich der Fernsehturm wie ein gigantisches, sehr elegantes Gras in den Himmel hinauf.

Viel mehr als den Fernsehturm, das Sendezentrum und eine breite Straße gibt es auf Zaķusala nicht. Bis in die 70er Jahre lebten Fischer auf der Insel. Dann musste diese beschauliche Welt dem Fortschritt und dem Television weichen. Der Film Ābols Upē erzählt von dem Leben der Menschen auf der Insel und zeigt natürlich auch die Holzhäuser, die hier standen.

Das Fernsehen in Lettland kommt heute meist über Kabel. Mobilfunk und Polizei nutzen den Fernsehturm noch für ihre Zwecke. Langsam nehmen Birkenwälder die Insel wieder in Besitz. Schade, hier wird der Plastikmüll von Open-Air-Parties und Pic-Nics auf einer wilden Müllkippe zusammengeschoben. In den Zweigen kreischen die Spatzen. Ein Krähe hüpft an der Straße entlang. Wie schön. Auf Wiedersehen Melancholie. Es ist Zeit, zum Flughafen zu hetzten. Trotzdem #melancholicwalks werde ich auf jeden Fall noch viele machen.

Mein Weg zum Flughafen

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