Neuseeland_023

Mein blaues Neuseeland-Wunder

Kristallklare Gletscherseen. Erhabene Alpenlandschaften. Fantastische Baumriesen. Das ist Neuseeland. Natur pur! So fantasiere ich mir Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke zusammen. Aber dann ist mein erster Eindruck ziemlich anders. Reise-Träume und Realität klaffen krass auseinander. Was ist passiert?

Am Montag treffe ich meine Freundin Insa beim Italiener. Business Lunch. Insa macht meine Steuer. Ganz toll! Aber dann reden wir nicht über die Finanzen. Sondern über Neuseeland. Insa ist Neuseeland Spezialistin! Sie war schon viele Male dort. Ich bin seit Sonntag von einer Neuseeland-Reise zurück.

Insa schwärmt von den tollen Landschaften, von der Natur, den netten Menschen und dem guten Essen. “Wir haben jeden Tag gegrillt. Diese leckeren Ribeye Steaks aus dem Supermarkt. Für nur 4 Dollar. Mit ein bisschen Salat. Herrlich!” Ich höre Insa’s Erzählungen ganz fasziniert zu. “Wie hat Dir denn Neuseeland gefallen?“ Fragt sie mich plötzlich.

Mist, Insa hat mich auf dem falschen Fuss erwischt. Was für eine schwierige Frage! Denn meine Antwort ist nicht ganz unkompliziert. Leider!

Details von bunten Werbetafeln aus Kawakawa in Neuseeland.

Ganz besonders faszinieren mich in Neuseeland die kleinen Landstädte. Meistens ziemlich bunt …

Ich freu mich wie blöd!

Ich bin mit den höchsten Erwartungen nach Neuseeland gefahren. Alle, denen ich von meinen Reiseplänen erzählte, haben geschwärmt und mich beglückwünscht. Und ich? Ich bin mit gemischten Gefühlen wieder nach Hause gekommen. Warum bloß?

Um eine Antwort zu finden, habe ich hier im Blog Kirstens schöne Neuseeland-Texte noch einmal gelesen. Kirsten ist der größte Neuseeland-Fan, den ich kenne. Während einer längeren Auszeit, hat sie die Inseln am andere Ende der Welt als “quality solitude“, als traumschöne Einsamkeit erlebt. Auf ihren Weg von Nord nach Süd, von Cape Reinga bis nach Stewart Island, ist sie wenig ausgetretenen Pfaden gefolgt. Aber auch in ihren Posts verzweigen sich ihre Neuseeland-Erlebnisse in vielfältige Facetten zwischen stiller Begeisterung, verwirrtem Fremdeln und erhabener Melancholie.

Also was ist dran am Traum-Reiseziel Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke? Ich mach hier mal einen ganz persönlichen Reality-Check …

Wand aus Kunststeinen.

… aber nicht überall. In Taupo habe ich diese melancholische Wand entdeckt …

Mein Neuseeland-Traum zerplatzt

Ich erwartete in Neuseeland 100% Natur. Ganz naiv. Wie aus dem Reisekatalog. Meine erste Idee Neuseelands ist geprägt von den überwältigenden Landschaften, in denen Peter Jackson das Herr der Ringe Spektakel filmte. Sanfte Hügel, auf denen saftig grüne Wiesen wogen. Fantastische Wasserfälle, über die kristallklares Wasser rauscht. Erhabene Bergmassive, mit schneebedeckten Gipfeln, bizarren Felsformationen und unbegrenzten Hochebenen. Großartig! Von diesen Naturwundern will ich mich gerne in ihren Bann ziehen lassen.

Aber dann kommt es ganz anders. Egal in welche Richtung ich losfahre, sehe ich erstmal eine Landschaft, die meinen fantastischen Erwartungen so ganz und gar nicht entspricht. Unendliches Weideland! So weit das Augen reicht. Nur Weideland. Ich bin überrascht und schockiert. Total traurig, diese monotone Zurichtung von Landschaft für den Gebrauch durch Menschen.

Das lässt sich natürlich auch in Europa, Asien und Amerika betrachten. Halt überall, wo Menschen wimmeln. Doch in Neuseeland lief der Prozess der gewaltsamen Umwandlung einer Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft wie im Zeitraffer innerhalb der letzten 150 Jahre ab. In Europa zog sich die Aneignung der Naturräume durch die Menschen immerhin über Jahrtausende hin.

Zusätzlich wurde die landschaftliche Verödung Neuseelands mit den Werkzeugen der Industrialisierung erstaunlich effizient betrieben. Stahl, Gewehre und Keime waren die Agenten, die die europäischen Siedler des 19. Jahrhunderts effektiv bei der Inbesitznahme Neuseelands unterstützten.

Urwälder wurden großflächig mit Dampfmaschinen gerodet, um Bauholz und Weideland zu gewinnen. Bauholz für die schnell wachsenden Städte Auckland und Wellington, in die immer mehr Zuwanderer aus Europa strömten. Weideland für die noch schneller wachsende Anzahl an Schafen und Kühen. Im Kauri Museum in Matakohe wird diese Verwandlung Neuseelands in eine gigantische Milch- und Fleischfabrik eindrücklich vorgeführt.

Straßendorf in Neuseeland

Die Ortschaften auf dem Land sind Straßendörfer. Praktische Versorgungszentren mit Bank, Shops und Cafés …

Die Milchfabrik Neuseeland haut mich um

Heute grasen über 10 Millionen Kühe und 30 Millionen Schafe auf 40% der Landesfläche Neuseelands. Das ist eine Fläche ungefähr so groß wie die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen zusammen.

Überall Stacheldraht und sanfte, abgegraste und zugeschissene Hügel. Ganz ehrlich diese Landschaft ist ziemlich eintönig. Dafür sehr ertragreich. Heute bewirtschaften vor allem riesige Agrar-Konzerne diese Weidelandschaft. Der Bauer in Neuseeland trägt Business-Outfit und nur selten Gummistiefel. Bauernhöfe gibt es wenige. Die Landbevölkerung zieht in die Stadt. Die Landschaft wird noch öder.

Neuseeland ist einer der größten Fleisch- und Milchproduzenten weltweit. Und dabei so erfolgreich, dass in den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union der Milchsektor ausgespart werden soll. So sehr fürchtet man in Brüssel, dass billige Milch aus Neuseeland die sowieso schon zu niedrigen Milchpreise in Europa noch weiter drücken könnte.

So richtig glauben kann ich das mit der Billig-Milch zuerst nicht, denn Käse, Milch und Yoghurt sind in Neuseeland viel teurer als im deutschen Supermarkt. Fleisch ist im Supermarkt allerdings erstaunlich preiswert. Da hat Insa recht.

Später erfahre ich, wie sich die hohen Milchpreise erklären. Die neuseeländische Regierung zahlt den Milchbauern keine Subventionen. Ist das nicht bemerkenswert? Um wirtschaftlich zu überleben haben sich 10.500 Milcherzeuger zu einem global agierenden Vermarktungs-Monopol Fonterra zusammengeschlossen. Dessen Strategie: Milch günstig exportieren und in Neuseeland teuer vermarkten. Auch das ein Erfolg. Mehr als 17 Milliarden Neuseeland Dollar Umsatz in 2016. Diese international ausgerichtete Unternehmens-Strategie hat auch Schattenseiten. 2008 war Fonterra direkt in den Skandal um mit Melamin vergiftetes Milchpulver in China verwickelt.

Landwirtschaft macht nicht reich. Auch wenn die Bauern so erfolgreich agieren wie in Neuseeland …

Immer das gleiche Spiel: Ökonomie versus Ökologie

Auf der Unternehmens-Website wirbt Fonterra damit, für über 25% aller Exporte aus Neuseeland verantwortlich zu sein. Eine irre Zahl! Also ist der Einfluss der Agrar-Lobby auf die Landschaft und die Naturräume enorm.

Das wird in Neuseeland ziemlich kontrovers diskutiert. Fast niemand findet es gut, dass die Rinderzucht Flüsse und Seen extrem mit Schadstoffen belastet. Wer möchte schon in biologisch verseuchten Gewässern baden gehen? Und wohin mit all dem klimaschädlichen Methan? 50% der Treibhausgase in Neuseeland werden von den Abermillionen Wiederkäuern Schaf und Kuh in die Atmosphäre gefurzt.

Immerhin ein Leben draußen auf der Weide. Sieht so nicht das Leben glücklicher Kühe und Schafe aus? Pustekuchen, kritisiert scheinheilig die deutsche Milch-Lobby. Zwar sieht die Milcherzeugung auf der grünen Wiese tierfreundlich aus. Ist sie aber gar nicht. Die Kühe produzierten Milch in einem Zustand der “controlled starvation“, des kontrollierten Hungerns. Denn Gras alleine reicht nicht aus, diesen riesigen Milchsee zu produzieren.

Tourismus gewinnt für Neuseelands Wirtschaft immer mehr an Bedeutung. Mit dem Claim 100% Pure New Zealand wird die Destination Neuseeland weltweit als Naturparadies super erfolgreich vermarktet. Für viele Neuseeländer sogar zu erfolgreich. Der Tourismus profitiert besonders vom sauberen Image Neuseelands aus 100% Natur. Kein dunkler Schatten soll dieses unberührte Sehnsuchtsbild beflecken.

Tatsächlich scheint 100% Natur in diese industrielle Agrar-Landschaft immer noch sehr großzügig hineingetupft. Aber ist das wirklich 100% Natur, was mir in Neuseeland am Straßenrand begegnet? Auch auf diese Frage weiß ich keine Antwort. Deswegen breche ich jetzt zu einer kleiner Gedankenreise auf. Und melde mich bald zurück. Hoffentlich mit einer guten Antwort.

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