Putzfrauenblick_003

Putzfrauenblick, deutscher

Die Welt ist aus den Fugen. Unübersichtlich, unordentlich und chaotisch. Gerade auf Reisen – fern der Heimat – rückt die schreckliche Unordnung der Welt bedrohlich nah. Wie können wir uns dagegen wehren? Eine Strategie ist der Putzfrauenblick. Von oben herab auf’s Reiseland.

Putzfrauenblick (deutscher): Die Deutschen lieben es ihr Land, ihre Gesellschaft, überhaupt die ganze unordentliche, unübersichtliche weite Welt in niedlichen und harmlosen Metaphern zu ordnen und zu beschreiben. Gerne entlehnen sie diese dem Bereich der Familie und des Haushalts. Die Bundeskanzlerin etwa war erst ein Mädchen, dann reifte sie folgerichtig zur Frau und Mutti. Manche Beobachter des Bundestagswahlkampfs 2017 sehen sie schon als Omi. Sich selbst beschreibt die Bundeskanzlerin als schwäbische Hausfrau. Umsichtig und sparsam verteilt sie das Geld des Steuerzahlers, soll das wohl heißen. Menschen aus fremden Ländern besitzen in Deutschland ein Gastrecht. Solange sich diese anderen Menschen wie gute Gäste verhalten, profitieren sie zum Beispiel von der deutschen Willkommenskultur.

Dabei ist Gast sein in Deutschland gar nicht so einfach. Bei manchen Gastgebern heißt es: “Schuhe aus!” Bei anderen: “Bloß nicht, ist doch voll peinlich!“ Hier darf ich ganz frei und aufrecht pinkeln, dort nur verklemmt im Hocken. Manche Gastgeber schieben schützende Filz-Untersetzer unter das Glas; andere leben mit dem Schmutz und den Flecken, die ihre Gäste als unerwünschte Souvenirs hinterlassen. Wer soll da schon durchsteigen?

Sauber! Durchgelegene Gästebetten ordentlich gestapelt auf einer Müllhalde in Stromboli

Wer zahlt, bestimmt!

Wie legen Deutsche eigentlich das Gastrecht auf Reisen aus? Also in dem Moment, in dem sie sich dem Gastrecht des Reiselandes unterwerfen müssten? Folgen sie den geheimnisvollen Sitten und ehrwürdigen Gebräuchen des bereisten Landes? Kennen sie diese überhaupt? Ich fürchte …

Wer zahlt, bestimmt! So interpretieren viele Deutsche das Gastrecht auf ihren Reisen. Wir bringen das Geld, also strengt Euch mal ordentlich an. In der Hotelunterkunft oder im Restaurant möchte diese schlichte Gleichung eventuell eine gewisse Berechtigung haben können. Hängt allerdings davon ab, was man zahlt.

Vor den Hoteltüren also in der Stadt, auf der Straße, am Strand, an der Autobahnraststätte sieht es ganz anders aus. Hier ist es nicht das schöne Geld, mit dem Deutsche das Reiseland dominieren. Hier ist es die Perspektive. Von oben herab. Der deutsche Putzfrauenblick.

Von oben herab – der Putzfrauenblick

Wie äußert der sich? Manchmal verzweifelt, manchmal begeistert: “Ist ja ganz schön hier. Aber der Dreck am Straßenrand.“ oder “In diesem Schmutz könnte ich nicht leben.“ oder “Müssen die das hier wirklich so zu müllen? Haben die keine Müllabfuhr?“ oder “Oh, hier können wir bleiben, hier ist es ja richtig sauber!“ oder “Wissen die nicht, wie wichtig Umweltschutz ist?“

Der deutsche Putzfrauenblick ist übrigens nicht geschlechtsspezifisch. Auch deutsche Männer verreisen mit dem eingebauten Dirtydar. Kein Staubkorn, kein Haar in der Suppe, keine Zigarettenkippe entkommt ihrer Schmutzkontrolle. The German Dirtydar – is it a feature or is it a bug?

Aber was heißt es eigentlich, wenn der allgegenwärtige Müll und der Schmutz die Wahrnehmung des Reisenden vernebelt? Ist der deutsche Putzfrauenblick eine verniedlichte Form der Idee: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Hält sich der Reisende mithilfe des Ekels vor Abfall und Schmutz die sozialen und kulturellen Realitäten des Reiselands einfach vom Hals?

Oder mutiert das Reiseland unter dem ungnädigen Putzfrauenblick in das schmuddelige Kinderzimmer der widerspenstigen Kleinen, denen die umsichtige Mutti mal zeigt wo der Hammer hängt? Saubermachen sonst Stubenhocken!

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