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„Lütt Matten“: Slow Travel am Stettiner Haff

Den Blick schweifen lassen, Ruhe und Natur pur, dazu würzige Seeluft. Davon träumen nicht nur lärm- und abgasgeplagte Berliner. Aber noch mehr (Fern)Reisen in Zeiten eines nahezu entfesselten Tourismus? Wir fahren suutsche nach Ueckermünde und entdecken in Altwarp „Lütt Matten“.

Lütt Matten? Ist das nicht dieses legendäre Kinderbuch von Benno Pludra, das in den 1960ern sogar verfilmt wurde? Lütt Matten und die weiße Muschel oder so? Ja, und nein. So flott ist die Geschichte nicht erzählt. Doch bevor wir in die so mir nix, dir nix rein hüpfen, müssen wir erstmal den Ort des Geschehens erreichen. Heute mal gaaanz suutsche. Die Geschichte spielt in der nordöstlichsten Ecke Deutschlands. Genauer, zwischen Ueckermünde und Altwarp. Am Stettiner Haff.

suutsche: Plattdeutscher Ausdruck für: langsam, vorsichtig, behutsam..

Am Stettiner Haff wimmelt es vor schmucken Booten. Auch maritimer Gartenschmuck geht immer.

Um da hin zu kommen, nehmen wir einen Zug. Mit der Regionalbahn kommt man richtig gut nach Ueckermünde. Vorausgesetzt, man wechselt zwischendurch mal kurz die Spur. Das deutsche und das polnische Bahnnetz haben nämlich unterschiedlich breite Gleisspuren. In Ueckermünde angekommen, zieht es mich gleich ins Haffhus im Ueckermünder Ortsteil Bellin. Hier war ich das letzte Mal im Winter, und das war schon so schön. Gemütlich, kuschelig, und vor allem ganz unglaublich ruhig.

Auch jetzt ist es angenehm unaufgeregt. Dieser Tage genießen Anwohner und Urlauber die letzten Sommertage und freuen sich auf einen hoffentlich milden Herbst. Vom Balkon meines Zimmers aus schaue ich direkt auf den hauseigenen Strand vom Haffhus. Da wird tüchtig im Sand gebuddelt und der Blick übers Stettiner Haff bis nach Usedom genossen. Ich schnappe mir ein Fahrrad und radel erstmal zur Lagunenstadt Ueckermünde.

Ein paar mehr Leute waren schon da, nur scheint es mir unschicklich, diese ungebeten im Badekleid abzulichten. Sind ja alle zur Erholung da und nicht zum Fotoshooting :-)

Das Fahrrad parke ich in den Schatten und mich selbst in die Sonne. Die Leute bewegen sich so gemächlich, dass ich augenblicklich in den Urlaubsmodus komme. Ich habe an keinem einen Geschwindigkeitsmesser befestigt, auch das scheint mir unschicklich, aber das Tempo ist sicher halb so schnell wie in der hektischen Großstadt. Dafür sind die Gesichtsausdrücke um einiges entspannter. Bereits auf dem Radweg wurde ich freundlich gegrüßt.

Bemerkenswert? Vielleicht für Wahl-Berliner. Hier zumindest kein Wunder, finde ich. Am Meer zieht einem die stille Freude schneller die Mundwinkel hoch, als man gucken kann. Das klappt am Binnenmeer genaue so gut wie an Nord- oder Ostsee oder an jedem anderen Meer der Welt. Und immerhin ist das Stettiner Haff, auch Oderhaff oder Pommersches Haff genannt, in der Gesamtfläche gute 903 km² groß. Zum Vergleich: der Bodensee hat 536 km².

Wessen Mundwinkel etwas zäher sind, dem wird das Radfahren endgültig den Miesepeter austreiben.
Das Radfahren auf den gut ausgebauten, flachen Wegen macht auf jedem funktionstüchtigen Drahtesel schon so großen Spaß, dass ich, die ich nach längerer, unfallbedingter Pause im Berliner Stadtverkehr immer noch sehr verhalten agiere, hier endlich einmal wieder richtig frei in die Pedale trete.

Eines der reetgedeckten Häuser der Hotelanlage Haffhus im frühen Morgenlicht. Das Haffhus setzt regional Zeichen für nachhaltigen Tourismus. Das Haffhus wurde unlängst mit der höchsten Stufe des Nachhaltigkeitssiegels Greensign ausgezeichnet. Elektro-Autos finden auf dem Parkplatz eigene Ladestationen, ein Flachdach ziert eine Photovoltaikanlage und die Hackschnitzelheizung (Vorsicht, ist zwar Hack und Schnitzel drin, ist aber nix zu essen!) gibt es schon seit 2006.

Hier stehen sogar Langschläfer gerne mal früh auf. Gerade am frühen Morgen ist es an den Stränden des Stettiner Haffs, hier am Hausstrand vom Haffhus, wunderschön. Und sich mal für einen Moment die Schwachheit einbilden zu dürfen, das Spektakel des Sonnenaufgangs würde nur für einen persönlich aufgeführt, einfach grandios.

Am nächsten Morgen geht’s noch vorm Wachwerden mit dem Fahrrad an den Waldstrand von Bellin. Den Sonnenaufgang darf ich ganz allein genießen, ein erhabenes Gefühl. Die Strandstraße ist gesäumt von dem für diese Gegend so typischen Mix aus kastig-schmucklosen Bausünden, kleinen Datschen und schmucken Häusern, von denen viele mit Reet gedeckt sind und an denen man sich kaum sattsehen kann.

Im Ortsteil Bellin, auf dem Weg zum Waldstrand, eines von mehreren Häusern aus der Kategorie „Will haben!“.

Dieses Hobbit- äh, Holz-Haus scheint in einer Tolkien-Verfilmung mitgespielt zu haben. Oder träumt zumindest davon.

Mit einem Elektro-Rad, neudeutsch auch eBike genannt, sind die 14 Kilometer selbst bei Gegenwind ein Klacks. Wer im Haffhus übernachtet und kein eigenes eBike hat, kann sich zum Beispiel über die Rezeption von einem Tag auf den anderen eines vorbestellen. Die Route schaue ich auf dem Digitalen Gästetablet in der Lobby nochmal kurz nach. Das geht selbst für Ungeduldige wie mich, die am liebsten immer gleich losflitzen wollen, ganz einfach. Zwei Klicks, und fertig. Außerdem geht’s, ist man auf der Hauptstraße gleich richtig links abgebogen, eh immer nur Richtung Osten.

Auf der Suche nach Lütt Matten

Am nordöstlichsten Zipfel Deutschlands, in Altwarp, muss ich nochmal ein bisschen schauen, bis ich das Schild „Hafen“ entdecke. Ich bin überrascht von der Größe des Hafens. Und dann ein bisschen unruhig. Wo ist denn nun Lütt Matten? Hier soll er, es oder sie doch irgendwo sein… Zumindest hatte ich gehört, ich würde ihn hier treffen.

13,5 Meter stolzer Kutter, mit Bugsprit sind es sogar noch 3 Meter mehr. Stabile 4,30 Meter breit bei 1,75 Meter Tiefgang, macht die Lütt Matten locker 7-8,5 Knoten und balanciert auf ihrem Holzmast gute 85 m² Segelfläche. 1956 gebaut und als „Rüm Hart“ getauft in Friedrichskoog, später wegen Insolvenz an Kette gelegt in Büsum, verkauft nach Wilhelmshaven, ging es dann über Hamburg nach dem Verkauf an Martin Bocklage 2010 in die neue Heimat, nach Altwarp.

Da, endlich fährt sie ein. Die Lütt Matten. Ein Kutter mit einer besonderen Geschichte. Der mich, als ich ihn so einfahren sehe, spontan an meine Heimat Dithmarschen erinnert. Witzigerweise erfahre ich im Gespräch mit Martin und Christine, dass der Kutter, den sie vor nunmehr 7 Jahren einem Hamburger Investor abgekauft, mit viel Liebe fit gemacht und am 28. Mai 2011 feierlich umgetauft haben, seine ersten Jahre nach der Erbauung in den 1950ern in schleswig-holsteinischen und friesischen Nordseegewässern unterwegs war.

Warum nun „Lütt Matten“? „Rüm Hart“ ist ja ein friesischer Name. Für die beiden neuen Inhaber, die beide aus Mecklenburg Vorpommern kommen, war klar, dass sie ihrem Schiff auch einen eigenen Namen geben wollen. Die plattdeutsche Koseform von Martin ist „Matten“ und das oben bereits erwähnte Kinderbuch Lütt Matten und die weiße Muschel inspirierte sie zu diesem Namen. Getauft wurde es von der Mitinhaberin Christine höchstpersönlich, immerhin dem Sternzeichen nach eine Jungfrau, verrät die Mutter von zwei Kindern mir augenzwinkernd im persönlichen Gespräch.

Christine und Martin auf ihrem Kutter, der Lütt Matten im Hafen von Altwarp.

Die beiden Bocklages sind herzliche Gastgeber – und dabei durch und durch professionell. Immerhin haben sie auf dem Wasser immer ganz besondere Verantwortung für ihre Gäste. Skipper Martin ist ein Original, der seine Geschichten über das Haff, Altwarp und Neuwarp charmant und anekdotenreich erzählt und sich dabei super auf die so unterschiedlichen Fahrgäste und Gruppen einstellt. Man merkt, er ist souverän und entspannt in seinem Element und hat Spaß an dem, was er macht. Ich möchte am liebsten ein Tonband mitlaufen lassen und die Strecke nochmal später mit dem Finger aus der Seekarte ganz genau abfahren.

Souverän und entspannt. Der Mann kann Geschichten erzählen und kennt hier jede Boje und jeden Fisch. Skipper Martin, Inhaber der Lütt Matten, fährt und vertellt gleichzeitig watt vom Haff.

Seit ich nach Lars‘ begeistertem Artikel über eine Bootsfahrt durch Berlin über die Spree selbst bei den Spreesprechern angeheuert habe, schaue ich allen anderen Stadtbilderklärern, denen ich auf meinen Reisen begegne, noch viel intensiver bei ihrem faszinierenden Handwerk zu. Unlängst habe ich in dieser Hinsicht in der portugiesischen Grachtenstadt Aveiro was besonders Uriges erlebt, aber das ist eine andere Geschichte, die noch geschrieben werden will… Zurück zum Haff.

Durch das Haff verläuft seit 1945 die Staatsgrenze zwischen Polen und Deutschland. Der östlich der Staatsgrenze gelegene polnische Teil wird als Großes Haff, der westliche deutsche Teil als Kleines Haff bezeichnet. Auf der kurzen Fahrt zwischen den beiden Grenzorten, passieren wir auch die gelben Tonnen 9 und 10, zwischen denen die Wassergrenze genau verläuft. Ich erfahre unter anderem, dass Altwarp einmal der kleinste Fährhafen Europas mit dem größten PassaGIERaufkommen war.

Hier wollten nämlich in den 1990ern ungefähr alle zollfrei einkaufen. Mit dem Beitritt Polens zur EU fiel dieser Anreiz, das Zollfreigeschäft, dann weg. In Folge dessen gab auch die Fährgesellschaft Adler das Geschäft wieder auf. Die Gäste blieben. Und die, die kamen, wollten weiter übersetzen von Altwarp nach Nowe Warpno. Für einen Bummel in der kleinen polnischen Gemeinde, für ein bisschen Alltagsflucht und einfach ein bisschen Wasser-Flair. Dank der Lütt Matten können sie dies auch heute noch tun. Abgesehen von der frischen Luft und dem Vergnügen ist das Erlebnis in der Erinnerung dauerhafter als jeder Tand und mit Sicherheit gesünder als jede zollfrei gekaufte Kippe. In diesem Sinne, für die Sinne.

Service | Outro

Dieser Beitrag entstand mit der freundlichen Unterstützung vom Hotel & Ferienanlage Haffhus in Ueckermünde, Ortsteil Bellin.

Die Anreise durch die reizvolle Landschaft der Uckermark ist pittoresque. Vom Berliner Hauptbahnhof oder auch von Gesundbrunnen aus fährt der RE 3 bis Pasewalk, ab da geht’s mit dem RE 4 in insgesamt knapp zweieinhalb Stunden nach Ueckermünde Stadthafen.

Die Lütt Matten fährt laut Aussage ihrer bezaubernden Betreiber von O bis O, also von Ostern bis Oktober. Also habt ihr in der laufenden Saison noch Zeit für einen Wochentrip ins Erholungsparadies. Nach dem langen Feiertagswochenende Anfang Oktober bimmelt vorsichtshalber vor Anreise einmal durch. Und drückt die Daumen, dass der Oktober richtig golden wird. Kontaktdaten und alle Infos auf der Website vom schönsten Kutter in Altwarp.

Eine Bootsfahrt, die ist … Leben pur. Die Fahrten sind für alle, die Lust aufs Wasser haben und mal einen besonderen Tagesausflug am Übergang zweier Länder erleben möchten. Lebensbejahend drastisch ausgedrückt: Von der Taufe über Hochzeiten und Firmenausflüge bis zur allerletzten Fahrt, denn auch Seebestattungen finden auf der Lütt Matten statt. Ich finde das sehr gut zu wissen, der Kutter namens Sueno, der das in Büsum lange Zeit angeboten hat, ist mittlerweile nämlich zu meinem Bedauern selber auf dem (Kutter)Friedhof. Lang lebe das Leben, lang die Lütt Matten!

Lütt Matten gibt’s natürlich auch in Dithmarschen. Der Heimatdichter Klaus Groth (geb. 1819 in Heide, gest. 1899 in Kiel) schrieb u.a. dieses Lied:

Lütt Matten, de Has
Lütt matten, de Has´,
de maak sick een Spaß
he weer bi´t Studeern
dat Danzen to lehrn
un danz ganz alleen
op de achtersten Been

Keem Reinke de Voss
un dach: dat´s een Kost!
Un seggt:“Lüttje Matten,
so flink op de Padden?
Un danzst hier alleen
op dien achterste Been?

Kumm laat uns tosam!
Ik kann as de Daam!
De Kreih, de speelt Fidel,
denn geiht dat kandidel,
denn geiht dat man scheun
op de achtersten Been!

Lütt Matten geev Poot,
de Voss beet em dood.
Un sett sick in´n Schatten,
verspies de lütt Matten.
De Kreih, de kreeg een
vun de achtersten Been

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