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Barfuß in Beelitz: Kurzurlaub für die Füße

Wo kann man außerhalb der eigenen Wohnung gefahrlos barfuß gehen? In den Städten hasten wir achtlos und dauerbeschuht durch zerbrochene Bierflaschen und andere „Tretminen“. Warum es gut tut, mal wieder barfuß in der Natur zu laufen? Wir lüften das Geheimnis.

Schuhe aus, Alltag raus | Barfuß in Beelitz

Ich gestehe: Ich liebe Barfußlaufen. Fest und leicht zugleich mit den Füßen auf dem Boden stehen. Ohne dass Plastik oder andere, nicht leitfähige Materialien zwischen mir und dem Grund stehen. Meine ersten Lauflern-Schritte machte ich einst im Wattenmeer vor Dithmarschen. Das fällt mir neulich wieder ein, als ich im Barfußpark Beelitz mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch Torf, Lehm und anderes nasses Gemisch spaziere. Das schmatzende Geräusch des weichen Bodens erinnert mich an den Schlick meiner alten Heimat. Die würzige Luft im Beelitzer Mischwald auf dem Gelände der ehemaligen Heilstätten macht den Kopf auf, die Bäume spenden Schatten, ich fühle mich geborgen. Und frei.

Damals atmeten Tuberkulosekranke hier ihre Lungenschwäche weg, heute lassen müde Großstädter und andere Neuzeitgeplagte hier ihre diffuse Hauptgeißel hinter sich, den Stress

Welch ein Geschenk, dass es im Umland von Berlin, in Beelitz-Heilstätten, seit diesem Juni einen Ort gibt, an dem ich dieser Leidenschaft ungebremst frönen kann. Insgesamt 3,1 Kilometer Barfußrouten mit über 60 verschiedenen Naturerlebnis-Stationen. Der neue Barfußpark, der sich insgesamt auf 15 Hektar Fläche ausbreitet, ist damit der größte im Land Brandenburg. Das heute denkmalgeschützte Krankenhaus-Ensemble wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Arbeiter-Lungenheilanstalt konzipiert, um die Krankheit der damaligen Zeit zu heilen: die Tuberkulose. Heute kann man hier auch mit schmalem Portemonnaie, tagsüber oder nach Feierabend Ausflugsgelüste stillen und dabei der Krankheit der heutigen Zeit entgegen wirken: dem Stress.

Diskokugel mal anders. Auf der blauen Route setzen spiegelnde Lichtreflektionen tolle Effekte.

Baumwipfel im Baumspiegel. Geborgen inmitten von Baumkronen, die so gleichzeitig unter uns und über uns sind.

In unseren modernen Städten herrscht die Meinung vor, öffentliches Barfußlaufen sei nur etwas für Exoten. Was sicher richtig ist: Wo Kaugummis, Hundekot und zerbrochene Bierflaschen die Wege säumen und motorisierte Gefährte dominieren, lässt sich nicht entspannt ausschreiten. Von entschleunigtem und bewusstem Gehen mal ganz angesehen. Meist hasten wir durch (bar)fußfeindliches Gebiet. Je stabiler die Schuhsohlen, umso besser. Wenn wir überhaupt per Pedes unterwegs sind. Auch barfuß aufs Fahrrad steigert die Verletzungsgefahr mehr als den Spaß. Und ist, ich habs mal ausprobiert, im Stadtverkehr wahrlich nicht zu empfehlen. Mit nackten Füßen auf Gaspedal und Kupplung rumzudrücken, ist laut Verkehrsrecht zwar nicht verboten, wird aber auch nicht empfohlen.

Unterwegs im Barfußpark in Beelitz

Zurück nach Beelitz, genauer, auf das Gelände der Beelitzer Heilstätten.  Wie der Name Barfußpark vermuten lässt, spielen die Füße hier die Hauptrolle. Am Eingang des 15 Hektar großen Areals, das von insgesamt 3 Barfußpfaden à 1 Kilometer Länge durchzogen ist, geben Besucher erst ihre Schuhe ab, und dann ihr Alltagsempfinden. Mehr als 60 Erlebnisstationen schärfen die Sinne, verbessern das Wohlbefinden und bügeln die alltagsgeplagte Stirn. Beiläufig sind auch immer wieder Stationen eingebaut, in denen ich mehr erfahre über die heimische Flora und Fauna von Ameise bis Zunderschwamm.

Nach dem Eingangsbereich sieht man gleich links Schließfächer. Hier kann man seine Schuhe verstauen, gleich neben der Fuß-Waschstraße, wo man nach dem Besuch auf halb durchgesägten Baumstämmen Platz nimmt und sich mit roten Bürsten die gut durchbluteten Füße wieder blitzeblank schrubbt. Hinter diesem Bereich öffnet sich das Café, in dem Arek und Regina hungrigen Gästen leckere Kleinigkeiten und tollen Kaffee servieren. Gleich links davon befindet sich der Startpunkt der roten Route. Diese bildet den Einstieg ins Naturerleben, hier befinden sich die meisten verschiedenen Untergründe zum Erspüren und die Füße kommen so richtig in Stimmung.

Hier kann man sich nach Herzenslust schmutzig machen. Oder wie das Online-Stadtmagazin „MitVergnügen“ neulich so schön schrieb: „rumdreckeln“. (c) _ja

Wer alle Routen erkunden möchte, bringt am besten mindestens 3 Stunden mit, also knapp eine Stunde pro Route. Auf der blauen Route werden mit Balancierscheiben, Waldwippe, Balancierklötzen und Balancetreppe u.a. unsere Geschicklichkeit und unser Gleichgewichtssinn angesprochen, auf der gelben Route wird es mit Xylophon und Sandpendel sinnlich und musikalisch. Alle Wege sind mit gelagertem Rindenmulch ausgelegt, das federt so herrlich beim Gehen.

Am Schnittpunkt der drei Routen befindet sich das Drachenzelt, das als Gruppensammelpunkt fungiert und so bei Events Stockbrot und andere Leckereien gegrillt werden.

Sich Erden im Laufen

Unser Leben war nicht immer so barfußfeindlich. Früher war Barfußlaufen ganz normal. Oder wir schützten unsere Füße mithilfe von Ledersohlen (die Vorläufer der Sandale) vor pieksigen Untergründen. Zwar schützten die Ledersohlen nicht vor nassen Füßen, aber sie hatten gesundheitlich betrachtet einen anderen Vorteil. Im Gegensatz zu Plastik und anderen wasserdichten Materialien ist das Naturmaterial leitfähig.

Auf dem Damen-WC des Barfußparks Beelitz stieß ich auf einen interessante Information, die die Frau des Inhabers Thomas Müller-Braun, Claudia Stolzenwald, dort platziert hat: Es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass Earthing oder Grounding, wie das Phänomen des Barfußlaufens in der Natur auch genannt wird, diesen Alterungsprozessen entgegen wirkt. Warum ich im Zusammenhang damit auf die Leitfähigkeit zu sprechen komme?

Unsere Lebenserwartung ist im Laufe des letzten Jahrhunderts immer weiter gestiegen, gleichzeitig nehmen Zivilisationskrankheiten und vorzeitige Zell-Alterungsprozesse immer weiter zu. Viele davon hängen mit dem vermehrten Vorhandensein von „Freien Radikalen“ zusammen, für die wir in unserer modernen Gesellschaft kein Ventil haben. Zellen, die, salopp gesagt, aufgrund ungeregelter Stoffwechselprozesse, welche durch Stress, schlechte Luft und unausgewogene Ernährung begünstigt werden, durchdrehen. Um nicht zu sagen „frei drehen“. Die Erde ist voller freier negativ geladener Elektronen. Das ist vergleichbar mit dem Minus-Pol einer Batterie.

Fußmassage galore auf Steinbett. Mit solch kleinen haptischen Reizungen beginnt der Fußurlaub in Beelitz. (c)_ja

Hat man nun einen direkten und vor allem elektrisch leitfähigen Kontakt zur Erde, kann der Körper die so heilsamen freien Elektronen der Erde aufnehmen. Das bedeutet schlicht, dass die Erde für uns die Lösung gegen freie Radikale bereithält. Sie versorgt unsere Körper beim Barfußlaufen mit einer Vielzahl an ungebundenen Elektronen. Die freien Radikale können sich nun an diesen Elektronen bedienen ohne unsere Zellen zu beschädigen und werden dadurch neutralisiert, also unschädlich gemacht. Und wenn ich das regelmäßig mache, freut sich mein ganzer Organismus. Tata! Nicht mehr und nicht weniger ist Earthing. Dass durch die Stimulation der verschiedenen Untergründe generell die Durchblutung angeregt wird und wir in der Natur mehr Sauerstoff aufnehmen, kommt natürlich noch dazu.

Sogar auf dem WC des Barfußparks gibt es was zu lernen. Gerade im Angebot: Earthing oder Grounding.

Hmmm, Matsch, von einigen Gästen auch liebevoll Modderpampe genannt. (c) _ja

Fußwellness | Kneippsche Lehre

Immer wieder werde ich gefragt, wieso einem schon nach einer halben Stunde auf den Barfußpfaden ein großes Grinsen ins Gesicht geschrieben ist. Klar, draußen spielen macht einfach Spaß und barfuß laufen tut einfach gut. Vielleicht ist es so einfach. Nur, warum waten wir zu Beginn des Pfades durch ein Becken mit kaltem Wasser? Und was hat es mit dem Armbecken auf sich, wo ich eingeladen werde, meinen Unterarm in ein Steinbecken voll kaltem Wasser zu tauchen? Gleich am Anfang des ersten Parcours begegnet mir der Name Kneipp.

Zu diesem Herren finde ich im Internet eine ganze Menge. Sebastian hieß er, wurde 1821 in Stephansried, Ottobeuren geboren und wurde bekannt durch sein Motto: Natur ist die beste Apotheke. Aus der Lehre, die auf den fünf Elementen Wasser – Pflanzen – Bewegung – Innere Balance – Ernährung aufbaut, ist ein ganzes System entstanden. Im Barfußpark finden wir diese Element nicht nur durch (kaltes) Wasser integriert, das den Stoffwechsel und Kreislauf anregen, Herzmuskel stärkt. Wir bewegen uns in der Natur, wir sind mit Bäumen in Kontakt, im Kräutergarten auch mit anderen Heil- und Nutzpflanzen. Mit Riechen, tasten, hören, schauen, werden alle Sinne stimuliert.

Jetzt, in der Urlaubszeit höre ich auf dem Geländer der Heilstätten sämtliche Mundartfärbungen der deutschen Sprache. Fange englische, polnische und tschechische Sprachfetzen auf und fühle mich in den positiven Auswirkungen des Barfuß-Effekts wortlos verbunden. Ich komme her, so oft ich kann. Denn während meiner Runden im Park begegne ich so vielen fröhlichen und entspannten Menschen, wie sonst in keiner anderen Umgebung. Und erlebe den Barfuß-Effekt als eine äußerst effektive und einfache Methode uns mit der Natur zu verbinden.

Im Barfußpark Beelitz kann man sogar gefahrlos über Glas laufen. Wie es sich anfühlt? Probiert es doch einmal selber aus! Noch ein Tipp: Mückenspray mitnehmen! (c) _ja

Service und Infos

Fotos im Beitrag: Kirsten Kohlhaw; Judith André, Designerei.BERLIN (_ja)

Dieser Beitrag wurde gefördert vom Barfußpark Beelitz. Straße nach Fichtenwalde 13, 14547 Beelitz Geöffnet von Mai bis Ende September – bei mildem Herbst auch bis in den Oktober hinein, bei mildem Frühling auch ab April… Aktuelle Infos stets auf der Facebook-Seite.  Öffnungszeiten: Montag – Freitag 10-18 Uhr, Samstag und Sonntag 10-19 Uhr. 

Wer mehr Zeit mitbringt und sich den ganzen Spaß einmal von oben anschauen möchte, sollte unbedingt auch den benachbarten Baumkronenpfad erkunden. Dieser entfaltet besonders im Herbst ein bunten Zauber, dann leuchtet der Mischwald in allen erdenklichen Grün- und Rotschattierungen. Alle Infos unter Baum & Zeit.

Titelfoto: (c) Karsten Eichhorn, Fotograf dasauge, für den Barfußpark Beelitz.

Fun fact: Karsten Eichhorn hat unter anderem auch für den Barfußpark Egestorf fotografiert, dessen Inhaber Jan Peters gemeinsam mit Thomas Müller-Braun in den neuen Beelitzer Barfußpark investiert hat. Wer noch weiter stöbern möchte, mehr Berichte über den Beelitzer Park findet ihr hier.

Dieses Insektenhotel ist kurioserweise ein Gruß aus meiner Dithmarscher Heimat. Es stammt aus einer Meldorfer Werkstatt der Stiftung Mensch.

Barfußpark Beelitz: Blick auf die Chirurgie der historischen Beelitz-Heilstätten

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